Verpackte Fertiggerichte liegt am 06.10.2013 im Feldlager der Bundeswehr in Kundus in Afghanistan. Kurz vor Schließung des Feldlagers ist die Küche bereits geschlossen und die Soldaten müssen sich mit Fertiggerichten versorgen. Nach der offiziellen Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee (ANA) und die Afghanische Bundespolizei Ancop, sollen die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Camp abziehen. Foto: Michael Kappeler/dpa

21.10.2013 | Von:
Rabea Haß

Wer dient Deutschland? Motive und Erwartungen der ersten Freiwillig Wehrdienstleistenden

Quantitative Entwicklung

Verteilung der 22.121 einberufenen FWDL nach Quartal und GeschlechtAbbildung 1: Verteilung der 22.121 einberufenen FWDL nach Quartal und Geschlecht Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Gut zwei Jahre nach Einführung des FWD zeichnet sich folgendes Bild ab: Während im ersten Jahr (Juli 2011 bis April 2012) noch gut 12.000 FWDL ihren Dienst antraten, sanken die Dienstantritte im zweiten Jahr (Juli 2012 bis April 2013) um etwa ein Drittel auf knapp 8.000 Freiwillige. Dass die Bewerberzahlen in den ersten Jahren nach Umstellung von einer Wehrpflicht- auf eine Freiwilligenarmee zunächst zurückgehen, ist allerdings kein exklusiv deutsches Phänomen. Viele europäische Staaten, die ihre Armeen in den vergangenen Jahren umstrukturierten, sammelten ähnliche Erfahrungen. So nahm beispielsweise in Schweden die Bewerberzahl vom ersten zum zweiten Jahr nach Einführung der Freiwilligenarmee um etwa 10 Prozent ab.[14] Unter den bisher 22121 einberufenen FWDL waren im Durchschnitt 6,2 Prozent Frauen. Derzeit leisten 8463 Freiwillige ihren Dienst, davon sind knapp 89 Prozent zwischen 17 und 23 Jahren, weitere 10 Prozent sind zwischen 24 und 27 Jahren und nur etwas mehr als 1 Prozent älter als 27 Jahre.[15]
Bildungsabschlüsse der 22.121 einberufenen FWDL seit Juli 2011 in ProzentAbbildung 2: Bildungsabschlüsse der 22.121 einberufenen FWDL seit Juli 2011 in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Es zeigt sich also, dass die Bundeswehr bezüglich der Merkmale Geschlecht und Alter immer noch eine sehr ähnliche Klientel anspricht wie zu Zeiten der Wehrpflicht. Die Öffnung – insbesondere die Einbindung von Frauen – stellt sich schwierig dar.[16] Was das Bildungsniveau betrifft, werden die Befürchtungen einer "Armee von Perspektivlosen" nicht bestätigt. Die Mehrheit der FWDL, nämlich 72 Prozent, verfügt mindestens über einen Realschulabschluss. Damit liegt das Bildungsniveau deutlich über dem Bundesdurchschnitt, was aber nicht automatisch bedeutet, dass alle Gesellschaftsschichten erreicht werden. So könnte es trotzdem sein, dass bestimmte Milieus oder beispielsweise die obersten 10 Prozent der Gesellschaft nicht erreicht werden – eine Schieflage, die sich in den USA dreißig Jahre nach Aussetzung der Wehrpflicht abzeichnet.[17] Wie sich diesbezüglich die Bundeswehr und insbesondere der FWD entwickeln werden, bleibt abzuwarten und kontinuierlich zu beobachten.

Vielfältige Motivationen – kontroverse Einstellungen

Was aber sind die Beweggründe und Erwartungen der vornehmlich jungen Erwachsenen, einen FWD zu leisten? Kommen sie wirklich, um "Deutschland zu dienen"? In der qualitativen Längsschnittbefragung fällt zunächst eines auf: Die Soldatinnen und Soldaten haben unterschiedliche Motive, und bei fast allen ist ein Zusammenspiel von mehreren Beweggründen zu beobachten.

