Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Klaus Christoph

"Aufarbeitung der SED-Diktatur" – heute so wie gestern? - Essay

Differenziertheit und deutsch-deutsche Bezugnahmen

Um die Diskussion weiterzuführen, könnte an die Vorschläge der Sabrow-Kommission angeknüpft werden. Im Gegensatz zu den konzeptionellen Vorstellungen und Praktiken der bisherigen staatlich organisierten "Aufarbeitung der SED-Diktatur", deren Elemente im Kommissionsentwurf überwiegend dem Arbeitsschwerpunkt "Überwachung und Verfolgung" zuzurechnen wären, sind die neuen Überlegungen noch kaum ausgearbeitet und erprobt worden. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte darin bestehen, die entsprechenden Dimensionen und Begriffe auf der Grundlage der inzwischen vorliegenden Materialfülle zur DDR-Gesellschaft zu konkretisieren. Im Folgenden sollen dazu einige stichwortartige Beispiele skizziert werden.

Das Erste, was einen systematisch-konzeptionellen Gesichtspunkt enthält, bezieht sich auf die zu berücksichtigenden "beziehungsgeschichtlichen Dimensionen der deutschen Doppelstaatlichkeit". Hierzu gehört eine wichtige Voraussetzung, nämlich die Anerkennung eines gemeinsamen historischen Ausgangspunktes: die Geschichte Nazideutschlands mit seiner von außen herbeigeführten Niederlage nach einem von ihm ausgelösten mörderischen Weltkrieg, zu dessen Folgen die Teilung des Landes durch die Siegermächte gehörte, die mit systemisch unterschiedlichen ökonomisch-sozialen und politischen Entwicklungen verbunden war und in eine Integration sich gegenüberstehender Machtblöcke unter der Führung der USA einerseits und der Sowjetunion andererseits einmündete.

Dabei waren trotz der deutschen Teilung Interdependenzen wirksam, die sich im Zeitverlauf veränderten. So dominierten in der Hochphase des Kalten Krieges die wechselseitig negativen Bezugnahmen, welche die Legitimation des jeweils eigenen und zugleich die Delegitimierung des anderen ökonomischen und politischen Systems einschlossen, während in der anschließenden Koexistenz-Phase und erst recht im Gefolge der Neuen Ostpolitik Anfang der 1970er Jahre trotz der weiterhin bestehenden Systemunterschiede vertraglich geregelte Formen des Nebeneinanders angestrebt wurden. Für das geteilte Deutschland gehörte zu dieser Entwicklung eine erhebliche Zunahme des Besucherstroms in Richtung Osten – vor dem Hintergrund, dass in den 1970er und 1980er Jahren etwa zwei Drittel der Ostdeutschen Verwandte in Westdeutschland hatten.[24] Dabei war es für diese auf der Alltagsebene wirksamen deutsch-deutschen Beziehungen charakteristisch, dass aus Verwandten "Ost-West-Verwandtschaften" wurden – verbunden mit jeweils spezifischen Rollenzuschreibungen und Erwartungshaltungen.

Zu den "Bindungskräften" gehörten offenbar die "sozialistischen Ideale" in Gestalt von "Gleichheit", "Gerechtigkeit" und "Solidarität". Darauf verweist zum Beispiel der hohe Anteil jener, die (heute) dem Statement zustimmen, dass "der Sozialismus eine gute Idee" sei, die bisher nur schlecht umgesetzt wurde.[25] In einer ganzen Reihe individueller Berichte von Besuchsreisen in die DDR in den 1970er und 1980er Jahren wird hervorgehoben, dass in informellen Gesprächen zwar viel über immer wieder auftauchende Versorgungsmängel, bürokratische Gängeleien und eingeschränkte Reisemöglichkeiten geklagt wurde, "der Sozialismus" beziehungsweise die "sozialistischen Ideale" jedoch eher ausnahmsweise in Frage gestellt wurden.

Handfester als "Bindungskraft" dürfte sich ein anderes Politikum erwiesen haben, nämlich die Bildungsoffensive in den 1950er und frühen 1960er Jahren, die nicht wenigen Angehörigen traditionell benachteiligter sozialer Schichten einen Bildungsschub und einen beruflichen Aufstieg brachte. Allerdings geschah das nicht nur in Verbindung mit dem Anspruch auf politische Loyalität gegenüber dem SED-Staat, sondern bei gleichzeitigem Ausschluss von Kindern aus anderen, vor allem den alten Mittelschichten zugehörigen sozialen Milieus. Ihnen war der Weg zum Studium häufig versperrt. Zudem wurde jenes Qualifizierungs- und Aufstiegskennzeichen im Laufe der 1960er Jahre zu einem Beispiel für die von der Sabrow-Kommission markierten DDR-typischen "konstitutiven Widersprüche": Denn die erheblich verbesserten Bildungs- und Aufstiegschancen von Kindern aus Arbeiter-, unteren Angestellten- und bäuerlichen Haushalten wurden durch steigende Selbstrekrutierungsraten bei den inzwischen etablierten Funktionseliten faktisch (wieder) eingeschränkt,[26] was als eklatanter Verstoß gegen den egalitären Grundanspruch des politischen Systems gelten kann.

