>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Science Center: Wissen als Erlebnis - Essay


23.4.2013
Sie wird gern herbeizitiert und viel gelobt, gerade in politischen Sonntagsreden und öffentlichen Debatten: die Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft. Wenn es um den gesellschaftlichen und kulturellen (Werte-)Wandel geht, mögen Chiffren wie "Ego-Kapitalismus", "Risikogesellschaft" und "Digitale Leitkultur" die Denkfiguren der Wahl sein, aber wenn vom "Standort Deutschland" und dessen Perspektiven gesprochen wird, ist die Losung "Stärkung von Wissenschaft, Forschung und Bildung" nicht weit. Die "Wissens-" und "Wissenschaftsgesellschaft" ist zum Mantra eines aufgeklärten Gemeinwesens und seiner Selbstverständigung geworden, auch wenn meist nebulös bleibt, was damit konkret gemeint ist. Alles nur Fahne und wenig Inhalt?[1]

Sicher ist: Begriffe wie "Forschung", "Wissenschaft" und "Wissen" haben einen einschmeichelnden Klang. An der "Wissenschaftsgesellschaft" von heute und morgen zeigen sich viele interessiert – Forscherinnen und Forscher, Politiker und Infrastrukturplaner, Stifter, Unternehmer und Bürger. Man könnte von einer wachsenden Konsensgemeinschaft sprechen, die der Bedeutung von Fortschritt durch Wissen für unseren Wohlstand das Wort redet. Wer ein zukunftsfähiges Deutschland und eine offene Informationsgesellschaft will, so die Devise, setzt auf wissenschaftliche Erkenntnisse.

"Ressource Wissen"



Die Argumentation ist so bekannt wie eingängig: Die postindustrielle Bundesrepublik, ein ressourcenarmes Land, brauche die "Ressource Wissen" wie die Luft zum Atmen, brauche Erkenntnisfortschritt und Innovation, technologische Entwicklung und wissensbasiertes Handeln. Nur so könnten die drängenden Herausforderungen gemeistert werden. Und für den Einzelnen könne Wissen zu einem Selbstverständnis und zu einer Weltsicht auf der Höhe der Zeit beitragen – und damit einer demokratischen Gesellschaft dienen. Wer wollte diese Einsicht nicht in Stein gemeißelt sehen?

Auch im Medienalltag ist die Deutungshoheit von Forscherinnen und Forschern unübersehbar. Zugespitzt formuliert: Nichts zählt mehr, was nicht "die Wissenschaft" sagt, was sie beschreibt, bestätigen oder verwerfen kann. Während Großorganisationen wie Parteien, Kirchen und Gewerkschaften in einer tiefen Vertrauenskrise stecken, wird der "Großorganisation Wissenschaft" weiterhin Grundvertrauen entgegengebracht. So kommt Wissenschaftlern bei Fragen (und auch Pseudo-Fragen) ein gewichtiges Wort zu: Ob über das gesunde Pausenbrot, Kindererziehung in Patchwork-Familien oder die Energiedämmung von Hausfassaden diskutiert wird – Expertise aus Forschermund ist gefragt. Politiker setzen auf Gutachten und Studien, besonders bei strittigen Fragen und zur Akzeptanzgewinnung; man denke nur an die Debatte um die Energiewende. Doch so sehr Expertenwissen schätzenswert ist und unsere Wahrnehmung schärft – zeigt sich darin die viel zitierte Wissenschaftsgesellschaft?

Wo bekommt diese eigentlich ein Gesicht? Wo findet sich Anschauung, die über Stand, Prägekräfte und Charakter dieser Wissenschaftsgesellschaft tatsächlich Auskunft geben könnte? Die These dieses Essays ist, dass sie exemplarisch im Medium des Science Centers ein Gesicht und ihr Profil findet. Science Center sind nicht nur eine der dynamischsten und erfolgreichsten Medien der Wissensgesellschaft, sie sind ebenso Fenster zu vielfältigen Wissenswelten und Spiegel der Wissenschaftsgesellschaft. Sie haben Züge, die sich zeitdiagnostisch lesen und gesellschaftsanalytisch deuten lassen. Dabei wird sich zeigen, dass gesellschaftliche Erwartungen das Science Center prägen, wie umgekehrt das Science Center die Wissenschaftsgesellschaft mitprägt.

Mediale Wissensgesellschaft



Das Dauerprojekt Wissenschaft ist als kompetenter Problemlöser gefragt. Der "Elfenbeinturm" ist – zumindest rhetorisch – längst eingerissen und taugt bestenfalls noch zum Schattenkrieger. Doch wie stellt sich der wissenschaftliche Fortschritt in seinem gesellschaftlichen Nutzwert dar? Nicht nur bei den grand challenges wie Klimaerwärmung, alter und neuer Armut und den ergrauenden Wohlstandsgesellschaften Europas sind Antworten umstritten oder fehlen ganz; das gilt erst recht für Fortschritte im Kampf gegen Krebs- und neurodegenerative Erkrankungen. Forschung, grundlegende wie angewandte, bleibt eine langfristige und ergebnisoffene Anstrengung. Der wissenschaftliche Fortschritt verläuft, sieht man von der Entwicklung mancher Techniken ab, weder schnell noch geradlinig. Er ist eine Schnecke.

