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23.4.2013 | Von:
Daniela Pscheida

Wissen und Wissenschaft unter digitalen Vorzeichen

Was haben Sie getan, als Sie zuletzt etwas nicht oder nicht genau wussten? Rein theoretisch ließe sich hier eine breite Palette unterschiedlicher Quellen und Vorgehensweisen benennen: vom Gespräch mit einer Freundin oder dem Kollegen über den Anruf beim Experten oder einer Informationshotline bis hin zum Blick ins Nachschlagewerk, das rasch aus dem Regal gezogen wird. Die meisten Personen würden aber vermutlich angeben, den gesuchten Begriff zunächst erst einmal in den Suchschlitz der Suchmaschine ihrer Wahl eingegeben zu haben – zumindest dann, wenn sie grundsätzlich über eine Internetverbindung verfügen. Das World Wide Web nimmt so gesehen eine bevorzugte Stellung ein, wenn es um die Beschaffung von Informationen geht. Es ist, wenn man so will, ein von vielen präferierter "guter Informant".[1] Das ist inzwischen alltäglich. Dennoch liegt in dieser simplen Beobachtung der Veränderung von gesellschaftlichen Handlungsgewohnheiten der Hinweis auf umfassendere Wandlungsprozesse, denn hier geschieht mehr als die Substitution eines Mediums durch ein anderes.

Wer mittels einer Suchmaschine im Netz recherchiert, dem geht es in der Regel um eine schnelle Orientierung zum Gesuchten. Dabei geht der Suchende davon aus, dass das Internet hier tatsächlich hilfreich sein kann. Die Motivation zur Suche im Netz erwächst also zum einen aus einer einfachen und unkomplizierten Zugriffsmöglichkeit, zum anderen aber auch aus der Erfahrung, dass die dort verfügbaren Informationen im Allgemeinen ausreichend für das aktuelle Informationsbedürfnis sind. Tatsächlich hat sich das World Wide Web innerhalb nur weniger Jahre zu einem Informationsreservoir von historischem Ausmaß und geradezu leitmedialer Dominanz entwickelt; ein Ort, an dem das Wissen der Welt wie nirgends sonst und niemals zuvor gebündelt und zugänglich wird. Zugleich ist das World Wide Web aber auch ein Ort, an dem neue Spielregeln für den Umgang mit Wissen gelten.

Wissen und Gesellschaft – Wissen in Gesellschaft

Dabei lässt sich gar nicht ohne Weiteres davon sprechen, dass es sich bei den im Rahmen einer Suchanfrage im Internet gefundenen Informationen auch um Wissen handelt, denn Wissen kann weder gespeichert noch übertragen werden. Der Weg von der Information hin zum Wissen stellt vielmehr einen individuellen Verarbeitungs- beziehungsweise Aneignungsprozess dar.[2] Wissen ist demnach stets Produkt der kognitiven Leistung eines Menschen.

Gleichwohl leben, handeln und denken Menschen im Allgemeinen nicht in absoluter Isolation, sondern sind mehr oder weniger fest in die Strukturen einer Gesellschaft eingebunden. Auf diese Weise erhält auch das individuelle Wissen eine soziale Komponente, weil die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen und verarbeiten (können), gesellschaftlich und damit auch kulturell vorgeprägt ist.[3] Diese kulturelle Vorprägung drückt sich etwa in der Diskursordnung einer Gesellschaft aus, die regelt, wer, wann und unter welchen Bedingungen zu welchem Thema etwas sagen darf oder eben nicht.[4] Manifest wird sie aber auch anhand der Organisationen und Institutionen einer Gesellschaft, die diese Machtstrukturen der diskursiven Praxis reproduzieren und stützen.

