Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.

24.6.2013 | Von:
Jutta Braun

Abseits der Bundesliga? Zur Aufarbeitung des DDR-Fußballs

Verhängnis Fair Play: Heinz Krügel

2014, wenn die Fans bei der WM in Brasilien mitfiebern, werden zahlreiche Medien auch an das 40-jährige Jubiläum der Fußball-WM von 1974 erinnern, bei der nicht nur die Bundesrepublik Weltmeister wurde, sondern Jürgen Sparwasser sein berühmtes Überraschungstor für die DDR gegen das bundesdeutsche Team erzielte. Doch für viele DDR-Fußballanhänger ist mit dem Jahr 1974 vor allem die legendäre Nacht von Rotterdam verbunden, als der 1. FC Magdeburg am 8. Mai den Sieg im Europapokal der Pokalsieger und damit den größten Erfolg des DDR-Fußballs erreichte. Unvergessen sind die Fernsehbilder, als die erschöpften, aber glücklichen Magdeburger in weißen Malimo-Bademänteln ihre Ehrenrunde über das Spielfeld im Stadion "De Kuip" drehten, während die mit 2:0 geschlagenen Titelverteidiger des AC Milan fassungslos die Köpfe hängen ließen.[29]

Zum Helden wurde an diesem Abend auch Heinz Krügel. Einst hatte der Sachse als jüngster Trainer der Oberliga in Leipzig begonnen und von 1959 bis 1961 die Verantwortung für die DDR-Nationalmannschaft übernommen, bevor Mitte der 1960er Jahre seine Zeit beim 1. FC Magdeburg begann, mit dem er zwei Pokalsiege und drei Meisterschaften feierte. Nach dem Erfolg von Rotterdam versprach das Los im Europapokal der Landesmeister noch im selben Jahr einen weiteren Höhepunkt: das Aufeinandertreffen mit dem Bundesliga-Meister Bayern München. Am 6. November 1974 kam es beim Rückspiel in Magdeburg jedoch zu einem politischen Fauxpas des altgedienten Trainers: "Das Schlimmste war nach der Halbzeitpause, da kommt einer von der Stasi zu mir und sagt: 'Herr Krügel, wir möchten Sie aufmerksam machen, wir haben zur Halbzeit von Herrn Lattek alles gehört, was er gesagt hat gegen uns.‘"[30] Das Ministerium für Staatssicherheit hatte offenkundig die Bayern-Kabine im Magdeburger Ernst-Grube-Stadion verwanzen lassen und drängte Krügel, die Anweisungen des Bayern-Trainers an seine Spieler auszuwerten. Krügel weigerte sich mit dem Verweis auf sportliche Fairness – eine folgenschwere Entscheidung. Die Magdeburger verloren das Spiel, und kurz darauf wurde Heinz Krügel zur Berliner Verbandsleitung zitiert, die ihm das baldige Ende seiner Trainerkarriere androhte.

Krügel lag bereits seit längerer Zeit mit der SED-Bezirksleitung im Streit:[31] Zum einen ignorierte er die praxisfernen Trainingspläne des Verbandes, die ein Dauerärgernis im DDR-Fußball darstellten, zum anderen machte er sich für ideologisch unkorrekte Modernisierungen wie etwa die Einführung von Trikot- und Bandenwerbung stark. 1976 erhielt Krügel eine lebenslange Sperre als Trainer. Fortan musste er als "Objektleiter" in der Hausverwaltung bei der unterklassigen BSG Motor Mitte Magdeburg sein Dasein fristen. Versuche des Trainers und späteren Staatsanwalts Bernd Tiedge, sich für seine Rehabilitierung einzusetzen, wurden vom DFV rigoros abgeblockt.[32]

Büßen für den Sohn: Walter Jahn

Ein zweites Beispiel für die Rücksichtslosigkeit, mit der das SED-Regime verdiente Fußball-Idole aussortierte und diffamierte, sobald sie politisch in Ungnade gefallen waren, ist das Schicksal von Walter Jahn, "Vaterfigur des Jenaer Nachwuchsfußballs",[33] und Vater des Bürgerrechtlers Roland Jahn, des heutigen Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Jahn war bereits seit 1948 als Sportfunktionär aktiv, dreißig Jahre lang leitete er die Nachwuchsabteilung des FC Carl Zeiss Jena. Vor allem als Talentspäher genoss er einen glänzenden Ruf, an die zwanzig spätere Nationalspieler holte er nach Jena. Auch sein Sohn Roland wuchs mit dem Fußballsport auf: "Das Ernst-Abbe-Sportfeld war mein Zuhause."[34] Und tatsächlich schaffte es der junge Jahn bis in die Juniorenoberliga, bevor er sich endgültig für die Aufnahme eines Studiums und damit einen Weg abseits des Sports entschied.