So kann die Wissenschaftsgesellschaft nicht als schattenlose Geschichte des Fortschritts gelesen werden, wohl aber als neue Stufe ihrer Medialisierung und öffentlichen Wahrnehmung. Durch den Aufschwung zu einer medialen Wissensgesellschaft sind Wissenschaft und Wissensfragen wie nie zuvor zu Medienthemen geworden: Hörfunk und Fernsehen zum Beispiel bereiten farbig und unterhaltsam, engagiert und ideenreich das "Abenteuer Wissen" auf; sie produzieren immer mehr Rate- und Wissensshows und experimentieren mit Science-Formaten. Zum multimedialen Medienauftritt gesellt sich das Entertainment – Sciencetainment liegt im Trend.[2]

Weltgewandt: Science Center



Um Sciencetainment geht es auch Science Centern. "Wissenschaftszentrum" klinge zu technisch, "Wissenschaftsmuseum" zu verstaubt, sagen Insider. So soll die Selbstbezeichnung "Science Center" als Markenname angloamerikanischer Prägung für mehr stehen: Center sind Einladungen in Themen-, Wissens- und Erlebniswelten und als solche im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn weltgewandt. Sie, die hauptsächlich Fragen aus natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern aufgreifen, haben Konjunktur und finden Zulauf – von Flensburg bis Konstanz, von Köln bis Dresden.

Rückblickend betrachtet, gewann die Bewegung hierzulande an Boden, als in Museen die ersten Mitmachbereiche einzogen: Das Deutsche Technikmuseum in Berlin eröffnete 1982 das "Spektrum" (seit 1990 "Spectrum Science Center"), das Deutsche Museum in München das "Kinderreich". Das Anliegen der Science-Center-Bewegung – Wissen zum Anfassen und als Erlebnis zu bieten – war damit in der deutschen Museums- und Ausstellungslandschaft angekommen.[3]

Eine neue Stufe der Entwicklung wurde 2000 erreicht, als das "Universum Science Center" in Bremen seine Türen öffnete. Mit 250 überwiegend interaktiven Exponaten auf 4.000 Quadratmetern war es gleich das größte in Deutschland. Es bietet drei "Expeditionen" zu Mensch, Erde und Kosmos. Nahezu jeder der bisher vier Millionen Besucher hat auf dem "Erdbebensofa" Platz genommen, das auf Knopfdruck in der Stärke Acht auf der Richterskala rüttelt und schaukelt. An dieses Highlight erinnern sich viele, ebenso wie an die Gestalt des Universums selbst. Den einen bleibt ein gestrandeter Riesenwal, anderen eine fliegende, silberfarbene Untertasse im Gedächtnis. Die futuristische Architektur trug dazu bei, dass das Universum zur Bildikone avancierte und längere Zeit stilbildend wirkte.

Ganz auf dieser Linie präsentiert sich auch das 2005 eröffnete "phaeno" in Wolfsburg. Es lädt ein in die "Welt der Phänomene" und erinnert äußerlich an ein gewaltiges, scheinbar schwebendes Betondreieck auf kegelartigen Stützen. Freischwebend geht es auch im Innern zu. Vorgeschriebene Wege und Ausstellungsführer sind unbekannt; Neugier, Schau- und Experimentierlust sollen den Besucher leiten. An über 300 Stationen gibt es Experimente zu Licht und Sehen, Wind und Wetter, Materie und Energie. Der Gast kann leuchtende Gase sehen, einen Tornado auslösen und Magnetschwebebahnen begegnen.

Begegnung ist auch ein Stichwort für das "Klimahaus Bremerhaven 8° Ost". Es versteht sich als "Wissens- und Erlebniswelt" zu Klimawandel, Wetter und Klimaschutz. Seit vier Jahren können Besucher eine Reise durch die Klimazonen des achten östlichen Längengrades unternehmen. Bei der virtuellen "Gradwanderung" über fünf Kontinente, die in Bremerhaven beginnt, werden alle Sinne angesprochen, mal in der schwülen Hitze Kameruns, mal in der Eiseskälte der Antarktis. Dabei helfen hautnahe Erlebnissphären und aufwendige Kulissen samt interaktiven Exponaten und Medienstationen. Äußerlich ähnelt das im Alten Hafen von Bremerhaven gelegene Klimahaus einem überdimensionierten Schlauchboot. Mit einer Ausstellungsfläche von fast 11.500 Quadratmetern zählt es zu den größten und derzeit auch zu den erfolgreichsten Science Centern in Deutschland.


Fußnoten

1.
Vgl. Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, München 2012. Diese Streitschrift des Kölner Psychiaters und katholischen Theologen, die gegen die Veruneigentlichung des modernen Lebens antritt, beschreibt die Wissenschaft als unwahre Kulissenwelt, die zum "Welttheater" (S. 33ff.) gehöre.
2.
Vgl. Eckart Klaus Roloff, Sciencetainment. Sprachwahl zwischen Hermetik und Populismus, in: Gegenworte, 7 (2001) 1, S. 52–55.
3.
Vgl. Hendrik Neubauer, Erlebnis Wissen. Die besten Erlebnismuseen und Science-Center, Pulheim-Brauweiler 20072.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Rembert Unterstell für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.