APuZ Politische Grundwerte - Dossierbild

12.8.2013 | Von:
Lothar Probst

Nachhaltigkeit als politischer Wert

Der Begriff Nachhaltigkeit ist in Deutschland 300 Jahre alt. (…) Das heißt, wir feiern in diesem Jahr 300 Jahre Nachhaltigkeit. Daran können Sie erkennen, wie lange eigentlich einfache Sachen brauchen, um wirklich durchgesetzt zu werden. Wir sprechen jetzt über eine Welt, die heute mehr als sieben Milliarden Einwohner hat und die 2050 neun Milliarden Einwohner haben wird, auf der die Einkommen ungleich verteilt sind, auf der die Vermögen noch viel ungleicher verteilt sind, und über eine Welt, die mit Sicherheit auf Kosten der Zukunft lebt, also von der umfassenden Devise der Nachhaltigkeit noch weit entfernt ist."[1]

Wer heute über Nachhaltigkeit als politischem Wert schreibt, läuft Gefahr, einem Begriff, der ausgequetscht ist wie eine Zitrone, allenfalls ein weiteres Bekenntnis zu dessen Wichtigkeit für die Zukunft unserer Gesellschaft hinzuzufügen. In kaum einer gewichtigen Rede auf der nationalen oder internationalen politischen Bühne fehlt heute der Verweis auf Nachhaltigkeit, sei es im Bereich des Ökonomischen, des Ökologischen oder des Sozialen. Nach der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro im Jahr 1992 hat unter den politischen Akteuren geradezu ein inflationärer Wettlauf im Beschwören der Notwendigkeit und Bedeutung von Nachhaltigkeit eingesetzt – ein Wettlauf, der inzwischen in eine Art Nachhaltigkeits-Populismus ausgeartet ist und dem Begriff jegliche Trennschärfe zu nehmen droht.

Taugt also der Begriff überhaupt noch dazu, ihm im Gesamtuniversum politischer Werte eine spezifische Bedeutung beizumessen? Oder ist er so entleert, dass er im Grunde zu einer beliebigen und unverbindlichen Formel im politischen Alltag zu werden droht? Um diese Fragen zu klären, soll zunächst nachgezeichnet werden, wie der Begriff Nachhaltigkeit Eingang in zeitgenössische gesellschaftspolitische Diskurse gefunden hat. Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass ein gesellschaftspolitisches Konzept erst dann in Institutionen und alltäglichen Wertorientierungen verankert ist, wenn es sich als regulative Leitidee im politischen Diskurs durchgesetzt hat. Darauf aufbauend geht der Beitrag auf den Verfassungsrang von Nachhaltigkeit als politischem Grundwert sowie auf seine Bedeutung als Wertorientierung in den gesellschaftlichen Praxen und Verhaltensweisen ein, bevor Nachhaltigkeit als politischer Wert in aktuelle gesellschaftspolitische Zukunftskonzepte und Strategien für das politische Handeln eingeordnet wird.

Vom Nischendasein zur regulativen Leitidee

Wenn man sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit Werten beschäftigt, gerät man schnell in ein kaum zu entwirrendes Knäuel verschiedener Erklärungen, Ansätze und Deutungen. Einig sind sich die meisten Autorinnen und Autoren darin, dass der ursprünglich aus der Ökonomie stammende Begriff erst im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die Wertephilosophie in den Bereich der Politik übertragen wurde, während er in der traditionellen europäischen Ethik nur eine marginale Rolle spielte.[2] Seit dieser Zeit entfalten Werte ihr orientierendes und normierendes Potenzial für politisches und gesellschaftliches Handeln. Welche Werte für eine politische Gemeinschaft sinnstiftend und verbindlich sein sollen, muss jedoch diskursiv ausgehandelt werden. Dieser Aushandlungsprozess ist nicht frei von politischen Opportunitäten und in einer pluralistischen Gesellschaft, in der unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinanderprallen, stetig im Fluss. Vormals akzeptierte politische Werte können ihren gemeinschafts- und sinnstiftenden Status verlieren, neue Werte dagegen in den Katalog moralisch verbindlicher politischer Orientierungen aufgenommen werden.

Die Entstehung neuer Werte ist häufig mit tief greifenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden, in denen sich neue Leitideen Bahn brechen. So haben die großen politischen Leitideen der Moderne – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – ihren Ursprung in der Amerikanischen beziehungsweise Französischen Revolution. Sie bestimmen bis heute unser politisches Handeln und wurden im Laufe der Geschichte von unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Strömungen und Parteien programmatisch vereinnahmt. Sie entwickelten sich zu regulativen Prinzipien des gesellschaftlichen Zusammenseins. Obwohl die Ursprünge des Begriffs Nachhaltigkeit vor dem Zeitalter dieser Revolutionen liegen, konnte dieser seine politische Sprengkraft als eine neue regulative Leitidee natürlich erst zu einem Zeitpunkt entfalten, als die destruktiven Folgen einer wachstums- und fortschrittsgetriebenen Moderne langsam ins öffentliche Bewusstsein sickerten.