Eine zentrale Institution im Diskurs um das Wissen in unserer Gesellschaft stellt die Wissenschaft dar. Das System Wissenschaft hat ein engmaschiges Netz aus Normen, Regeln, Strukturen, Rollenmustern und Vorgehensweisen (Methoden) entwickelt, das nicht nur ihren eigenen Erhalt sichert, sondern auch eine ganz bestimmte Kultur des Umgangs mit Wissen hervorgebracht hat.[5] Diese Kultur des Wissens hat nicht nur Gültigkeit für die Wissenschaft selbst, sie hat sich vielmehr weit in die (Alltags-)Gesellschaft hinein ausgebreitet. Zu ihren Kernmerkmalen gehören der Anspruch auf Objektivität und strenge Rationalität eines als gültig anerkannten Wissens sowie die Orientierung auf ein professionelles Expertentum.[6]

Vorgeprägt ist die soziale Wirklichkeit aber auch und vielleicht noch entscheidender durch die Medien, die Informationen speichern und prozessieren, soziale Kommunikation ermöglichen und zugänglich machen und damit Gesellschaft gewissermaßen überhaupt erst entstehen lassen. Das strukturierende Potenzial liegt dabei im Medium selbst begründet, das in entscheidender Weise die Wahrnehmung von Informationen prägt. So kann das Aufkommen eines neuen Mediums die Struktur und das Denken von Gesellschaften grundlegend verändern.[7] Die mediengeschichtliche Forschung hat sich hier beispielsweise sehr intensiv mit der Bedeutung der Einführung des Buchdrucks für den gesellschaftlichen Wandel von der Frühen Neuzeit hin zur Moderne auseinandergesetzt, wobei hier auch die Entstehung der modernen akademischen Wissenschaft eine wichtige Rolle spielt.[8]

Internet als Leitmedium der digitalen Wissensgesellschaft

Prägend für die Wissenskultur unserer gegenwärtigen westlichen Gesellschaften ist zweifellos das Internet. Innerhalb nur weniger Jahre ist es zu einem zentralen Medium der Selbstvergewisserung über die Welt geworden. Die große Stärke des Internet ist dabei, dass es rund um die Uhr und an theoretisch jedem Ort zugänglich ist. Mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablet-PCs intensivieren diese Eigenschaft noch. Das Internet bedient zudem unterschiedslos alle Interessenbereiche; alles ist rasch und unkompliziert digital auffind- und abrufbar. Dass dies so ist, ist freilich kein Zufall, denn unsere Gesellschaft hat kollektiv ein großes Interesse daran. Und: Sie stellt sich zugleich mehr und mehr darauf ein.

Wenn man so will, leben wir inzwischen in einer digitalen Wissensgesellschaft – verstanden als die konsequente Fortschreibung der Wissensgesellschaft mit digitalen Mitteln. Das Konzept der Wissensgesellschaft[9] markiert die westlichen Gesellschaften seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als "wissenszentrierte Gesellschaften", in denen Wissen und wissensbezogene Tätigkeiten zu einem immer zentraleren Element wirtschaftlicher Wertschöpfung werden.[10] Die zunehmende ökonomische Bedeutung des Produktionsfaktors Wissen bringt aber auch weitere Änderungen mit sich, etwa die beschleunigte Entstehung neuen Wissens. Daraus wiederum folgt nicht nur, dass zugleich auch bestehende Wissensbestände rascher verfallen und die sogenannte Halbwertszeit des Wissens sinkt; die beschleunigt neu entstehenden Wissensbestände zeichnen sich auch dadurch aus, dass aufgrund einer zugleich zunehmend dezentralisierten Wissensproduktion konkurrierende und sich bislang gegenseitig sogar ausschließende Wissensbestände zeitgleich nebeneinander existieren und plurale Deutungsmöglichkeiten liefern (Vervielfachung und Vervielfältigung). Es ist als einzelnes Individuum heute also weder möglich, einen Überblick über den gesellschaftlichen Wissensbestand zu behalten, noch an einem einmal erworbenen Wissen festzuhalten. So konfrontiert uns die digitale Wissensgesellschaft mit der Herausforderung einer gesellschaftlichen Lebensrealität, die ein prinzipielles Bewusstsein für die Vielgestaltigkeit und Veränderbarkeit des Wissens voraussetzt sowie die permanente Bereitschaft jedes Einzelnen, diesem Umstand flexibel und zugleich effektiv Rechnung zu tragen.[11]

