Flagge von Kroatien

16.4.2013 | Von:
Martin Mlinarić

Homophobie im zeitgenössischen Kroatien

Der Umgang mit sexuellen Minderheiten zieht einen tiefen Riss durch die kroatische Gesellschaft. Die Kampagne klerikaler bis rechts-konservativer Gruppierungen für den Katholizismus und die traditionellen kroatischen Familienwerte erreichte gegen Ende 2012 einen vorläufigen Höhepunkt. Streitthema ist der Lehrplan sowie die Einführung eines seit Jahren in Testphasen befindlichen Unterrichtsfaches zur Gesundheitskunde in Grund- und Gesamtschulen. Die sozialdemokratisch angeführte Koalition und ihr Bildungsminister, Željko Jovanović, sehen sich mit öffentlicher Entrüstung konfrontiert. Die Inhalte des Schulfachs decken im Rahmen des Sexualkundeunterrichts Themengebiete wie etwa die Gleichberechtigung der Geschlechter, Masturbation, Pornografie, Prostitution und Homosexualität ab.

Widerstand regt sich

Die "katholische Nation"[1] ist gespalten. Gegner der Einführung dieser Inhalte ist nicht nur der Klerus, der in der Vergangenheit über die Schwerpunkte des Sexualkundeunterrichts im Rahmen der Religionslehre bestimmen konnte. Vielmehr handelt es sich – unter Anführung der medial äußerst präsenten Vereinigung "Stimme der Eltern für Kinder" (Glas roditelja za djecu, GROZD), welche gemeinsam mit der christlich-konservativen Oppositionspartei Kroatische Demokratische Union (HDZ) und der katholischen Kirche seit Jahren an einer alternativen Fassung des Gesundheitsfachs arbeitet – um ein breites gesellschaftliches Bündnis rechts-konservativer Färbung. Stein des Anstoßes ist das vom Soziologie-Professor der Universität Zagreb, Aleksandar Štulhofer, entworfene Modul zum Thema "Gleichberechtigung der Geschlechter und verantwortungsvolles Sexualverhalten", das Homosexualität im Rahmen des Gesundheitsfachs als zu achtende und nicht korrigierbare Varietät menschlicher Sexualität abhandelt. Laut Kardinal Josip Bozanić, dem Zagreber Erzbischof, ist das Programm insbesondere an dieser empfindlichen Stelle "nicht im Einklang mit den kroatischen Traditionen."[2] Die einflussreiche Kirchenzeitung Glas Koncila (Stimme des Konzils) spricht bezüglich des Aufklärungsunterrichts von einer sich verschärfenden ideologischen Krise, die die ökonomischen und sozialen Problemlagen des Landes noch einmal zusätzlich potenziere. Der renommierte Theologie-Professor Adalbert Rebić deutet die jüngsten Entwicklungen als "Teil einer globalen Bewegung von abartigen sexuellen Minderheiten gegen die Mehrheit".[3] Die Debatte um die Einführung des neuen Unterrichtsfaches und die Art des Umgangs mit sexuellen Minderheiten spaltet die kroatische Nation nicht nur entlang zweier grundverschiedener Weltanschauungen; vielmehr symbolisiert sie den exemplarischen Konflikt zwischen den Oppositionen Links vs. Rechts, Liberal vs. Konservativ und Laizistisch vs. Klerikal. Laut einer Umfrage des staatlichen Fernsehsenders HRT sind 41,5% für die Einführung des Gesundheitsfachs in seiner vorgeschlagenen Form, 22,3% sind grundsätzlich dagegen, wohingegen 23% dafür plädieren, dieses nicht mit Inhalten wie Homosexualität auszustatten. Demzufolge sind etwa 45% der Befragten gegen den Aufklärungsunterricht und halten die Sensibilisierung für Homosexualität für problematisch.[4]