Nicht allein im Fußballclub, auch im Kombinat von Carl Zeiss agierte der parteilose Walter Jahn an verantwortlicher Stelle: Die von ihm geleitete Forschungsabteilung entwickelte eine Multispektralkamera, die bei Sigmund Jähns Weltraumfahrt zum Einsatz kam. Er schaffte es sogar, dem Kosmonauten nicht nur die Kamera, sondern auch einen Vereinswimpel mit auf die Reise zu geben.

Doch spielte sein Engagement über Nacht keine Rolle mehr, als Sohn Roland, der mittlerweile als Bürgerrechtler in der Jenaer Friedensbewegung aktiv war, zum Staatsfeind erklärt und am 7. Juni 1983 gewaltsam in den Westen abgeschoben wurde. Bereits am nächsten Tag bekam auch der Vater die Reaktion des Staates zu spüren: Auf Weisung des Vereins wurden alle Arbeitsunterlagen zum Sportclub aus seiner Wohnung entfernt. Der führende Vereinsfunktionär und Inoffizielle Mitarbeiter "Günter Eisler" kündigte zudem der örtlichen Stasi an, Walter Jahns Kandidatur für die Vorstandswahlen im FC Carl Zeiss Jena zu verhindern. Es folgten weitere Diskriminierungen, sowohl durch die Sportführung des Bezirkes Gera als auch von Angehörigen des FC Carl Zeiss Jena. "Es wurde angewiesen, keine Gespräche mit mir zu führen. Wer mit mir spricht, sei politisch untragbar und setze seine Arbeit und seine weitere Karriere aufs Spiel. Ich war unter Sportlern unerwünscht und damit ein Störfaktor."[35] Verwandte und Bekannte zogen sich aus Angst zurück; er erfuhr eine soziale Ausgrenzung, die in einer mittelgroßen Stadt wie Jena bedrückende Ausmaße annehmen konnte. Doch am gravierendsten erlebte Jahn den "Rausschmiss" aus seinem Verein, der einer Aberkennung seines Lebenswerkes gleichkam.[36] Die drei Jahre zuvor verliehene Ehrenmitgliedschaft wurde ihm entzogen, und auch an der Jubiläumsveranstaltung zum 20-jährigen Bestehen des Clubs im Januar 1986 durfte er nicht teilnehmen, weil er aufgrund der "üblen Tätigkeit von Roland" als nicht erwünscht galt.[37]

Erst zehn Jahre später, nach der Friedlichen Revolution 1989 und der Vereinigung im Fußballsport 1990, kam es zur "Wiedergutmachung". Zur Feier des 30-jährigen Clubjubiläums erhielt Jahn im Januar 1996 die Ehrentitel seines Vereins zurück. Als einer der Ersten – zeitgleich mit den frühesten historischen Forschungen zum DDR-Sport – suchte Walter Jahn nach Antworten und Verantwortlichen für sein Schicksal und fand sie in der papierenen Hinterlassenschaft der Diktatur. Im März 1995 stellte er einen Forschungsantrag bei der BStU zum "Einfluss des MfS auf den FC Carl Zeiss Jena".[38] Für seine akribische Dokumentation, die mehrere Bände umfasst, interessierte sich der organisierte Fußball damals jedoch nur wenig. Von ehemaligen Kollegen wurde Jahn ob seiner Recherchearbeit sogar beschimpft.[39] Im Rahmen einer historischen Aufarbeitung des Sports in Thüringen erhält die Arbeit von Walter Jahn sowohl als Fußballlehrer als auch als von Repression Betroffener, der sich selbst um historische Aufklärung bemühte, mittlerweile eine umfassende Würdigung.[40]

