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23.4.2013 | Von:
Rembert Unterstell

Science Center: Wissen als Erlebnis - Essay

Sie wird gern herbeizitiert und viel gelobt, gerade in politischen Sonntagsreden und öffentlichen Debatten: die Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft. Wenn es um den gesellschaftlichen und kulturellen (Werte-)Wandel geht, mögen Chiffren wie "Ego-Kapitalismus", "Risikogesellschaft" und "Digitale Leitkultur" die Denkfiguren der Wahl sein, aber wenn vom "Standort Deutschland" und dessen Perspektiven gesprochen wird, ist die Losung "Stärkung von Wissenschaft, Forschung und Bildung" nicht weit. Die "Wissens-" und "Wissenschaftsgesellschaft" ist zum Mantra eines aufgeklärten Gemeinwesens und seiner Selbstverständigung geworden, auch wenn meist nebulös bleibt, was damit konkret gemeint ist. Alles nur Fahne und wenig Inhalt?[1]

Sicher ist: Begriffe wie "Forschung", "Wissenschaft" und "Wissen" haben einen einschmeichelnden Klang. An der "Wissenschaftsgesellschaft" von heute und morgen zeigen sich viele interessiert – Forscherinnen und Forscher, Politiker und Infrastrukturplaner, Stifter, Unternehmer und Bürger. Man könnte von einer wachsenden Konsensgemeinschaft sprechen, die der Bedeutung von Fortschritt durch Wissen für unseren Wohlstand das Wort redet. Wer ein zukunftsfähiges Deutschland und eine offene Informationsgesellschaft will, so die Devise, setzt auf wissenschaftliche Erkenntnisse.

"Ressource Wissen"

Die Argumentation ist so bekannt wie eingängig: Die postindustrielle Bundesrepublik, ein ressourcenarmes Land, brauche die "Ressource Wissen" wie die Luft zum Atmen, brauche Erkenntnisfortschritt und Innovation, technologische Entwicklung und wissensbasiertes Handeln. Nur so könnten die drängenden Herausforderungen gemeistert werden. Und für den Einzelnen könne Wissen zu einem Selbstverständnis und zu einer Weltsicht auf der Höhe der Zeit beitragen – und damit einer demokratischen Gesellschaft dienen. Wer wollte diese Einsicht nicht in Stein gemeißelt sehen?

Auch im Medienalltag ist die Deutungshoheit von Forscherinnen und Forschern unübersehbar. Zugespitzt formuliert: Nichts zählt mehr, was nicht "die Wissenschaft" sagt, was sie beschreibt, bestätigen oder verwerfen kann. Während Großorganisationen wie Parteien, Kirchen und Gewerkschaften in einer tiefen Vertrauenskrise stecken, wird der "Großorganisation Wissenschaft" weiterhin Grundvertrauen entgegengebracht. So kommt Wissenschaftlern bei Fragen (und auch Pseudo-Fragen) ein gewichtiges Wort zu: Ob über das gesunde Pausenbrot, Kindererziehung in Patchwork-Familien oder die Energiedämmung von Hausfassaden diskutiert wird – Expertise aus Forschermund ist gefragt. Politiker setzen auf Gutachten und Studien, besonders bei strittigen Fragen und zur Akzeptanzgewinnung; man denke nur an die Debatte um die Energiewende. Doch so sehr Expertenwissen schätzenswert ist und unsere Wahrnehmung schärft – zeigt sich darin die viel zitierte Wissenschaftsgesellschaft?

Wo bekommt diese eigentlich ein Gesicht? Wo findet sich Anschauung, die über Stand, Prägekräfte und Charakter dieser Wissenschaftsgesellschaft tatsächlich Auskunft geben könnte? Die These dieses Essays ist, dass sie exemplarisch im Medium des Science Centers ein Gesicht und ihr Profil findet. Science Center sind nicht nur eine der dynamischsten und erfolgreichsten Medien der Wissensgesellschaft, sie sind ebenso Fenster zu vielfältigen Wissenswelten und Spiegel der Wissenschaftsgesellschaft. Sie haben Züge, die sich zeitdiagnostisch lesen und gesellschaftsanalytisch deuten lassen. Dabei wird sich zeigen, dass gesellschaftliche Erwartungen das Science Center prägen, wie umgekehrt das Science Center die Wissenschaftsgesellschaft mitprägt.

