Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen

11.3.2013 | Von:
Robert W. Cherny

Die Vereinigten Staaten vor 1914

Republikaner zwischen konservativem und progressivem Flügel

Als Roosevelts zweite Amtszeit zu Ende ging, unterstützte er William Howard Taft als seinen Nachfolger und begab sich anschließend auf Großwildjagd nach Afrika. Taft, der Sohn einer prominenten republikanischen Familie in Ohio, hatte sein Studium an der Yale University mit Auszeichnung beendet und diente unter der Harrison-Regierung, bevor er Bundesrichter wurde. McKinley ernannte ihn 1900 zum ersten Gouverneur der Philippinen, unter Roosevelt wurde er 1904 zum Kriegsminister. 1908 wurde Taft zum Präsidenten gewählt. In der noch immer zwischen konservativem und progressivem Flügel zerrissenen Republikanischen Partei fand er sich mehr und mehr im konservativen Lager wieder; Roosevelt indes fand bei der Rückkehr von seinen Reisen die Progressiven in Unordnung vor.[9]

Im Februar 1912 kündigte Roosevelt an, bei der Präsidentschaftsnominierung der Republikaner gegen Taft anzutreten. Von den zwölf Staaten, in denen die Delegierten des Parteitags durch direkte Vorwahlen bestimmt wurden, gewann Roosevelt neun, Taft nur einen. Doch Taft kontrollierte den Parteiapparat, und andere Staaten wählten meist seine Anhänger zu Parteitagsdelegierten. Er wurde im ersten Wahlgang erneut nominiert – mit einem Programm, das sich gegen "besondere Privilegien und Monopole" wendete, weiterhin Schutzzölle befürwortete und sich für neue Marineschiffe aussprach, ansonsten aber nicht mehr zu globalen Fragen enthielt.[10]

Roosevelts Anhänger beschuldigten Taft, er habe die Nominierung erschwindelt und gründeten die Progressive Party. Jane Addams unterstützte Roosevelts Nominierung; sie war die erste Frau, der eine so prominente Rolle bei einem Parteitag zuteil wurde, und wohl die bekannteste Frau Amerikas – zu einer Zeit, als Frauen und Frauenorganisationen sich immer häufiger in öffentlichen Angelegenheiten zu Wort meldeten. Als Tochter einer reichen Familie aus Illinois hatte sie eine Zeit lang das Leben einer wohlhabenden jungen Frau geführt; doch inspiriert durch idealistische Universitätsabsolventen in London – die in der Toynbee Hall, dem ersten settlement house, Nachbarschaftshilfe in Londons Armenvierteln leisteten – gründete sie 1889 zusammen mit ihrer Kommilitonin Ellen Gates Starr in einem Arbeiter- und Immigrantenviertel in Chicago das Hull House. Dort lebten sie zusammen mit wechselnden Unterstützern, meist jungen, idealistischen Collegeabsolventinnen, und boten verschiedene Dienste wie Kinderbetreuung oder Bildungsprogramme für Erwachsene an. Vom Gesetzgeber forderten die Hull-House-Aktivistinnen Gesundheits- und Sicherheitsregeln für Arbeiter, die Abschaffung der Kinderarbeit sowie weitere Reformen. Die Nachbarschaftszentren verbreiteten sich, und der Name Jane Addams wurde in der Folge zum Synonym einer Bewegung für soziale Reformen. Ein Historiker bezeichnete die settlement houses gar als "Speerspitze für Reformen".[11]

Addams sah die neue Progressive Party als Teil einer weltweiten Bewegung für soziale Gerechtigkeit. Unter der Überschrift "Soziale und industrielle Gerechtigkeit" verfassten sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter einen Abschnitt des Parteiprogramms, in dem sie – teilweise unter Berufung auf europäische Modelle – eine Sozialversicherung "gegen die Risiken durch Krankheit, Gelegenheitsarbeiten und Alter" propagierten. Das Programm forderte zudem Sicherheits- und Gesundheitsstandards in der Industrie, das Verbot von Kinderarbeit, Mindestlöhne für Frauen, eine Sechstagewoche, Gewerkschaften, das Frauenwahlrecht, eine staatliche Gesundheitsfürsorge, Einkommen- und Erbschaftsteuern sowie "strenge bundesweite Regeln für in mehreren Staaten tätige Unternehmen".

Zu globalen Fragen sagte das Parteiprogramm der Progressiven indes kaum etwas, abgesehen von der Klage über "das Fortbestehen der barbarischen Kriegsführung zwischen Ländern in unserer Zivilisation – mit einer enormen Verschwendung von Ressourcen selbst in Friedenszeiten und der daraus resultierenden Verelendung der arbeitenden Massen". Während das Programm "gerichtliche und andere friedliche Mittel zur Lösung internationaler Differenzen" propagierte und "internationale Abkommen zur Begrenzung von Marinestreitkräften" befürwortete, offenbarte es zugleich Roosevelts Einfluss, indem es den Bau von jährlich zwei weiteren Kriegsschiffen zusicherte.[12] Addams gab zu, sich "schwer damit (zu tun), diese zwei Kriegsschiffe zu schlucken".[13]Auch war sie enttäuscht darüber, dass die Progressiven sich nicht dazu verpflichteten, die Rechte der Afroamerikaner zu schützen.

