Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Rembert Unterstell

Science Center: Wissen als Erlebnis - Essay

Wissen to go?

Doch was ist tatsächlich über das informelle Lernen in Science Centern bekannt? Vor allem, dass die Center-Anhänger die Vokabeln "Lernen" und "Bildung" unablässig im Munde führen. Was steckt dahinter? Nach den PISA-Debatten sind viele daran interessiert, Kinder und Jugendliche an die MINT-Fächer heranzuführen, wenn nicht dafür zu begeistern. Schulen und Lehrer, naturwissenschaftliche Institute und Forschende und auch Unternehmer, die einen Ingenieurmangel fürchten, schätzen und fordern eine frühe Nachwuchsförderung, MINT-Initiativen für die ganz Kleinen. Den meisten scheinen Bildungseffekte so zweifelsfrei wie das Alphabet. Doch sind sie das wirklich?[8]

Wissenschaftliche Studien zu Science Centern gibt es (noch) nicht. Empirische Untersuchungen und Analysen sowie valide Daten fehlen.[9] Die Kernfrage, ob und wie eine frühe Begegnung mit Naturwissenschaften und Technik ein besonderes Interesse wecken und später auch die Studien- und Berufswahl beeinflussen kann, ist nicht seriös zu beantworten. So kann nur darüber spekuliert werden, was die "Erwachsenen von morgen" tatsächlich aus Science Centern mitnehmen. Gibt es überhaupt nennenswerten Erkenntnisgewinn? Es ist paradox, dass eine Einrichtung, die sich mit dem Vornamen "Science" schmückt, ihre eigene pädagogische Wirksamkeit weder nachweisen noch fundiert Auskunft zu ihrer volkswirtschaftlichen Nützlichkeit geben kann.

So bleiben Science Center in der Praxis hinter ihrem selbst formulierten Anspruch zurück: Wie so oft wird das allgemeine Interesse (sprich: Bildung) für das besondere Interesse (vulgo: Profit) in Anspruch genommen. Science Center sind Wettbewerber in einem umkämpften Freizeit- und Tourismusmarkt. Für Politiker, Regional- und Strukturentwickler verknüpfen sich mit einem Center wirtschaftliche Interessen und Marketingziele. Als "weiche", aber nachhaltige Standortfaktoren versprechen sich Kommunen und Regionen einen Mehrwert für ihre Wirtschafts- und Tourismusförderung. Es ist kein Zufall, dass in den vergangenen Jahren Häuser zunehmend in kleineren Städten aufgemacht haben. Doch nicht immer erfüllen sich die hochfliegenden Erwartungen.

Nachrichten aus einem Wunderland?

"Erlebnis Wissenschaft" und popularisiertes Wissen – Science Center werden als Erlebnisstätte mit fassbarer Wissenschaft bespielt. Zwar wird das "Erlebnis für alle" beworben, aber tatsächlich sind Kinder und Jugendliche die wichtigsten, weil größten Zielgruppen. Darauf muss sich eine Ausstellungsdidaktik auf Augenhöhe einstellen, wenn Megathemen wie "Leben", "Erde" "Kosmos" aufbereitet werden. Doch der Popularisierbarkeit sind Grenzen gesetzt. Zugestanden wird das selten. Science Center inszenieren ein strahlendes, fast schattenloses Bild von Naturwissenschaften und Technik; sie erwecken den Eindruck, Nachrichten aus einem Wissenschaftswunderland kabeln zu können.

