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9.7.2013 | Von:
Ulrich Dovermann

Narrative und Gegen-Narrative im Prozess von Radikalisierung und Deradikalisierung

Rechtsextreme Narrative

Wie die islamistischen liegen auch die rechtsextremen Narrative offen zu Tage. Da ist von der "Volksgemeinschaft" die Rede und davon, dass diese für "den Deutschen" der höchstmögliche Wert ist. Da wird behauptet, die Demokratie sei eine "dem Deutschen" nicht angemessene Form der politischen Organisation – vielmehr sei es dem Wesen "des Deutschen" angemessen, ein autoritäres Führungssystem zu haben. Die Geschichte Deutschlands sei vorgeblich eine Geschichte des Siegens und der Überlegenheiten – allerdings hätten die Alliierten die beiden Weltkriege dazu genutzt, den Deutschen ihre Geschichte zu rauben und ihnen dadurch jegliche Kraft und jeglichen Stolz zu nehmen.

Der angeblichen Überlegenheit werden auch negative Narrative gegenübergestellt. Deutschland sei gedemütigt vom "US-Imperialismus" und seinen "jüdischen Helfern", ausgeraubt von Generationen der Fremden, die die Deutschen aus ihrer Heimat verdrängen, moralisch zu Boden gedrückt von "Schwulen", Verfall und Entsittlichung, schamlos nur noch auf Genuss und Gewinn orientiert, wo es doch um Ehre und Zukunft gehen müsse. So vegetierten die einst so stolzen Deutschen vor sich hin – man muss nur die einschlägigen Zeitungen und Internetauftritte durchgehen, die Narrative springen ins Auge. Und zwischen beiden Ansätzen ein trotziges "Sie werden auferstehen, sie werden auferstehen", wie es in der Liedzeile einer einschlägigen Rechtsrock-Band heißt.

Die Produktion von eigentümlichen und spezifischen Narrativen des Rechtsextremismus ist so intensiv, dass man sie nicht so leicht zusammenfassen kann, wie das bei islamistischen Narrativen möglich ist. Über den unübersehbar vielen Symbolen und Legenden, Behauptungen und ideologieähnlichen Versatzstücken, müsste eine zusätzliche Ebene eingezogen werden, in der die Bedeutungszusammenhänge der Narrative erkennbar gemacht werden. Da gibt es zum Beispiel:
  • Narrative der Notwehr gegen Tod, Entwürdigung, Identitäts- und Geschichtsverlust,
  • Narrative der kulturellen Verödung,
  • Narrative der Entfremdung im eigenen Land,
  • Narrative von einer möglichen Befreiung,
  • Narrative vom deutschen Wesen,
  • Narrative vom Feind des Deutschen,
  • das Narrativ vom "System" in Deutschland,
  • das Narrativ von einer deutschen (heidnischen) Religion.
Aber die Narrative taugen nicht dazu, einen Diskurs, eine Kommunikation zwischen Rechtsextremisten und Nicht-Rechtsextremisten herbeizuführen. Wo islamistische Forderungen an Muslime gestellt werden, sollten sie abgelehnt werden, aber ihr Ursprung, der Islam aus dem sie – wenn auch verfälscht – abgeleitet werden, verdient Respekt. Wo aber rechtsextreme Narrative in Erscheinung treten, sind sie sofort, zumindest nach außen und schon wegen ihrer rechtsextremistischen Herkunft abzulehnen.

