APuZ Politische Grundwerte - Dossierbild

12.8.2013 | Von:
Siegfried Schiele

Gibt es noch Werte?

Es wäre verlockend, mit einem Klagelied zu beginnen. Wie oft kann man beobachten, dass über die "verwahrloste Jugend" hergezogen wird, während doch früher offenbar alles besser war. Häufig ist von "Ellbogengesellschaft" die Rede, nur wenige würden ans Gemeinwohl denken. Im Mai 2012 titelte gar das "Time"-Magazin "The Me Me Me Generation". Viele sind der Meinung, dass Desintegrations- und Auflösungsprozesse den notwendigen Bestand von Werten in unserer Gesellschaft infrage stellen. Doch was sind überhaupt Werte? Im Folgenden geht es nicht um eine wissenschaftliche Definition, sondern um eine pragmatische, handhabbare Bestimmung. Werte sind Zielvorstellungen, die unser praktisches Handeln beeinflussen. Sie haben eine gewisse Stabilität, können sich aber im Verlauf eines Lebens ändern. Sie sind für das Zusammenleben von Menschen von großer Bedeutung. Oft gleichen sich zentrale Wertvorstellungen von unterschiedlichen Personen, es gibt zum Teil auch erhebliche Unterschiede und Akzentverschiebungen. In einer demokratisch organisierten Gesellschaft wird es immer einen Wertepluralismus geben. Dieser Pluralismus macht geradezu das Wesen der Demokratie aus.

Und doch muss man die Frage stellen, ob es für den Zusammenhalt der Gesellschaft nicht eine Gemeinsamkeit in zentralen Punkten geben müsste. Damit sind die Grundwerte angesprochen, ohne die eine demokratisch verfasste Gesellschaft nicht existieren könnte. Diese können sich aus unterschiedlichen Quellen speisen. Hätten wir aber beispielsweise keine Einigung darüber, dass Freiheit eine zentrale Leitvorstellung für unsere Demokratie wäre, könnten wir nicht gedeihlich zusammenleben. Natürlich ist der Begriff "Freiheit" so weit gefasst, dass im politischen Streit noch großer Spielraum gegeben ist, um die freiheitliche Gesellschaft so oder so auszugestalten. Dass Freiheit kein Geschenk, sondern eine große Aufgabe darstellt und ohne die Kategorie Verantwortung nicht vorstellbar ist, müssen wir stets bedenken. Sie gibt dem Einzelnen wie auch der staatlichen Gemeinschaft insgesamt die Möglichkeit, die Gestaltung des privaten wie des öffentlichen Lebens selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist auch nicht vorstellbar, dass eine demokratisch verfasste Gesellschaft ohne den Grundwert Gerechtigkeit auskommen könnte. Die Einigkeit im Grundsatz ist schon einmal wichtig. Dennoch gibt es mannigfache Vorstellungen davon, was eine gerechte Gesellschaft im Einzelnen ausmacht. Nicht umsonst gibt es eine traditionsreiche Debatte zum Thema Gerechtigkeit von Aristoteles bis John Rawls. Eine gerechte Gesellschaft ist bestrebt, die Unterschiede zwischen den Menschen, die es in einer freien Gesellschaft immer geben wird, auszugleichen beziehungsweise erträglich zu gestalten. Nach Rawls sind die Unterschiede nur dann gerecht, wenn sich daraus Vorteile für alle ergeben. Es täte den politischen Auseinandersetzungen gut, wenn solche Thesen im Mittelpunkt der Diskussion stünden.[1]

In ähnlicher Weise könnten wir andere Grundwerte wie Gleichheit, Solidarität, Frieden oder Sicherheit betrachten und feststellen, dass sie für das Zusammenleben in einer Demokratie hohe Bedeutung haben. Man wird dann auch feststellen, dass die Grundwerte miteinander in einem Spannungsverhältnis stehen. Es leuchtet auf Anhieb ein, dass etwa Freiheit und Gleichheit immer wieder ausbalanciert werden müssen. Ähnlich verhält es sich bei den Werten Freiheit und Sicherheit. Es lohnt sich darüber zu streiten, wie solche Spannungen jeweils zu einem guten Ausgleich gebracht werden können. Unbestritten jedoch bleibt, dass diese Grundwerte ein Fundament für eine Gesellschaft demokratischen Zuschnitts sind.

Die genannten Grundwerte gipfeln alle in der Würde des Menschen. Es ist nicht mit Gold aufzuwiegen, dass Artikel 1 des Grundgesetzes (GG) mit der einfachen und klaren Aussage "Die Würde des Menschen ist unantastbar" den Kurs für das gesamte politische und gesellschaftliche Leben vorgibt. Damit ist der Maßstab gesetzt, an dem alles politische und soziale Handeln gemessen werden kann. Freilich können aus dieser Fundamentalnorm keine Rezepte für den Alltag abgeleitet werden, aber der Leuchtturm Menschenwürde ist deswegen nicht unverbindlich. Für viele Entscheidungen im politischen und sozialen Alltag gibt Artikel 1 zumindest eine Orientierung für Lösungen, welche die Würde des Menschen im Blick haben. Auf der hohen Abstraktionsebene werden Menschenwürde und die genannten Grundwerte in unserer Gesellschaft bejaht. Je konkreter wir uns dem Alltag nähern, desto komplizierter wird es allerdings.