Sicher: Das Wissenswerte wächst, vor allem auf den ersten Blick. So haben Genetiker und Biologen seit der Jahrtausendwende das menschliche Genom entschlüsselt, Physiker ein "Gottesteilchen" gefunden und Archäologen die bislang frühesten Überreste menschlicher Kulturen in Mexiko entdeckt. Das ist – je für sich genommen – großartig. Aber mehren solche Sensationen auf den zweiten Blick unser Wissen zu fundamentalen Fragen (Woher kommen wir? Was macht Leben aus?), um die es auch in Science Centern geht? Der Basler Biochemiker Gottfried Schatz geht argumentativ noch weiter, wenn er betont: "Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften nähern sich heute den Grenzen menschlicher Vorstellungskraft und verlieren das Vermögen, unser inneres Leben zu bereichern."[10] Auch wer diese Sichtweise nicht teilt, muss anerkennen, dass die aufgeklärte Gesellschaft von Unwissen umstellt ist, gerade mit Blick auf die großen Menschheitsfragen.

Zwischen den beiden Flügelpositionen – einem selektiv-positiven Wissenschaftsbegriff hier und einem grundsatzskeptischen dort – hilft möglicherweise eine pragmatische Haltung weiter, die über die Frage führt: Was kann so schlimm daran sein, in Wissens- und Erlebniswelten einzutauchen? Die Antwort: Für den Einzelnen wenig, aber für die Gesellschaft mehr, weil sie – auch durch andere Medienangebote der Wissensgesellschaft – auf einen uneingeschränkt positiven Begriff von Wissenschaft geeicht wird. So gedeihen überzogene Erwartungen, Illusionen und Wunschdenken.

Seismograf der Wissensgesellschaft

Ein Reflex solchen Wunschdenkens ist die leicht entflammbare Bildungsrhetorik im Zusammenhang mit dem "Lernort Science Center". Dabei geht es nüchtern betrachtet nicht um Lernen im Sinne eines Wissens to go, schon gar nicht um vermittelbares Expertenwissen, sondern weitaus mehr um die Bestärkung einer Geisteshaltung: einer Grundhaltung des Interesses an der Welt, die neugierig macht und neugierig hält, eine Haltung der Offenheit und der Nachfrage, die die Lust am Neuen mit dem Drang zum Wissen-Wollen verbindet. Das ist freilich eine Einstellung, die nicht spezifisch durch Science Center befördert wird. Aber wie so oft könnten die indirekten Wirkungen folgenreicher sein als die direkten.

Wenn sich der tatsächliche Stand der Wissenschaftsgesellschaft daran bemisst, was in die Köpfe und Herzen der Menschen kommt,[11] dann steht diese erst am Anfang ihres Weges. Im Science Center geht es um das Erlebnis Wissen, überformt vom Bedürfnis nach guter Unterhaltung und abwechslungsreicher Freizeitgestaltung. Am Science Center indessen zeigt sich anschaulich, wie ein Medium zu einer Bühne und zu einer (Wunsch-)Kulisse für die Wissensgesellschaft geworden ist.

Auf dem Weg in die sich weiter entfaltende Wissensgesellschaft mit ihren schnell wachsenden Angeboten greifen Information und Unterhaltung ineinander. Das "Erlebnis Wissenschaft" findet hier eine stabile Grundlage. Gesicht und Profil der Science Center werden von zwei Kräften geprägt: von der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und der Vergesellschaftung der Wissenschaft. Diese komplementären Impulse tragen Dynamik und Wandel in die Wissensgesellschaft im Allgemeinen und in Science Center im Besonderen. Das Medium Science Center ist ein sensibler Seismograf.

Fußnoten

8.
Vgl. Rembert Unterstell, Wissen to go? Science Center und "Centermania", in: Gegenworte, 28 (2012) 2, S. 64–66.
9.
Ausnahme ist eine mittlerweile veraltete Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2001 mit dem Titel "Science Center. Studie im Auftrag des BMBF", online: http://www.innovationsundtechnikanalysen.de/publikationen/ita-veroeffentlichungen/scie_cen.pdf« (16.3.2013).
10.
Zit. nach: Beat Grossrieder, Die Unwissensgesellschaft, in: Neue Zürcher Zeitung vom 27.8.2012, S. 12.
11.
Vgl. Ernst Peter Fischer, Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, München 20012, S. 427.
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Autor: Rembert Unterstell für bpb.de
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