Das Internet als Informationsmedium antwortet nun in einzigartiger Weise auf diese Anforderungen, indem es sowohl die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit der sich beständig erweiternden und verändernden Wissensbestände gewährleistet, als Partizipationsmedium aber auch die Gestaltbarkeit von Wissen strukturell bereits enthält. In diesem Sinne fungiert das Internet geradezu als Leitmedium der digitalen Wissensgesellschaft, denn es greift ein gesellschaftliches Bedürfnis nicht nur auf, sondern verhilft diesem zugleich auch zu neuer Geltung und verstärkt es ähnlich einem Katalysator. Im Ergebnis dieses Wechselspiels entstehen neue Rahmenbedingungen für die gesellschaftliche Wissenskultur.[12]

"Wikipediatisierung" des Alltagswissens

Die öffentliche Diskussion um den digitalen Wandel des Wissens, dessen Bedeutung und Auswirkungen setzte etwa zeitgleich mit dem Aufkommen des Begriffs des Web 2.0[13] ein und steht in engem Zusammenhang mit dem Schlagwort der "Amateurkultur".[14] Hatte sich das Internet seit Anfang der 1990er Jahre bereits mit durchschlagendem Erfolg als Medium zur tagesaktuellen Information sowie zum Austausch elektronischer Post (E-Mail) etabliert, kamen nun zunehmend Webseiten auf, die auch von unerfahrenen Personen ohne Kenntnis von Programmiersprachen bearbeitet und mit Inhalten gefüllt werden konnten. Dies war der Durchbruch für das Internet als massenmediales Beteiligungsmedium. Fortan waren nicht mehr nur die redaktionell erstellten und gepflegten Einträge offizieller Institutionen und Einrichtungen im Netz präsent, auch die Gedanken, Meinungen und Alltagsgeschichten von Privatleuten fanden Eingang in die Datenflut des World Wide Web – mit strukturell relevanten Folgen für das Wissen.

Das Web 2.0, das heißt die Einführung von Anwendungen, die den Nutzer unmittelbar an der Herstellung von Webcontent beteiligen und die gerade daraus ihren Mehrwert beziehen, hat die Grenze zwischen Produzent und Konsument von Inhalten zumindest potenziell aufgehoben.[15] Blogs und soziale Netzwerke, aber auch Wikis und Foren sind Orte der Kommunikation und des oft intensiven Informationsaustauschs zwischen den verschiedensten Personen. Dabei macht es grundsätzlich betrachtet keinen Unterschied, ob man Laie ist oder ausgewiesener Experte. Mit anderen Worten: Die Rollenmuster Experte und Laie bleiben zwar weiter erhalten, doch sind diese nicht mehr festgelegt beziehungsweise vordefiniert. Jeder kann situativ die Rolle des Laien und/oder die des Experten einnehmen.

Das Paradebeispiel für diese fluide Form des kollektiven Laien-Expertentums ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia.[16] Seit 2001 entsteht durch das Engagement einer großen Zahl freiwilliger Autorinnen und Autoren das inzwischen größte Nachschlagewerk der Welt. Wikipedia beeindruckt aber nicht nur aufgrund ihrer Größe beziehungsweise der Vielzahl und Aktualität der darin zusammengetragenen Fakteninformationen. Beeindruckend ist vor allem, wie rasch und nachhaltig sich die Wikipedia als favorisierte Informationsquelle im Netz durchsetzen konnte und damit sogar Giganten wie den Brockhaus ernsthaft ins Wanken brachte.

Laut der Ergebnisse der ARD/ZDF-Online-Studie 2012 nutzen 72 Prozent der deutschsprachigen Onlinenutzer ab 14 Jahren die Wikipedia gelegentlich, 30 Prozent sogar regelmäßig.[17] Dabei scheint die Attraktivität der Wikipedia gerade bei den jüngeren Zielgruppen (Schüler und Studierende) besonders hoch zu sein. So bescheinigte eine Untersuchung des Karlsruher Instituts für Technologie 2011 Google und Wikipedia "eine herausragende Rolle für die Nutzung im Studium", denn sie "weisen unter den Informationsdiensten sowohl die höchsten Nutzungs- als auch Zufriedenheitswerte auf".[18]