Mediale Wissensgesellschaft

Das Dauerprojekt Wissenschaft ist als kompetenter Problemlöser gefragt. Der "Elfenbeinturm" ist – zumindest rhetorisch – längst eingerissen und taugt bestenfalls noch zum Schattenkrieger. Doch wie stellt sich der wissenschaftliche Fortschritt in seinem gesellschaftlichen Nutzwert dar? Nicht nur bei den grand challenges wie Klimaerwärmung, alter und neuer Armut und den ergrauenden Wohlstandsgesellschaften Europas sind Antworten umstritten oder fehlen ganz; das gilt erst recht für Fortschritte im Kampf gegen Krebs- und neurodegenerative Erkrankungen. Forschung, grundlegende wie angewandte, bleibt eine langfristige und ergebnisoffene Anstrengung. Der wissenschaftliche Fortschritt verläuft, sieht man von der Entwicklung mancher Techniken ab, weder schnell noch geradlinig. Er ist eine Schnecke.

So kann die Wissenschaftsgesellschaft nicht als schattenlose Geschichte des Fortschritts gelesen werden, wohl aber als neue Stufe ihrer Medialisierung und öffentlichen Wahrnehmung. Durch den Aufschwung zu einer medialen Wissensgesellschaft sind Wissenschaft und Wissensfragen wie nie zuvor zu Medienthemen geworden: Hörfunk und Fernsehen zum Beispiel bereiten farbig und unterhaltsam, engagiert und ideenreich das "Abenteuer Wissen" auf; sie produzieren immer mehr Rate- und Wissensshows und experimentieren mit Science-Formaten. Zum multimedialen Medienauftritt gesellt sich das Entertainment – Sciencetainment liegt im Trend.[2]

Weltgewandt: Science Center

Um Sciencetainment geht es auch Science Centern. "Wissenschaftszentrum" klinge zu technisch, "Wissenschaftsmuseum" zu verstaubt, sagen Insider. So soll die Selbstbezeichnung "Science Center" als Markenname angloamerikanischer Prägung für mehr stehen: Center sind Einladungen in Themen-, Wissens- und Erlebniswelten und als solche im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn weltgewandt. Sie, die hauptsächlich Fragen aus natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern aufgreifen, haben Konjunktur und finden Zulauf – von Flensburg bis Konstanz, von Köln bis Dresden.

Rückblickend betrachtet, gewann die Bewegung hierzulande an Boden, als in Museen die ersten Mitmachbereiche einzogen: Das Deutsche Technikmuseum in Berlin eröffnete 1982 das "Spektrum" (seit 1990 "Spectrum Science Center"), das Deutsche Museum in München das "Kinderreich". Das Anliegen der Science-Center-Bewegung – Wissen zum Anfassen und als Erlebnis zu bieten – war damit in der deutschen Museums- und Ausstellungslandschaft angekommen.[3]

Eine neue Stufe der Entwicklung wurde 2000 erreicht, als das "Universum Science Center" in Bremen seine Türen öffnete. Mit 250 überwiegend interaktiven Exponaten auf 4.000 Quadratmetern war es gleich das größte in Deutschland. Es bietet drei "Expeditionen" zu Mensch, Erde und Kosmos. Nahezu jeder der bisher vier Millionen Besucher hat auf dem "Erdbebensofa" Platz genommen, das auf Knopfdruck in der Stärke Acht auf der Richterskala rüttelt und schaukelt. An dieses Highlight erinnern sich viele, ebenso wie an die Gestalt des Universums selbst. Den einen bleibt ein gestrandeter Riesenwal, anderen eine fliegende, silberfarbene Untertasse im Gedächtnis. Die futuristische Architektur trug dazu bei, dass das Universum zur Bildikone avancierte und längere Zeit stilbildend wirkte.