Die auf unterschiedlichen Ebenen stattfindende soziale Diskriminierung sexueller Minderheiten ist im postjugoslawischen Sprachraum nahezu omnipräsent. Der Monitoring-Bericht vom Oktober 2012 über den Stand der Vorbereitungen Kroatiens auf den Beitritt zur Europäischen Union mahnt an, dass die Diskriminierung sexueller Minderheiten effektiv bekämpft werden müsse.[5] Kroatien stellt bezüglich des hohen Grades an Homophobie nur eine von vielen strukturähnlichen postjugoslawischen Varietäten dar. Zuweilen ist, ob in Belgrad, Sarajevo, Zagreb oder Split, vor allem der hohe Zustimmungsgrad und mit Gewalt versehene Impetus (süd-)osteuropäischer Homophobie auffällig. Gewaltexzesse ließen sich nicht nur bei Demonstrationen in Belgrad (2001/2010) oder Sarajevo (2008), sondern auch in Split beobachten, als im Juni 2011 ultranationalistische Gruppierungen, politische Rechtspopulisten, Fußball-Hooligans und Vertreter religiöser Institutionen die Teilnehmer der dalmatinischen Version des Christopher Street Day mit Eiern, Steinen und Flaschen bewarfen oder verbal attackierten. "Ubij pedera!" ("Bringt die Schwuchteln um!"), rief die aufgebrachte Menge (ca. 10000) im Stile einer Hate Speech unaufhörlich.[6] Am 9. Juni 2012 sicherten 900 Polizisten die zweite Demonstration in Dalmatien. Die Veranstaltung konnte ohne größere Zwischenfälle vonstattengehen, dennoch erregen sichtbare nicht-heterosexuelle Identitäten nach wie vor den Zorn der moralischen Mehrheit.

Soziologische Quellen des Hasses

Sozialpsychologische Studien weisen darauf hin, dass Geschlechter- und Sexualitätsnormen neben religiösen Faktoren den wohl nachhaltigsten Einfluss auf Homophobie haben.[7] In der soziologischen Geschlechterforschung ist die Deutung von Homophobie untrennbar mit dem Begriff Heteronormativität, der als legitim erachteten sozialen Norm von heterosexuell codierten Geschlechterverhältnissen, verbunden. Normen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Gültigkeit besitzen, Handlungsspielräume festlegen und abweichendes Verhalten sanktionieren.[8] Heteronormativität fungiert aus Sicht der Genderperspektive als eine Norm, die das Denken über Formen von Sexualität maßgeblich bestimmt, sich zur allgemeingültigen Handlungsschablone emporhebt und alles davon Abweichende als unnatürlich diskreditiert.[9] Homophobie kann demnach als Ausdruck eines heteronormativen Sanktionsmechanismus für nicht-heterosexuelles Verhalten definiert werden. Die Sanktionsdimensionen erstrecken sich von der Stigmatisierung und Diskriminierung auf der Alltagsebene bis hin zur juristischen Ungleichbehandlung von nicht-heterosexuellen Identitäten in steuer-, adoptions- und eherechtlichen Belangen.

Der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault skizzierte im Rahmen seiner Konzeption vom Sexualitätsdispositiv die historische Genese des modernen Verständnisses von Homosexualität. In der Absicht, eine gesellschaftlich und ökonomisch nützliche Sexualität zu bilden, werden sexuelle Abweichungen ab dem 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts juristisch verurteilt, diszipliniert, psychiatrisiert und mit medizinischen Korrekturmaßnahmen versehen. Alles, was mit Sexualität verbunden ist, dient dazu, Bevölkerungswachstum zu sichern, Arbeitskraft zu generieren und die bestehenden Formen gesellschaftlicher Beziehungen aufrechtzuerhalten.[10] Der Homosexuelle steht als "Agent des Perversen" in radikalem Widerspruch zur normativ gewünschten sozialen Ordnung; hierin bildet das heterosexuelle (Ehe-)Paar, abgesichert durch staatliche, nationale und religiöse Institutionen, durch die Beziehungsmuster Mann/Frau und Eltern/Kind im Medium der Familie, die Hauptachse des vom Christentums geprägten Sexualitätsdispositivs.[11]