Folgende Motive – und damit implizit verknüpfte Erwartungen – wurden in unterschiedlichen Kombinationen und Nuancen in den Interviews immer wieder angeführt: Die Freiwilligen wollen die Bundeswehr zunächst kennenlernen, teilweise um dort berufliche Zukunftsperspektiven auszuloten, teilweise um die Organisation einmal selbst kennenzulernen und im Freundes- oder Familienkreis mitreden zu können. Einige wollen vornehmlich Zeit zwischen Schule und Studium beziehungsweise Ausbildung überbrücken, sich erst einmal orientieren und praktische Erfahrung sammeln ohne dabei "zu gammeln oder im Supermarkt an der Kasse zu sitzen".[18] Damit einher geht die Erwartung, sich während des FWD persönlich weiterzuentwickeln und selbstständiger zu werden. Auch der finanzielle Anreiz spielt eine Rolle für die Entscheidung. Während einige sich mit dem expliziten Wunsch für den FWD entscheiden, ihre persönliche Leistungsgrenze zu erfahren, haben andere genau davor großen Respekt oder gar Angst. Auch der Umgang mit der Waffe stellt einen Anreiz dar. Insbesondere für diejenigen, die ihren Dienst im jeweils ersten Quartal des Jahres antraten[19] stellt die Bundeswehr eine attraktive Alternative zur Arbeitslosigkeit dar oder bietet die Möglichkeit zur beruflichen Weiterentwicklung. Manche führen mit dem FWD eine Familientradition fort und sind der Auffassung, dass "es für einen deutschen Mann einfach dazugehört", einen Wehrdienst zu leisten. Und manche wollen eben auch Deutschland dienen: "Das ist auch so eine Motivation für mich, ich trage jetzt den (Bundes-)Adler und kann sagen, ja, das erfüllt mich mit Stolz."

Alle befragten FWDL beschreiben eine Kombination von Motiven, die ausschlaggebend waren. Ein Soldat fasst seine persönlichen Beweggründe so zusammen: "Naja, auf jeden Fall war ein Grund, dass ich noch nicht ganz sicher war, was ich machen wollte. Ich habe mich dazu entschieden, ein Jahr Pause zu machen (…). Und ja, ich fand den Bund schon immer interessant, war oft bei Sportveranstaltungen zum Beispiel. Naja, dann kam eins aufs andere mit diesem Freiwilligen Wehrdienst, früher war’s die Wehrpflicht. Und eigentlich gehört das irgendwo dazu als Mann, dass man wenigstens mal mit einer Waffe umgegangen ist, dass man diese körperliche Ertüchtigung mal durchgemacht hat. Und man ist ein anderer Mensch hiernach, ist viel disziplinierter, viel ordentlicher."

Ein durchgängiges Motiv, das in allen Interviews zur Sprache kommt, ist der Wunsch nach spezifisch soldatischen Werten, nämlich Disziplin und Kameradschaft: "Disziplin auf jeden Fall, viel Disziplin. (…) Ich denke, dass ich jetzt hier ein ganz neues Sinnbild von Disziplin bekommen werde. Ich habe auch andere Freunde, die das vor ein paar Jahren gemacht haben, (…) das hat eigentlich allen im weiteren Lebensweg geholfen, sprich: Job kriegen und so was alles." Mag das Streben nach solchen Tugenden auf den ersten Blick verwundern, so zeigen aktuelle Studien, dass genau diese Werte bei den Jugendlichen wieder deutlich an Bedeutung gewinnen. Die Shell-Jugendstudie 2010 bestätigt, dass Fleiß und Ehrgeiz für die 12- bis 25-Jährigen einen hohen Stellenwert haben; diese Eigenschaften waren für 83 Prozent der Befragten wichtig oder sehr wichtig, im Vergleich zu 76 Prozent im Jahr 2002.[20] Zudem ist auffallend, dass die wenigsten Motive bei der Entscheidung für den FWD idealistischer Natur sind. Oft sind pragmatische und extrinsische Anreize ausschlaggebend. Auch das korrespondiert mit den Befunden der Jugendforschung, wonach sich bei den 14- bis 17-Jährigen derzeit eine "Abnahme weltanschaulich geprägter und eine Zunahme pragmatischer Haltungen" zeige.[21]