Ganz auf dieser Linie präsentiert sich auch das 2005 eröffnete "phaeno" in Wolfsburg. Es lädt ein in die "Welt der Phänomene" und erinnert äußerlich an ein gewaltiges, scheinbar schwebendes Betondreieck auf kegelartigen Stützen. Freischwebend geht es auch im Innern zu. Vorgeschriebene Wege und Ausstellungsführer sind unbekannt; Neugier, Schau- und Experimentierlust sollen den Besucher leiten. An über 300 Stationen gibt es Experimente zu Licht und Sehen, Wind und Wetter, Materie und Energie. Der Gast kann leuchtende Gase sehen, einen Tornado auslösen und Magnetschwebebahnen begegnen.

Begegnung ist auch ein Stichwort für das "Klimahaus Bremerhaven 8° Ost". Es versteht sich als "Wissens- und Erlebniswelt" zu Klimawandel, Wetter und Klimaschutz. Seit vier Jahren können Besucher eine Reise durch die Klimazonen des achten östlichen Längengrades unternehmen. Bei der virtuellen "Gradwanderung" über fünf Kontinente, die in Bremerhaven beginnt, werden alle Sinne angesprochen, mal in der schwülen Hitze Kameruns, mal in der Eiseskälte der Antarktis. Dabei helfen hautnahe Erlebnissphären und aufwendige Kulissen samt interaktiven Exponaten und Medienstationen. Äußerlich ähnelt das im Alten Hafen von Bremerhaven gelegene Klimahaus einem überdimensionierten Schlauchboot. Mit einer Ausstellungsfläche von fast 11.500 Quadratmetern zählt es zu den größten und derzeit auch zu den erfolgreichsten Science Centern in Deutschland.

Center und "Centermania"

In ihren Arealen weitaus kleiner, aber dennoch ansprechend sind die "Phänomenta-Science Center". Die den Gesetzen der Physik nachspürenden Häuser in Flensburg, Bremerhaven, Lüdenscheid und Peenemünde sind einer Einladung verpflichtet: "Entdecke den Forscher in Dir". Vergleichbares gilt für das "Odysseum" in Köln, das sich "Abenteuer-Wissenspark" nennt und eine Reise durch die Themenwelten "Leben", "Erde", "Cyberspace", "Mensch" und eine "Kinderstadt" offeriert.

Profilschärfer ist die "Experimenta" in Heilbronn, das größte Science Center Süddeutschlands. Es will der Nachwuchsförderung dienen, indem es eine Mitmach-Ausstellung, eine "Talentschmiede" (zu Auto, Robotik und Forschung) und eine "Akademie junger Forscher" anbietet. In eine ähnliche Richtung geht die "Experiminta" in Frankfurt am Main, deren Namen – zusammengesetzt aus Experiment und MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) – Programm ist. Für stärker fokussierende Häuser steht das "Dynamikum" in Pirmasens, das seit bald fünf Jahren die Querschnittsthemen "Bewegung" und "Mechanik" näherbringt.

Publikumsmagneten sind auch zwei kleinere Center von überregionaler Bedeutung, die besonders wissenschaftsgetrieben sind: Das eine ist das Gießener "Mathematikum" von Albrecht Beutelspacher. Dieses erste mathematische Mitmachmuseum der Welt bietet für Jung und Alt Mathematik zum Anfassen. Das zweite ist das "Marine Science Center" von Guido Dehnhardt in Rostock-Warnemünde. Der Zoologe und sein Team erforschen die Sinnessysteme von Meeressäugern, namentlich von Seehunden, und machen ihre Arbeit im Jachthafen von Warnemünde im Wortsinn "einsehbar".[4]

Die "Centermania" hat auch Nischenanbieter auf die bunte Science-Center-Deutschlandkarte gebracht. Dazu zählen die "Naturgewalten" in List auf Sylt und die "botanika", "das erste grüne Science Center", in Bremen, ferner das schwimmende Science Center "MS Wissenschaft" der Initiative "Wissenschaft im Dialog". Auch das erste Science Center mit einem geisteswissenschaftlichen Themenspot ist entstanden: Das "wortreich" in Bad Hersfeld bietet Wissenswertes rund um Sprache und Kommunikation. Auf den Charme einer besonderen Lokalität setzt schließlich der "Turm der Sinne". In einem alten Turm der Nürnberger Stadtmauer geht es im "kleinsten Science Center der Welt" um Leistungen und Täuschungen der menschlichen Wahrnehmung.