Ein anderes Beispiel ist der DDR-spezifische Antifaschismus als politisch-moralische Legitimationsgrundlage des SED-Staates. Seine Betonung enthielt stets eine Abgrenzung von der Bundesrepublik, der eine Re-Faschisierung unterstellt wurde. Der DDR-Antifaschismus knüpfte einerseits an den opferreichen Widerstand auch und gerade der Kommunisten gegen das NS-Regime an und rechtfertigte den (weitgehend) konsequenten Austausch der alten, durch den Nationalsozialismus belasteten Eliten; auf der anderen Seite behinderte er aus ideologischen und machtpolitischen Gründen eine wirksame, mit demokratischer Erfahrungsbildung verbundene Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, in die doch die Mehrzahl auch der Ostdeutschen aktiv oder passiv verstrickt war. Nach dem eigenen ideologischen Verständnis konnte sich der Faschismus in der DDR nicht wiederholen, weil hier seine Voraussetzungen durch die vorgenommenen ökonomisch-sozialen Umwälzungen unter der "Führung der Partei der Arbeiterklasse" eliminiert worden waren. Dies ließ eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als unnötig erscheinen; doch wurde sie sicherlich auch deshalb vermieden, weil eine öffentliche Debatte über die Art der NS-Verwicklungen womöglich nicht nur gewisse Parallelen zu den politischen Organisationsformen und autoritären Entscheidungsstrukturen des SED-Apparats ("demokratischer Zentralismus") offenkundig gemacht, sondern auch die durchaus systemfunktionalen, traditionell obrigkeitsstaatlich geprägten Denk- und Verhaltensmuster infrage gestellt hätte.

Zum Beschweigen der Verstrickungen der Bevölkerung in den Nationalsozialismus, das im Übrigen für die Anfangsjahre der Bundesrepublik ebenso gilt (wenngleich aus anderen Gründen), mag dazu ein verschwiegenes Einverständnis zwischen den Herrschern und Beherrschten beigetragen haben, und zwar, wie der Soziologe Wolfgang Engler schreibt, im Sinne eines "Ablasshandels":[27] Die kommunistischen Kader, die den NS-Terror überlebt hatten, haben für die Sünden aller gebüßt. Und dieses Angebot wurde akzeptiert, nicht nur weil es entlastete, sondern weil die mit ihm verbundene Akzeptanz des absoluten Herrschaftsanspruches der SED zugleich als Opfer gelten konnte, das sich mit der eigenen Schuld verrechnen ließ. Es würde sich also hier um eine "Bindungskraft" der besonderen Art handeln.

Strukturell widersprüchlich vollzog sich auch die "Gleichstellung von Mann und Frau".[28] Sie wurde, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen (Arbeitskräftemangel), frühzeitig vorangetrieben und verschaffte den Frauen neben der rechtlichen Gleichstellung eine Erweiterung beruflicher Qualifizierungsmöglichkeiten und damit mehr wirtschaftlich-soziale Unabhängigkeit, während die in der familiären Sozialisation vermittelten patriarchalischen Verhaltensmuster weitgehend unbehelligt blieben. Das tradierte Geschlechterverhältnis wurde – wie lange Zeit auch in der Bundesrepublik – nicht thematisiert. Wesentliche Teile des alten Rollenmusters blieben so erhalten und befestigten die überkommene Doppelbelastung vieler Frauen – trotz des ausgebauten Systems der Kinderbetreuung und anderer Erleichterungen.

Ein anderes Problem, das einen "konstitutiven Widerspruch" enthält und ebenfalls mit dem Alltag verknüpft war, aber stärkere Auswirkungen auf die "Wende"- und "Nachwende"-Zeit hatte (und noch hat), resultierte aus einem politischen Paradoxon: der permanenten offiziellen Aufforderung, "eine neue, bessere Welt zu schaffen und den Sozialismus aufzubauen", ohne am Wie beteiligt zu werden, also ständig und überall aktiv zu sein und dabei passiv zu bleiben. Nicht die Ziele der auf Dauer gestellten politischen Mobilisierung waren dabei offenbar das Problem, sondern das mit ihr verbundene strukturelle Demokratiedefizit. Weil es kein öffentliches Forum für eine Debatte über entsprechende Widerspruchserfahrungen gab, bildete sich mit der Zeit eine Art Zwei-Welten-Realität heraus: eine offizielle, in der als unerschütterlich geltende Wissensbestände des Marxismus-Leninismus, spezifische Sprachregelungen und symbolische Gesten (wie gelegentliche Massenaufmärsche) Gültigkeit hatten, und eine private, in der überwiegend nach den tradierten Mustern Geschlechterbeziehungen, Erziehung, Konfliktaustragungen, Geselligkeit und Nachbarschaftshilfe funktionierten.

