30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Flagge von Kroatien

16.4.2013 | Von:
Marie-Janine Calic

Kroatien und seine Nachbarn

Serbien

Mit Serbien und den Serben verbindet Kroatien eine ambivalente Beziehung. Sprachlich und kulturell ist man eng miteinander verwandt und hat in vielen Regionen Kroatiens Jahrhunderte lang eng und gut zusammengelebt. Von allen Bevölkerungsgruppen Jugoslawiens haben Kroaten und Serben am häufigsten Ehen miteinander geschlossen.[6] Andererseits verbinden sich mit Serbien politische Traumata: Aus jugoslawischer Zeit stammt der Vorwurf, die Serben hätten den Staat majorisiert, Kroatien ausgebeutet und schließlich mit einem Aggressionskrieg überzogen. Die Unabhängigkeit Kroatiens wurde propagandistisch zur Reaktion auf "serbo-kommunistische" Hegemoniebestrebungen stilisiert.

Das Schicksal der serbischen Minderheit in Kroatien bildet das zentrale Thema in den bilateralen Beziehungen. 1991 waren mehr als 581.000 Einwohner (12 Prozent der Bevölkerung) Kroatiens serbisch. Unmittelbar nachdem Kroatien am 25. Juni 1991 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, brachen in der Banija, in Dalmatien und in Slawonien Kämpfe zwischen bewaffneten Serben und kroatischen Sicherheitskräften aus. Die Serben betrachteten die Unabhängigkeit Kroatiens mit Sorge, da sie Verfolgungen wie zu Zeiten des faschistischen Ustascha-Staates in den 1940er Jahren fürchteten. Sie wollten in ihrer Mehrheit lieber mit ihren Landsleuten in einem gemeinsamen Staat bleiben.[7]

Die Jugoslawische Volksarmee unterstützte die serbischen Aufständischen, woraufhin die kroatische Regierung am 14. September 1991 entschied, die Kasernen der Volksarmee anzugreifen. Der jugoslawische Generalstab reagierte mit einer Großoffensive in Ostslawonien. Jugoslawische Truppen und serbische Paramilitärs umzingelten und beschossen die Stadt Vukovar, überfielen Stadt und Umland und vertrieben Tausende aus ihren Häusern. Auch Dubrovnik, die "Perle der Adria", wurde im Oktober 1991 angegriffen. Innerhalb weniger Wochen nahmen die Serben die umkämpften Gebiete unter Kontrolle. Die kroatische Bevölkerung, insgesamt über eine halbe Million Menschen, wurde systematisch vertrieben. Am 19. Dezember 1991 wurde die "Republik Serbische Krajina" mit der Hauptstadt Knin ausgerufen. Die Serben hielten bereits ein Drittel Kroatiens besetzt, als die Vereinten Nationen vorschlugen, eine Blauhelmtruppe in die umkämpften Gebiete zu entsenden. Die Jugoslawische Volksarmee zog sich daraufhin aus Kroatien zurück, Anfang 1992 rückte die UNPROFOR in sogenannte Schutzzonen ein.[8]

Seither bereitete sich die Kroatische Armee auf die Rückeroberung der Krajina vor, immerhin ein Drittel kroatischen Staatsgebiets. Im August 1995 gelang es ihr mit der Operation Oluja (Sturm), die von Serben gehaltenen Gebiete einzunehmen. 150.000 bis 200.000 Menschen wurden dabei systematisch vertrieben, fast 700 umgebracht. Serbisches Eigentum wurde zerstört.[9] Nur in Ostslawonien blieb ein serbisch kontrolliertes Gebiet übrig. Es wurde 1998 durch die UNO friedlich in kroatisches Hoheitsgebiet reintegriert.

Der "Heimatkrieg" und die Vertreibung der Serben stehen bis heute im Zentrum der kroatisch-serbischen Beziehungen. Die serbische Bevölkerung, die 1991 noch 12 Prozent der Einwohnerschaft Kroatiens ausmachte, ist heute auf 187.000 zusammengeschrumpft. Nach Angaben des UNHCR ist nur der geringere Teil der Vertriebenen, nämlich um die 50.000 Menschen, dauerhaft nach Kroatien zurückgekehrt. Weitere 70.000 kamen lediglich temporär zurück, um Staatsangehörigkeits- und Eigentumsfragen zu klären.[10]