Ob im kleinen oder großen Kerngehäuse – Science Center finanzieren sich aus privaten und öffentlichen Töpfen, aus Eigenmitteln, Stiftungsgeldern und öffentlichen Zuwendungen: Alle setzen sie auf Public Private Partnership. Unverzichtbar für das Geschäftsmodell ist das zahlende Publikum, das gewissermaßen mit den Füßen über Wohl und Wehe abstimmt. Wobei der Besucherzuspruch wetterwendisch ist. So haben selbst Vorzeige-Center wie das Bremer Universum und das Bremerhavener Klimahaus aktuell mit Besucherrückgängen zu kämpfen.

In dem Maße, wie sich der Reiz des Neuen verflüchtigt, das Alleinstellungsmerkmal verloren geht und neue Freizeitangebote in der Region locken, werden aus Interessenten weniger schnell Gäste. So müssen Häuser, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, sich teilweise neu erfinden. Attraktive Wechselausstellungen oder zusätzliche Event-Angebote sollen es richten. Allgemeiner gesagt: Die Anbieter bewegen sich in einem hoch dynamischen Tourismus- und Freizeitmarkt, der nach immer neuen Angeboten verlangt. Markt- und Konsumlogik gehen auch an Science Centern nicht vorbei.

Wissen zum Greifen nah

Worauf aber gründen Science Center ihren Erfolg? Ein Erfolgsfaktor ist die Idee und der Impetus, einen neuen Erfahrungsraum für das "Abenteuer Wissen" zu schaffen. Das macht Center zu interaktiven Ausstellungshäusern mit Erlebnischarakter; die Grenzen zum Erlebnismuseum sind fließend. Sie sind keine Wissenschaftsmuseen wie traditionelle Universitätssammlungen, und sie sind erst recht keine Forschungsmuseen wie etwa das "Römisch-Germanische Zentralmuseum" in Mainz, das gleichberechtigt zur Museumsarbeit Forschung betreibt, Forschungswerkstatt und Schaufenster in einem ist. Im Science Center steht alles im Schaufenster – das Depot ist leer – und dreht sich um inszenierte Wissenswelten. "Erlebnis Wissenschaft" und hands on sind entscheidend.

Der Besucher soll in eine Wohlfühlzone kommen – viele Science Center haben Freizeitparkatmosphäre –, wo er betasten und sehen, hören und sprechen, vielleicht auch riechen und schmecken kann. Das Mitmachen mit allen Sinnen zählt ebenso wie die Möglichkeit, spielerisch von Station zu Station zu gehen. Der Interessierte soll auf seinem Weg vom Betrachter zum Experimentator und Entdecker werden. So soll er sich Phänomene und Zusammenhänge erschließen, Aha-Effekte inklusive. Im besten Fall wird aus dem Erleben ein Verstehen, so die Überzeugung.

Diese Vorstellung knüpft an ein Konzept an, das Ende der 1960er Jahre in Kalifornien entstand: Wissenschaft zum Anfassen. Es war der Physiker Frank Oppenheimer, der 1969 in San Francisco das "Exploratorium" schuf; das Urmeter aller Science Center weltweit. Schnell fanden sich Nachahmer; Hunderte von Experimentierlabors öffneten in den Staaten ihre Türen. Dann erreichte die Bewegung Skandinavien und Großbritannien, wo sie die Public-Understanding-of-Science-Bewegung beflügelte. Mitte der 1980er Jahre erreichte die Welle den deutschsprachigen Raum, spätestens seit der Jahrtausendwende gewann sie an Schwung und Gestaltungskraft. Weltweit gibt es heute schätzungsweise 1000 Science Center – Tendenz weiter steigend.

