Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)
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Vom Nutzen und Nachteil europäischer Geschichtsbilder


8.10.2013
Welche Geschichten erzählt man sich von Europa? Mit dieser Frage setzen sich Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler sowie Historikerinnen und Historiker an den Universitäten und in Geschichtswerkstätten immer wieder auseinander. Einer der vielleicht spannendsten Versuche kann gerade in Brüssel beobachtet werden, wo bis Ende 2015 ein "Haus der europäischen Geschichte" entstehen soll.[1] Dort, so versprechen uns seine Macher, soll eine Plattform entstehen "for exchange about European history and the history of the European Union".[2]

Auch in diesem Artikel soll der Frage nachgegangen werden, ob und – wenn ja – wie ein Geschichtsbild gestaltet werden kann. Sollte man sich überhaupt um Geschichtsbilder bemühen, welche Schwierigkeiten verbinden sich mit ihnen? Kann für Europa vielleicht eines beschrieben werden, in dem die Geschichte eines sozialen Gesellschaftsmodells erzählt wird, so wie es Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, beschrieben hat?[3] Und handelt es sich dabei wirklich um ein europäisches Geschichtsbild?

Neben solchen Fragen vernimmt man aber auch Äußerungen über ein Unbehagen an der Erinnerung – wie es jüngst die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann mit einem entsprechenden Buchtitel zum Ausdruck brachte.[4] Es ist ein Unbehagen, das sich vor allem aus der thematischen "Amalgamierung" von Geschichtswissenschaft, Erinnerung und Identität speist, wie sie seit gut dreißig Jahren verstärkt zu beobachten ist. Das bedeutet, dass zunehmend das zur "Geschichte" erklärt wird, was im Hier und Jetzt erinnert wird. Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann hat dies vor einigen Jahren in seinem Buch über die "Entzifferung einer Gedächtnisspur" formuliert: "Für den Mnemohistoriker (Gedächtnishistoriker, Anm. d. Red.) liegt die Wahrheit einer Erinnerung weniger in ihrer Faktizität als in ihrer Aktualität."[5] Assmann schrieb dies übrigens nicht, um das Interesse an der Geschichte, "wie sie eigentlich gewesen" ist, aufzukündigen.[6] Doch steht seine Aussage für einen Trend, sich vornehmlich über das Erinnerte mit der Geschichte auseinanderzusetzen – meist über das soziale oder das kulturelle Gedächtnis.

Holocaust als gemeinsamer Bezugspunkt



Für die jüngere europäische Geschichte erfolgte dieser Zugang vornehmlich über die Erinnerung an den Holocaust. In dem erwähnten Geschichtshaus in Brüssel spielt dies ebenfalls eine wichtige Rolle: "The ‚break of civilisation‘ of the Shoah is the beginning and the nucleus of the European discourse of memory. For a long time, states were silent about their failings. In the meantime, the recognition of the Shoah as a singular crime against humanity has become the negative reference point of European self-consciousness."[7]

Für diesen gemeinsamen Bezugspunkt hat sich in den vergangenen Jahren die Formulierung vom "Holocaust als negativer Gründungsmythos" etabliert. So lesen wir in Bezug auf die Anerkennung des Holocaust zum Beispiel beim britischen Historiker Tony Judt von einer "europäischen Eintrittskarte".[8] Und auch Andreas Wirsching, der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, schreibt von einer solchen "Eintrittskarte, die erforderlich ist, um den europäischen Zug zu besteigen". Das soll heißen: "Der Wille und die Fähigkeit, vergangenes Unrecht zu identifizieren und aufzuarbeiten, werden damit zur zentralen europäischen Kulturtechnik."[9]

