Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Thomas Großbölting

Geschichtskonstruktion zwischen Wissenschaft und Populärkultur - Essay

Herausforderungen für die Geschichtswissenschaft

Diese Beobachtungen sind mehr Problemanzeigen als Aufhänger für "Rezepte", dennoch seien abschließend einige Hinweise gegeben: "Er ist wieder da" erreichte den Gipfel der medialen Aufmerksamkeit, als ihm ein "Medien-Crossover" gelang: Im Februar 2013 wurde das Buch zum Thema der Polit-Talkshow "Hart aber Fair". Zum Kreis der Fachkundigen gehörten dort der TV-Spaßmacher Oliver Pocher, Leo Fischer, der Chefredakteur der Satirezeitschrift "Titanic", die ähnlich wie "Der Spiegel" des Öfteren mit Hitler als Coverfigur aufmachte, sowie Erika Steinbach, die als langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen die zugespitzte Thematisierung der Vergangenheit zu ihrem besonderen Metier gemacht hat. Wie gerne hätte man Ian Kershaw als Verfasser der wichtigsten Hitler-Biografie oder Hans-Ulrich Thamer als den wissenschaftlichen Kopf hinter der viel beachteten Ausstellung "Hitler und die deutsche Gesellschaft" des Deutschen Historischen Museums in dieser Runde gesehen! Beide (und auch andere) hätten den Zusammenhang von geschichtswissenschaftlich möglichen Aussagen über Hitler und dessen Repräsentation in der Nachkriegszeit fachkundig bereichern können. Das ist wohl ein frommer Wunsch, der den medialen Aufmerksamkeitsregeln so gar nicht entspricht. So aber blieb die Diskussion völlig geschmäcklerisch auf die politische Bewertung dessen beschränkt, was wie erinnert wird.

Die Fehlersuche beginnt vor der eigenen Haustür: Haben wir vielleicht wesentliche Fragen nicht beantwortet, das Falsche erforscht? So legte das der in Großbritannien lehrende Historiker Thomas Weber Anfang 2013 nahe. Haben wir, die professionelle Historikerzunft, die Person Hitler nicht (mehr) ernst genug genommen und stattdessen "Führerfolklore" betrieben? Erklären wir ihn nur als Witznummer oder zum Monster? Webers Empfehlung lautet: Historiker, beschäftigt euch verstärkt mit den persönlichen Voraussetzungen Adolf Hitlers für dessen charismatische Herrschaft. Wie lässt sich die "Metamorphose der politischen Überzeugungen und der Persönlichkeit Hitlers" in den Jahren 1918 und 1919 erklären, die ihn von einem "Einzelgänger ohne jede Führungseigenschaften" zu einem "faschistischen charismatischen Leithammel mit einem Alles-oder Nichts-Totalitarismus" erklären?[21]

Diese Fragerichtung führt meines Erachtens in die Irre. Es waren die nationalsozialistische Propaganda und die Selbstdarstellung Hitlers, welche die Vorstellung vom "Genie" des "Führers" und dessen davon abgeleiteter Macht immer wieder behauptet haben. Die Faszination eines solchen Erklärungsansatzes läge vor allem darin, dass sich vermeintlich der Kreis schließen ließe. Das Leben Hitlers als ein schlecht getarnter Entwicklungsroman und eventuell gar als pars pro toto des Nationalsozialismus bedient zwar die Wünsche nach (einfachen) Deutungen, erklärt aber weder den Nationalsozialismus als Phänomen noch das Charisma des "Führers". "Hitlers Macht ist nicht aus seinen Charaktereigenschaften oder aus seinem vermeintlichen persönlichen Charisma zu erklären, sondern vielmehr aus den politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Motiven der Deutschen, die ihre Ängste und Erwartungen auf ihn projizierten. Dadurch machten sie Hitler möglich", so hält Hans-Ulrich Thamer überzeugend gegen diese Position.[22] Die Geschichtswissenschaft hat die Person des Diktators nicht in den Vordergrund gestellt, nicht zuletzt um dem didaktischen Anliegen gerecht zu werden, die Hitler-Fixierung der frühen Thematisierungen des Nationalsozialismus zu überwinden. Aktuell scheinen aber die Fragen, die gestellt werden, dieser Befürchtung nicht mehr Vorschub zu leisten. Im Gegenteil sieht es so aus, als habe das in Schule, Hochschule und über Medien vermittelte Wissen einen breiten Assoziationsraum eröffnet, von dem nicht nur Guido Knopps Dokumentationen, sondern auch "Er ist wieder da" leben.