Die Bildungsinstitutionen Schule und Universität stehen der Nutzung der Wikipedia als Informationsquelle in der Regel allerdings skeptisch gegenüber. Grund dafür ist der Mangel an Verlässlichkeit der in den Artikeln zu findenden Informationen. Da jeder jederzeit Eintragungen und Änderungen vornehmen kann, ist die Qualität nicht garantiert. Zwar wurde in verschiedenen Vergleichsstudien nachgewiesen, dass die Wikipedia klassischen Enzyklopädien in diesem Punkt keineswegs nachsteht,[19] doch ist die Skepsis in gewisser Hinsicht durchaus angebracht. Denn die Benutzung der Wikipedia bedeutet, dass man die in ihr herrschenden Prämissen des Umgangs mit Wissen akzeptiert oder wenigstens in Kauf nimmt. So waren die klassischen Enzyklopädien, die als ledergebundene Nachschlagewerke die Regale der Bibliotheken und privater Wohnzimmer füllten, nicht nur physisch an das Medium des gedruckten Buches gebunden. Sie waren auch strukturell durch und durch Sprösslinge der Buchkultur und damit auch einem buchkulturellen Wissensmodell verhaftet, das sich nicht zuletzt durch eine klare redaktionelle Trennung zwischen den schreibenden Experten und den sich lesend informierenden Laien auszeichnete und dadurch die hohen Standards der Wissenschaftlichkeit – Objektivität und Rationalität – gewährleisten konnten. Die Wikipedia nun überwindet neben den Grenzen des bedruckten Papiers (wodurch sie ein Vielfaches an Inhalten aufnehmen kann) auch jene der buchkulturellen Wissensprinzipien, indem sie etwa auf einen redaktionellen Prüfprozess vor Veröffentlichung verzichtet.[20] Dieser Schritt ist im Sinne der demokratischen und partizipativen Internetkultur nur konsequent, im Rückgriff auf den buchkulturell geprägten Begriff der Enzyklopädie ist er problematisch oder wenigstens irritierend, denn die Online-Enzyklopädie à la Wikipedia weicht damit vom klassischen Gattungsverständnis ab und definiert dieses neu.

Digitale Wissenschaft

Neben dem Wandel im allgemeinen gesellschaftlichen Umgang mit Wissen vollziehen sich auch im Inneren der Wissenschaft seit einiger Zeit weitgreifende Veränderungen. Der dabei verschiedentlich beschworene Paradigmenwechsel[21] ist eng verwoben mit dem 1999 von John Taylor in seiner damaligen Funktion als Director General of Research Councils in the UK Office of Science and Technology eingeführten Begriff der E-Science. E-Science, so Taylor, bezeichne neue Arbeitsmodelle in der Wissenschaft, die durch die Schaffung und den Einsatz leistungsfähiger technologischer Infrastrukturen einerseits sowie die Zunahme globaler Kooperationen zwischen Menschen und Ressourcen andererseits gekennzeichnet seien.[22] Etwa zur gleichen Zeit stellte der Wissenschafts- und Technikforscher Michael Nentwich die These auf, dass Informations- und Kommunikationstechnologien alle Bereiche der Wissenschaft – die Wissensproduktion ebenso wie die interne Zirkulation des Wissens sowie dessen externe Weitergabe – in entscheidender Weise beeinflussten und somit nicht nur die Arbeitsformen grundlegend verändern werden, sondern auch zu qualitativen Umformungen innerhalb des wissenschaftlichen Systems führen werden.[23] Das Entscheidende an Nentwichs Ansatz ist dabei die deutliche Hervorhebung der strukturellen Veränderungen innerhalb der Wissenschaft, die dort, wo es um das Thema E-Science geht, meist nicht zuallererst im Blick sind. Im Vordergrund stehen hingegen oft eher quantitative Aspekte: Was die bundesdeutsche Entwicklung betrifft, so ging es in den vergangenen zehn Jahren zunächst vor allem um die Förderung des Einsatzes von sogenannten Grid-Technologien in der Wissenschaft. Ziel dieser Förderung war und ist die Her- und Bereitstellung leistungsfähiger Forschungsinfrastrukturen auf der Basis der Nutzung verteilter Rechenkapazitäten und des Zusammenschlusses verteilter Daten und Ressourcen. Einen Schwerpunkt bildete dabei zunächst die Verwaltung und Verarbeitung großer Datenmengen (big data). So förderte die sogenannte D-Grid-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zwischen 2005 und 2012 insgesamt über 30 Projekte mit einem Finanzvolumen von mehr als 100 Millionen Euro.[24]