Die Frage, wer für Krieg und Kriegsverbrechen verantwortlich ist, bleibt umstritten. Belgrad räumt Kriegsverbrechen ein, weist jedoch die Alleinschuld am Zerfallskrieg und den Vorwurf der Aggression von sich. Kroatien und Serbien beschuldigen sich gegenseitig und haben jeweils Anklagen auf Genozid beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag erhoben. Vorstöße Belgrads, die Anklagen beidseitig zurückzuziehen, blieben in Zagreb ungehört. Denn in Kroatien ist die Kriegsvergangenheit noch unmittelbar präsent: etwa in den Familien von 12.000 im "Heimatkrieg" Getöteten und 37.000 Verwundeten. Ferner ist das Schicksal von etwa 1.000 kroatischen Vermissten ungeklärt.[11]

Die Kroaten sehen sich mehrheitlich als Opfer serbischer Aggression, gegen die es einen legitimen Verteidigungskrieg zu führen galt. Vor diesem Hintergrund erscheint in der Öffentlichkeit die Frage zweitrangig, ob es dabei auch auf serbischer Seite Opfer gab. Die Anklage des Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien gegen den kroatischen General Ante Gotovina und weitere Verantwortliche wegen "ethnischer Säuberungen" in der Krajina empfanden viele als empörend und ungerecht. Nach einer Umfrage der kroatischen Tageszeitung "Jutarnji list" betrachteten 81,4 Prozent der Kroaten Gotovina als Helden, als er 2005 festgenommen wurde.[12] In verschiedenen Städten kam es zu Massenprotesten. National orientierte Kroaten waren außer sich, als Ante Gotovina und ein Mitangeklagter im April 2011 schuldig gesprochen wurden, im Rahmen eines "gemeinschaftlichen kriminellen Unternehmens"[13] die Vertreibung der Serben aus Kroatien befehligt zu haben.

Im Berufungsverfahren sahen es die Richter dann allerdings nicht mehr als erwiesen an, dass die Armee zivile Ziele mit exzessivem Artilleriebeschuss überzogen hätte. Am 16. November 2012 sprach die Berufungskammer des Haager Gerichtshofs die Angeklagten frei. Während auf Kroatiens Straßen 100.000 Menschen feierten, wurde das Urteil in Belgrad als Schlag ins Gesicht der serbischen Opfer aufgenommen. Tausende Demonstranten zogen protestierend durch die Innenstadt und verbrannten kroatische Fahnen. Man sah sich bestätigt, dass das Den Haager Tribunal ein politisches Instrument zur Abstrafung der Serben sei. In Kroatien wurde das Urteil hingegen als kollektiver Freispruch aufgefasst – als habe es überhaupt keine Verbrechen auf kroatischer Seite gegeben.

In beiden Ländern leistet das Urteil einer Kultur der Leugnung Vorschub und belastet die Beziehungen zwischen den beiden Staaten – auch wenn seit 2003 in Kroatien Prozesse gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher in eigener Jurisdiktion stattfinden. Anfang März 2011 kam es aus Anlass der gerichtlichen Verfolgung von rund 300 kroatischen Veteranen zu tagelangen Demonstrationen und Krawallen – es wurde hier immer wieder auch "Ja zu Kroatien, nein zur EU" skandiert. Kroatiens Premierminister Zoran Milanović beeilte sich daher nach dem Freispruch von Ante Gotovina zu betonen, dass die kroatische Justiz die während des "Heimatkrieges" begangenen Verbrechen noch nicht umfassend aufgearbeitet habe. Weder seien die Schuldigen bestraft noch die Opfer entschädigt.[14]

Trotz der Belastungen aus der Kriegszeit bemühen sich Kroatien und Serbien um eine Normalisierung ihrer Beziehungen. Bereits 1996 haben sich die beiden gegenseitig diplomatisch anerkannt. Ab 2003, während der Regierung von Ivo Sanader in Kroatien und Vojislav Koštunica in Serbien, gab es weitere Fortschritte. Kroatien hob damals die Visumspflicht für Reisende aus Serbien auf. 2010 reiste der kroatische Staatspräsident Ivo Josipović zu einem historischen Besuch nach Belgrad. Mit seinem damaligen Amtskollegen Boris Tadić nahm er Fragen der praktischen Zusammenarbeit in Angriff, behandelte aber auch heikle Tehmen wie Rückkehr von Flüchtlingen, Grenzstreitigkeiten und Minderheitenrechte.[15]

