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Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Rembert Unterstell

Science Center: Wissen als Erlebnis - Essay

Center und "Centermania"

In ihren Arealen weitaus kleiner, aber dennoch ansprechend sind die "Phänomenta-Science Center". Die den Gesetzen der Physik nachspürenden Häuser in Flensburg, Bremerhaven, Lüdenscheid und Peenemünde sind einer Einladung verpflichtet: "Entdecke den Forscher in Dir". Vergleichbares gilt für das "Odysseum" in Köln, das sich "Abenteuer-Wissenspark" nennt und eine Reise durch die Themenwelten "Leben", "Erde", "Cyberspace", "Mensch" und eine "Kinderstadt" offeriert.

Profilschärfer ist die "Experimenta" in Heilbronn, das größte Science Center Süddeutschlands. Es will der Nachwuchsförderung dienen, indem es eine Mitmach-Ausstellung, eine "Talentschmiede" (zu Auto, Robotik und Forschung) und eine "Akademie junger Forscher" anbietet. In eine ähnliche Richtung geht die "Experiminta" in Frankfurt am Main, deren Namen – zusammengesetzt aus Experiment und MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) – Programm ist. Für stärker fokussierende Häuser steht das "Dynamikum" in Pirmasens, das seit bald fünf Jahren die Querschnittsthemen "Bewegung" und "Mechanik" näherbringt.

Publikumsmagneten sind auch zwei kleinere Center von überregionaler Bedeutung, die besonders wissenschaftsgetrieben sind: Das eine ist das Gießener "Mathematikum" von Albrecht Beutelspacher. Dieses erste mathematische Mitmachmuseum der Welt bietet für Jung und Alt Mathematik zum Anfassen. Das zweite ist das "Marine Science Center" von Guido Dehnhardt in Rostock-Warnemünde. Der Zoologe und sein Team erforschen die Sinnessysteme von Meeressäugern, namentlich von Seehunden, und machen ihre Arbeit im Jachthafen von Warnemünde im Wortsinn "einsehbar".[4]

Die "Centermania" hat auch Nischenanbieter auf die bunte Science-Center-Deutschlandkarte gebracht. Dazu zählen die "Naturgewalten" in List auf Sylt und die "botanika", "das erste grüne Science Center", in Bremen, ferner das schwimmende Science Center "MS Wissenschaft" der Initiative "Wissenschaft im Dialog". Auch das erste Science Center mit einem geisteswissenschaftlichen Themenspot ist entstanden: Das "wortreich" in Bad Hersfeld bietet Wissenswertes rund um Sprache und Kommunikation. Auf den Charme einer besonderen Lokalität setzt schließlich der "Turm der Sinne". In einem alten Turm der Nürnberger Stadtmauer geht es im "kleinsten Science Center der Welt" um Leistungen und Täuschungen der menschlichen Wahrnehmung.

Ob im kleinen oder großen Kerngehäuse – Science Center finanzieren sich aus privaten und öffentlichen Töpfen, aus Eigenmitteln, Stiftungsgeldern und öffentlichen Zuwendungen: Alle setzen sie auf Public Private Partnership. Unverzichtbar für das Geschäftsmodell ist das zahlende Publikum, das gewissermaßen mit den Füßen über Wohl und Wehe abstimmt. Wobei der Besucherzuspruch wetterwendisch ist. So haben selbst Vorzeige-Center wie das Bremer Universum und das Bremerhavener Klimahaus aktuell mit Besucherrückgängen zu kämpfen.

In dem Maße, wie sich der Reiz des Neuen verflüchtigt, das Alleinstellungsmerkmal verloren geht und neue Freizeitangebote in der Region locken, werden aus Interessenten weniger schnell Gäste. So müssen Häuser, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, sich teilweise neu erfinden. Attraktive Wechselausstellungen oder zusätzliche Event-Angebote sollen es richten. Allgemeiner gesagt: Die Anbieter bewegen sich in einem hoch dynamischen Tourismus- und Freizeitmarkt, der nach immer neuen Angeboten verlangt. Markt- und Konsumlogik gehen auch an Science Centern nicht vorbei.

Wissen zum Greifen nah

Worauf aber gründen Science Center ihren Erfolg? Ein Erfolgsfaktor ist die Idee und der Impetus, einen neuen Erfahrungsraum für das "Abenteuer Wissen" zu schaffen. Das macht Center zu interaktiven Ausstellungshäusern mit Erlebnischarakter; die Grenzen zum Erlebnismuseum sind fließend. Sie sind keine Wissenschaftsmuseen wie traditionelle Universitätssammlungen, und sie sind erst recht keine Forschungsmuseen wie etwa das "Römisch-Germanische Zentralmuseum" in Mainz, das gleichberechtigt zur Museumsarbeit Forschung betreibt, Forschungswerkstatt und Schaufenster in einem ist. Im Science Center steht alles im Schaufenster – das Depot ist leer – und dreht sich um inszenierte Wissenswelten. "Erlebnis Wissenschaft" und hands on sind entscheidend.

