Verpackte Fertiggerichte liegt am 06.10.2013 im Feldlager der Bundeswehr in Kundus in Afghanistan. Kurz vor Schließung des Feldlagers ist die Küche bereits geschlossen und die Soldaten müssen sich mit Fertiggerichten versorgen. Nach der offiziellen Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee (ANA) und die Afghanische Bundespolizei Ancop, sollen die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Camp abziehen. Foto: Michael Kappeler/dpa
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21.10.2013 | Von:
Rabea Haß

Wer dient Deutschland? Motive und Erwartungen der ersten Freiwillig Wehrdienstleistenden

Wir. Dienen. Deutschland." Mit diesem Leitmotiv wirbt die Bundeswehr seit Sommer 2011 in einer breit angelegten Kampagne um Nachwuchs.[1] Mit der Aussetzung der Wehrpflicht folgt die Bundesrepublik Deutschland dem Modell vieler NATO-Partner und europäischer Nachbarstaaten und stellt die Streitkräfte auf eine Freiwilligenarmee um.[2] Begleitend wurde der Freiwillige Wehrdienst (FWD) eingeführt, der einige Elemente des alten Wehrpflichtmodells aufgreift und gleichzeitig durch flexible Rahmenbedingungen, gute Bezahlung und eine kulante Ausstiegsoption das Interesse einer gesellschaftlich breit gestreuten Zielgruppe für die Bundeswehr gewinnen soll.

Dieser Beitrag wird zunächst die Besonderheiten dieses neuen Dienstformats erläutern und die quantitative Entwicklung des FWD aufzeigen. Anschließend folgt eine qualitative Analyse, wen die Bundeswehr für das neue Dienstformat gewinnen kann, mit welchen Motiven und Erwartungen die Freiwilligen kommen und welche Implikationen dies für die Organisation Bundeswehr langfristig haben könnte. Methodisch rekurriert der Artikel zum einen auf eine umfangreiche Dokumenten- und Datenanalyse, zum anderen greift er auf die Ergebnisse einer qualitativen Längsschnittstudie zurück, in der zwischen Juli 2012 und August 2013 insgesamt 26 Soldatinnen und Soldaten zu jeweils drei Zeitpunkten ihres FWD an unterschiedlichen Truppenstandorten anhand semi-strukturierter Interviews befragt wurden. Bei der Auswahl der Gesprächspartner ging es nicht darum, dass die Soldatinnen und Soldaten im statistischen Sinne repräsentativ sind, sondern dass sie möglichst breit gestreute Handlungsmuster abdecken. Durch kontrastierende Fälle soll so eine vielschichtige Beleuchtung des FWD gewährleistet werden.[3] Die Stärke dieser qualitativen Forschung besteht darin, einen vertieften Einblick in die persönliche Perspektive unterschiedlicher Soldatinnen und Soldaten zu gewinnen, ohne daraus quantitative Schlüsse über die absolute Häufigkeit der einzelnen Typen ziehen zu wollen.

Zentrale Charakteristika des Freiwilligen Wehrdienstes

Um jungen Menschen zu ermöglichen, die Institution Bundeswehr kennenzulernen, ohne sich umgehend für mehrere Jahre als Zeit- oder Berufssoldat zu verpflichten, hat die Bundeswehr auf Vorschlag der Reformkommission um Frank-Jürgen Weise einen Freiwilligen Wehrdienst eingeführt. Die Kommission sieht den Dienst als Angebot, "das persönliche, berufliche, gesellschaftliche und sicherheitspolitische Interessen in Einklang bringt. (…) Unsere Gesellschaft braucht eine Kultur der Freiwilligkeit."[4] Der FWD kann nur von deutschen Staatsangehörigen geleistet werden, ist also im Gegensatz zum Bundesfreiwilligendienst (BFD), der als Ersatz für den Zivildienst eingeführt wurde, nicht für Ausländer offen. Die (meist) jungen Menschen verpflichten sich im FWD für 7 bis 23 Monate. Dabei sind die ersten sechs Monate eine Probezeit, in denen beidseitig eine sofortige Kündigung möglich ist. Bei Vertragsunterzeichnung müssen sich die Freiwillig Wehrdienstleistenden (FWDL) ab einer Dienstdauer von zwölf Monaten grundsätzlich für die Teilnahme an Auslandseinsätzen bereit erklären.[5] Dies unterscheidet die heutigen FWDL grundlegend von den ehemaligen Wehrpflichtigen, die von Auslandseinsätzen ausgenommen waren und sich erst im Falle einer freiwilligen Dienstverlängerung zu einer Verwendung im Ausland verpflichten mussten.