In anderen Worten: Die auf Dauer gestellten, weitgehend nebeneinanderher laufenden Wirklichkeitserfahrungen haben in der Breite wahrscheinlich entpolitisierend gewirkt. Im Blick auf die Wiedervereinigung könnte diese Entpolitisierung nicht die Enttäuschungen über ihren Verlauf erklären, wohl aber deren Ausmaß und verbreitete Verarbeitungsformen – nach dem Motto: "Wir sind wieder einmal die Dummen!" Als bloße Kehrseite der gleichen Medaille würde dazu der anfängliche "Helmut, Helmut"-Enthusiasmus passen.[29]

Perspektiven

Die Beispiele ließen sich fortsetzen und ergänzen, vor allem mit Blick auf die hier nur sparsam angedeuteten deutsch-deutschen Bezüge. Sie zu strukturieren und mit didaktischen Überlegungen zu verknüpfen,[30] würde ein weiterer Schritt in Richtung einer Konzeptualisierung sein, welche die bisherige offizielle "Aufarbeitung der SED-Diktatur" modifiziert. Zentrale Gesichtspunkte wären dabei, das Konzept mit mehr Anschlussfähigkeit an die erlebte (und familiär tradierte[31]) DDR-Geschichte auszustatten und gleichzeitig Bezüge zur parallel verlaufenden Geschichte der "Altbundesrepublik" auch in kritischer Perspektive zu ermöglichen. Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit würde so einmünden in eine Aufarbeitung der zeitweiligen, dennoch einschneidenden deutschen Doppelstaatlichkeit.

Die Gründe für einen modifizierten Umgang mit der DDR-Vergangenheit lassen sich in einen einzigen zusammenfassen: Es geht um die Bewältigung einer Situation, die mit der Aufhebung der deutschen Teilung eingetreten ist und die es unabdingbar macht, gemeinsam nach Verständigungsmöglichkeiten darüber zu suchen, was war, was sich nicht wiederholen darf und was werden soll. Die Jüngeren, die in den 1970er und 1980er Jahren in Ostdeutschland geboren wurden und so frühzeitig mit unterschiedlichen politischkulturellen Verhältnissen in Berührung gekommen sind, könnten hier vielleicht eine Art Mittlerrolle übernehmen, sowohl generationsbezogen als auch im Ost-West-Verhältnis. Eine entsprechende Initiative, die nicht mehr nur wählen möchte "zwischen der DDR als Unrechtsstaat und einer schalen Ostalgie"[32] gibt es seit geraumer Zeit, und zwar unter westdeutscher Beteiligung. Sie könnte Unterstützung finden durch ein Aufarbeitungskonzept, das diesem Anliegen entgegenkommt.

Fußnoten

24.
Vgl. Lutz Niethammer, Erfahrungen und Strukturen. Prolegomena zu einer Geschichte der Gesellschaft der DDR, in: H. Kaelble et al. (Anm. 6), S. 100.
25.
In einer Studie von 2009 stimmten dem etwa zwei Drittel der befragten Ostdeutschen zu. Vgl. W. Heitmeyer (Anm. 5), S. 32.
26.
Vgl. Heinrich Best et al., Die DDR-Gesellschaft als Ungleichheitsordnung, in: ders./Everhard Holtmann (Hrsg.), Aufbruch der entsicherten Gesellschaft: Deutschland nach der Wiedervereinigung, Frankfurt/M. 2012, S. 63–84.
27.
Wolfgang Engler, Die Furien der Erinnerung, in: Kommune, (1992) 11, S. 8.
28.
Vgl. Susanne Diemer, Patriarchalismus in der DDR, Opladen 1994; Ute Gerhard, Die staatlich institutionalisierte "Lösung" der Frauenfrage, in: H. Kaelble/J. Kocka/H. Zwahr (Anm. 6) S. 383–403.
29.
Dem widerspricht nicht, dass am Ende Tausende auf die Straße gingen und wesentlich zum Einsturz des maroden Regimes beitrugen. Allein angesichts der Massenflucht vor allem junger Leute im Sommer 1989 konnte es "so nicht weitergehen!" – wie in jenen Tagen überall zu hören war. Und rasch vollzog sich der Übergang von der revolutionär-demokratischen Parole "Wir sind das Volk!" zu der eher national bestimmten Formel "Wir sind ein Volk!", was einen Bruch mit den meisten oppositionellen Gruppen einschloss.
30.
Anregend hierzu: Saskia Handro/Thomas Schaarschmidt (Hrsg.), Aufarbeitung der Aufarbeitung. Die DDR im geschichtskulturellen Diskurs, Schwalbach/Ts. 2011.
31.
Vgl. Sabine Moeller, Vielfache Vergangenheit, Tübingen 2003.
32.
Vgl. Michael Hacker et al. (Hrsg.), Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen, Bonn 2012, S. 215.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Klaus Christoph für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Veranstaltungsdokumentation (Oktober 2013)

APuZ-Forum "Geschichte als Instrument"

Anlässlich des Erscheinens der APuZ-Ausgabe "Geschichte als Instrument" veranstaltete die bpb am 7. Oktober in Berlin ein "APuZ-Forum". Auf zwei Podien wurde über den Stand und die Zukunft der "Aufarbeitung" der SED-Diktatur diskutiert. Das vollständige Forum kann als Audio-Podcast nachgehört werden.

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop