Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Nico Stehr

Wissen und der Mythos vom Nichtwissen

Wissen als soziales Konstrukt und Handlungsvermögen

In der Diskussion zum Begriff des Nichtwissens kommt es häufig zu einer Vermengung der Begriffe von Wissen und Information. Auffällig ist weiter, dass oft mit einem alltäglichen Wissensbegriff operiert wird, der wiederum seine Nähe zum Informationsbegriff kaum verbergen kann. Ich unterstelle dagegen, dass man den Begriff der Information von dem des Wissens trennen sollte, so schwer diese Unterscheidung auch praktisch durchzuhalten ist. Fehlende Informationen sind, wie ich zeigen werde, kein "Nichtwissen".[19] Was genau Wissen ist, und wie sich Wissen von Informationen, Humankapital oder anderen intellektuellen oder kognitiven Eigenschaften unterscheidet, ist eine essenziell strittige Angelegenheit. Weder der Begriff des Wissens oder die Art der Produktion, der Verteilung, seine Anwendung oder die Folgen des Wissens sind – zumindest für den wissenschaftlichen Beobachter – Selbstverständlichkeiten.

Um die Bedeutung von Wissen für die Gesellschaft und für die Praxis sozialen Handelns im Allgemeinen und für entwickelte Gesellschaften im Besonderen demonstrieren zu können, und um voll erfassen zu können, dass Wissen nicht nur der Schlüssel zu den Geheimnissen von Natur und Gesellschaft ist, sondern zum Werden der Welt, muss Wissen zunächst soziologisch definiert werden; es muss möglich sein, zwischen dem, was man weiß, dem Inhalt des Wissens und dem Wissensprozess selbst zu unterscheiden, dass heißt, die Art und Weise zu bestimmen, wie Menschen im Prozess des Aneignens von Wissen partizipieren.

Anstatt Wissen als etwas zu definieren, das der Mensch zu seinen Besitztümern zählt oder relativ leicht erwerben kann – eine Vorstellung, die eher auf den Begriff der Information zutrifft –, sollten der Wissensvorgang und die Wissensrelationen vielmehr als Handlung gesehen werden, als etwas, das der Mensch tut. Wissen kann als eine Transaktion bezeichnet werden, als ein Phänomen, das nicht unabhängig von sozialen Interaktionen existiert. Auf der Basis dieser Überlegung kann man Wissensformen deshalb nach der Art der involvierten Partizipation unterscheiden.

Wichtig ist die Tatsache, dass Wissen objektiviert werden kann, das heißt, die geistige Aneignung von Dingen, Fakten und Regeln kann symbolisch vonstatten gehen und intersubjektiv artikuliert sowie auf Dauer eingerichtet werden, sodass der direkte Kontakt zu den Sachverhalten zukünftig nicht mehr nötig ist. Darin liegt die soziale Bedeutung von Sprache, Schrift, Druck und Datenspeicherung. Wissen kann in Materialien, Apparaten und anderen Artefakten enthalten und eingeschlossen sein. Wissen manifestiert sich in und zirkuliert als kulturelles Kapital.

Ich möchte Wissen als Fähigkeit zum sozialen Handeln (Handlungsvermögen) definieren, als die Möglichkeit, etwas in "Gang zu setzen". Wissen bezieht sich somit auf Prozesskenntnisse. Wissen ist ein Modell für die Wirklichkeit. Wissen illuminiert. Wissen ist Entdecken. So sind beispielsweise Sozialstatistiken nicht unbedingt ein Abbild der gesellschaftlichen Realität, sondern ihre Problematisierung; sie verweisen darauf, was sein könnte und sind in diesem Sinn Handlungsvermögen. Neue Erkenntnisse erweitern unsere Handlungsmöglichkeiten und damit ist unvermeidbar, dass Erkenntnisse politische Eigenschaften haben. Wissen als Handlungsvermögen ist mitbestimmend bei dem, was für Politik konstitutiv ist: verändern oder bewahren. Unsere Definition von Erkenntnis als Handlungsvermögen oder als ermöglichendes Wissen ähnelt dem Begriff des Know-how im Sinne von Daniel Sarewitz und Richard Nelson. Diese bestimmen Know-how als Wissen, "some articulated and some tacit, that guides the actions of skilled agents who aim to achieve a particular practical objective".[20]Die Handlungsmöglichkeiten in einer Gesellschaft sind natürlich nicht gleichmäßig verteilt, genauso wenig wie jeder einzelne Marktteilnehmer alles weiß.

Das Wachstum des Wissens repräsentiert demzufolge eine Ausweitung der Möglichkeitshorizonte. Ob die Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten auch automatisch eine Zunahme der Enttäuschungsmöglichkeiten repräsentiert, kann sehr wohl als strittig gelten (oft auch als Wachstum des Nichtwissens verstanden).

