Prostitution
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Westliche Konzepte von Prostitution in Afrika


19.2.2013
Das Wort Prostitution bezieht sich nicht nur auf den Austausch von Sex gegen Geld oder Güter, sondern weist vor allem auf ein menschliches Verhalten hin, welches aufgrund von Sexualpraktiken als soziale Abweichung definiert und stigmatisiert wird. Dieses Verständnis von Prostitution ergab sich aus spezifischen historischen Prozessen in der westlichen Welt, vor allem aus der dialektischen Konstruktion einer "legitimen" und einer "illegitimen" Sexualität. Hierbei stellen nur die Ehe oder später auch die partnerschaftliche Beziehung den Ort dar, an dem Sexualität gestattet ist. Die Gültigkeit dieses Verständnisses von Prostitution als "illegitimer" Sexualität dauert noch bis heute an und trotz seiner Entstehung im Westen prägte es auch die Perspektiven, Analysen und Interpretationen über Prostitution in nichtwestlichen Kontexten. Wie wurde dieses Verständnis von Prostitution im Westen konstruiert? Welche Bilder und Bewertungen von Prostitution beziehungsweise Prostituierten wurden dadurch in Bezug auf die Prostituierte bis in die Gegenwart legitimiert? Wie beeinflusst dieses Verständnis von Prostitution die Interpretation des Austauschs von Sex gegen Geld oder Güter in nicht westlichen Kontexten, wie beispielsweise in Afrika?

"Gutes" und "böses" Mädchen



Das heutige Verständnis von Prostitution entwickelte sich im 19. Jahrhundert, insbesondere mit der Einführung der Werte des Bürgertums in den westlichen Gesellschaften.[1] Diese Werte begründeten ein neues bürgerliches Leitbild der Frau. Dieses bezog sich einerseits auf ihre Rolle als Ehefrau, Mutter und jungfräuliche Tochter und stützte sich andererseits auf die Ablehnung und soziale Verweigerung anderer Frauenbilder. Die Zustimmung und Idealisierung spezifischer Aufgaben der Frau implizierte auch die Zurückweisung der Prostituierten.

Dieser historische Prozess muss im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Sichtweise der Moderne in Bezug auf das Verhältnis von Familie, Frau und Sexualität betrachtet werden. Ein Charakteristikum der bürgerlichen Familie war die Erfindung eines gesellschaftlich anerkannten Raums der Sexualität. Das heißt, dass es "im gesellschaftlichen Raum sowie im Innersten jeden Hauses nur einen Ort gab, an dem Sexualität – sofern sie nützlich und fruchtbar war – zugelassen wurde: das elterliche Schlafzimmer".[2] Die Begrenzung der Sexualität auf diesen Ort stützte sich auf die Auffassung, dass das Sexualleben der bürgerlichen Frau nur im Verhältnis zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter akzeptiert und legitimiert wurde. Diese Sexualität galt als "gut" und "normal", andere Sexualpraktiken hingegen als abweichend, unmoralisch und anormal. Folglich mussten sie verfolgt und sanktioniert werden. Prostituierte wurden somit von der bürgerlichen Gesellschaft ausgegrenzt.[3] Diese Ausgrenzung besteht in der bürgerlichen Gesellschaft im westlichen Kulturkreis zum Teil bis heute. Diese Position charakterisierte sich in der Unterscheidung der Frau in der Moderne in "gutes und böses Mädchen", welche der dialektischen Konstruktion von Sexualität in "legitime" und "illegitime" entspricht.

Das Sexualverhalten und die Sexualbeziehungen von Prostituierten wurden als soziale Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung angesehen. Ab dem 19. Jahrhundert galt die Kontrolle und Reglementierung der Sexualität seitens des Staates im Allgemeinen als notwendig. Durch die Betrachtung der Prostituierten als Gefahr und ihre Kriminalisierung entstanden verschiedene Kontrollmechanismen. So überwachte die Polizei die Zonen, in denen sich Prostituierte aufhielten. Allerdings wurde eher versucht, die Prostitution durch Verwaltungsmaßnahmen zu reglementieren, als diese auszumerzen.[4]