Analytisch interessant und relevant ist der Fakt, dass Forschungsinfrastrukturprojekte und der Einsatz von Hochleistungsrechnern zu Forschungszwecken eine datenintensive Wissenschaft begründen, in welcher die Technik selbst zunehmend zum Akteur im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess wird. Diese Beobachtung bewegte den amerikanischen Informatiker Jim Gray Ende des ersten Jahrzehnts unseres neuen Jahrtausends zu der These, hier zeichne sich ein viertes Paradigma der Wissenschaft ab: Nach der (1) auf Anschauung und Beobachtung basierenden Wissenschaft der Antike (observational science), der (2) modell- und theoriebasierten Wissenschaft der akademischen Moderne (analytical science) sowie der (3) computergestützten und auf komplexen Simulationen beruhenden Wissenschaft (computational science) seien wir nun ins Zeitalter der data exploration, der E-Science eingetreten, die Theorie, Experiment und Simulation vereine.[25]

Der Weg hin zur E-Science als "datenintensiver Wissenschaft" ging zunächst von den Natur- und Technikwissenschaften aus, da dort zuerst ein verstärkter Einsatz von Simulationen und ein enormer Zuwachs an Daten stattfand. Aber auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften gibt es inzwischen zahlreiche Projekte und Initiativen in Richtung E-Humanities. Hier geht es längst nicht mehr nur um den Aufbau digitaler Datenbanken zur Langzeitarchivierung und für den zeit- und ortsunabhängigen Zugriff auf verteilte Ressourcen (digital humanities), sondern auch um die Entwicklung von Algorithmen und Systemen zur Analyse digitaler Daten (computational humanities). Dies verändert den Charakter dieser Wissenschaftsbereiche, finden doch bislang nicht vorhandene Ansätze, Konzepte und Methoden Eingang in die Fachkultur.[26]

Zunehmend ist die Frage zentral, wie Daten beziehungsweise Ressourcen und Anwender zusammengebracht werden können – wie also zwischen beiden zu vermitteln ist, denn eine der größten Herausforderungen der datenzentrierten Wissenschaft ist es, die entstehende Datenflut in sinnvoller Weise zu beherrschen. Auch dies ist im ersten Schritt eine technische Aufgabe, genauer: eine Aufgabe der Entwicklung geeigneter Schnittstellen, im technischen Sprachgebrauch auch Middleware genannt. Große Hoffnungen gehen hier in Richtung semantischer Lösungen. Intensiv wird daher seit Jahren an Ontologien und Möglichkeiten zur einheitlichen Meta-Beschreibung von Inhalten und deren sinnlogischer Verknüpfung geforscht.[27]

Doch auch und gerade unter den Bedingungen einer zunehmend digitalisierten Wissenschaft stellen die sozialen Beziehungen zwischen den an Wissenschaft beteiligten Personen einen zentralen Faktor dar. Zwar erfahren die Bereiche Interaktion und Kommunikation auch innerhalb der Wissenschaftscommunity durch das Web 2.0 neue Impulse und höchstwahrscheinlich auch eine Intensivierung, doch zeichnen sich auch neue Herausforderungen ab.

Die erste Herausforderung betrifft die organisationalen Strukturen und Mechanismen des Systems Wissenschaft. Die digitale Wissenschaft verlangt nach Offenheit und Transparenz sowie der Bereitschaft, Daten und Ideen in einem möglichst frühen Stadium der Erkenntnisgewinnung mit anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, aber auch Personen außerhalb der Wissenschaft zu teilen und gemeinsam an möglichen Lösungen zu arbeiten. Diese Haltung steht den klassischen Strukturen des Wissenschaftssystems jedoch entgegen. So reibt sie sich etwa mit den klassischen Mechanismen der wissenschaftlichen Anerkennungskultur, die im Hinblick auf den Erwerb von Reputation nach wie vor darauf setzen, eine Erkenntnis als erstes und in einschlägig bekannten und prominent rezipierten Organen veröffentlicht zu haben. Die Preisgabe von Informationen im Vorfeld der eigenen Publikationen – auch zu Kooperationszwecken – muss in diesem Sinne eher als hinderlich, wenn nicht gar gefährlich betrachtet werden.