Wilsons Weg zur Präsidentschaft

So wie sich die Republikaner unter Taft in einen konservativen und einen progressiven Flügel gespalten hatten, standen auch die Demokraten vor Zerreißproben. Eine ihrer Hochburgen lag im Süden; dort stand die Partei für die Vorherrschaft der Weißen. Immigrantengruppen, die moralische Reformen wie etwa ein Verbot alkoholischer Getränke ablehnten, bildeten eine weitere Basis. Zudem stützten sich die Demokraten auf die politischen Apparate in den Großstädten des Nordens, deren Macht aus ihrer Unterstützung in armen Arbeiter- und Immigrantenvierteln resultierte. Im Westen umfasste die Demokratische Partei auch Reste der Populisten-Bewegung der 1890er Jahre. So sehr die Hoffnung auf einen Sieg sie einte, so zerrissen waren die Parteitagsdelegierten zwischen verschiedenen Kandidaten, von denen keiner eine Mehrheit, geschweige denn die erforderliche Zweidrittelmehrheit hinter sich hatte. Als die New Yorker Delegation für Champ Clark aus Missouri stimmte, veranlasste dies den dreifachen Präsidentschaftskandidaten und wohl populärsten Demokraten bei Lokalpolitikern, William Jennings Bryan, zu einem wahlentscheidenden Entschluss – nämlich dazu, Woodrow Wilson zu unterstützen, da er meinte, die New Yorker Delegation werde von der Wall Street kontrolliert.

Bryan verfasste zu großen Teilen das Parteiprogramm, das die Zerschlagung der Monopole und anderer Großunternehmen forderte, das Recht der Arbeiter auf Gewerkschaftsbildung unterstützte und für die Unabhängigkeit der Philippinen eintrat. Mit all diesen Themen war Bryan vertraut; bereits als demokratischer Präsidentschaftskandidat in den Jahren 1896, 1900 und 1908 hatte er sich als Verfechter strenger wirtschaftlicher Regulierung durch Bundesgesetze zugunsten der Farmer und Arbeiter sowie als Gegner imperialistischer Ambitionen hervorgetan.[14]

Woodrow Wilson, der demokratische Präsidentschaftskandidat, war dagegen erst spät in die Politik eingetreten. Im Süden geboren und aufgewachsen, war er geprägt von Erinnerungen an den Bürgerkrieg und die anschließende Reconstruction. Er hatte ein Studium an der Princeton University absolviert, anschließend an der Johns Hopkins Universität in Baltimore promoviert und war 1902 Präsident der Fakultät in Princeton geworden. Seine Schriften und öffentlichen Vorträge waren konservativ geprägt, was die demokratischen Bosse alter Schule in New Jersey dazu veranlasste, ihn 1910 als Gouverneur zu nominieren. Einmal im Amt, überraschte er sie indes mit progressiven Reformen.[15]

Im Wahlkampf des Jahres 1912 erhielten Wilson und Roosevelt die größte Aufmerksamkeit. Beide kritisierten die Monopole und die mächtigen Wirtschaftsinteressen; Roosevelt befürwortete Regulierung, während Wilson die Monopole zerschlagen und den Wettbewerb wieder herstellen wollte. Eugene Debs, der Kandidat der Sozialisten, machte sich für die Verstaatlichung großer Unternehmen und für einen Schutz der Arbeiter stark. Taft führte einen glanzlosen Wahlkampf. Die Weltpolitik spielte bei keinem Kandidaten eine große Rolle. W.E.B. Du Bois, ein prominenter Afroamerikaner, unterstützte aus Enttäuschung über Roosevelt und Taft den Demokraten Wilson, einige weitere afroamerikanische Politiker folgten ihm darin. In Milwaukee wurde Roosevelt angeschossen; sein Brillenetui und ein zusammengefaltetes Redemanuskript dämpften den Schuss jedoch ab, und so verwundete die Kugel nur eine Rippe. Am Wahltag erhielt Wilson beinahe alle erwarteten demokratischen Stimmen, 42 Prozent der gesamten Wählerstimmen. Roosevelt und Taft teilten sich den erwarteten Stimmenanteil der Republikaner, Roosevelt erhielt 27, Taft 23 Prozent. Debs erhielt sechs Prozent.

Fußnoten

9.
Vgl. Lewis Gould, The William Howard Taft Presidency, Lawrence, KS 2009.
10.
Vgl. Programm der Republikanischen Partei vom 18.6.1912, in: The American Presidency Project, http://www.presidency.ucsb.edu/ws/index.php?pid=29633« (6.2.2013).
11.
Allan Davis, Spearheads for Reform. The Social Settlements and the Progressive Movement, New Brunswick 1984². Vgl. auch Victoria Bissell Brown, The Education of Jane Addams. Philadelphia 2007.
12.
Programm der Progressiven Partei vom 5. November 1912, in: The American Presidency Project, http://www.presidency.ucsb.edu/ws/index.php?pid=29617« (6.2.2013).
13.
Jane Addams, My Experiences as a Progressive Delegate, in: McClure’s Magazine, (1912) 40, S. 12.
14.
Vgl. Robert W. Cherny, A Righteous Cause. The Life of William Jennings Bryan, Boston 1985.
15.
Vgl. Kendrick Clements, The Presideny of Woodrow Wilson, Lawrence, KS 1992; John Milton Cooper Jr., Woodrow Wilson. A Biography, New York 2009.
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Autor: Robert W. Cherny für bpb.de
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