Verpackte Fertiggerichte liegt am 06.10.2013 im Feldlager der Bundeswehr in Kundus in Afghanistan. Kurz vor Schließung des Feldlagers ist die Küche bereits geschlossen und die Soldaten müssen sich mit Fertiggerichten versorgen. Nach der offiziellen Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee (ANA) und die Afghanische Bundespolizei Ancop, sollen die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Camp abziehen. Foto: Michael Kappeler/dpa

21.10.2013 | Von:
Rabea Haß

Wer dient Deutschland? Motive und Erwartungen der ersten Freiwillig Wehrdienstleistenden

Wir. Dienen. Deutschland." Mit diesem Leitmotiv wirbt die Bundeswehr seit Sommer 2011 in einer breit angelegten Kampagne um Nachwuchs.[1] Mit der Aussetzung der Wehrpflicht folgt die Bundesrepublik Deutschland dem Modell vieler NATO-Partner und europäischer Nachbarstaaten und stellt die Streitkräfte auf eine Freiwilligenarmee um.[2] Begleitend wurde der Freiwillige Wehrdienst (FWD) eingeführt, der einige Elemente des alten Wehrpflichtmodells aufgreift und gleichzeitig durch flexible Rahmenbedingungen, gute Bezahlung und eine kulante Ausstiegsoption das Interesse einer gesellschaftlich breit gestreuten Zielgruppe für die Bundeswehr gewinnen soll.

Dieser Beitrag wird zunächst die Besonderheiten dieses neuen Dienstformats erläutern und die quantitative Entwicklung des FWD aufzeigen. Anschließend folgt eine qualitative Analyse, wen die Bundeswehr für das neue Dienstformat gewinnen kann, mit welchen Motiven und Erwartungen die Freiwilligen kommen und welche Implikationen dies für die Organisation Bundeswehr langfristig haben könnte. Methodisch rekurriert der Artikel zum einen auf eine umfangreiche Dokumenten- und Datenanalyse, zum anderen greift er auf die Ergebnisse einer qualitativen Längsschnittstudie zurück, in der zwischen Juli 2012 und August 2013 insgesamt 26 Soldatinnen und Soldaten zu jeweils drei Zeitpunkten ihres FWD an unterschiedlichen Truppenstandorten anhand semi-strukturierter Interviews befragt wurden. Bei der Auswahl der Gesprächspartner ging es nicht darum, dass die Soldatinnen und Soldaten im statistischen Sinne repräsentativ sind, sondern dass sie möglichst breit gestreute Handlungsmuster abdecken. Durch kontrastierende Fälle soll so eine vielschichtige Beleuchtung des FWD gewährleistet werden.[3] Die Stärke dieser qualitativen Forschung besteht darin, einen vertieften Einblick in die persönliche Perspektive unterschiedlicher Soldatinnen und Soldaten zu gewinnen, ohne daraus quantitative Schlüsse über die absolute Häufigkeit der einzelnen Typen ziehen zu wollen.

Zentrale Charakteristika des Freiwilligen Wehrdienstes

Um jungen Menschen zu ermöglichen, die Institution Bundeswehr kennenzulernen, ohne sich umgehend für mehrere Jahre als Zeit- oder Berufssoldat zu verpflichten, hat die Bundeswehr auf Vorschlag der Reformkommission um Frank-Jürgen Weise einen Freiwilligen Wehrdienst eingeführt. Die Kommission sieht den Dienst als Angebot, "das persönliche, berufliche, gesellschaftliche und sicherheitspolitische Interessen in Einklang bringt. (…) Unsere Gesellschaft braucht eine Kultur der Freiwilligkeit."[4] Der FWD kann nur von deutschen Staatsangehörigen geleistet werden, ist also im Gegensatz zum Bundesfreiwilligendienst (BFD), der als Ersatz für den Zivildienst eingeführt wurde, nicht für Ausländer offen. Die (meist) jungen Menschen verpflichten sich im FWD für 7 bis 23 Monate. Dabei sind die ersten sechs Monate eine Probezeit, in denen beidseitig eine sofortige Kündigung möglich ist. Bei Vertragsunterzeichnung müssen sich die Freiwillig Wehrdienstleistenden (FWDL) ab einer Dienstdauer von zwölf Monaten grundsätzlich für die Teilnahme an Auslandseinsätzen bereit erklären.[5] Dies unterscheidet die heutigen FWDL grundlegend von den ehemaligen Wehrpflichtigen, die von Auslandseinsätzen ausgenommen waren und sich erst im Falle einer freiwilligen Dienstverlängerung zu einer Verwendung im Ausland verpflichten mussten.