Die zweite Herausforderung verweist auf ein erkenntnistheoretisches Problem im Kontext der Digitalisierung von Wissenschaft. David Weinberger stellt in seinem Buch "Too big to know" die These auf, dass sich der wissenschaftliche Wissensbegriff grundlegend wandeln müsse.[28] Grund dafür sei vor allem die Tatsache, dass die mithilfe ausgeklügelter Messinstrumente unaufhörlich gesammelten und von Computern verwalteten Datenbestände inzwischen viel zu groß und komplex geworden sind, als dass diese mit Modellen oder Theorien weiterhin sinnvoll zu erfassen und zu strukturieren wären.[29] Weil wissenschaftliches Wissen zunehmend im Netz prozessiert wird, so die zentrale Kernaussage Weinbergers, nimmt es auch zunehmend die Eigenschaften des Netzmediums an und wird offen für Kooperationen mit neuen Akteuren und widerstreitende Deutungen – verliert damit zugleich aber auch an Autorität und Eindeutigkeit.[30] Das verändert nicht nur das institutionelle Gefüge Wissenschaft, sondern auch und gerade das wissenschaftliche Wissen selbst. Erkenntnis, so ließe sich zusammenfassen, ist nicht länger ein Produkt, sondern geht im Prozess auf.[31] Das ist weit mehr als die bloße Veränderung von Arbeitsprozessen und Handlungspraxen. Stattdessen deutet sich hier die Notwendigkeit an, den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess grundlegend neu zu denken.

Dem Wandel begegnen

Bleibt die Frage, wie sich dem digitalen Wandel des Wissens in seiner Vielgestaltigkeit begegnen lässt. Das große Versprechen des digital prozessierten Wissens ist zweifellos dessen Gestaltungspotenzial. Dieses Versprechen als Chance für sich nutzen zu können, setzt jedoch entsprechende Kompetenzen voraus, die durch die Schaffung geeigneter digitaler Lern- und Erfahrungsräume systematisch ausgebildet werden müssen. Vor allem aber ist es notwendig, den Wandel in aller Klarheit wahrzunehmen und als solchen zu verstehen. Hier kann die Analyse noch längst nicht als abgeschlossen betrachtet werden.
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Fußnoten