Information und Wissen

Ich möchte Information in Abgrenzung zum Wissensbegriff wie folgt definieren: Der Inhalt von Informationen bezieht sich auf die Eigenschaften von Produkten oder Ergebnissen (Output; Zustand, Vorrat), während das "Zeug", aus dem Wissen gemacht ist und besteht, sich vorrangig auf die Qualitäten von Prozessen oder Ressourcen (Input; Verfahren, Unternehmen), die in Prozessen zur Anwendung kommen, bezieht: Wissen ist Handlungsvermögen, während Informationen uns nicht in die Lage versetzen, etwas in Gang zu setzen. Es ist ebenso wichtig, von Anfang an zu betonen, dass Wissen und Information in begrenzter Hinsicht gemeinsame Attribute haben. Die wichtigste gemeinsame Eigenschaft ist, dass weder Informationen noch das Wissen eigenständig und losgelöst von gesellschaftlichen Kontexten möglich sind.

In einem einflussreichen Aufsatz aus dem Jahr 1970 mit dem Titel "The Market for Lemons"[21] bereitete der Ökonom und spätere Nobelpreisträger George Akerlof anhand einer beispielhaften Analyse der jeweiligen Informationen von Käufern und Verkäufer eines Gebrauchtwagens den Weg zur systematischen Analyse asymmetrischer Informationen.[22] Ein asymmetrischer Informationsstand ist eine der fundamentalen Eigenschaften unterschiedlicher Klassen von Markteilnehmern am Gebrauchtwagenmarkt.

Der Eigentümer und Fahrer des zum Verkauf stehenden Gebrauchtwagens weiß in der Regel sehr viel genauer Bescheid über die Zuverlässigkeit oder über die mechanische Problemgeschichte des Wagens als der potenzielle Käufer. Ein Kreditnehmer ist bei einem Kreditvertrag von bestimmten Intentionen geleitet, den Kredit zurückzuzahlen oder auch nicht. Der Kreditgeber hat in der Regel keinen Zugang zu dieser Information. Noch kann sich der Kreditgeber sicher sein, dass die Investitionsabsichten des Kreditnehmers auch wirklich profitabel sein werden. Allgemein betrachtet sollten asymmetrische Informationen der Marktteilnehmer eigentlich zum "Marktversagen" führen.

Käufer und Verkäufer, Kreditgeber und Kreditnehmer sind sich oft bewusst, dass ein asymmetrischer Informationsstand vorhanden ist oder vorliegen kann. Daraus folgt, dass auf Käuferseite oder Kreditgeberseite nach Indikatoren gesucht wird, die das Misstrauen gegenüber zur Verfügung stehenden Informationen mindern beziehungsweise sie als mehr oder weniger zuverlässig einstufen lassen. Da die Transaktionskosten des "Erwerbs" relevanter Informationen teuer sein mögen, wird etwa die leichter zu beschaffende Information über die soziale Reputation des Verkäufers oder des Kreditnehmers ein wichtiger Indikator für den Kreditgeber oder den Käufer.

Aus den Überlegungen Akerlofs und anderer Ökonomen lässt sich für meine Analyse des Gegensatzes von Informationen oder Wissen und Nichtwissen die folgende generelle Lektion ableiten: Da das gesellschaftliche Wissen nicht gleich verteilt ist, sondern asymmetrisch streut, müssen wir von einer kognitiven gesellschaftlichen Arbeitsverteilung in allen gesellschaftlichen Institutionen ausgehen. In der Wissenschaft wird dies nicht nur als selbstverständlich angesehen, sondern in der Regel auch als funktionale Eigenschaft der Arbeit der Institution Wissenschaft verstanden. Nicht jeder Wissenschaftler kann die gleiche Frage bearbeiten. Und die Rolle eines jeden Wissenschaftlers lässt sich nicht in Relation zu sich selbst, sondern nur in Relation zu anderen Wissenschaftlern einordnen. Es liegt daher nahe, von einer in allen gesellschaftlichen Institutionen vorhandenen kognitiven Arbeitsteilung zu sprechen. Anders gesagt, es kann deshalb nur sinnvoll sein, von einer Skala der Abstufung des Wissens von Akteursgruppen gegenüber asymmetrischem (begrenztem) Wissen von Akteursgruppen zu sprechen – und nicht von Wissen und Nichtwissen.

Fußnoten

19.
Peter Wehling kennzeichnet zum Beispiel die unzureichende Information "kommt der angekündigte Gast um 17 Uhr oder um 18 Uhr?" als einen Fall von "Nichtwissen". Es handelt sich bei diesem Beispiel allenfalls um eine vage Information, wie noch genauer zu zeigen sein wird. Vgl. P. Wehling (Anm. 14), S. 99.
20.
Daniel Sarewitz/Richard P. Nelson, Progress in know-how. Its origins and limits, in: Innovation, (2008) 3, S. 101–117, hier: S. 101.
21.
"Lemon" etwa im Sinn von einem "Montagsauto".
22.
Vgl. George Akerlof, The Market for Lemons: Quality Uncertainty and the Market Mechanism, in: Quarterly Journal of Economics, 84 (1970) 3, S. 488–500. Auch Wilbert Moore und Melvin Tumin verweisen auf rollenspezifisches Wissen und dem damit einhergehenden privilegierten Status der Rolleninhaber, die über ein Mehr an Wissen verfügen und kontrollieren. Vgl. Wilbert E. Moore/Melvin M. Tumin, Social functions of ignorance, in: American Sociological Review, 14 (1949), S. 787–796, hier: S. 788f.
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Autor: Nico Stehr für bpb.de
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