Vor ihrer Einstellung durchlaufen die jungen Männer und Frauen wie bisher eine Musterung und ein Auswahlverfahren, das sie auf physische, psychische und kognitive Fähigkeiten testet. Erklärtes Ziel des Bundesverteidigungsministers Thomas de Maizière ist, dass zu jeder Zeit 5.000 bis 15.000 FWDL die Bundeswehr unterstützen.[6] Dabei hat der FWD mehrere Funktionen: Einerseits soll er als Rekrutierungspool für die Streitkräfte dienen, um einen Teil des jährlichen Personalbedarfs von etwa 13.000 Zeit- und Berufssoldaten zu decken.[7] Zum anderen soll er die Bundeswehr nachhaltig in der Gesellschaft verankern und damit die Tradition der Wehrpflicht in diesem Bereich fortschreiben. Die jungen Männer und Frauen integrieren sich aus einem zivilen Leben für eine beschränkte Zeit in die Streitkräfte. Sie könnten dadurch insbesondere für ihr soziales Umfeld "Botschafter" für die Institution Bundeswehr darstellen.

Herausforderungen

Prinzipiell entspricht die Ablösung des verpflichtenden Wehr- und Zivildienstes von einem freiwilligen Angebot unserem freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsmodell. Beide Dienste, also FWD und BFD, stehen nun Männern und Frauen offen, sowie – zumindest theoretisch – allen Generationen. Es erlaubt allen Bürgerinnen und Bürgern, sich aktiv in tragende Institutionen des Gemeinwesens einzubringen. Gerade bei der Bundeswehr gibt es "ein Interesse daran, dass sie einen Querschnitt der Bevölkerung abbildet".[8] Zum einen soll damit einem "Staat im Staate" vorgebeugt werden, zum anderen kann nur so sichergestellt werden, dass die Gefahren und Lasten der Auslandseinsätze von allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen getragen werden.

Diese ausgeglichene Rekrutierung wurde bei der Aussetzung der Wehrpflicht von verschiedenen Seiten als große Herausforderung betrachtet. In Hinblick auf den demografischen Wandel, als dessen Folge ein Rückgang der Schulabgänger von knapp 20 Prozent in den nächsten zehn Jahren prognostiziert wird, und den allseits befürchteten Fachkräftemangel wird die Bundeswehr zukünftig in einen harten Wettbewerb um Nachwuchs treten. Erschwerend kommt für sie ein allgemeiner Wertewandel in Richtung einer post-materialistischen Gesellschaft hinzu, in der Individualität, Selbstbestimmung und eine zunehmende Kosten-Nutzen-Kalkulation an Bedeutung gewinnen.[9] So befürchten Kritiker der Freiwilligenarmee, dass sich die Gesellschaft weiter von den Streitkräften distanzieren und die Abschaffung der Wehrpflicht zu einer sozialen Schieflage in der Armee führen könnte; die Bundeswehr könnte vor allem bei sozial Benachteiligten, in strukturschwachen Regionen oder bei Gewalt verherrlichenden Bürgerinnen und Bürgern zum attraktiven Arbeitgeber avancieren.[10]Eine weitere Befürchtung – gerade in Hinblick auf die obligatorische Verpflichtung für Auslandseinsätze – ist, dass, "die Aussetzung oder Abschaffung der Wehrpflicht die Bereitschaft erhöhen (könnte), Bundeswehrkontingente ins Ausland zu entsenden oder sie gar an Interventionen zu beteiligen, wie sie von den Berufsarmeen einiger größerer NATO-Staaten durchgeführt werden, was die anderen Maßnahmen zur Effizienzsteigerung (innerhalb der Bundeswehr, R.H.) ebenfalls vermuten lassen".[11] Gerade deshalb ist es wichtig, ein breites Spektrum der Gesellschaft in den Streitkräften abzubilden, um ein Band zwischen der militärischen und zivilen Lebenswelt sowie den politischen Entscheidungsträgern zu knüpfen.

Um langfristig alle Staatsbürger zu erreichen, hat die Bundeswehr ein Maßnahmenpaket eingeführt, womit der FWD beworben werden soll. Nach wie vor werden alle jungen Männer und Frauen in ihrem 17. Lebensjahr angeschrieben und auf das Angebot aufmerksam gemacht. Die Meldeämter stellen die entsprechenden Daten exklusiv zum Versand von Informationsmaterial über die beruflichen Möglichkeiten in den Streitkräften zur Verfügung.[12] Dieses aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht unumstrittene Verfahren ist ein Privileg der Bundeswehr.