Eine solche Kulturtechnik beschrieb der Politikwissenschaftler Claus Leggewie bereits vor einigen Jahren, als er zwar die Formulierung eines "Schlachtfelds Europa" bemühte, gleichzeitig aber einen gemeinsamen europäischen Umgang mit dieser Geschichte vorschlug. Er betonte dabei den Zugang zu einer europäischen Erinnerung über das Verständnis einer im doppelten Sinne geteilten Geschichte.[10] "Geteilt", so Leggewie, "heißt nicht, dass wir uns in allen Bewertungen historischer Ereignisse einig sein werden. Es heißt aber, dass wir unsere Differenzen in der Wahrnehmung unserer Geschichte in einer zivilen und die andere Seite anerkennenden Weise besprechen".[11] Die Art und Weise, wie heute mit negativer Geschichte umgegangen wird, so lautet die dahinter stehende These, könne man als eine europäische beschreiben. Als Auslöser wird die Erfahrung eines gemeinsamen, alles Heroische am Nationalstaat beseitigenden Negativerlebnisses gesehen: der Zweite Weltkrieg, vor allem aber der Holocaust.

Aber können auch Geschichtsbilder formuliert und skizziert werden, die sich ein Stück weit von diesen Narrativen lösen und trotzdem nicht zu akademischen Gedankenspielen aus dem vielzitierten akademischen Elfenbeintürmchen verkümmern? Bevor ein solcher Versuch gewagt wird, soll im Folgenden auf die geschichtswissenschaftlichen Fallstricke und Probleme eingegangen werden, die damit einhergehen.


Fußnoten

1.
Vgl. die Homepage des Projekts: »http://www.europarl.europa.eu/visiting/de/visits/historyhouse.html« (1.10.2013).
2.
European Parliament, Building a House of European History, Brussels 2013, S. 6, online: »http://www.europarl.europa.eu/visiting/ressource/static/files/building-a-house-of-european-history_e-v.pdf« (1.10.2013).
3.
Martin Schulz, Der gefesselte Riese. Europas letzte Chance, Berlin 2013, S. 211.
4.
Vgl. Aleida Assmann, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, München 2013; einen ähnlichen Titel gab es auch 2012: Margrit Frölich/Ulrike Jureit/Christian Schneider (Hrsg.), Das Unbehagen an der Erinnerung – Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust, Frankfurt/M. 2012. Beide Titel nehmen eine bekannte Formulierung Sigmund Freuds auf, der 1930 von einem Unbehagen in der Kultur sprach, in: ders., Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt/M. 1974, S. 191–270.
5.
Jan Assmann, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, Frankfurt/M. 2000, S. 28.
6.
Im Gegenteil schrieb er nämlich auch: "Erinnerung kann nicht als verläßliche Quelle gelten, ohne an objektiven ‚Fakten‘ überprüft zu werden." Ebd., S. 27f.
7.
European Parliament (Anm. 2), S. 34. Zum ersten Konzeptentwurf des Hauses in Brüssel vgl. Marcel Siepmann, Ein Haus der Europäischen Geschichte wird eingerichtet, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, (2012) 11–12, S. 690–704.
8.
Tony Judt, Geschichte Europas von 1995 bis zur Gegenwart, Frankfurt/M. 2009, S. 933.
9.
Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012, S. 379.
10.
Leggewie umschreibt dies wie folgt: "Etymologie und Semantik des Teilens beinhalten das Trennende (Abteilen, Erbteilung) ebenso wie das Verbindende (Beteiligung, Mitteilen), als Gegenteil (oder Nachteil) und Anteilnahme (oder Vorteil)." Claus Leggewie, Schlachtfeld Europa. Transnationale Erinnerung und europäische Identität, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2008) 2, S. 81–93, Fußnote 2, online auch unter: »http://www.eurozine.com/articles/2009-02-04-leggewie-de.html« (1.10.2013).
11.
Ders. im Interview mit der Deutschen Welle: Was macht die Identität Europas aus?, 30.3.2011, »http://www.dw.de/was-macht-die-identit%C3%A4t-europas-aus/a-6487653« (1.10.2013).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Marcel Siepmann für bpb.de

 

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Anlässlich des Erscheinens der APuZ-Ausgabe "Geschichte als Instrument" veranstaltete die bpb am 7. Oktober in Berlin ein "APuZ-Forum". Auf zwei Podien wurde über den Stand und die Zukunft der "Aufarbeitung" der SED-Diktatur diskutiert. Das vollständige Forum kann als Audio-Podcast nachgehört werden. Weiter... 

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