Wissenschaft zum Anfassen – diese Maxime radiert das aus, was früher auf zahlreichen Hinweisschildern stand: "Berühren verboten". In eine weitere Perspektive gestellt: Während bis in die 1960er Jahre eine Lebensweisheit der Großelterngeneration für Nachwachsende lautete "Alles Unglück kommt vom Anfassen",[5] so heißt im Science Center die Devise: "Berühren erwünscht". Ein Wertewandel unter hedonistischen Vorzeichen ist mit Händen zu greifen. Der emanzipative Zeitgeist hat sich in das Konzept eingeschrieben.

Aufstieg der Event-Wissenschaft

Noch eine weitere Hintergrundfolie kann helfen, die "Centermania" zu verstehen: der Aufstieg der Event-Wissenschaft. Längst ist die "Eventisierung" gesellschaftlicher und kultureller Räume mehr als ein Schlagwort. Ob Kleingartenfest, Geschäftseröffnung oder Autorenlesung – nichts und niemand will ohne Event auskommen, der Aufmerksamkeit und Interesse verspricht. Dieser pulsierende Trend ist auch an der Wissenschaft und ihren Trägereinrichtungen nicht vorbei gegangen. Neue Formate der Wissenschaftskommunikation verbinden sich damit.[6] Das Spektrum der Event-Wissenschaft reicht heute vom Wissenschaftsfestival und -theater über science slams, Science-Cafés und Nächten der Wissenschaft bis eben zum Science Center. "Interaktion" und "Erlebnis", auch schlichtweg "Fun" sind zu Währungen eigener Art geworden, haben (Lifestyle-)Qualitäten angenommen.

In eine historische Perspektive gerückt, schärft sich das Bild: Das "Erlebnis Wissen" hat eine lange Vergangenheit, aber das Science Center nur eine kurze Geschichte. Damit ist gemeint, dass das Erlebnis (genauer: der faszinierte Blick auf Außergewöhnliches) weiter zurückreicht. Es beginnt mit den Kunst- und Wunderkammern im Barock, Raritäten- und Kuriositätenkabinetten, die auf die Sammelleidenschaft Adeliger zurückgehen. Im Zuge der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert gewinnt das Spektakel neue Dimensionen und Ausdrucksformen: Jahrmarkttheater, zirzensische Schaustellungen, Feuerinszenierungen und Wandermenagerien – Beispiele für Medien einer sich neu formierenden Populärkultur.

Das Science Center als Medium unserer Populärkultur lief wie schon erwähnt Ende der 1960er Jahre an der San Francisco Bay vom Stapel. Für Deutschland gab es allerdings nicht nur amerikanische Vorbilder. Die Berliner "Urania" wurde vor nunmehr 125 Jahren als erster Volksbildungsverein der Welt mit dem Ziel gegründet, Laien Experimente aus Physik, Mikroskopie und Astronomie nahezubringen.[7] Darauf bezog sich das Berliner "Spektrum", als es 1982 die ersten Hands-on-Experimente anbot. Schließlich kamen transatlantische und deutsche Anstöße zusammen und ließen ein Medium entstehen, das in der "Bildungsrepublik Deutschland" nur zu gern als außerschulischer Lernort wahrgenommen wird.

Wissen to go?

Doch was ist tatsächlich über das informelle Lernen in Science Centern bekannt? Vor allem, dass die Center-Anhänger die Vokabeln "Lernen" und "Bildung" unablässig im Munde führen. Was steckt dahinter? Nach den PISA-Debatten sind viele daran interessiert, Kinder und Jugendliche an die MINT-Fächer heranzuführen, wenn nicht dafür zu begeistern. Schulen und Lehrer, naturwissenschaftliche Institute und Forschende und auch Unternehmer, die einen Ingenieurmangel fürchten, schätzen und fordern eine frühe Nachwuchsförderung, MINT-Initiativen für die ganz Kleinen. Den meisten scheinen Bildungseffekte so zweifelsfrei wie das Alphabet. Doch sind sie das wirklich?[8]

