Skulptur "Non-Violence" des schwedischen Künstlers Carl Fredrik Reuterswärd vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in New York.

Internationale Politik des kulturellen Eigentums


2.9.2013
Die Begriffe "internationale Sicherheit" und "globale Kooperation" rufen unweigerlich Gedanken zu Krieg und Frieden, Interventionen der Vereinten Nationen und globalen geoökonomischen Beziehungen hervor. Diese globalen Beziehungen umfassen jedoch nicht nur grenzübergreifende Streitigkeiten und militärische Konflikte, sondern auch kulturelle Streitigkeiten und Kooperationsprogramme. Letztere können aufgrund ihres Potenzials, Respekt für die Identität und Traditionen anderer Nationen zu stiften, für die Erhaltung der internationalen Sicherheit eine wichtige Rolle spielen. Andererseits können sie auch höchst problematisch sein, indem sie weiterhin bestehende Ungleichheiten der kolonialen Vergangenheit widerspiegeln. Besonders aufschlussreich ist in dieser Hinsicht die Politik des kulturellen Eigentums und des kulturellen Erbes in Afrika.

Während der europäischen Kolonialzeit gelangte eine Vielzahl an afrikanischen kulturellen Gegenständen in westliche Museen und Privatsammlungen. Anfangs wurden diese Gegenstände als exotische Kuriositäten oder bestenfalls als ethnografische Artefakte betrachtet. Unter dem Einfluss modernistischer Künstler wie Pablo Picasso änderte der Westen seine Einstellung und eröffnete einigen dieser Gegenstände (es handelte sich meist um Holzskulpturen) den Zugang zum Heiligtum der "Kunst". Dieser Prozess steigerte ihren Wert auf dem internationalen Kunstmarkt, ohne dabei den afrikanischen Ökonomien einen relevanten Vorteil erbracht zu haben. Der finanzielle Gewinn lag – und liegt nach wie vor – bei den westlichen Sammlern und Händlern.

Der Unabhängigkeitskampf der afrikanischen Länder wird in der Regel als politischer Kampf beschrieben; er leitete jedoch auch einen Kampf um den Besitz von Kulturerbe ein, der sich meist in Form von Forderungen nach kultureller Rückerstattung ausdrückte. Der im Westen fortwährende Bestand zahlreicher Museumssammlungen und Kunstgegenstände, die nach heutiger Auffassung als Nationalerbe afrikanischer Länder gelten, wurde von vielen als Ausdruck einer andauernden Ungleichheit wahrgenommen. Museumskuratoren und Kunstsammler im Westen reagierten oft mit dem Argument, dass der Besitz dieser Gegenstände rechtens sei, wenn diese nicht durch Gewalt oder Diebstahl erworben worden waren. Außerdem wurden afrikanische Kunstsammlungen als Welterbe – statt bisher nur als afrikanisches Erbe – neu definiert, was den westlichen Nationen die moralische Verantwortung gab, sie zu schützen. Genau auf diesen Schutz bezog man sich häufig, um gegen die Rückführung von Gegenständen zu argumentieren. Man ging davon aus, dass die afrikanischen Länder nicht in der Lage waren, sichere und geeignete Bedingungen für deren Aufbewahrung bereitzustellen.

Natürlich lag das Fehlen einer geeigneten kulturellen Infrastruktur in der Regel am mangelnden Interesse der Kolonialherren, eine solche aufzubauen (Ausnahmen sind etwa Kenia oder der Senegal). Als Antwort dazu riefen einige europäische Museen Kooperationsprogramme mit afrikanischen Museen ins Leben. Das Ethnologiemuseum in Leiden/Niederlande unterhält beispielsweise Arbeitsbeziehungen mit dem Nationalmuseum in Mali, und das Royal Museum for Central Africa in Belgien arbeitet mit dem Institute for National Museums in der Demokratischen Republik Kongo zusammen. Auch internationale Organisationen spielten eine wichtige Rolle, indem sie legale und halblegale Rahmenbedingungen für die Rückführung von Kulturgütern schufen. Diese ursprünglich nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufenen Regelungen wurden 1970 durch das Übereinkommen der UNESCO über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut modifiziert. Dieses Übereinkommen hatte zum Ziel, die Staaten gegen die unerlaubte Entwendung ihres Kulturerbes zu schützen, und betonte das natürliche Recht der Nationen auf ihr Kulturerbe. Jedoch gab es einen wichtigen Vorbehalt: Die Regulierungen galten nicht rückwirkend, das heißt, sie umgingen das Problem der während der Kolonialzeit entwendeten Objekte.

Die Bedeutung dieser und anderer Übereinkommen geht jedoch darüber hinaus. Sie schufen eine positive Grundstimmung sowie eine internationale Infrastruktur (mit Organisationen wie dem Internationalen Museumsrat), was die bilateralen Verhandlungen erleichtert. Manche Verhandlungen waren bereits erfolgreich, so etwa 2003 die Rückgabe einer Seifenstein-Skulptur des Ethnologischen Museums in Berlin an das heutige Simbabwe. Verhandlungen und Regelungen sind aber nicht immer so wirksam, wie aus dem jahrzehntelangen Streit zwischen Nigeria und Großbritannien um die Benin-Bronzen ersichtlich ist. Im Bereich von Sicherheit und Kooperation können solche bilateralen Verhandlungen, kulturelle Kooperationen und internationale Vorschriften die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Sie können jedoch gewisse Streitigkeiten in ihrer Schärfe mildern und weiter reichende Konflikte verhindern.


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Autor: Sarah van Beurden für bpb.de
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