1-Euro-Münze

12.9.2013 | Von:
Alessandra Dino,

Frauen in den italienischen Mafias

Frauen in der Sacra Corona Unita

Eine andere Position haben die Frauen der Sacra Corona Unita (SCU) inne. Am 1. Mai 1983 gründete Giuseppe Rogoli im Gefängnis die Organisation, um der Anwerbung durch die Anhänger der Nuova Camorra Organizzata in den Haftanstalten Einhalt zu gebieten und das apulische Territorium vor der Infiltration durch diese Organisation zu verteidigen.[23] Die Ursprünge der Vereinigung haben nicht nur die Konfiguration der Organisation vorbestimmt, sondern auch deren wichtigste Strategien, Aktionen und Entscheidungen. So haben sie auch die Rolle der Frauen geprägt, die – um ihre inhaftierten Angehörigen unterstützen zu können – in die kriminellen Aktivitäten einbezogen wurden.

Die Frauen, die der SCU nahestehen, gehen schnell über "von einer Phase der Gefügigkeit, von Passivität und unausgesprochener Unterstützung der Aktivitäten des Mannes, zu einer Phase, die sich durch eine innovative Aufgabe kennzeichnet und die sie allmählich aus dem Limbus der sogenannten Begünstigungen heraus- und hinführt zur Erlangung einer aktiven Rolle und damit zu einer gewissen Sichtbarkeit."[24] Während sie zunächst gebraucht wurden, um einer Notsituation zu begegnen, hat sich ihre Position in der kriminellen Gruppe mit der fortdauernden Abwesenheit ihrer Angehörigen normalisiert und gleichsam institutionalisiert, wodurch die Grundlagen für eine unumkehrbare Situation gelegt wurden (auch für den Fall, dass die Angehörigen aus der Haft entlassen werden).

Auch in der SCU gibt es entsprechend der verschiedenen, innerhalb der mafiösen Organisation ausgeübten Funktionen unterschiedliche Bereiche, in die Frauen involviert sind. Zu den institutionalisierten Rollen gehören die messaggera, die Botin, "die die Verbindungsbrücke zwischen dem Gefängnis und der Außenwelt bildet und den inhaftierten Anverwandten Nachrichten übermittelt", die collettrice di denaro, die Geldsammlerin, "die sich damit beschäftigt, das aus den verschiedenen Aktivitäten der Gruppe zusammenkommende Geld zu sammeln und es unter den Gruppenmitgliedern nach Bedarf zu verteilen", ferner gibt es die amministratrice, die Verwalterin, "die praktisch mit der Steuerung von illegalen Geschäften oder einzelner Bereiche der kriminellen Märkte betraut ist" und schließlich die consigliera, die Beraterin, "die aufgefordert ist, ihre Meinung zu Fragen zu äußern, die mit laufenden Konflikten mit rivalisierenden Gruppierungen zu tun haben, die die Abrechnung innerhalb des eigenen Clans betreffen oder die Machtverteilung in einer Familie".[25] Zahlreich sind auch die Beispiele von starken kriminellen Rollen, die von Frauen mit enormer Grausamkeit und Entschlossenheit ausgefüllt wurden.

Zukünftige Szenarien

Die hier geschilderten Rollen von Frauen innerhalb der italienischen Mafias weisen gewisse Ähnlichkeiten zu den weiblichen Aufgaben und Befugnissen in anderen internationalen Bereichen der Organisierten Kriminalität mafiöser Art auf. Unabhängig von den spezifischen Charakteristika, die sich aus den Unterschieden der einzelnen kriminellen Organisationen ergeben, zeigen die Analysen einige wiederkehrende Elemente: eine hohe Dunkelziffer von kriminell aktiven Frauen, ein enger Zusammenhang zwischen den Typologien der von Frauen begangenen Verbrechen und dem sozialen Kontext und Umfeld, in dem sie agieren, die Bereichsbezogenheit ihrer kriminellen Aktivitäten, die häufige Abkunft weiblicher krimineller Macht von jener der männlichen Familienmitglieder, die Schwierigkeit, Anerkennung für ihre Rollen zu finden und diese zu formalisieren oder ihre fast vollkommene Abwesenheit in den Zentralen der konkreten Machtausübung.

Mittlerweile verändern sich auch die Mafias schrittweise, indem sie immer engere Beziehungen zur Wirtschaftskriminalität knüpfen und auf diese Weise versuchen, eine fortschreitende formale Legalisierung der kriminellen Aktivitäten zu erwirken.

Es ist schwierig, in diesem fluiden Szenario die Veränderungsprozesse zu skizzieren, die weibliche Figuren betreffen.[26] Indes ist das Auftauchen einer neuen, qualifizierten und professionell agierenden Figur von Frau zu bemerken, die aufgrund ihrer speziellen Kompetenzen in die jeweilige Organisation eingebunden ist und mit dieser eine immer organischere Beziehung eingeht, die traditionsgemäß in der erworbenen oder Blutsverwandtschaft verwurzelt bleibt – getreu des binomischen Erfolgsrezeptes Tradition-Innovation, das die Mafias seit Urzeiten auszeichnet.

Neben diesen Fällen von Anpassung stehen jene von Zusammenarbeit mit der Justiz, die oft einem Bedürfnis nach Freiheit entspringen, das in dem Verlangen nach "größerer persönlicher Autonomie" Ausdruck findet, während es sich nur schwer mit der Forderung nach geteilten Rechten verbindet.

Der Prozess des langsamen Eindringens in die öffentliche Sphäre produziert merkliche Konsequenzen für die Geschlechterbeziehungen innerhalb der Mafia-Organisationen. Immer mehr Aufgaben und Obliegenheiten werden aus Gründen der organisatorischen Funktionalität an Frauen delegiert, was Kreuzungsprozesse entfesselt, in denen Frauen in traditionellen Männerrollen agieren, wobei sie eigentümlich weibliche Emotionen mit einbringen. Trotz ihrer formalen Anerkennung stoßen die Frauen der Mafia noch auf enorme Hindernisse in einer männlich geprägten Welt, die sich vornehmlich durch Beziehungen von Kraft, Stärke und Ansehen gestaltet, und wo sehr darauf geachtet wird, die eigenen Privilegien zu wahren. Dennoch wird die veränderte Rolle dieser Frauen sicherlich die künftigen Ordnungen der mafiösen Vereinigungen sowie die Entwicklung der Beziehungen zwischen den kriminellen Organisationen beeinflussen.

Fußnoten

23.
Vgl. Monica Massari/Cataldo Motta, Women in The Sacra Corona Unita, in: G. Fiandaca (Anm. 1), S. 56.
24.
Ebd., S. 57.
25.
Ebd., S. 65f.
26.
Vgl. Margaret Beare, Women and Organized Crime, Research and National Coordination Organized Crime Division Law Enforcement and Policy Branch, Public Safety Canada, Report Nr. 13/2010.
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Autor: Alessandra Dino, für bpb.de
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