Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen

11.3.2013 | Von:
Robert W. Cherny

Die Vereinigten Staaten vor 1914

1913

Wilsons Regierungsbildung verfolgten die Amerikaner mit großem Interesse; Ablenkung bot Mitte Februar 1913 jedoch eine Kunstausstellung in der National Guard Armory in New York. Die sogenannte Armory Show präsentierte moderne Werke europäischer Maler, darunter Picasso, Matisse, Duchamp und Kandinsky. Die meisten Kritiker und Rezensenten sahen die Künstler als geisteskrank oder anarchistisch an; einer von ihnen verglich ein kubistisches Gemälde gar mit der "Explosion in einer Schindelfabrik".[16]

Bryan wurde Wilsons Außenminister; beide waren außenpolitisch eher unerfahren. So konzentrierte sich der Präsident 1913 vor allem auf innenpolitische Fragen. Der Kongress verfügte die erste Einkommensteuer seit 1894 und senkte die Zolltarife beträchtlich. Bei der Entwicklung der Notenbank, des Federal Reserve Systems, arbeiteten Wilson und Bryan eng mit dem Kongress zusammen. Die Enttäuschung und den Ärger von Du Bois und anderen Führern der Afroamerikaner zog die Regierung auf sich, als viele ihrer Bevollmächtigten vor allem im Süden begannen, in Bundeseinrichtungen die Rassentrennung einzuführen und Afroamerikaner auch in anderer Weise zu diskriminieren.

Eine wesentliche Ablenkung von innenpolitischen Angelegenheiten kam 1913 vonseiten Mexikos. Im Februar stürzten konservative Kräfte und Armeeoffiziere den reformorientierten Präsidenten Francisco Madero und richteten ihn hin. Wilson verweigerte dem neuen, als undemokratisch angesehenen Regime die diplomatische Anerkennung und erklärte: "I am going to teach the South American republics to elect good men."

Mit seinem Amtsantritt als Außenminister hatte Bryan allerdings angedeutet, dass er Konflikte mit anderen Ländern nicht kriegerisch, sondern durch Vereinbarungen beilegen wolle. Bryan und Wilson waren beide gläubige Presbyterianer und standen mit ihrer Erwartung an die Länder, Alternativen zum Krieg zu finden, nicht allein. Die meisten Amerikaner teilten wohl ohnehin Roosevelts Ansicht, dass Kriege immer unwahrscheinlicher würden: "Da die Nationen immer zivilisierter werden, haben wir jeden Grund, nicht nur zu hoffen, sondern zu glauben, dass (Kriege) immer seltener werden."[17] Die Haager Konferenzen von 1899 und 1907 hatten gebildete Amerikaner zudem in ihrer Erwartung ermutigt, "zivilisierte" Nationen könnten Alternativen zum Krieg finden, um internationale Konflikte friedlich zu lösen – insbesondere durch die Errichtung des Ständigen Schiedshofs.

Andrew Carnegie – der Stahlmagnat, der seinen Ruhestand mit der Verteilung seiner Millionen verbrachte – hatte 1910 die Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden ins Leben gerufen. Er glaubte daran, dass internationale Gesetze und mächtige internationale Organisationen Kriege aus der Welt schaffen könnten, und verpflichtete die Stiftungstreuhänder, "die Abschaffung internationaler Kriege – des übelsten Schandflecks unserer Zivilisation – voranzutreiben".[18] Auch finanzierte er den Bau des Friedenspalastes in Den Haag als Sitz des Ständigen Schiedshofs.

Abweichende Perspektiven auf den Weltfrieden boten indes Jane Addams und der Präsident der Stanford University, David Starr Jordan, an: Addams betonte, Frieden sei nur zu erzielen, wenn "der Mensch darauf verzichtete, Gewinn aus Unterdrückung zu erzielen und sich der Sache der Armen annähme" – sodass "Frieden nicht länger die Abwesenheit von Krieg bedeuten würde, sondern die Entfaltung weltweiter Prozesse, welche die Entwicklung menschlichen Lebens begünstigen".[19] Und Jordan sagte im Februar 1913 zuversichtlich voraus, es werde niemals einen "großen Krieg" in Europa geben, da ein solcher Konflikt die Profitmaximierung stören würde: "Solange (die Bankiers und Industriellen) den Kämpfern nicht anordnen zu kämpfen, wird es keinen allgemeinen Krieg geben" – und dies würde niemals geschehen, da sie zu viel zu verlieren hätten.[20]

Getragen von solch einem Optimismus über eine Verbannung des Kriegs trieb Bryan seine Pläne für weltweite Schlichtungsverträge voran. Seinem Vertragsentwurf stimmte zunächst Wilson, später auch der Senats-ausschuss für Auslandsbeziehungen zu. Am 24. April 1913 veröffentlichte das Außenministerium der Vereinigten Staaten "Präsident Wilsons Friedensangebot" an alle 40 Nationen, mit denen die USA diplomatische Beziehungen unterhielten. Jedes der Länder wurde eingeladen, einen Vertrag mit den USA einzugehen, in dem beide Seiten vereinbarten, für den Fall, dass Konflikte nicht auf diplomatischem Wege gelöst werden konnten, für eine bestimmte Zeit (eine "Abkühlungsphase") – in der eine internationale Kommission die Lage untersuchen und eine Empfehlung aussprechen sollte – auf einen Krieg zu verzichten. Insgesamt 30 Länder unterzeichneten einen solchen Vertrag, 22 davon wurden ratifiziert.

Besonders stolz zeigte sich Bryan, als an einem Tag Großbritannien, Frankreich, Spanien und China unterschrieben – diese Länder machten mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Es war der 15. September 1914 – sechs Wochen nach den Eröffnungssalven des Ersten Weltkriegs.

Fußnoten

16.
Zit. nach: Milton W. Brown, The Story oft the Armory Show, New York 1988.
17.
Theodore Roosevelt, Expansion and Peace, in: Independent, (1899) 51, S. 3401–3405.
18.
Centennial oft he Global Think Tank, Carnegie Endowment for International Peace, http://www.carnegieendowment.org/about/index.cfm?fa=centennial« (6.2.2013).
19.
Jane Addams, Newer Ideals of Peace, New York 1907, S. 237f.
20.
David Starr Jordan, Impossible War, in: Independent Nr. 74 vom 27.2.1913, S. 467f.
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Autor: Robert W. Cherny für bpb.de
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