Eine neue Eiszeit schien anzubrechen, als der Kandidat der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) Tomislav Nicolić im Mai 2012 die Präsidentschaftswahlen in Serbien gewann. Zwar vertritt Nicolić eher einen moderat rechten parteipolitischen Kurs. Rhetorisch wird er aber immer wieder ausfällig, schwadroniert vom "Traum von Groß-Serbien" und davon, dass Vukovar immer eine serbische Stadt gewesen sei. Der kroatische Präsident Ivo Josipović blieb – ebenso wie sein bosnischer Kollege – der Amtseinführung Nicolićs fern.[16]

Erst Mitte Januar 2013 trafen die Premierminister Kroatiens und Serbiens wieder in Belgrad zusammen. Beide Staaten sind gleichermaßen daran interessiert, Fortschritte bei der Bewältigung der Kriegsfolgen sowie in Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und der europäischen Integration zu erzielen. Wenn Kroatien am 1. Juli 2013 der EU beitritt, wird es aus dem Mitteleuropäischen Freihandelsabkommen (CEFTA) ausscheiden, dem es seit 2002 angehört. Daher liegt es im Interesse beider Staaten, einen neuen rechtlichen Rahmen für ihre Handelsbeziehungen zu spannen.

Anders als auf Regierungsebene ist das Verhältnis zwischen den Bevölkerungen nicht von Pragmatismus bestimmt. Eine neuere empirische Studie aus Serbien zeigt, dass ethnozentrische Geschichtsbilder weit verbreitet sind. Jeder Zweite glaubt, dass die Serben schon immer in Serbien gelebt haben und dass Dubrovnik und Thessaloniki einmal serbische Städte waren. 70 Prozent sind überzeugt, dass die Serben in der Geschichte immer gerechte Kriege geführt haben. Von den Verbrechen der 1990er Jahre will eine große Mehrheit nichts wissen oder gewusst haben.[17]

Fußnoten

6.
Vgl. Ruža Petrović, Etnički mešoviti brakovi, in: Sociologija, 3 (1966), S. 89–104.
7.
Vgl. Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 304ff.
8.
Vgl. Mile Bjelajac/Ozren Žunec, The War in Croatia, 1991–1995, in: Charles Ingrao/Thomas Emmert (eds.), Confronting the Yugoslav controversies: a scholars’ initiative, West Lafayette 2009.
9.
Vgl. ICTY, Case No. IT-06-90-T, 12 March 2008, The Prosecutor v. Ante Gotovina et al., online: http://www.icty.org/x/cases/gotovina/ind/en/got-coramdjoind080312e.pdf« (11.3.2013).
10.
Vgl. Dejan Jović, Die kroatisch-serbischen Beziehungen, in: Blickpunkt Kroatien, Nr. 9, März 2010, S. 3; dazu auch Norbert Mappes-Niediek, Kroatien. Das Land hinter der Adria-Kulisse, Berlin 2009, S. 154.
11.
Vgl. D. Jović (Anm. 10), S. 3.
12.
Vgl. Sabrina P. Ramet et al. (eds.): Croatia since Independence. War, Politics, Society, Foreign Relations, München 2008, S. 14.
13.
Judgement Summary for Gotovina et al., The Hague, 15 April 2011, online: http://www.icty.org/x/cases/gotovina/tjug/en/110415_summary.pdf« (12.3.2013).
14.
Vgl. Blickpunkt Kroatien, Nr. 17, Januar 2013, S. 1.
15.
Vgl. Die Wende zwischen Kroatien und Serbien?, Euractiv vom 20.7.2010, online: http://www.euractiv.de/erweiterung-und-nachbarn/artikel/die-wende-zwischen-kroatien-und-serbien-003404« (12.3.2013).
16.
Vgl. Croatian-Serbien relations. Old wound, new grievances, Economist vom 29.1.2012, online: http://www.economist.com/blogs/easternapproaches/2012/11/croatian-serbian-relations« (12.3.2013).
17.
Vgl. Dubravka Stojanović et al., Novosti iz prošlosti. Znanje, neznanje, upotreba i zloupotreba istorije, online: http://www.bgcentar.org.rs/images/stories/Datoteke/novosti%20iz%20proslosti.pdf« (12.3.2013).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Marie-Janine Calic für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.