Ebenso unterschiedlich wie die Motive sind die Einstellungen zu den Auslandseinsätzen. Während manche FWDL die Einsätze befürworten und jederzeit selbst in den Einsatz gehen würden, haben sich andere bewusst nur für elf Monate verpflichtet, um unter keinen Umständen eine Entsendebereitschaft unterzeichnen zu müssen. Der FWD soll nur eine Überbrückung zum nächsten Lebensabschnitt sein, ein Einsatz wäre mit einem zu großen persönlichen Risiko verbunden, denn man wolle "nicht psychisch beziehungsweise physisch beeinträchtigt zurückkommen, damit halt meine Zukunft so ist, wie ich sie mir vorstelle und ich noch lebe". Andere hingegen sehen gerade das Mitwirken an Einsätzen als Kernelement des soldatischen Berufs, als wichtige Aufgabe der Bundeswehr, an der sie auch gerne teilhaben würden. Auch die prinzipielle Sinnhaftigkeit der Einsätze wird unterschiedlich bewertet. Gleiches gilt für das Mandat der Bundeswehr, inwiefern sie "bloß Aufbauhilfe leisten und helfen" solle, oder aber auch "mehr Verantwortung übernehmen muss, als eine starke Wirtschaftskraft in der heutigen Welt". Interessanterweise korrespondiert die Bewertung der Einsätze nicht in allen Fällen mit der eigenen Einsatzbereitschaft: "Die Einsätze sind absolut völkerrechtswidrig. (…) obwohl ich diese Einsicht habe, würde ich deswegen nicht ablehnen, an den Einsätzen teilzunehmen." Diese Meinungsvielfalt löst sich im Laufe des Wehrdienstes bei den Befragten nicht auf. Auch nach mehreren Monaten in der Bundeswehr zeichnen sich ganz individuelle Deutungsmuster über Aufgabe und Sinnhaftigkeit, Selbstverständnis und Rolle der Bundeswehr im In- und Ausland ab.

Die empirischen Ergebnisse zeigen damit einerseits, dass die Bundeswehr nicht nur den typischen Wehrdienstkandidaten anspricht. Ebenso wie der Soldatenberuf vielschichtiger geworden ist – nach Karl Haltiner und Gerhard Kümmel ist er heute von einer "Multi- nicht Monofunktionalität"[22] geprägt – werden auch die Individuen, welche ihn ausüben, diverser. Es gelingt also, unterschiedliche Persönlichkeiten anzusprechen. Gerade das Format FWD scheint hier geeignet, auch diejenigen für einige Monate zu gewinnen, die aus Neugier die Organisation Bundeswehr kennenlernen wollen, ohne dort ihre berufliche Zukunft zu sehen. Die Tatsache, dass persönliche Meinungen und Einstellungen unter den Kameraden und gegenüber Dritten offen thematisiert werden können, zeigt die Individualität der Mitglieder und die demokratischen Züge der Organisation, obwohl Streitkräfte nach Erving Goffman als "totale Institution"[23] bezeichnet werden. Andererseits deutet das aber auch darauf hin, dass es nicht gelingt, eine gemeinsame Mission zu transportieren, ein Narrativ zu vermitteln, über das sich die FWDL mit der Organisation identifizieren können.

Was folgt daraus?

Martin Elbe und Klaus Günter Lange gehen davon aus, dass mit der Aussetzung der Wehrpflicht "ein grundlegender kultureller Wandel" einhergehe und "die gemeinsam gehaltenen Werte und Normen (…) durch den jetzt anstehenden Wandlungsprozess in ihren Grundfesten berührt"[24] würden. Sie sehen die Grundlagen der Organisation und ihres Selbstverständnisses im Umbruch. Damit liegen sie wohl nicht ganz falsch. Denn mit dem Prinzip der Freiwilligkeit verändert sich die Vertragsbeziehung zwischen dem Arbeitgeber, dem Dienstherrn, und den Arbeitnehmern, den Dienstleistenden, fundamental.[25] Daraus erwachsen auf beiden Seiten neue Erwartungen, und die Führung einer solch heterogenen Truppe bringt immense Herausforderungen mit sich. Sicherlich waren auch die Wehrpflichtigen in ihren Persönlichkeiten sehr unterschiedlich, doch sie alle verband die Pflicht, diesen Dienst leisten zu müssen. Die unterschiedlichen Erwartungen und Motive der FWDL führen mitunter dazu, dass nach einigen Monaten im Dienst dem einen der Umgangston zu rau ist, während sich der oder die nächste beschwert, dass das ja keine "richtige Bundeswehr" mehr sei, weil zu viel Rücksicht genommen werde, die körperlichen Herausforderungen zu gering seien und die Kameraden die Ausbildung nicht ernst genug nähmen. Auch das könnte ein Grund für die immer noch sehr hohe Abbruchquote im FWD sein. Die Hürde, zu gehen, ist gering, die Anlässe sind vielschichtig. Im Schnitt verlässt jeder vierte FWDL die Bundeswehr vorzeitig auf eigenen Wunsch, dazu kommen noch knapp 5 Prozent, die entlassen werden.[26]