Vor ihrer Einstellung durchlaufen die jungen Männer und Frauen wie bisher eine Musterung und ein Auswahlverfahren, das sie auf physische, psychische und kognitive Fähigkeiten testet. Erklärtes Ziel des Bundesverteidigungsministers Thomas de Maizière ist, dass zu jeder Zeit 5.000 bis 15.000 FWDL die Bundeswehr unterstützen.[6] Dabei hat der FWD mehrere Funktionen: Einerseits soll er als Rekrutierungspool für die Streitkräfte dienen, um einen Teil des jährlichen Personalbedarfs von etwa 13.000 Zeit- und Berufssoldaten zu decken.[7] Zum anderen soll er die Bundeswehr nachhaltig in der Gesellschaft verankern und damit die Tradition der Wehrpflicht in diesem Bereich fortschreiben. Die jungen Männer und Frauen integrieren sich aus einem zivilen Leben für eine beschränkte Zeit in die Streitkräfte. Sie könnten dadurch insbesondere für ihr soziales Umfeld "Botschafter" für die Institution Bundeswehr darstellen.

Herausforderungen

Prinzipiell entspricht die Ablösung des verpflichtenden Wehr- und Zivildienstes von einem freiwilligen Angebot unserem freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsmodell. Beide Dienste, also FWD und BFD, stehen nun Männern und Frauen offen, sowie – zumindest theoretisch – allen Generationen. Es erlaubt allen Bürgerinnen und Bürgern, sich aktiv in tragende Institutionen des Gemeinwesens einzubringen. Gerade bei der Bundeswehr gibt es "ein Interesse daran, dass sie einen Querschnitt der Bevölkerung abbildet".[8] Zum einen soll damit einem "Staat im Staate" vorgebeugt werden, zum anderen kann nur so sichergestellt werden, dass die Gefahren und Lasten der Auslandseinsätze von allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen getragen werden.

Diese ausgeglichene Rekrutierung wurde bei der Aussetzung der Wehrpflicht von verschiedenen Seiten als große Herausforderung betrachtet. In Hinblick auf den demografischen Wandel, als dessen Folge ein Rückgang der Schulabgänger von knapp 20 Prozent in den nächsten zehn Jahren prognostiziert wird, und den allseits befürchteten Fachkräftemangel wird die Bundeswehr zukünftig in einen harten Wettbewerb um Nachwuchs treten. Erschwerend kommt für sie ein allgemeiner Wertewandel in Richtung einer post-materialistischen Gesellschaft hinzu, in der Individualität, Selbstbestimmung und eine zunehmende Kosten-Nutzen-Kalkulation an Bedeutung gewinnen.[9] So befürchten Kritiker der Freiwilligenarmee, dass sich die Gesellschaft weiter von den Streitkräften distanzieren und die Abschaffung der Wehrpflicht zu einer sozialen Schieflage in der Armee führen könnte; die Bundeswehr könnte vor allem bei sozial Benachteiligten, in strukturschwachen Regionen oder bei Gewalt verherrlichenden Bürgerinnen und Bürgern zum attraktiven Arbeitgeber avancieren.[10]Eine weitere Befürchtung – gerade in Hinblick auf die obligatorische Verpflichtung für Auslandseinsätze – ist, dass, "die Aussetzung oder Abschaffung der Wehrpflicht die Bereitschaft erhöhen (könnte), Bundeswehrkontingente ins Ausland zu entsenden oder sie gar an Interventionen zu beteiligen, wie sie von den Berufsarmeen einiger größerer NATO-Staaten durchgeführt werden, was die anderen Maßnahmen zur Effizienzsteigerung (innerhalb der Bundeswehr, R.H.) ebenfalls vermuten lassen".[11] Gerade deshalb ist es wichtig, ein breites Spektrum der Gesellschaft in den Streitkräften abzubilden, um ein Band zwischen der militärischen und zivilen Lebenswelt sowie den politischen Entscheidungsträgern zu knüpfen.

Um langfristig alle Staatsbürger zu erreichen, hat die Bundeswehr ein Maßnahmenpaket eingeführt, womit der FWD beworben werden soll. Nach wie vor werden alle jungen Männer und Frauen in ihrem 17. Lebensjahr angeschrieben und auf das Angebot aufmerksam gemacht. Die Meldeämter stellen die entsprechenden Daten exklusiv zum Versand von Informationsmaterial über die beruflichen Möglichkeiten in den Streitkräften zur Verfügung.[12] Dieses aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht unumstrittene Verfahren ist ein Privileg der Bundeswehr.