Es gibt bislang wenig wissenschaftliche Beschäftigung mit den rechtsextremen Narrativen. Rechtsextremismus ist im Wissenschaftsdiskurs Deutschlands mit einer gewissen Notwendigkeit und Ausschließlichkeit "Ideologie". Wie ein Rechtsextremist denkt und mit welchen Bildern er im politischen Diskurs unterwegs ist, welche Argumentationsformen er verwendet und wie er sich konkrete politische Vorgänge zu erklären versucht, all das tritt zurück hinter der Auseinandersetzung mit der rechtsextremistischen Ideologie. Moderner politischer Extremismus – ganz allgemein – verfügt dem Politikwissenschaftler Hans-Gerd Jaschke zufolge über eine Reihe gemeinsamer Merkmale. "Hierzu gehören Absolutheitsansprüche der eigenen Auffassungen, Dogmatismus, die Unterteilung der Welt in Freund und Feind, ebenso Verschwörungstheorien und Fanatismus. Extremistische Ideologien sind geschlossene Denkgebäude, die von ihren Anhängern angewandt oder ausgelegt, nicht aber reflektiert und fortentwickelt werden. Sie haben einen quasi-religiösen Status, sie werden nicht diskutiert sondern "geglaubt". Politik besteht aus dieser Warte nicht aus einer Programmatik, Politik ist vielmehr "Weltanschauung", die alle Lebensbereiche regelt. Sie gilt als ewig gültig oder von Natur aus wahr."[5]

Ganz gleich, ob man nun eher demokratietheoretischen Fragestellungen oder sozialwissenschaftlichen Ambitionen in der Extremismusdiskussion nachgeht – für Narrative ist da nur wenig Platz. Es geht um Ideologie, es geht um Beschreibung, es geht um Gefährdung des Staates oder der Menschen. Aber da ist eine eigentümliche Distanz zwischen dem ideologisch abgesicherten Extremisten, wie er von Hans-Gerd Jaschke beschrieben wird, und jenem rechtsextremistischen Diskussionsteilnehmer an einem Stammtisch, der sich mit kommunalpolitischen Themen – zum Beispiel dem Jugendzentrum – befasst. Beide sind sich ihrer Sache angeblich sicher, beide sind im Diskurs, beide fußen auf den gleichen Grundlagen. Und dennoch sind sie für die politische Auseinandersetzung zwei völlig verschiedene Gesprächspartner. Der Ideologe ist – so meine ich – die Ausnahme. Aber vom Großvater auf der Familienfeier, über den Stammtischbruder bis hin zum fremdenfeindlichen Straßenbahnnutzer, der Ausländern den Sitzplatz verweigert: Sie alle setzen narrative, alltägliche, lebensweltliche Akzente des Rechtsextremismus und werden nur in Ausnahmefällen dafür kritisiert. Zwischen Rechtsextremisten und ihren Gegnern herrscht Sprachlosigkeit, Gegen-Narrative scheinen nicht möglich.

Narrativ und Deradikalisierung

In den Argumentationstrainings, von denen zu Beginn die Rede war, wird die Situation zunächst einmal sehr ausführlich und in vielen Fällen bis an den Rand des Erträglichen gespielt. Es kommt darauf an, dass man die eigene Sprachlosigkeit gegenüber den Narrativen des Rechtsextremisten wirklich begreift und akzeptiert. Selbstverständlich können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (fast) alles ausprobieren, um dem "Nazi" seine Dominanz zu nehmen, und manchen fällt auch einiges dazu ein. Nur hilft es in der Regel nicht. Die Dominanz bleibt, die Aggressivität bleibt, die missliche, frustrierende Situation bleibt. Ja – es kommt sogar zu Radikalisierungen. Manchmal auch bei den "Nicht-Nazis". Die Sprache wird brutaler, die Bilder werden hässlicher, die Bereitschaft, andere zu verletzen, steigt. Beim "Nazi" ohnehin, denn er bemerkt seine Bedeutung und spielt sie aus.

Das Problem liegt vermutlich – wie bereits angedeutet – in der Natur des Gegen-Narrativs. Es kann nur wirken, wenn es aus der gleichen kulturellen Herkunft kommt wie das Narrativ selbst. Was für die islamistischen Narrative gezeigt werden konnte, gilt bei den Rechtsextremisten nicht. Es gibt keine gute Auslegung des Antisemitismus oder des Sozialdarwinismus. Man mag ja dem rechtsextremen Chauvinismus mit einem positiven Verfassungspatriotismus entgegenzu treten versuchen, aber alle Erfahrungen zeigen, dass das nicht funktioniert.