Das Prinzip der Freiwilligkeit und die sechsmonatige Möglichkeit zur Kündigung verlangen den Vorgesetzten einen neuen Umgang mit den Rekruten ab. Gleichzeitig kann die grundsätzliche Logik der Streitkräfte, welche auf hierarchischen Strukturen, dem Prinzip von Befehl und Gehorsam sowie einer bürokratischen Grundordnung beruht, nicht maßgeblich verändert werden. Das heißt, die Organisationskultur kann sich nur bedingt und nur innerhalb eines aufgespannten Rahmens an die neuen Gegebenheiten anpassen. In diesem Spannungsverhältnis schafft es die Bundeswehr bisher kaum, identitäts- und sinnstiftende Momente durch die Ausbildung oder die täglichen Aufgaben zu schaffen und damit den unterschiedlichen Erwartungen zu begegnen. Gerade nach der Grundausbildung zeichnet sich unter den befragten FWDL eine ernüchternde und pragmatische Einstellung gegenüber ihrem Dienst ab, die mit dem Selbstverständnis der Organisation "Wir. Dienen. einer guten Sache, unserer Verfassung – freiwillig und überzeugt"[27] nur noch wenig gemein hat. Nun können Sinn und Identifikation nicht verordnet werden. Attraktivere Ausbildungs- und Tätigkeitsprofile für die FWDL sowie mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Verwendung könnten jedoch erste Schritte sein, um das Potenzial der zumeist gut qualifizierten FWDL nicht zu vergeuden.

Fußnoten

14.
Vgl. Emma Jonsson, Outcome of Soldier Recruitment to the Swedish Armed Forces 2012 – The Second Year With an All-volunteer Force, ERGOMAS-Konferenzpapier, Madrid 2013.
15.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung, Antwort des Referats BMVg P I 1 vom 2.9.2013 auf persönliche Anfrage.
16.
Zum Vergleich: Im Bundesfreiwilligendienst sind seit Frühling 2012 durchgehend alle 35.000 Plätze besetzt und inzwischen 51 Prozent der Aktiven weiblich sowie etwa 40 Prozent älter als 27 Jahre (Stand: Juli 2013).
17.
Vgl. Marc Magee/Steven J. Nider, Citizen Soldiers and the War on Terror, Progressive Policy Institute, Policy Report, Dezember 2002, S. 4.
18.
Dieses und die folgenden Zitate stammen aus den Interviews der Autorin mit den FWDL.
19.
In diesem Quartal finden sich in der Regel weniger die direkten Schulabgänger wieder, welche meist im Juli oder Oktober ihren Dienst beginnen. Vielmehr kommen im Januar und April vermehrt Personen nach einem Bruch (Jobwechsel, Kündigung, vorzeitiges Beenden eines Studiums beziehungsweise einer Ausbildung) zur Bundeswehr.
20.
Vgl. Thomas Gensicke, Wertorientierung, Befinden und Problembewältigung, in: Mathias Albert/Klaus Hurrelmann/Gudrun Quenzel (Hrsg.), 16. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M. 2010, S. 197.
21.
Vgl. Marc Calmbach et al., Wie ticken Jugendliche? 2012, Düsseldorf 2012, S. 40.
22.
Karl Haltiner/Gerhard Kümmel, Die Hybridisierung des Soldaten: Soldatisches Subjekt und Identitätswandel, in: Gerhard Kümmel (Hrsg.), Streitkräfte im Einsatz: Zur Soziologie militärischer Interventionen, Baden-Baden 2008, S. 50.
23.
Erving Goffman, Asyle: Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt/M. 1972, S. 15–23.
24.
Martin Elbe/Klaus Günter Lange, Ansätze des Change Managements zur Neuausrichtung der Bundeswehr, in: Gregor Richter (Hrsg.), Neuausrichtung der Bundeswehr. Beiträge zur professionellen Führung und Steuerung, Wiesbaden 2012, S. 244.
25.
Vgl. Hilmar Linnenkamp nach Christian Dewitz, Stiller Abschied von der traditionsreichen Wehrpflicht, in: Bundeswehr Journal, (2011) 2–3, S. 27.
26.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Anm. 15).
27.
Einer der Leitgedanken der Kampagne Wir.Dienen.Deutschland. Vgl. Anm. 1.
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