Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Christiane Bender

Die Geburt der Wissensgesellschaft aus dem Geist des Kalten Krieges

Daniel Bell – Journalist, Organisator, Vordenker

Daniel Bell wurde 1919 geboren und verlebte seine Kindheit auf der Lower East Side von New York, immer gefährdet durch Armut und Gewalt. Nach der High School studierte Daniel Bell am City College in New York. Dort traf er auf Melvin Lasky, Irving Kristol, Seymour Martin Lipset und Irving Howe, alle ungefähr im gleichen Alter. Damals verstanden sie sich als antistalinistische Trotzkisten und bildeten, so würden wir heute sagen, ein Netzwerk.[3] Dieses Netzwerk blieb über die weiteren Etappen ihrer politischen Karrieren intakt. Am City College schloss Bell mit einem Bachelor in Sozialwissenschaften ab und studierte anschließend an der Columbia University. Seine berufliche Karriere begann Bell als Journalist und Herausgeber linker Publikationsorgane wie "New Leader", "Fortune" und "The Public Interest", teilweise gemeinsam mit den schon genannten Kommilitonen. Hier veröffentlichte er bereits die Thesen, die sich später in seinen Büchern finden. Nach einiger Zeit an der Universität von Chicago arbeitete er wieder als Journalist und widmete sich ab 1959 seiner Karriere als Professor für Soziologie an der Columbia University.

Da Daniel Bell sich schon früh für Politik interessierte, kam er wie selbstverständlich mit den New York Jewish Intellectuals in Kontakt. Entstanden in den 1930er Jahren trafen sich in diesem außergewöhnlichen Milieu über zwei Generationen hinweg vorwiegend linke Literaten, Verleger und Professoren, viele von der Columbia University. Zumeist locker organisiert, bildete sich dennoch ein stabiler "Inner Circle" um die Herausgabe gemeinsamer Zeitschriften, vor allem der "Partisan Review".[4] Bell und sein Netzwerk spielten eine zentrale Rolle. Die gemeinsame Haltung der Gruppe war antitotalitär, kosmopolitisch und liberal-sozialdemokratisch.

In den 1950er Jahren, als Senator Joseph McCarthy Kulturschaffende dem Verdacht auf "antiamerikanische Umtriebe" aussetzte, akzentuierten viele der New Yorker Intellektuellen ihre Position neu. Sie definierten sich nun explizit proamerikanisch und antikommunistisch. 1950 wurde der internationale Kongress für kulturelle Freiheit (Congress for Cultural Freedom) in Berlin gegründet, ein Sammelbecken proamerikanisch und antikommunistisch gesinnter Intellektueller. Prominente wie John Dewey, Bertrand Russell, Benedetto Croce und Karl Jaspers gehörten zu den Gründungsmitgliedern. In Deutschland übte der Sozialdemokrat Carlo Schmid über längere Zeit Leitungsfunktionen aus. Neben der Dachorganisation und dem Sitz in Paris wurden weltweit regionale Büros gegründet. Eine zentrale Aktivität bestand in der Herausgabe kulturell und politisch ambitionierter Zeitschriften. Mit Daniel Bell tauchten viele New Yorker Gesinnungsgenossen an einflussreichen Stellen innerhalb der Organisation wieder auf und brachten neben dem Antikommunismus den Konsensliberalismus als gemeinsame Weltanschauung ein. Der Konsensliberalismus strebte eine Synthese von Individualismus und Sozialpolitik in der Tradition des New Deal an. Systemkritik wurde unterlassen und die Vormachtstellung der USA in der westlichen Welt vorbehaltlos anerkannt. Der Kulturhistoriker Michael Hochgeschwender charakterisiert den Kongress als eine von der CIA finanzierte Agentur des Kalten Krieges mit dem Ziel, westliche "amerikanische" Werte zu vermitteln.[5]