Wissenschaftliche Studien zu Science Centern gibt es (noch) nicht. Empirische Untersuchungen und Analysen sowie valide Daten fehlen.[9] Die Kernfrage, ob und wie eine frühe Begegnung mit Naturwissenschaften und Technik ein besonderes Interesse wecken und später auch die Studien- und Berufswahl beeinflussen kann, ist nicht seriös zu beantworten. So kann nur darüber spekuliert werden, was die "Erwachsenen von morgen" tatsächlich aus Science Centern mitnehmen. Gibt es überhaupt nennenswerten Erkenntnisgewinn? Es ist paradox, dass eine Einrichtung, die sich mit dem Vornamen "Science" schmückt, ihre eigene pädagogische Wirksamkeit weder nachweisen noch fundiert Auskunft zu ihrer volkswirtschaftlichen Nützlichkeit geben kann.

So bleiben Science Center in der Praxis hinter ihrem selbst formulierten Anspruch zurück: Wie so oft wird das allgemeine Interesse (sprich: Bildung) für das besondere Interesse (vulgo: Profit) in Anspruch genommen. Science Center sind Wettbewerber in einem umkämpften Freizeit- und Tourismusmarkt. Für Politiker, Regional- und Strukturentwickler verknüpfen sich mit einem Center wirtschaftliche Interessen und Marketingziele. Als "weiche", aber nachhaltige Standortfaktoren versprechen sich Kommunen und Regionen einen Mehrwert für ihre Wirtschafts- und Tourismusförderung. Es ist kein Zufall, dass in den vergangenen Jahren Häuser zunehmend in kleineren Städten aufgemacht haben. Doch nicht immer erfüllen sich die hochfliegenden Erwartungen.

Nachrichten aus einem Wunderland?

"Erlebnis Wissenschaft" und popularisiertes Wissen – Science Center werden als Erlebnisstätte mit fassbarer Wissenschaft bespielt. Zwar wird das "Erlebnis für alle" beworben, aber tatsächlich sind Kinder und Jugendliche die wichtigsten, weil größten Zielgruppen. Darauf muss sich eine Ausstellungsdidaktik auf Augenhöhe einstellen, wenn Megathemen wie "Leben", "Erde" "Kosmos" aufbereitet werden. Doch der Popularisierbarkeit sind Grenzen gesetzt. Zugestanden wird das selten. Science Center inszenieren ein strahlendes, fast schattenloses Bild von Naturwissenschaften und Technik; sie erwecken den Eindruck, Nachrichten aus einem Wissenschaftswunderland kabeln zu können.

Sicher: Das Wissenswerte wächst, vor allem auf den ersten Blick. So haben Genetiker und Biologen seit der Jahrtausendwende das menschliche Genom entschlüsselt, Physiker ein "Gottesteilchen" gefunden und Archäologen die bislang frühesten Überreste menschlicher Kulturen in Mexiko entdeckt. Das ist – je für sich genommen – großartig. Aber mehren solche Sensationen auf den zweiten Blick unser Wissen zu fundamentalen Fragen (Woher kommen wir? Was macht Leben aus?), um die es auch in Science Centern geht? Der Basler Biochemiker Gottfried Schatz geht argumentativ noch weiter, wenn er betont: "Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften nähern sich heute den Grenzen menschlicher Vorstellungskraft und verlieren das Vermögen, unser inneres Leben zu bereichern."[10] Auch wer diese Sichtweise nicht teilt, muss anerkennen, dass die aufgeklärte Gesellschaft von Unwissen umstellt ist, gerade mit Blick auf die großen Menschheitsfragen.

Zwischen den beiden Flügelpositionen – einem selektiv-positiven Wissenschaftsbegriff hier und einem grundsatzskeptischen dort – hilft möglicherweise eine pragmatische Haltung weiter, die über die Frage führt: Was kann so schlimm daran sein, in Wissens- und Erlebniswelten einzutauchen? Die Antwort: Für den Einzelnen wenig, aber für die Gesellschaft mehr, weil sie – auch durch andere Medienangebote der Wissensgesellschaft – auf einen uneingeschränkt positiven Begriff von Wissenschaft geeicht wird. So gedeihen überzogene Erwartungen, Illusionen und Wunschdenken.