Seit den 1960er Jahren vollzog sich eine Veränderung in der Einstellung weiter Bevölkerungskreise zu den Werten.[2] Im Kern geht es dabei um eine Abkehr von den Werten des Gehorsams und der Selbstbescheidung hin zu Selbstentfaltungswerten. Dieser Wertewandel vollzog sich langsam, aber stetig. Seit der Jahrtausendwende sehen manche Beobachter erneut einen Trendwechsel. Die Akzentverlagerung zugunsten einer hohen Wertschätzung des individuellen Freiheitsspielraums ist bestimmt eine positive Entwicklung. Allerdings ist damit die Gefahr verbunden, dass die Bereitschaft, Bindungen und Verpflichtungen, die für das Gemeinwesen wichtig sind, einzugehen, erheblich nachlässt. Allenthalben wird ja seit Jahren über den Mangel an sozialen Bindungen geklagt, seien es Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Verbände und Vereine. Der aufgeklärte, kritische Mensch sieht wohl in langfristigen Bindungen eine mögliche Einschränkung seiner Autonomie. Hier wird deutlich, dass der Wertewandel, der mit Modernisierungsprozessen zu tun hat, auch Kehrseiten haben kann, die der intensiven Diskussion bedürfen.

Wertewandel ist jedoch in jedem Fall abzugrenzen von Werteverfall. Es wäre gehörig übertrieben, wollte man behaupten, dass die Werte in unserer Gesellschaft generell im Schwinden begriffen sind. Mag sein, dass mancher den Wandel als Verlust begreift. Der Wandel ist nicht automatisch ein Wandel zum Guten. Darum ist die intensive öffentliche Debatte darüber, was uns sehr wichtig ist, von großer Bedeutung.

Die "Produktion von Werten" gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt. Einigkeit besteht darüber, dass der Staat nicht einfach Werte vorgeben und erzwingen kann. Schon im Jahr 1976 hat in der Katholischen Akademie Hamburg eine Tagung über Grundwerte stattgefunden. Helmut Schmidt vertrat damals die Auffassung: "Der demokratische Staat hat Werthaltungen und die sittlichen Grundlagen nicht geschaffen. (…) Der demokratische Staat lebt von ihm vorgegebenen Werten und Werthaltungen. (…) Seine Möglichkeiten zur Abhilfe sind sehr beschränkt, wenn die inneren, die sittlichen Regulierungskräfte in der Gesellschaft versagen."[3] Wenn also der demokratische Staat nicht die Werte schaffen kann, auf die wir angewiesen sind, dann muss das die Gesellschaft übernehmen.

Wer sorgt aber für diese Voraussetzungen? Hier kommt eine ganze Heerschar von Akteuren in den Blick. An erster Stelle ist die Familie zu nennen, aber auch Kindergärten, Schulen, Peergroups, Kirchen, Vereine oder Medien sind beteiligt, wenn es darum geht, Werte zu vermitteln. Das Problem besteht darin, dass es kein einheitliches Konzept gibt, nach dem die verschiedenen und recht unterschiedlichen Akteure bei der Wertevermittlung vorgehen. Zudem handelt es sich eher selten um intentionale Prozesse. Vieles geschieht auf informellem Weg. Beim Vermittlungsprozess kommt es nicht selten auch zu Widersprüchen. So ist es etwa fast die Regel, dass das, worauf in der Familie Wert gelegt wird, in der Peergroup verpönt ist. Die Auseinandersetzung mit solchen Widersprüchen kann für die Weiterbildung junger Menschen wichtig sein. An diesem Beispiel sieht man, wie komplex und kompliziert Weiterbildungsprozesse sind.

Eine goldene Regel lautet: Werte kann man nicht lehren, sie sind kein reiner Lehrstoff. Daher müssen wir auf der Hut sein, dass bei noch so guten Absichten aus der Lehre nicht eine Belehrung wird, die generell auf Ablehnung stößt. Gerade junge Menschen sind genervt, wenn etwas in kleiner Münze, ohne jede Authentizität an sie herangetragen wird, was ihnen im Grunde sehr wichtig ist. Daher sind Vorbilder wichtig, die manche als altmodisch abgeschrieben haben. Schon die Lateiner wussten, exempla trahunt, Beispiele reißen mit. War etwa Mutter Teresa nicht ein leuchtendes Vorbild? Sie hat sich glaubwürdig für Menschenwürde und Nächstenliebe eingesetzt. Viele versuchen, auf ihren Spuren zu wandeln. Es wird vor allem junge Leute immer beflügeln, wenn sie sehen, dass das, was ihnen selbst wichtig ist, schon hier und dort gelebt wird. Und Beispiele gibt es meistens auch im Nahbereich von jungen Menschen.

Fußnoten

1.
Vgl. Michael J. Sandel, Gerechtigkeit, Berlin 2013.
2.
Vgl. Helmut Klages, "Alte Werte" – "Neue Werte"?, in: Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Wertewandel und Bildungsarbeit, Dresden 2000, S. 45-67.
3.
Zit. nach: Siegfried Schiele, Demokratie in Gefahr?, Schwalbach/Ts. 2013, S. 72.
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Autor: Siegfried Schiele für bpb.de
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