Der Besucher soll in eine Wohlfühlzone kommen – viele Science Center haben Freizeitparkatmosphäre –, wo er betasten und sehen, hören und sprechen, vielleicht auch riechen und schmecken kann. Das Mitmachen mit allen Sinnen zählt ebenso wie die Möglichkeit, spielerisch von Station zu Station zu gehen. Der Interessierte soll auf seinem Weg vom Betrachter zum Experimentator und Entdecker werden. So soll er sich Phänomene und Zusammenhänge erschließen, Aha-Effekte inklusive. Im besten Fall wird aus dem Erleben ein Verstehen, so die Überzeugung.

Diese Vorstellung knüpft an ein Konzept an, das Ende der 1960er Jahre in Kalifornien entstand: Wissenschaft zum Anfassen. Es war der Physiker Frank Oppenheimer, der 1969 in San Francisco das "Exploratorium" schuf; das Urmeter aller Science Center weltweit. Schnell fanden sich Nachahmer; Hunderte von Experimentierlabors öffneten in den Staaten ihre Türen. Dann erreichte die Bewegung Skandinavien und Großbritannien, wo sie die Public-Understanding-of-Science-Bewegung beflügelte. Mitte der 1980er Jahre erreichte die Welle den deutschsprachigen Raum, spätestens seit der Jahrtausendwende gewann sie an Schwung und Gestaltungskraft. Weltweit gibt es heute schätzungsweise 1000 Science Center – Tendenz weiter steigend.

Wissenschaft zum Anfassen – diese Maxime radiert das aus, was früher auf zahlreichen Hinweisschildern stand: "Berühren verboten". In eine weitere Perspektive gestellt: Während bis in die 1960er Jahre eine Lebensweisheit der Großelterngeneration für Nachwachsende lautete "Alles Unglück kommt vom Anfassen",[5] so heißt im Science Center die Devise: "Berühren erwünscht". Ein Wertewandel unter hedonistischen Vorzeichen ist mit Händen zu greifen. Der emanzipative Zeitgeist hat sich in das Konzept eingeschrieben.

Aufstieg der Event-Wissenschaft

Noch eine weitere Hintergrundfolie kann helfen, die "Centermania" zu verstehen: der Aufstieg der Event-Wissenschaft. Längst ist die "Eventisierung" gesellschaftlicher und kultureller Räume mehr als ein Schlagwort. Ob Kleingartenfest, Geschäftseröffnung oder Autorenlesung – nichts und niemand will ohne Event auskommen, der Aufmerksamkeit und Interesse verspricht. Dieser pulsierende Trend ist auch an der Wissenschaft und ihren Trägereinrichtungen nicht vorbei gegangen. Neue Formate der Wissenschaftskommunikation verbinden sich damit.[6] Das Spektrum der Event-Wissenschaft reicht heute vom Wissenschaftsfestival und -theater über science slams, Science-Cafés und Nächten der Wissenschaft bis eben zum Science Center. "Interaktion" und "Erlebnis", auch schlichtweg "Fun" sind zu Währungen eigener Art geworden, haben (Lifestyle-)Qualitäten angenommen.

In eine historische Perspektive gerückt, schärft sich das Bild: Das "Erlebnis Wissen" hat eine lange Vergangenheit, aber das Science Center nur eine kurze Geschichte. Damit ist gemeint, dass das Erlebnis (genauer: der faszinierte Blick auf Außergewöhnliches) weiter zurückreicht. Es beginnt mit den Kunst- und Wunderkammern im Barock, Raritäten- und Kuriositätenkabinetten, die auf die Sammelleidenschaft Adeliger zurückgehen. Im Zuge der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert gewinnt das Spektakel neue Dimensionen und Ausdrucksformen: Jahrmarkttheater, zirzensische Schaustellungen, Feuerinszenierungen und Wandermenagerien – Beispiele für Medien einer sich neu formierenden Populärkultur.

Das Science Center als Medium unserer Populärkultur lief wie schon erwähnt Ende der 1960er Jahre an der San Francisco Bay vom Stapel. Für Deutschland gab es allerdings nicht nur amerikanische Vorbilder. Die Berliner "Urania" wurde vor nunmehr 125 Jahren als erster Volksbildungsverein der Welt mit dem Ziel gegründet, Laien Experimente aus Physik, Mikroskopie und Astronomie nahezubringen.[7] Darauf bezog sich das Berliner "Spektrum", als es 1982 die ersten Hands-on-Experimente anbot. Schließlich kamen transatlantische und deutsche Anstöße zusammen und ließen ein Medium entstehen, das in der "Bildungsrepublik Deutschland" nur zu gern als außerschulischer Lernort wahrgenommen wird.

Fußnoten

4.
Vgl. Rembert Unterstell, Do It Again, Nick! A visit to Europe’s largest pinniped research station in Warnemünde, in: german research, 32 (2010) 1, S. 8–11.
5.
Hartmut von Hentig, Mein Leben – bedacht und bejaht. Kindheit und Jugend, München 2007, S. 93.
6.
Vgl. Attempto, 19 (2005), zum Schwerpunktthema "Wissenschaft als Event".
7.
Zur "Urania" als "erstes Science Center der Welt" siehe http://www.urania.de/die-urania/geschichte« (16.3.2013).
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Autor: Rembert Unterstell für bpb.de
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