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler entwickelt diese Perspektive mit ihrem Begriff von der "Heterosexuellen Matrix" überzeugend weiter, indem sie jene als sprachliches (Macht-)Regime konzipiert, in der die Produktion des sprachlich-binären Rahmens, das gesellschaftliche Verständnis über die biologischen Geschlechter (sex), die soziale Geschlechtsidentität (gender) und die Begehrensrichtung von Subjekten normiert.[12] Die biologische Klassifikation eines Subjekts erfordert nicht nur eine bestimmte soziale und auf das biologische Geschlecht als sinnvoll erachtete Verhaltensweise wie Kleidung, Frisur und Körpersprache, sondern auch eine sexuelle Begehrensrichtung, die sich auf das jeweils andere Geschlecht bezieht. Die soziale Konstruktion von Geschlechtsidentität vollzieht sich entlang des ständigen gesellschaftlichen sprachlichen Wiederholens von Geschlechtsnormen, die auf binären Strukturen gegründet sind und in Wissenschaft, Theologie und Alltag als "Sprache der universellen Vernunft" in Erscheinung treten. Der Diskurs legt innerhalb einer Kultur die vorstell- und lebbaren Konfigurationen sowie Grenzen von (Geschlechts-)Identität und Sexualität fest.[13] Distinkte Geschlechter werden durch ein strenges Ausschlussverfahren konstruiert, das durch stetiges Reaktualisieren gekennzeichnet ist.[14] Dieses Verfahren konsolidiert den heterosexuellen Imperativ, wobei Homosexualität als das Marginalisierte konstitutiv auf die herrschende Heterosexualität bezogen ist. Der oder die Homosexuelle verkörpern die soziale Negation seiner/ihrer biologischen Konstitution: entweder als "weiblicher Mann" oder "männliche Frau", womit auch diese Identität nur im Bedeutungsrahmen heterosexueller Matrix verständlich wird.[15] Der soziale Effekt dieser Prozeduren ist, dass wir es als selbstverständlich annehmen, dass Männer Frauen und Frauen Männer begehren.

Fußnoten

1.
Klaus Buchenau, Kämpfende Kirchen. Jugoslawiens religiöse Hypothek, Frankfurt/M. 2006, S. 123.
2.
Josip Bozanić, in: Nulta točka (HRT), Zdravstveni odgoj, Sendung vom 17.12.2012, online: http://www.hrt.hr/index.php?id=enz&tx_ttnews[cat]=572&cHash=a9c0c46923« (23.2.2013).
3.
Zit. nach: Norbert Mappes-Niediek, Öffentliches Küssen gegen die Kirche. Kroatiens Klerus bekämpft Sexualaufklärung, in: Berliner Zeitung vom 14.1.2013, S. 6.
4.
Vgl. Frenki Laušić, Teolog Adalbert Rebić: Pederi, lezbe i razni Štulhoferi upropastit će nam Hrvatsku, in: Slobodna Dalmacija vom 9.1.2012.
5.
Vgl. European Commission, Communication from the Commission to the European Parliament and the Council. Monitoring Report on Croatia’s state of preparedness for EU membership, Brüssel 2012, S. 4.
6.
Vgl. Amnesty International, Croatia: Inadequate Protection: homophobic and transphobic hate crimes in Croatia, EUR 64/001/2012, 6.6.2012, online: http://www.unhcr.org/refworld/docid/4fd1a2d62.html« (16.3.2013).
7.
Vgl. Melanie C. Steffens, Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen, in: APuZ (2010) 15–16, S. 14–20, hier: S. 19.
8.
Vgl. Peter Wagenknecht, Was ist Heteronormativität? in: Jutta Hartmann (Hrsg.), Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht, Wiesbaden 2007, S. 17f.
9.
Vgl. Rüdiger Lautmann, Soziologie der Sexualität, Weinheim 2002, S. 374ff.
10.
Vgl. Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit. Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1977, S. 50f.
11.
Vgl. ebd., S. 129ff., S. 137.
12.
Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M. 1991, S. 8ff.
13.
Vgl. ebd., S. 27ff.
14.
Vgl. Judith Butler, Körper von Gewicht. Über die diskursiven Grenzen des Körpergeschlechts, in: Neue Rundschau, 104 (1993) 4, S. 57–70, hier: S. 57f.
15.
Vgl. Hannelore Bublitz, Geschlecht, in: Hermann Korte/Bernhard Schäfers (Hrsg.), Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie, Wiesbaden 20087, S. 87–105, hier: S. 100.
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