Flagge von Kroatien
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Ein kurzer Gang durch die Geschichte Kroatiens


16.4.2013
Schon in Geschichtskarten für das 9. Jahrhundert finden wir den Volksnamen "Kroaten" und den Gebietsnamen "Kroatien", doch der Staat in seinen heutigen Grenzen erscheint erst auf Karten, die das sozialistische Jugoslawien und seine innere föderale Gliederung ab 1945 abbilden.

Die historischen Territorien Kroatiens sind im 1990 neu gestalteten Wappen[1] der Republik Kroatien dargestellt: Das große Schachbrettmuster, aus alter Tradition auch im Wappen der sozialistischen Republik Kroatien enthalten, steht sowohl für den Staat als Gesamtheit als auch für Kroatien im engeren Sinne, also den Gürtel entlang der Westgrenze von der Drau bis an die Adria. Der kleine Schild mit den rot-blauen Streifen ist das Wappen der einstigen Republik Dubrovnik, der mit den drei Löwenköpfen das von Dalmatien. Der Schild mit der Ziege steht für Istrien, der mit dem Marder (kuna) für Slawonien im Nordosten des heutigen Kroatiens. Das Wappen Illyriens mit Mond und Morgenstern verweist auf das einstige Symbol des Illyrismus in den Anfängen der kroatischen Nationalbewegung vor der Revolution 1848/1849.

Jeder Reisende bemerkt große Unterschiede in den Landschafts- und Stadtbildern des sich über drei geografische und zugleich ethnografische Zonen erstreckenden Landes: den mediterranen Küstenbereich, den Gürtel des dinarischen Gebirges und die mitteleuropäisch geprägten Ebenen und Mittelgebirge des Nordens. Je nach Fragestellung können wir Kroatien zu Südosteuropa, zu Ostmitteleuropa oder auch den Mittelmeeranrainern rechnen.

Die Gesamtbevölkerung betrug 2011 4,285 Millionen Einwohner, darunter 90,42% Kroaten. Die größte Gruppe unter den Minderheiten bilden die Serben mit etwa 4,36%. Es folgen, jeweils regional konzentriert, Italiener, Roma, Ungarn und Tschechen mit Anteilen unter 0,5%.[2]

Spuren der Antike und des Mittelalters



Die östliche Adriaküste wurde im vierten Jahrhundert vor Christus in die griechische Stadtkolonisation einbezogen, und seit dem ersten Jahrhundert befand sich der gesamte Raum des heutigen Kroatiens innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches. Die Küstenregion ist bis heute vorgeprägt durch die Antike. Das Christentum fasste an der Küste im 3. Jahrhundert Fuß. Die antike Welt endete hier mit den Feldzügen der Avaren und der Ansiedlung der Slawen im 7. Jahrhundert. Das byzantinische Dalmatien reduzierte sich auf eine Reihe von Inseln und Küstenstädten mit Kontinuität auch des kirchlichen Lebens in lateinischer Sprache. Istrien, dessen Binnenland seit dem 7. Jahrhundert ebenso slawisch besiedelt war, gelangte um 788 an das Reich Karls des Großen. Im Hinterland Dalmatiens entstanden seit dem 8. Jahrhundert slawische Reiche, darunter im Norden Kroatien, das sich in einem breiten Streifen entlang der Küste von Ostistrien bis östlich von Split erstreckte. Die Christianisierung erfolgte vom Fränkischen Reich und von den dalmatinischen Städten aus.

Nach dem Tod des kroatischen Königs Zvonimir 1089 erhob der ungarische König Ladislaus Erbansprüche auf die kroatische Krone. Jetzt begann die Erschließung des mittelalterlichen Slawoniens, des "Slawenlandes" südlich der Drau. 1094 gründete Ladislaus in Zagreb ein Bistum und eine Gespanschaft nach ungarischem Muster. Sein Nachfolger Koloman wurde dann 1102 in Biograd bei Zadar zum kroatischen König gekrönt.

Im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte gelangte fast die gesamte istrische und dalmatinische Küste unter venezianische Herrschaft. Nach zeitweiligem Verlust Dalmatiens 1358 an Ungarn-Kroatien konnte Venedig ab dem 15. Jahrhundert die Herrschaft bis 1797 dauerhaft sichern. Dubrovnik, Handelszentrum zwischen Adriaraum und Binnenland, entwickelte sich zu einer eigenen Stadtrepublik, die erst 1808 von Napoleon aufgehoben wurde.

