Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen
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Die Vereinigten Staaten vor 1914


11.3.2013
Die Gedanken der Amerikaner, die am Neujahrstag 1913 das zurückliegende Jahr Revue passieren ließen, wanderten wahrscheinlich zum Untergang der "Titanic" im April. Vielleicht spielten sie in der Erinnerung auch die World Series nach, das Finale der Baseball-Profiliga, in dem die Boston Red Sox nur knapp gegen die New York Giants gewannen. Verfechter des Frauenwahlrechts freuten sich mit Sicherheit über dessen Einführung in drei weiteren Bundesstaaten – nun durften Frauen in insgesamt neun Bundesstaaten, allesamt im Westen des Landes, wählen. Die meisten aber dachten gewiss an die Präsidentschaftswahlen im November und die anstehende Amtseinführung Woodrow Wilsons, des ersten Präsidenten der Demokratischen Partei seit 1892.[1]

Bei den Wahlen am 5. November 1912 hatten die US-Bürger eine ungewöhnliche Auswahl gehabt: Der bisherige Amtsinhaber William Howard Taft war von den Republikanern auf einem von erbittertem Streit geprägten Parteitag nominiert worden. Enttäuscht und verärgert hatten daraufhin die Unterstützer Theodore Roosevelts – von 1901 bis 1909 republikanischer Präsident des Landes – die Progressive Party gegründet und ihn als ihren Kandidaten gekürt. Die Demokraten, über diese Spaltung der Republikaner hoch erfreut, hatten gleichwohl 46 Wahlgänge benötigt, um ihren Kandidaten Woodrow Wilson, den Gouverneur von New Jersey, zu nominieren.[2]Die Wahlen hatten eine Reihe von Themen auf die politische Agenda gebracht, die seit Jahrzehnten gärten. Eine einzige Generation durchlebte in dieser Zeit den Übergang einer größtenteils ländlichen und landwirtschaftlich geprägten Nation hin zu einer zunehmend urbanen und industriellen. Riesige Unternehmen dominierten nun ganze Industriezweige. New York City wurde hinter London die zweitgrößte Stadt der Welt, und ihre Slums waren ebenso berüchtigt wie jene der englischen Metropole. Die Schrecken eines Lebens in der Arbeiterklasse Chicagos erfuhr die Welt 1906 durch Upton Sinclairs Roman "Der Dschungel". Die USA waren mit Abstand der größte Stahlproduzent der Welt; und Stahl war der zentrale Rohstoff fast aller Transport- und Industrieinfrastruktur – ebenso für Kriegsschiffe, von denen die USA mit 21 zwar mehr als Deutschland, doch weniger als Großbritannien besaßen.

Zugleich stellte die wachsende ethnische Vielfalt eine Herausforderung dar. 1910 waren 53,8 Prozent der US-Einwohner Weiße, die – ebenso wie ihre Eltern – in den USA geboren waren (der bis dahin niedrigste Prozentsatz dieser Bevölkerungsgruppe); 35 Prozent waren ausländische Weiße oder stammten von ausländischen weißen Eltern ab. Von den europäischen Immigranten und ihren Kindern stammten 27 Prozent aus Deutschland, 19 Prozent aus Großbritannien oder Kanada, 14 Prozent aus Irland, 9 Prozent aus Russland, je 8 Prozent aus Skandinavien und Österreich-Ungarn sowie 7 Prozent aus Italien. Erst in jüngster Zeit trafen vermehrt Immigranten aus Süd- und Osteuropa ein. Elf Prozent der US-Einwohner waren Afroamerikaner – die meisten von ihnen lebten im Süden, wo die Beziehungen zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung einen Tiefpunkt erreicht hatten.[3] Im Jahr 1912 wurden 61 Afroamerikaner gelyncht. Drohendes Elend in den Städten, habgierige Unternehmen, ethnische Vielfalt und Rassenspannungen sowie Kriegsschiffe – all dies bestimmte also das politische Gefüge vor den Präsidentschaftswahlen von 1912.

Roosevelts erste Präsidentschaft



Theodore Roosevelt, der aus einer wohlhabenden Familie stammte, in Harvard studiert und sich schon früh als erfolgreicher Autor etabliert hatte (allein bis 1900 schrieb er 19 Bücher), war der charismatischste der Kandidaten. 1901 war er schon einmal Präsident geworden, nachdem Präsident William McKinley nur sechs Monate nach Beginn seiner zweiten Amtszeit einem Attentat zum Opfer gefallen war. McKinley hatte sich in seiner ersten Amtszeit auf einen kurzen, erfolgreichen Krieg gegen Spanien konzentriert, der den Vereinigten Staaten ein Reich bescherte, das sich von Puerto Rico in der Karibik bis zu den Philippinen im westlichen Pazifik erstreckte. Mit den Philippinen waren die USA zu einem mächtigen Akteur im ostasiatischen Mächtespiel geworden, und McKinleys Regierung hatte diese neue Rolle zügig gesichert – zunächst durch eine "Politik der offenen Tür" (Open Door Notes 1899 und 1900) und dann durch die Beteiligung am internationalen Militäreinsatz zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China (1900). Die weltpolitische Rolle der USA hatte sich somit zwischen 1898 und Mitte 1900 dramatisch verändert.[4]

Bei einigen dieser Entwicklungen hatte Roosevelt eine zentrale Rolle gespielt. Zwei Monate vor Beginn des spanisch-amerikanischen Kriegs hatte er als stellvertretender Marineminister den Kommandeur des US-Asiengeschwaders Commodore George Dewey angewiesen, im Fall eines Kriegs gegen Spanien nach Manila vorzudringen und die spanische Flotte zu vernichten. Der Krieg kam und Dewey folgte dem Befehl – und erhob damit den US-Anspruch auf die Philippinen. Inzwischen hatte Roosevelt sein Amt in der Marine niedergelegt und ein Kavallerieregiment aus Freiwilligen gebildet, um auf Kuba zu kämpfen. Sämtliche Schlagzeilen galten ihm, nachdem er einen Vorstoß bis zu den San Juan Heights angeführt hatte; von dort aus konnte man in den Hafen von Santiago blicken, in dem die spanische Flotte festsaß. Die Presse nannte Roosevelt den "Held der Schlacht von San Juan Hill". 1898 wurde er zum Gouverneur von New York gewählt, zwei Jahre später zum Vizepräsidenten.

Karikaturisten begeisterte Roosevelt mit seinem Kneifer, struppigem Schnurrbart und einem viel Zahn zeigenden Grinsen; die amerikanische Öffentlichkeit durch seine kühne Politik. Die Präsidentschaft betrachtete er als eine "erstklassige Plattform" (bully pulpit) und reiste oft zu Vorträgen durchs Land. Kurz nachdem er das Amt übernommen hatte, forderte er J.P. Morgan, den mächtigsten Bankier des Landes, und andere Industriemagnaten heraus, indem er den Generalstaatsanwalt anwies, eine Eisenbahnfusion zu blockieren, da sie gegen den Sherman Antitrust Act verstieß.[5] Wenige Monate später bezwang er Morgan bei einem Bergarbeiterstreik, und 1903 drängte Roosevelt den Kongress dazu, das Eisenbahnwesen zu regulieren. Nachdem er 1904 mit großer Mehrheit wiedergewählt worden war, setzte Roosevelt seine Bemühungen zur Kontrolle der Großunternehmen fort. Insbesondere drei Gesetze aus dem Jahr 1906 weiteten die Regulierung durch die Bundesbehörden wesentlich aus: Der Hepburn Act regelte die Eisenbahngebühren, der Pure Food and Drug Act betraf die Nahrungs- und Arzneimittel und der Meat Inspection Act die Fleischverarbeitung. Zudem nutzte Roosevelt wiederholt seine Exekutivvollmachten zum Schutz natürlicher Ressourcen sowie der Landschaft und der Tierwelt.

Gleichermaßen kühn dehnte Roosevelt in internationalen Angelegenheiten die Macht der USA in der Karibik sowie in Ostasien aus. Sein konsequentestes – und umstrittenstes – Projekt wurde der Panamakanal: Zunächst versuchte er, mit Kolumbien einen Vertrag zu schließen, doch die Verhandlungen wurden abgebrochen. Kurze Zeit später startete Philippe-Jean Bunau-Varilla, der Aktionär einer bankrotten französischen Baufirma, die bereits Jahre zuvor mit einem Kanalbauprojekt gescheitert war, eine Revolution, um Panama von Kolumbien zu lösen. Die US Navy hinderte kolumbianische Truppen daran, nach Panama einzumarschieren und trug so zum Erfolg des Unternehmens bei. Bunau-Varilla kam als Panamas Gesandter in die USA und handelte rasch einen Vertrag aus, der es den Amerikanern gestattete, den Kanal zu bauen und zu kontrollieren. Roosevelt selbst betrachtete dies als wichtigsten Erfolg seiner Amtszeit – auch wenn die "New York Times" den Kanal als "schäbiges Unternehmen" bezeichnete.[6] Er wurde im August 1914 eröffnet.

Zugleich versuchte Roosevelt, die Vorherrschaft in der Karibik zu erlangen, um Bedrohungen des Kanals durch andere Nationen auszuschließen. So etablierte er auf Kuba, das von McKinley zu einem US-Protektorat gemacht worden war, einen Marinestützpunkt. Panama wurde zum zweiten Protektorat. 1904 verkündete Roosevelt als Ergänzung zur Monroe-Doktrin,[7] was unter dem Namen "Roosevelt-Corollary" bekannt wurde: Darin unterschied er zwischen den stabilen Nationen Lateinamerikas, welche die USA von nun an auf der Basis "vollkommener Gleichheit" zu behandeln trachteten, und denjenigen Nationen, die "chronisches Fehlverhalten" oder ein "Unvermögen" an den Tag legten, was "die Intervention einer zivilisierten Nation" erforderte. Für diese, so führte er weiter aus, könnten einzig die USA gewährleisten, was immer an "internationaler Polizeigewalt" notwendig wäre.[8] Als Roosevelt 1909 aus dem Amt schied, war die Karibik zu einem "US-amerikanischen See" geworden.

Als Japan 1905 in den Krieg mit Russland eintrat, bot sich Roosevelt als Vermittler an; für seine Bemühungen erhielt er im Jahr darauf den Friedensnobelpreis. Auf der Friedenskonferenz suchte er die Gebietszugeständnisse an Japan zu begrenzen, um so die bestehende Machtbalance im ostasiatischen Raum aufrechtzuerhalten. Roosevelt zitierte mehrfach, was er für ein afrikanisches Sprichwort hielt: "Speak softly and carry a big stick"; so umschrieb er seine außenpolitische Strategie, Diplomatie mit der Fähigkeit zu verbinden, Macht anzuwenden. Während seiner Amtszeit wurde die US-Flotte um zwölf Kriegsschiffe erweitert. Als die japanische Presse 1907 den USA mit militanter Rhetorik entgegentrat, sandte Roosevelt die amerikanische Flotte in weißem Anstrich um die Welt, um so ihre friedliche Absicht zu demonstrieren – zugleich aber auch Amerikas Fähigkeit, seine Marine weltweit zum Einsatz zu bringen.


Fußnoten

1.
Für einen Überblick über die USA zu dieser Zeit vgl. John M. Cooper Jr., Pivotal Decades: The United States 1900–1920, New York 1990.
2.
Zu den Wahlen von 1912 vgl. Lewis Gould, Four Hats in the Ring: The Election and the Birth of Modern America, Lawrence, KS 2008.
3.
Weniger als 0,4 Prozent waren indianisch oder asiatisch. Vgl. US Bureau oft the Census, Thirteenth Census … Taken in the Year 1910. Vol. 1, Population, Washington, DC 1913, S. 125, S. 877.
4.
Zu Roosevelt vgl. Lewis Gould, The Presidency of Theodore Roosevelt, Lawrence, KS 2001²; Kathleen Dalton, Theodore Roosevelt: A Strenuous Life, New York 2002.
5.
Der Act war 1890 verabschiedet worden, um Monopolbildungen zu unterbinden, wurde aber seit einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs kaum noch angewendet.
6.
A Truly Fateful Occasion, in: The New York Times vom 17.12.1903, S. 8.
7.
1823 hatte Präsident James Monroe die europäischen Nationen vor weiteren kolonialen Ambitionen und Vorstößen in der westlichen Hemisphäre gewarnt.
8.
Roosevelts Botschaft an den Kongress vom 6.12.1904, in: Complete Speeches and Addresses of Theodore Roosevelt, http://www.theodore-roosevelt.com/trspeechescomplete.html« (6.2.2013).
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Autor: Robert W. Cherny für bpb.de
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