Bell kam 1956 nach Paris, um dort die Seminarorganisation des Kongresses zu übernehmen. Der Kongress steckte in einer Krise. Antikommunismus und Antisowjetismus allein reichten für den Transfer westlicher Werte nicht mehr aus. Auf dem Mailänder Kongress gaben Eduard Shils, Melvin Lasky, Michael Polanyi und Raymond Aron zusammen mit Bell eine neue Orientierung aus: die These vom Ende der Ideologie. Rechte und linke Ideologien, vor allem marxistische, seien in ihrer visionären Kraft "erschöpft". Die Vereinigten Staaten hätten durch Demokratisierung und den Wohlfahrtsstaat die Klassenspaltung überwunden. Die unteren Schichten würden zunehmend am gesellschaftlichen Reichtum partizipieren. Große Weltentwürfe fänden keine Gefolgschaft mehr. Als dann 1960 Daniel Bells Buch "The End of Ideology"[6] erschien, avancierte es rasch zum Bestseller. Für die Weltanschauung vieler Mitglieder des Kongresses bildete es das Schlüsselwerk.

Gegen Ende der 1960er Jahre zerbrach der Kongress.[7] Bell wechselte 1969 zur Harvard University und lehrte dort bis zum Ende seiner beruflichen Laufbahn im Jahr 1990. Parallel zu seiner Tätigkeit an der Universität engagierte er sich in Stiftungen und in Kommissionen der Regierung zu Fragen des technologischen Fortschritts und der gesellschaftlichen Zukunft. Im Gespräch mit Wolf Lepenies, mit dem er "Correspondence", das Magazin des Council on Foreign Relation herausgab, warf Bell einen Blick auf sein Leben: "Mit Roosevelt und dem New Deal (…) entstand der Typus des ‚public intellectual‘. Ich wollte immer ein solcher öffentlicher Intellektueller sein, jemand, der auch von den Details der Politik etwas versteht und sich für ihr Alltagsgeschäft interessiert. Freunde von mir sagten: Der Intellektuelle muss kritisch sein. Das genügt mir nicht. Für mich besteht die entscheidende Funktion des Intellektuellen darin, Verantwortung zu übernehmen."[8]

"Nachindustrielle Wissensgesellschaft" – Tatsache oder ideologisches Konstrukt?

In seinem zweiten Buch "Die nachindustrielle Gesellschaft" nimmt Bell den Faden seines ersten Bestsellers auf: Griff der Antikommunismus als Grundlage der Mobilisierung und Orientierung der westlichen Intellektuellen zu kurz, und bezog sich die These über das Ende der Ideologie auf den sozioökonomischen und kulturellen Wandel der amerikanischen Gesellschaft, so beantwortet der Autor nun, worauf das anbrechende neue wissensgesellschaftliche Zeitalter beruhe und worauf sich die Bürger einzustellen hätten. Zu berücksichtigen ist, dass die 1970er Jahre des Kalten Krieges durch eine verhaltene schrittweise Entspannungspolitik zwischen West und Ost gekennzeichnet waren. Mit seinen neuerlichen Thesen stiftete der Soziologe einen breiten Konsens zwischen europäischen und US-amerikanischen Sozialwissenschaftlern. Viele Autoren folgten ihm oder hatten bereits in ähnliche Richtung gedacht. Beispielsweise der Ökonom Jean Fourastié, der in seinem Buch "Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts" die Vision einer humanen Dienstleistungsgesellschaft entwirft. Auch mit Alain Touraine, Colin Clark, Ralf Dahrendorf und Ronald Inglehart bestanden Parallelen. Der Optimismus dieser Autoren lag in der Überzeugung, dass ein Zeitalter, welches durch die rauen Gesetze der Industrie geprägt worden war, seinem Ende entgegen gehe.

Die These vom Wandel der Industriegesellschaft zu einer nachindustriellen Wissensgesellschaft steht im Mittelpunkt von Bells Buch. Der Autor zeichnet darin sozialstrukturelle Veränderungen der Erwerbstätigkeit, der Berufsprofile und der Arbeitsorganisationen nach. Ähnlich wie Jean Fourastié rekonstruiert er drei Phasen eines substanziellen Epochenwechsels vom "Spiel gegen die Natur" in der Agrargesellschaft über "das Spiel gegen die technisierte Natur" im Industriezeitalter zum "Spiel zwischen Personen" in der postindustriellen Gesellschaft (S. 116).[9]