Slawonien hatte seit dem Ende des 12. Jahrhunderts ebenso wie Ungarn Anteil an der hochmittelalterlichen Kolonisation nach deutschem Recht. Einige Städte wurden zu königlichen Freistädten, unter ihnen Gradec, die heutige Zagreber Oberstadt. Wie in ganz West- und Mitteleuropa erfolgte eine strukturelle Angleichung der Stadtlandschaften im Binnenland und an der Küste: Überall gab es nun die Bürgergemeinde mit Ratsversammlung und Rathaus, ebenso gehörten Franziskaner- und Dominikanerklöster zum Stadtbild.

Umbrüche der Frühen Neuzeit



Schon im Laufe des 15. Jahrhunderts expandierte das Osmanische Reich immer weiter nach Westen. Nach der Schlacht von Mohács in Westungarn 1526 blieb vom mittelalterlichen Kroatien und Slawonien nur noch ein schmaler Streifen im Westen. Einem Erbvertrag entsprechend, der 1527 durch Wahl durch den Landtag bestätigt wurde, übernahmen die Habsburger die Herrschaft über die Gebiete, die nun zum "engeren Kroatien" zusammenwuchsen. Zagreb wurde dessen Zentrum. Der Landesname Slawonien bezieht sich seitdem auf die Gebiete im Norden des heutigen Kroatiens, die im 16. und 17. Jahrhundert zum Osmanischen Reich gehörten. Auf Habsburger-Seite entstand zwischen den Burgen in Grenznähe allmählich das Territorium der Militärgrenze, in der freie Bauern zum Wehrdienst verpflichtet waren. Siedler kamen nicht nur aus habsburgischen, sondern auch aus den osmanischen Territorien. Unter ihnen waren viele Orthodoxe, die sich später national als Serben bekannten.

Seit dem erneuten Scheitern der Belagerung von Wien 1683 befand sich das Osmanische Reich in der Defensive. Slawonien wurde unter den Habsburgern rekolonisiert und teilweise in die Militärgrenze einbezogen. Konzentriert in Osijek und Umgebung, siedelten sich auch Deutsche an.

Auf dem Weg in die Moderne



Die Ära der französischen Herrschaft 1805 bis 1813 in Istrien und Dalmatien gilt wegen der damaligen Reformen in Justiz, Schul- und Gesundheitswesen bis heute als Aufbruchszeit. Gemäß den Entscheidungen des Wiener Kongresses 1815 fielen alle einstigen venezianischen Besitzungen wie auch Dubrovnik an Österreich.

Parallel zum Vormärz in Deutschland sind die Jahre vor der Revolution 1848/1849 mit den Anfängen der kroatischen Nationalbewegung verbunden. Der Illyrismus mit seinen Texten und Liedern einschließlich der späteren kroatischen Hymne griff durch seinen Namen geschichtliche Momente auf und blieb offen: Er konnte neben Kroaten auch die Serben in der Habsburger-Monarchie ansprechen. Als Beginn des Illyrismus gilt die Begründung der "Horvatske novine", der "Kroatischen Zeitung", durch Ljudevit Gaj 1835. Hier führte er einige Neuerungen ein, auf denen die kroatische Rechtschreibung in ihren Grundzügen bis heute beruht. In den folgenden Jahrzehnten wurde zugleich das Verhältnis zum Serbischen standardisiert. Über die vielen Gemeinsamkeiten und das gegenseitige Verstehen hinweg betreffen die Unterschiede alle Sprachebenen.

Unter dem Eindruck der in die Habsburger-Länder ausgreifenden Revolution 1848 formierte sich am 25. März in Zagreb eine Landesversammlung, wählte den Illyrier Graf Josip Jelačić zum Ban (Statthalter) und erhob einen Forderungskatalog. Erstmals wurde ein Landtag gewählt, und der Ban verkündete die Aufhebung aller Feudallasten.

Nach dem weitgehenden Scheitern der Revolution 1848/1849 und verschiedenen Zwischenlösungen brachte erst der symmetrisch aufgebaute österreichisch-ungarische Ausgleich von 1867 eine bis 1918 stabile Staatsordnung: Beide Reichshälften mit Kaiser und König Franz Joseph als gemeinsamen Herrscher genossen weitgehende Eigenständigkeit. Gemeinsame Angelegenheiten blieben nur noch Außenpolitik, Verteidigung und die damit verbundenen Finanzen. Im asymmetrischen Ausgleich von 1868 zwischen Ungarn und Kroatien erhielt letzteres Autonomie in Kultus, Schulwesen und Justiz. Die Militärgrenze wurde 1881 aufgelöst und ihre Gebiete in die kroatisch-slawonische Zivilverwaltung integriert.