In der Bundesrepublik lässt sich dieser Zeitpunkt relativ genau bestimmen. Die kulturhistorische Forschung begreift die 1970er Jahre als "Umbruchzeit" und als "Abschied von der Geltung des liberal consensus"[3] – einem Konsens, der mit den Begriffen Wachstum, Wohlstand, Technikeuphorie und Fortschrittszuversicht beschrieben werden kann. In den umweltpolitischen Bewegungen jenes Jahrzehnts wurde die Fortschrittsgläubigkeit einer aus dem Ruder laufenden Moderne hinterfragt und ein grundsätzliches Unbehagen an den Erscheinungsformen der modernen Industriegesellschaft artikuliert. Es ist kein Zufall, dass gerade in dieser Zeit die Karriere des Begriffs Nachhaltigkeit begann.[4] Wie kaum ein anderer Begriff eignete sich der ursprünglich aus der Fortwirtschaft als Grundsatz entwickelte Nachhaltigkeitsgedanke als gemeinsame Klammer einer an sich heterogenen Bewegung, in der bürgerlich-konservative Strömungen genauso zu Hause waren wie linke und alternative Gruppierungen. Der einfache wie bestechend klare Gedanke, der vor 300 Jahren von Hans Carl von Carlowitz aus einer eher volkswirtschaftlichen Perspektive entwickelt wurde, nämlich dass man nur soviel Holz schlagen sollte, wie durch Wiederaufforstung nachwachsen kann, konnte nach der Veröffentlichung des Berichts des Club of Rome (1972) und der Ölkrise von 1973 – nicht nur aufgrund seiner symbolischen Verbindung zum durch sauren Regen bedrohten Wald – umstandslos in eine ökologische Problemsicht integriert werden. Die schon in seinen forstwirtschaftlichen Ursprüngen angelegte Verbindung ökonomischer, ökologischer und sozialer Faktoren machte den Begriff zum idealen Ausgangspunkt eines neuen Paradigmas, welches sich gegen die zerstörerischen Potenziale der industriellen Moderne richtete.

Der Impuls für Nachhaltigkeit als neue regulative Leitidee kam also nicht aus der Ökonomie, sondern aus der ökologischen Bewegung der 1970er Jahre, die damals noch in ihrer embryonalen Phase steckte und gesellschaftspolitisch weitgehend ein Nischendasein führte. Zwar beschäftigten sich schon in dieser Zeit internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen auf ihrer Conference on the Human Environment (1972) in Stockholm mit den wachsenden Problemen der weltweiten Umweltzerstörung, aber es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis Nachhaltigkeit Eingang in offizielle internationale Dokumente fand. Erst in den Debatten auf den Umweltkonferenzen der Vereinten Nationen seit 1992 folgte der Siegeszug des Prinzips der Nachhaltigkeit nicht nur als ökologische, sondern auch als wirtschaftliche und soziale Handlungsmaxime.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die volkswirtschaftliche Dimension von Nachhaltigkeit erst über den ökologischen Umweg auch von der Ökonomie wieder als handlungsleitendes Prinzip entdeckt wurde. Das hat damit zu tun, dass in den vergangenen Jahrzehnten in wirtschafts- und finanzpolitischen Diskursen ein zentraler Kerngedanke von Nachhaltigkeit stärker an Einfluss gewonnen hat – die Verantwortung für nachkommende Generationen. Die Grünen vermochten es in ihrem ersten Wahlkampf zur Europawahl 1979,[5] diesen Kerngedanken symbolisch in einem Wahlplakat zu bündeln, das heute noch als gelungene visuelle Verkörperung von Nachhaltigkeit gelesen werden kann. Vor dem Hintergrund einer von Kinderhand gemalten Kulisse aus Bäumen, Blumen, Vögeln und einer strahlenden Sonne steht: "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt." Dass diese Botschaft in der Folgezeit einen Resonanzboden fand, lag auch daran, dass sie an die christliche Schöpfungsgeschichte und damit an christliche Werte anschlussfähig war.

Halten wir fest: Nachhaltigkeit hat sich seit den 1970er Jahren nach und nach über den ökologischen Diskurs als mehrdimensionale regulative Leitidee in der Bundesrepublik und in der internationalen Arena etablieren können. Nicht jede regulative Leitidee wird jedoch in den Katalog der politischen Grundwerte einer Gesellschaft aufgenommen. Erst die verfassungsrechtliche Normierung und Aufwertung einer Leitidee kann als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass sie als politischer Grundwert anerkannt und akzeptiert ist.

Fußnoten

1.
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Evangelischen Kirchentag, 3.5.2013, online: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2013/05/2013-05-03-rede-merkel-kirchentag.html« (25.6.2013).
2.
Vgl. Hermann Lübbe, Werteverfall oder Wertewandel?, in: Georg W. Oesterdiekhoff/Norbert Jegelka (Hrsg.), Werte und Wertewandel in westlichen Gesellschaften, Leverkusen 2001.
3.
Silke Mende, "Nicht rechts, nicht links, sondern vorn", München 2011, S. 12.
4.
Vgl. Heiner Schanz, Forstliche Nachhaltigkeit, Schriften aus dem Institut für Forstökonomie der Universität Freiburg, Bd. 4, Freiburg/Br. 1996, S. 32.
5.
Es handelte sich damals noch um die Vorläuferorganisation "Sonstige politische Vereinigung (SPV). Die Grünen", aus der 1980 die Partei Die Grünen hervorging.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Lothar Probst für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.