1.
Vgl. Edward Craig, Was wir wissen können, Frankfurt/M. 1993, insb. S. 43.
2.
Diese aus der Kognitionspsychologie stammende und oft auch in Form eines Stufen- oder Pyramidenmodells dargestellte Unterscheidung zwischen Informationen als strukturierte und kontextualisierte Daten und Wissen als erfahrungs- und bedeutungsverknüpfte Informationen bildet die Grundlage des Wissensmanagements in Organisationen.
3.
Vgl. Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt/M. 2004 (1966).
4.
Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. 2003 (1974); ders., Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1981 (1973).
5.
Vgl. dazu etwa Peter Weingart, Wissenschaftssoziologie, Bielefeld 2003, S. 7–39.
6.
Vgl. Daniela Pscheida, Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert, Bielefeld 2010, S. 167–182.
7.
Vgl. beispielsweise Harold A. Innis, The Bias of Communication, Toronto 1999 (1951); Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man, Toronto 2002 (1962).
8.
Vgl. Elizabeth L. Eisenstein, Die Druckerpresse, Wien–New York 1997 (1983); Michael Giesecke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, Frankfurt/M. 1994.
9.
Vgl. u.a. Uwe H. Bittlingmayer, "Wissensgesellschaft" als Wille und Vorstellung, Konstanz 2005.
10.
Vgl. dazu exemplarisch Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society. A Venture in Social Forecasting, New York 1999 (1973).
11.
Vgl. D. Pscheida (Anm. 6), S. 214–221, S. 240–244.
12.
Vgl. ebd., S. 283–291.
13.
Vgl. dazu etwa Tom Alby, Web 2.0: Konzepte, Technologien, Anwendungen, München 2007.
14.
Vgl. dazu in positiver Lesart Ramón Reichert, Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0, Bielefeld 2008; in negativer Lesart Andrew Keen, The Cult of the Amateur, New York 2008.
15.
Vgl. Axel Bruns, Blogs, Wikipedia, Second Life, and Beyond. From Production to Produsage, New York 2008.
16.
Vgl. D. Pscheida (Anm. 6), insb. Kapitel V; Peter V. Brinkemper, Die Wikipediatisierung des Wissens, in: Telepolis vom 15.6.2008, online: http://www.heise.de/tp/artikel/28/28010/1.html« (18.6.2008). Siehe auch http://www.bpb.de/wikipedia« (8.4.2013) (Anm. d. Red.).
17.
Vgl. Katrin Busemann/Christoph Gscheidle, Web 2.0: Habitualisierung der Social Communities, in: Media Perspektiven, 7–8 (2012), S. 380–390.
18.
Michael Grosch/Gerd Gidion, Mediennutzungsgewohnheiten im Wandel, Karlsruhe 2011, S. 63, online: http://digbib.ubka.uni-karlsruhe.de/volltexte/1000022524« (5.4.2013). Vgl. auch Bernd Kleimann/Murat Özkilic/Marc Göcks, Studieren im Web 2.0, HISBUS-Kurzinformation 21/2008, S. 7, online: https://hisbus.his.de/hisbus/docs/hisbus21.pdf« (9.6.2009).
19.
Vgl. Michael Kurzidim, Wissenswettstreit, in: c’t, 21 (2004), S. 132–139, online: http://www.heise.de/kiosk/archiv/ct/2004/21/132« (6.6.2009); Jim Giles, Internet Encyclopaedias Go Head to Head, in: Nature, 438 (2005), S. 900f., online: http://www.nature.com/nature/journal/v438/n7070/full/438900a.html« (6.6.2009).
20.
Zwar existieren in der deutschsprachigen Wikipedia seit Mai 2008 gesichtete Artikel-Versionen. Die Sichtung bezieht sich jedoch lediglich auf eine allgemeine Prüfung auf Vandalismus. Das ebenfalls angedachte Konzept der geprüften Artikel-Versionen wurde bislang noch nicht umgesetzt.
21.
Vgl. Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M. 1973 (1967), insb. S. 104–122.
22.
Vgl. Tony Hey/Anne Trefethen, e-Science and its Implications, in: Phil. Trans. R. Soc. Lond. A, 361 (2003), S. 1809–1825.
23.
Michael Nentwich, Cyberscience: Die Zukunft der Wissenschaft im Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnologien, MPIfG Working Paper 6/1999, online: http://www.oeaw.ac.at/ita/ebene5/wp-mpifg.pdf« (24.8.2012).
24.
Vgl. Alexander Gerber/Denis Hartmann, Die Säulen des Supercomputing, hrsg. vom BMBF, Berlin 2011, S. 15ff.
25.
Vgl. Jim Gray, eScience: A Transformed Scientific Method, in: Tony Hey/Stewart Tansley/Kristin Tolle (eds.), The Fourth Paradigm. Data-intensive Scientific Discovery, Redmond 2009, S. xviii.
26.
Vgl. Gerhard Lauer, Digital Humanities – die anderen Geisteswissenschaften, in: SAGW-Bulletin, 1 (2012), Dossier Digital Humanities und Web 2.0, S. 54, online: http://www.sagw.ch/sagw/oeffentlichkeitsarbeit/bulletin/bulletin2011-2012.html« (3.4.2013).
27.
Als ein weiterer Trend ist "Citizen Science", die gezielte Einbindung von interessierten Laien in die Analyse und Auswertung, aber auch Sammlung wissenschaftlicher Daten, zu nennen. Vgl. beispielsweise http://www.galaxyzoo.org« und http://fold.it/portal (8.4.2013).
28.
Vgl. David Weinberger, Too Big to Know. Rethinking Knowledge Now That the Facts Aren’t the Facts, Experts Are Everywhere, and the Smartest Person in the Room is the Room, New York 2011, S. 123.
29.
Vgl. ebd., S. 123ff., insb. S. 127.
30.
Vgl. ebd., S. 123.
31.
Vgl. ebd., S. 155f.; A. Bruns (Anm. 15), S. 27f.; D. Pscheida (Anm. 6), S. 443.
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