In der kroatischen Nationalbewegung ab 1860 lassen sich zwei Strömungen erkennen. Die eine hob auf die Verbundenheit aller Südslawen ab und suchte innerhalb Kroatiens und Dalmatiens die enge Zusammenarbeit mit den Serben und ihren Parteien. Profiliertester Vertreter dieser Richtung war Juraj Strossmayer, Bischof von Đakovo. Die andere Richtung, repräsentiert zuerst durch Ante Starčević, stellte die kroatische Nation in die staatsrechtliche Tradition und in Abgrenzung von den Serben. Die kroatische Nationalbewegung erfasste auch Istrien, hier in Konkurrenz zur italienischen Bewegung. In Bosnien-Herzegowina, seit 1878 unter österreich-ungarischer Verwaltung, trat an die Stelle der Identitätsbildung über die Religion – Katholizismus, Orthodoxie oder Islam – die nationale Identifikation als Kroaten, Serben oder Bosniaken. Die religiöse Tradition wurde zum Unterscheidungsmerkmal der modernen Nationen.

Jugoslawische Staatsbildung und Zwischenkriegszeit



Bald nach Beginn des Ersten Weltkrieges konstituierte sich in London der "Jugoslawische Ausschuss" aus Emigranten aus Österreich-Ungarn. Zusammen mit der serbischen Regierung, damals im Exil auf Korfu, erklärte er im Juli 1917 die Schaffung eines gemeinsamen Staates als Ziel. Als 1918 das Kriegsende absehbar war, proklamierte ein in Zagreb tagender Nationalrat von südslawischen Politikern am 29. Oktober den "Staat der Slowenen, Kroaten und Serben", der alle südslawisch besiedelten Gebiete der alten Doppelmonarchie umfassen sollte, und am 24. November beschloss er, dem serbischen Prinzregenten Aleksandar Karađorđević die Herrschaft anzutragen. Dieser proklamierte am 1. Dezember 1918 das "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen". Die erst 1924 abgeschlossene Grenzziehung des neuen Staates gegenüber Italien enttäuschte Slowenen und Kroaten: Ganz Istrien einschließlich Rijeka und das dalmatinische Zadar fielen an Italien.

Gegen eine starke föderal gesonnene Opposition erhielt Jugoslawien 1920 eine zentralistische parlamentarische Verfassung. Die Parteienlandschaft des jungen Staates war weniger weltanschaulich als national gegliedert. Die stärkste politische Kraft bei den Kroaten, die Kroatische Bauernpartei unter Stjepan Radić, blieb bis 1925 in Verweigerungshaltung gegenüber Monarchie und Zentralismus – nicht allerdings gegenüber der Staatsidee an sich. Nach kurzer Regierungszugehörigkeit ging Radić 1927 erneut in die Opposition und gründete mit dem Serben Svetozar Pribićević die "Bäuerlich-demokratische Koalition", die sich gegen die wirtschaftliche Bevorteilung der Territorien des ehemaligen Königreiches Serbien wehrte.

Nachdem Radić 1928 den schweren Verletzungen durch ein Attentat auf ihn im Parlament erlag und Parlaments- und Regierungsarbeit stockten, verkündete König Aleksandar 1929 die Königsdiktatur. Zur äußeren Überwindung der Partikularismen erhielt der Staat nun den Namen "Jugoslawien". 1931 oktroyierte der König dem Land eine autoritäre Verfassung. Bei seinem Staatsbesuch in Frankreich 1934 fiel er in Marseille einem Attentat zu Opfer, das eine makedonische Widerstandsbewegung in Verbindung mit der kroatischen Exilgruppe der Ustascha, des "Aufständischen", unter Ante Pavelić organisiert hatte. Regent wurde nun Prinz Pavle, Onkel von Aleksandar. Er leitete ab 1935 einen Dialog zur Lösung der serbisch-kroatischen Spannungen ein. Schließlich unterzeichneten der aus Serbien stammende Ministerpräsident Dragiša Cvetković und der Nachfolger von Stjepan Radić, Vlatko Maček, 1939 ein Abkommen über die Bildung einer banovina (Banschaft) Kroatien mit Teilautonomie und eigenem Parlament. Sie umfasste auch die kroatischen Mehrheitsgebiete von Bosnien-Herzegowina.


Fußnoten

1.
Siehe Abbildung auf S. 25.
2.
Die Darstellung folgt der Konzeption des Buches von Ludwig Steindorff, Kroatien. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg 20072. Für die Zeitgeschichte vgl. auch Dunja Melčić (Hrsg.), Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, Wiesbaden 20072; Sabrina P. Ramet/Konrad Clewing/Renéo Lukić (eds.), Croatia since Independence. War, Politics, Society, Foreign Relations, München 2008; Sabrina Ramet, Die drei Jugoslawien. Eine Geschichte der Staatsbildungen und ihrer Probleme, München 2011; Holm Sundhaussen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen, Wien 2012.
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Autor: Ludwig Steindorff für bpb.de
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