Seismograf der Wissensgesellschaft

Ein Reflex solchen Wunschdenkens ist die leicht entflammbare Bildungsrhetorik im Zusammenhang mit dem "Lernort Science Center". Dabei geht es nüchtern betrachtet nicht um Lernen im Sinne eines Wissens to go, schon gar nicht um vermittelbares Expertenwissen, sondern weitaus mehr um die Bestärkung einer Geisteshaltung: einer Grundhaltung des Interesses an der Welt, die neugierig macht und neugierig hält, eine Haltung der Offenheit und der Nachfrage, die die Lust am Neuen mit dem Drang zum Wissen-Wollen verbindet. Das ist freilich eine Einstellung, die nicht spezifisch durch Science Center befördert wird. Aber wie so oft könnten die indirekten Wirkungen folgenreicher sein als die direkten.

Wenn sich der tatsächliche Stand der Wissenschaftsgesellschaft daran bemisst, was in die Köpfe und Herzen der Menschen kommt,[11] dann steht diese erst am Anfang ihres Weges. Im Science Center geht es um das Erlebnis Wissen, überformt vom Bedürfnis nach guter Unterhaltung und abwechslungsreicher Freizeitgestaltung. Am Science Center indessen zeigt sich anschaulich, wie ein Medium zu einer Bühne und zu einer (Wunsch-)Kulisse für die Wissensgesellschaft geworden ist.

Auf dem Weg in die sich weiter entfaltende Wissensgesellschaft mit ihren schnell wachsenden Angeboten greifen Information und Unterhaltung ineinander. Das "Erlebnis Wissenschaft" findet hier eine stabile Grundlage. Gesicht und Profil der Science Center werden von zwei Kräften geprägt: von der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und der Vergesellschaftung der Wissenschaft. Diese komplementären Impulse tragen Dynamik und Wandel in die Wissensgesellschaft im Allgemeinen und in Science Center im Besonderen. Das Medium Science Center ist ein sensibler Seismograf.
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Fußnoten

1.
Vgl. Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, München 2012. Diese Streitschrift des Kölner Psychiaters und katholischen Theologen, die gegen die Veruneigentlichung des modernen Lebens antritt, beschreibt die Wissenschaft als unwahre Kulissenwelt, die zum "Welttheater" (S. 33ff.) gehöre.
2.
Vgl. Eckart Klaus Roloff, Sciencetainment. Sprachwahl zwischen Hermetik und Populismus, in: Gegenworte, 7 (2001) 1, S. 52–55.
3.
Vgl. Hendrik Neubauer, Erlebnis Wissen. Die besten Erlebnismuseen und Science-Center, Pulheim-Brauweiler 20072.
4.
Vgl. Rembert Unterstell, Do It Again, Nick! A visit to Europe’s largest pinniped research station in Warnemünde, in: german research, 32 (2010) 1, S. 8–11.
5.
Hartmut von Hentig, Mein Leben – bedacht und bejaht. Kindheit und Jugend, München 2007, S. 93.
6.
Vgl. Attempto, 19 (2005), zum Schwerpunktthema "Wissenschaft als Event".
7.
Zur "Urania" als "erstes Science Center der Welt" siehe http://www.urania.de/die-urania/geschichte« (16.3.2013).
8.
Vgl. Rembert Unterstell, Wissen to go? Science Center und "Centermania", in: Gegenworte, 28 (2012) 2, S. 64–66.
9.
Ausnahme ist eine mittlerweile veraltete Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2001 mit dem Titel "Science Center. Studie im Auftrag des BMBF", online: http://www.innovationsundtechnikanalysen.de/publikationen/ita-veroeffentlichungen/scie_cen.pdf« (16.3.2013).
10.
Zit. nach: Beat Grossrieder, Die Unwissensgesellschaft, in: Neue Zürcher Zeitung vom 27.8.2012, S. 12.
11.
Vgl. Ernst Peter Fischer, Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, München 20012, S. 427.
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Autor: Rembert Unterstell für bpb.de
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