Perspektiven der Forschung

Auch Heinz Krügel erfuhr noch zu Lebzeiten eine Rehabilitierung. Zudem wurde im Juni 2009, ein Jahr nach seinem Tod, der Platz vor dem Magdeburger Stadion nach ihm benannt. Doch muss betont werden, dass es für das Ende einer Sportkarriere in der SED-Diktatur nicht eines streitbaren Temperaments oder eines Bürgerrechtlers als Sohn bedurfte. So entzog ein "Fußballbeschluss" des DFV aus dem Jahr 1970 pauschal allen Fußballern mit Westverwandtschaft die Spielgenehmigung. Es ist wenig verwunderlich, dass Kritik an staatlicher Gängelung und an Übergriffen der SED und der Stasi zu den wichtigsten Vorwürfen vieler Delegierter gehörte, als es im Rahmen des achten DFV-Verbandstages am 31. März 1990 zur ersten freien Aussprache in diesem Gremium kam. Auch Heinz Krügel ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, die Verantwortlichen mit der unwürdigen Situation der Verwanzung der Bayern-Kabine zu konfrontieren.[41]

Viele der handelnden Akteure des DDR-Fußballs und der Wendezeit sind mittlerweile verstorben. Historiker müssen sich beeilen, wollen sie die Geschichte des DDR-Fußballs nicht allein aus Akten rekonstruieren. Im April 2013 kündigte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach die Ausschreibung mehrerer Forschungsprojekte an, um die Organisations- und Clubgeschichte, die Kultur und Alltagsgeschichte sowie den Fußball im Vereinigungsprozess untersuchen zu lassen. Sollte der Ball der Aufarbeitung zügig ins Rollen kommen, könnten bereits im Jahr 2015, zum 25. Jahrestag der "Fußball-Einheit", die der erste Reformpräsident des Ost-Fußballs Hans-Georg Moldenhauer und DFB-Präsident Hermann Neuberger am 21. November 1990 in Leipzig mit einem historischen Handschlag besiegelten, erste Ergebnisse vorgestellt werden.

Fußnoten

29.
Vgl. Peter Skubowius, Krügels Börde-Früchtchen, in: Horst Friedemann (Hrsg.), Sparwasser und Mauerblümchen. Die Geschichte des Fußballs in der DDR 1949–1991, Essen 19962, S. 115–121.
30.
Michael Barsuhn, Gespräch mit Heinz Krügel und Bernd Tiedge, 24.5.2008 in Magdeburg.
31.
Das schwierige Verhältnis des Trainers zur SED-Bezirksleitung rekapituliert Jürgen Sparwasser in seinen Erinnerungen. Vgl. Wolfgang Nagorske, "Sparwasser, Sparwasser, Toor!" Biographie eines Stürmers, Cottbus 2008, S. 159ff.
32.
Vgl. M. Barsuhn (Anm. 30).
33.
T. Stridde (Anm. 4), S. 45.
34.
Jutta Braun, Gespräch mit Roland Jahn, 29.4.2013 in Berlin.
35.
Walter Jahn, "Du bist wie Gift". Erinnerungen eines Vaters, hrsg. vom LStU Thüringen, Erfurt 1996.
36.
Vgl. J. Braun (Anm. 34).
37.
Auch Rolands Bruder Jürgen wurde sozial ausgegrenzt, bis er schließlich ausreiste. Vgl. Gerald Praschel, Roland Jahn. Ein Rebell als Behördenchef, Berlin 2011, S. 86. Das Muster der "Sippenhaft" ist vor allem auch bei republikflüchtigen Fußballern ausführlich dokumentiert. Vgl. etwa das Interview mit Falko Götz im Rahmen der Ausstellung "ZOV-Sportverräter", online: http://www.zov-sportverraeter.de« (13.5.2013).
38.
Vgl. Walter Jahn, Dokumentation. Der Einfluss des MfS auf den FC Carl Zeiss Jena, 1996, Privatarchiv Roland Jahn. Eine Kopie lagert im Thüringer Archiv für Zeitgeschichte.
39.
Vgl. T. Stridde (Anm. 4), S. 47.
40.
Vgl. Jutta Braun/Michael Barsuhn, Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Sport in Thüringen, Göttingen 2013 (i.E.).
41.
Vgl. Michael Barsuhn, Die Wende und Vereinigung im Fußball 1989/1990, in: J. Braun/H.J. Teichler (Anm. 21), S. 376–415, hier: S. 393.
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Autor: Jutta Braun für bpb.de
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