Stärker als bisher werden wir uns über die Ausrichtung unserer Publikationstätigkeit Gedanken machen müssen: Die Hoffnung, dass Geschichtsbilder "gemacht" werden, indem gelehrte Männer und Frauen sich die Köpfe auf Veranstaltungen darüber zerbrechen, wie die Vergangenheit zu rekonstruieren und zu interpretieren sei, gehört der Vergangenheit an. Die maßstabsetzende Darstellung oder die wichtige Tagung erreichte wohl schon immer nur einen sehr begrenzten Rezipientenkreis. Aktuell verlieren diese Medien immer stärker an Bedeutung und die "Zunft" der Kultur- und Geschichtswissenschaften wird sich der Frage nach der Reichweite der eigenen Publikationsformen nicht verweigern können. Die wissenschaftspolitischen Entwicklungen aber deuten eher in die entgegengesetzte Richtung: Forschung nämlich vor allem in evaluierungsfähigen Zusammenhängen und damit in lediglich intern beachteten Fachzeitschriften stattfinden zu lassen – doch das ist wohl nicht der richtige Weg. Am Beispiel der Ökonomie und ihrem Versagen bei der Deutung der jüngsten Bankenkrise lässt sich hervorragend studieren, wie rasch sich eine vormals sehr publikumswirksame Disziplin zu einem Glasperlenspiel entwickeln kann.

Die Macht der historischen "Realität" gegen die Repräsentation zu verteidigen und sich auf diese Weise dem Dialog zu verweigern, ist sicher ebenfalls kein guter Weg. Auch wenn die Unterschiede zwischen Geschichtswissenschaft und Erinnerungsbusiness klar herauszuarbeiten sind, gilt es doch auch, den Konstruktionscharakter der Geschichtswissenschaft zu bedenken. "History is a verb, not a noun", dieses Diktum des britischen Historikers Keith Jenkins gehört mittlerweile zum Selbstverständnis einer reflektierten Historiografie.[23] Daher sind die Potenziale auszuloten, mit denen Gedächtnis und Geschichte miteinander ins Gespräch zu bringen sind. Auf diese Weise lässt sich eine Historie befördern, die das vorwissenschaftliche Gedächtnis ernst nimmt und es zugleich einer Kritik unterwirft.

Wendet man diese Überlegungen auf die Thematisierungen des Nationalsozialismus an, dann ergeben sich eine Reihe von Fragen: In welchem Zusammenhang stehen die populären Repräsentationen mit der Selbstinszenierung Hitlers und des Nationalsozialismus? Wie interpretieren wir die aktuell kursierenden Hitler-Bilder und was sagen sie uns über die heutige Sichtweise auf den Nationalsozialismus? In welchem Verhältnis stehen diese kulturellen Bilder beispielsweise zu den NS-Verbrechen? Kaum plausibel dürfte es sein, alle derartigen Repräsentationen über einen Leisten zu schlagen oder gar pauschal zurückzuweisen. Der Affekt gegen die Populärkultur trägt weniger zur Aufklärung bei als vielmehr zur Vermeidung, sich die jeweiligen Formen, Darstellungsweisen, Anlässe und Rezeptionen genauer anzuschauen. Der vergleichende Blick auf unterschiedliche "Erinnerungskulturen" kann hingegen helfen, die konkreten Repräsentationen des Nationalsozialismus historisch zu situieren und auf diese Weise in diesem Feld, aber auch darüber hinaus, zu einem reflektierten Umgang mit der Vergangenheit beizutragen.

Fußnoten

21.
Thomas Weber, Wer war Adolf Hitler?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.1.2013.
22.
Vgl. Hans-Ulrich Thamer, Hitler und die Deutschen – eine vieldeutige Beziehungsgeschichte, in: ders./S. Erpel (Anm. 11), S. 162–170, hier: S. 163.
23.
Vgl. Keith Jenkins/Sue Morgan/Alun Munslow, Introduction: On Fidelity and Diversity, in: dies. (eds.), Manifestos for History, New York 2007, S. 1–11, hier: S. 5.
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Autor: Thomas Großbölting für bpb.de
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