Zudem wurde der Wehrsold von ehemals knapp 300 Euro auf 777 Euro bei Dienstantritt erhöht. Das gewährt – anders als beim BFD, bei dem ein maximales Taschengeld von derzeit 348 Euro bezahlt wird – ein finanziell unabhängiges Leben und spricht damit auch diejenigen an, die keine zusätzliche Unterstützung durch Familie, Ehepartner oder sonstige Bezüge erfahren. Doch es war von Beginn an klar, dass finanzielle Anreize nicht ausreichen dürften, ebenso wenig wie die zahlreichen Werbe-, Image- und Informationskampagnen, welche seit der Aussetzung der Wehrpflicht konzipiert wurden. Attraktiv werde die Bundeswehr vor allem dann für einen Querschnitt der Bevölkerung, wenn der Dienst gesellschaftlich anerkannt und respektiert sei, so der Verteidigungsminister: "Wenn es gelingt, dafür ein größeres Bewusstsein zu schaffen – das geht mit keiner Werbekampagne und auch nicht über Nacht, sondern nur im Rahmen eines Prozesses, den wir in unserer Gesellschaft anstoßen müssen – und sichtbar zu machen, was Soldaten heute und morgen für unser Land leisten, dann können wir zuversichtlich sein, dass auch künftig der Dienst in der Bundeswehr, auch der freiwillige Wehrdienst in der Bundeswehr, zum Wohle und Nutzen von uns allen ist."[13]

Fußnoten

1.
Vgl. http://www.wirdienendeutschland.de« (18.9.2013).
2.
Bis 2011 hatten bereits über 20 europäische Länder Freiwilligenarmeen. So schafften beispielsweise die Niederlande die Wehrpflicht 1996 ab, Dänemark und Italien folgten 2005, Schweden im Jahr 2012. Siehe dazu auch APuZ, (2011) 48, zum Schwerpunkt "Wehrpflicht und Zivildienst" (Anm. d. Red.).
3.
Vgl. Thomas Brüsemeister, Qualitative Forschung: Ein Überblick, Wiesbaden 2008, S. 173.
4.
Bericht der Strukturkommission der Bundeswehr Oktober 2010. Vom Einsatz her denken. Konzentration, Flexibilität, Effizienz, Berlin 2010, S. 12.
5.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.), Freiwillig dienen. Ein Wegweiser für den Freiwilligen Wehrdienst, Juli 2011, S. 11ff.
6.
Die Strukturkommission empfahl einen Dienstpostenumfang von 15.000 Freiwilligen. Vgl. Strukturkommission (Anm. 4), S. 28. Verteidigungsminister de Maizière reduzierte die Zahl in der Umsetzung der Reform auf mindestens 5000.
7.
Vgl. Thomas Bulmahn/Robert Kramer, German Armed Forces: Ready for the War on Talents?, ERGOMAS-Konferenzpapier, Madrid 2013.
8.
Reinhard Brandl, MdB, zit. nach: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Plenarprotokoll 99/17 der Sitzung am 24.3.2011, S. 11354.
9.
Vgl. Tibor Szvircsev Tresch/Christian Leuprecht, Introduction. Whom Shall We Send: The Best of the Brightest or the Worst of the Desperate?, in: dies. (Hrsg.), Europe Without Soldiers? Recruitment and Retention Across the Armed Forces of Europe, Kingston 2011, S. 1–17, hier: S. 2.
10.
Vgl. Eckart Lohse, Bundeswehrreform: Mit schlechten Noten zum Bund?, 1.5.2011, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/11062.html« (18.9.2013); Nils Handler, Nach dem Ende der Wehrpflicht: Bangen vor dem Ossi-Ansturm, 2.9.2011, http://www.stern.de/politik/deutschland/1723284.html« (18.9.2013); Michael Wolffsohn, Die neue Bundeswehr, eine Unterschichten-Armee?, 13.1.2011, http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1363619/« (18.9.2013).
11.
Berthold Meyer, Bundeswehr ohne Wehrpflichtige – was folgt daraus für die Parlamentsarmee im Einsatz?, HSFK-Report 11/2010, S. 25.
12.
Vgl. Gesetz zur Änderung wehrrechtlicher Vorschriften 2011 (Wehrrechtsänderungsgesetz 2011), 28.4.2011, §58 (2).
13.
Zit. nach: Deutscher Bundestag (Anm. 8), S. 11344.
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Autor: Rabea Haß für bpb.de
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