Die Idee der Kontrolle der Prostituierten wurde stark von der öffentlichen Debatte über Gesundheit und Hygiene geprägt, da die Prostituierten als Infektionsherd von Geschlechtskrankheiten angesehen wurden. Die Prostituierte wurde insbesondere als Trägerin der Syphilis angesehen, und als "dreckig" oder "verseucht" beschimpft.[5] Aus diesem Grund wurden ärztliche Untersuchungen als Kontrollmaßnahme eingeführt, die zum Teil bis in die Gegenwart weiter praktiziert werden.[6]

Im Gegensatz zu diesen Maßnahmen und mit der Entwicklung der europäischen feministischen Bewegung tauchte Mitte des 19. Jahrhunderts der sogenannte abolitionistische Diskurs der Prostitution auf, der auch die heutige Einschätzung von Prostitution stark beeinflusst. Diese Bewegung plädoyierte zunächst für die Abschaffung der staatlichen Finanzierung der ärztlicher Regulierung der Prostitution in den Bordellen.[7] Später votierte der Abolitionismus auch für die Kriminalisierung der Prostitution und versuchte sich zugleich an der "Rettung" der Prostituierten.[8] In diesem Diskurs wird Prostitution als sexuelle Sklaverei interpretiert, aus der die Prostituierten befreit werden müssen.[9] Er reproduziert des Weiteren die christliche Auslegung von Prostituierten als Opfer, da sie aufgrund ihrer sozialen Situation gezwungen seien, ihre Körper zu verkaufen. Die Prostituierten wurden als Opfer der gesellschaftlichen Gegebenheiten und der Armut dargestellt. Ziel war die Rehabilitation und Wiedereingliederung der Prostituierten in die Gesellschaft .

Die Soziologin Laura María Agustín wertet die Konstruktion der Prostituierten als Opfer als eine Folge des sozialen Aufschwungs des Bürgertums, eine Phase in der die "newly empowered bourgeoisie came in believe that their high level of evolution and sensibility qualified them to rehabilitee inferiors".[10] So wurde die Rettung der Prostituierten zur Aufgabe der korrekten, guten und karitativen bürgerlichen Frau. Jedoch konnten nur die Frauen, die ihr Verhalten bereuten, gerettet werden. Hierfür war es notwendig, dass sich die Prostituierten selbst als Opfer verstanden oder sich zumindest als solche bezeichneten.

Obwohl dieses Verständnis im Westen entstand und eingeführt wurde, prägte es auch die Perspektive der Forschungen, Analysen, Interpretationen und im Allgemeinen auch die Auseinandersetzung mit Prostitution in nichtwestlichen Kontexten. Infolgedessen ist auch ein Großteil der Literatur über den Austausch von Sex gegen Geld oder Güter in Afrika durch die Untersuchung der sozio-ökonomischen Motivation des Phänomens gekennzeichnet.


Fußnoten

1.
Vgl. Bell Shannon, Reading, writing, and rewriting the prostitute body, Indiana 1994; Laura Agustín, Border Thinking on Migration and Trafficking, Culture, Economy and Sex, London 2007; Dolores Juliano, La prostitución el espejo oscuro, Barcelona 2002; Judith Walkowitz, Gefährlichen Formen der Sexualität, in: George Duby/Michelle Perrot (Hrsg.), Geschichte der Frauen 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1994, S. 417–431.
2.
Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1976, S. 11.
3.
Vgl. J. Walkowitz (Anm. 1), S. 418.
4.
Vgl. ebd., S. 424. Siehe auch den Beitrag von Romina Schmitter in dieser Ausgabe (Anm. der Red.).
5.
Vgl. L. Agustín (Anm. 1), S. 108.
6.
Vgl. Kirsten Stoebenau, But then he became my Sipa. The implications of relationship fluidity for condom use among women sex workers in Antananarivo, Madagascar, in: American Journal of Public Health, 99 (2009) 5, S. 811–819, hier: S. 108.
7.
Vgl. J. Walkowitz (Anm. 1), S. 424.
8.
Vgl. Kirsten Stoebenau, Use as directive (by the global AIDS Metropole). The "Prostitute" and "Sex Worker" identities in Antananarivo, Madagascar, in: The International Journal of Feminist Approaches to Bioethics, 2 (2009) 1, S. 105–120, hier: S. 105f.
9.
Vgl. J. Walkowitz (Anm. 1), S. 424.
10.
Vgl. L. Agustín (Anm. 1), S. 192.
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Autor: Diana Carolina Triviño Cely für bpb.de
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