Und wo die Gegen-Narrative nicht greifen, da kann man zunächst einmal auch keine Gegenargumente liefern, und seien diese auch noch so richtig, so durchdacht und so zutreffend. Sie werden am Extremisten und seinem Narrativ scheitern. Und wo in unserer Gesellschaft rechtsextreme Narrative sich hegemoniale Stellungen erobern konnten oder können, da werden sie auch nicht mehr im präventiven oder argumentativen Sinne vertrieben werden.

Für die Bearbeitung islamistischer Narrative im Sinne einer Deradikalisierung – so wäre also zusammenzufassen – benötigt man neben religiösem Wissen und entsprechender Autorität vor allem gute Vermittlungssituationen und gute didaktische Konzepte. Die Gegen-Narrative liegen auf dem Tisch. Es wird sich zeigen, ob sie in der Praxis deradikalisieren können.

Im Bereich des Rechtsextremismus hingegen versagt dieser Ansatz, denn es wird hier keine gemeinsame kulturelle Herkunft von Narrativ und Gegen-Narrativ geben können. Und wo sich die konkurrierenden Parteien gegenseitig und von vorn herein die Legitimation, die kulturelle Gemeinschaft verweigern, werden Narrativ und Gegen-Narrativ zueinander keine Beziehung finden und damit keine Wirkung entfalten können. Das sollte aber nicht zu dem Schluss führen, man könne nichts tun.

An unseren Rollenspiel-Stammtisch entwickeln wir zum Beispiel keine neuen Argumente oder Appelle, auch keine Gegen-Narrative. Wir versuchen uns auch zunächst einmal nicht in irgendwelchen Verunsicherungsstrategien gegenüber dem "Nazi". Wir lernen vielmehr, dass es so nicht geht und dass das nicht an unseren Argumenten, auch nicht an den Narrativen des Extremisten, sondern an Verständigungsstrukturen innerhalb unseres Kreises liegt. Wir bewerten die Erfahrungen mit dem Rechtsextremisten als Erfahrungen von Macht. Er versucht – meist mit Erfolg –, die Macht am Tisch zu erobern. Er versucht, die Themen und die Form ihrer Bearbeitung festzusetzen. Er beansprucht Redezeit, wie er sie benötigt. Er beansprucht ein hohes Maß an Toleranz gegenüber seinen Denk-und Sprachfiguren. Und die anderen lassen sich auf diese Ansprüche ein. Anstatt das Gespräch am Thema "Schließung des Jugendheims" zu halten, verteidigen sie sich und ihr Weltbild und geraten dabei mit dem Rücken an die Wand. Das liegt nicht an der Schwäche des Weltbildes, sondern an dessen Komplexität, die einfach nicht so schlicht und brutal formuliert werden kann, wie rechtsextreme Narrative.

Dies scheint mir der alles entscheidende strategische Schritt zu sein: Wir müssen, wenn wir uns auf eine Auseinandersetzung mit extremistischen Weltbildern – Narrativen eben – einlassen, Machtstrukturen gestalten, in denen der Rechtsextremist keine Hegemonie erringen kann. Wir vereinbaren Redezeiten, Moderation und einen "Kodex", in dem verankert ist, dass menschenverachtende Aussagen mit Raumverweis geahndet werden können. Wir stärken die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die eine solche Machtstruktur herbeiführen und bewahren können. Diese Vorgehensweise lässt sich von der Laborsituation des Rollenspiels auch in die Praxis übertragen.

Dem Narrativ des Rechtsextremisten wird so keine narrative Antwort gegeben sondern die Forderung nach einer funktionierenden, demokratischen und geregelten Diskussion. Es ist noch fast nie eine Gruppe von allein darauf gekommen, aber zum Ende des Trainings funktioniert das Verfahren eigentlich immer. Und erstaunlicherweise haben sich auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit deutlichen Neigungen zum Rechtsextremen mit dieser Konfliktlösung anfreunden können.

Fußnoten

5.
Hans-Gerd Jaschke, Politischer Extremismus, Bonn 2007, S. 31.
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Autor: Ulrich Dovermann für bpb.de
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