Mit dem "Spiel zwischen Personen" meint Bell, dass Teamarbeit, Besprechungen, Informationsaustausch und Diskurse zunehmend das Klima in Unternehmen bestimmen. Anhand umfangreicher empirischer Daten belegt er, dass immer mehr Menschen von Dienstleistungsberufen leben, immer weniger Menschen von manueller Arbeit. Typische Dienstleistungsfelder wie Verwaltung, Gesundheit, Bildung, Forschung und Entwicklung wachsen zusehends. Aber auch Unternehmen, die Güter herstellen, benötigen dafür mehr Dienstleistungen. Tätigkeiten wie kalkulieren, analysieren, entwerfen und entwickeln tragen in einem immer größeren Ausmaß zur Wertschöpfung von marktreifen Produkten bei. Der "Hunger nach Tertiärem" wird unstillbar, so hat Jean Fourastié diesen Trend dramatisiert. Daniel Bell identifiziert darin vor allem eine wachsende Nachfrage nach akademischem Personal und richtet seine Hoffnungen auf eine neue, sich herauskristallisierende Gruppe von Wissensarbeitern. Diesen Professionals seien ein akademisch geprägter Habitus und eine hohe Problemlösungskompetenz zu eigen, die sie in die Arbeitswelt einbringen. Er vermutet, dass sich die Wissensarbeiter sukzessive zu einer herrschenden Klasse entwickeln, erhebliche Machtvorteile im beruflichen Positionsgefüge gegenüber den besitzenden Schichten erobern und deren Einfluss schwächen.

Aus heutiger Sicht wird deutlich: Bell fokussiert in seinem Buch die Gewinner der Bildungsexpansion und verknüpft seine Theorie mit den Interessen der neuen akademischen Eliten. Diese waren damals nicht nur gegen die herrschenden Eliten gerichtet, die ihre Position ihrem Eigentum verdankten, sondern auch gegen Konkurrenten, die aufgrund praktischer Erfahrungen (learning by doing), ohne akademische Qualifikationen, aufstiegen. Damit lässt sich der Verdrängungskampf am Arbeitsmarkt in den USA durchaus mit den Folgen der Bildungsexpansion in Deutschland vergleichen.[10] Die Abgänger mit Universitätsabschluss verdrängen die Bewerber mit praktischer Berufsausbildung. Bell vermutet, dass sich neue Konfliktlinien zwischen den professionalisierten Experten und "dem Mann von der Straße" auftun (S. 136).

Fußnoten

3.
Seymour M. Lipset: 1922–2006, Soziologe; Irving Howe: 1920–1993, Literaturwissenschaftler; Melvin Lasky, 1920–2004, Publizist, Organisator und Herausgeber der Zeitschriften des Kongresses für kulturelle Freiheit "Der Monat" in Deutschland und des "Encounter" in Großbritannien; Irving Kristol: 1920–2009, Journalist, wurde vom aktiven Trotzkisten zu einem führenden Kopf der neokonservativen Bewegung in den USA.
4.
Vgl. u.a. Irving Howe, The New York Intellectuals, in: Commentary, 23 (1968), S. 29–51.
5.
Vgl. Michael Hochgeschwender, Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998; Frances Stonor Saunders, Wer die Zeche zahlt … Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg, Berlin 2001.
6.
Vgl. Daniel Bell, The End of Ideology, Illinois 1960.
7.
Frances St. Saunders (Anm. 5) schreibt, dass die CIA wie ein Kulturministerium agiert habe. Als die "covert actions" zutage traten, distanzierten sich viele Aktivisten und Sympathisanten vom Kongress.
8.
Zit. nach: Wolf Lepenies, Klassiker zu Lebzeiten, in: Die Welt vom 27.1.2011.
9.
Diese und die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf D. Bell (Anm. 2), dt. Fassung.
10.
Der Einfluss der Theorien von Fourastié und Bell auf die Bildungsexpansion in Deutschland ist groß. Der Begriff der Wissensgesellschaft wird auch gegenwärtig noch durch eine Generation von Bildungspolitikern am Leben gehalten, die mit Bells Thesen akademisch sozialisiert wurde.
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Autor: Christiane Bender für bpb.de
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