Zudem wurde der Wehrsold von ehemals knapp 300 Euro auf 777 Euro bei Dienstantritt erhöht. Das gewährt – anders als beim BFD, bei dem ein maximales Taschengeld von derzeit 348 Euro bezahlt wird – ein finanziell unabhängiges Leben und spricht damit auch diejenigen an, die keine zusätzliche Unterstützung durch Familie, Ehepartner oder sonstige Bezüge erfahren. Doch es war von Beginn an klar, dass finanzielle Anreize nicht ausreichen dürften, ebenso wenig wie die zahlreichen Werbe-, Image- und Informationskampagnen, welche seit der Aussetzung der Wehrpflicht konzipiert wurden. Attraktiv werde die Bundeswehr vor allem dann für einen Querschnitt der Bevölkerung, wenn der Dienst gesellschaftlich anerkannt und respektiert sei, so der Verteidigungsminister: "Wenn es gelingt, dafür ein größeres Bewusstsein zu schaffen – das geht mit keiner Werbekampagne und auch nicht über Nacht, sondern nur im Rahmen eines Prozesses, den wir in unserer Gesellschaft anstoßen müssen – und sichtbar zu machen, was Soldaten heute und morgen für unser Land leisten, dann können wir zuversichtlich sein, dass auch künftig der Dienst in der Bundeswehr, auch der freiwillige Wehrdienst in der Bundeswehr, zum Wohle und Nutzen von uns allen ist."[13]

Quantitative Entwicklung

Verteilung der 22.121 einberufenen FWDL nach Quartal und GeschlechtAbbildung 1: Verteilung der 22.121 einberufenen FWDL nach Quartal und Geschlecht Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Gut zwei Jahre nach Einführung des FWD zeichnet sich folgendes Bild ab: Während im ersten Jahr (Juli 2011 bis April 2012) noch gut 12.000 FWDL ihren Dienst antraten, sanken die Dienstantritte im zweiten Jahr (Juli 2012 bis April 2013) um etwa ein Drittel auf knapp 8.000 Freiwillige. Dass die Bewerberzahlen in den ersten Jahren nach Umstellung von einer Wehrpflicht- auf eine Freiwilligenarmee zunächst zurückgehen, ist allerdings kein exklusiv deutsches Phänomen. Viele europäische Staaten, die ihre Armeen in den vergangenen Jahren umstrukturierten, sammelten ähnliche Erfahrungen. So nahm beispielsweise in Schweden die Bewerberzahl vom ersten zum zweiten Jahr nach Einführung der Freiwilligenarmee um etwa 10 Prozent ab.[14] Unter den bisher 22121 einberufenen FWDL waren im Durchschnitt 6,2 Prozent Frauen. Derzeit leisten 8463 Freiwillige ihren Dienst, davon sind knapp 89 Prozent zwischen 17 und 23 Jahren, weitere 10 Prozent sind zwischen 24 und 27 Jahren und nur etwas mehr als 1 Prozent älter als 27 Jahre.[15]
Bildungsabschlüsse der 22.121 einberufenen FWDL seit Juli 2011 in ProzentAbbildung 2: Bildungsabschlüsse der 22.121 einberufenen FWDL seit Juli 2011 in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Es zeigt sich also, dass die Bundeswehr bezüglich der Merkmale Geschlecht und Alter immer noch eine sehr ähnliche Klientel anspricht wie zu Zeiten der Wehrpflicht. Die Öffnung – insbesondere die Einbindung von Frauen – stellt sich schwierig dar.[16] Was das Bildungsniveau betrifft, werden die Befürchtungen einer "Armee von Perspektivlosen" nicht bestätigt. Die Mehrheit der FWDL, nämlich 72 Prozent, verfügt mindestens über einen Realschulabschluss. Damit liegt das Bildungsniveau deutlich über dem Bundesdurchschnitt, was aber nicht automatisch bedeutet, dass alle Gesellschaftsschichten erreicht werden. So könnte es trotzdem sein, dass bestimmte Milieus oder beispielsweise die obersten 10 Prozent der Gesellschaft nicht erreicht werden – eine Schieflage, die sich in den USA dreißig Jahre nach Aussetzung der Wehrpflicht abzeichnet.[17] Wie sich diesbezüglich die Bundeswehr und insbesondere der FWD entwickeln werden, bleibt abzuwarten und kontinuierlich zu beobachten.

Vielfältige Motivationen – kontroverse Einstellungen

Was aber sind die Beweggründe und Erwartungen der vornehmlich jungen Erwachsenen, einen FWD zu leisten? Kommen sie wirklich, um "Deutschland zu dienen"? In der qualitativen Längsschnittbefragung fällt zunächst eines auf: Die Soldatinnen und Soldaten haben unterschiedliche Motive, und bei fast allen ist ein Zusammenspiel von mehreren Beweggründen zu beobachten.

Folgende Motive – und damit implizit verknüpfte Erwartungen – wurden in unterschiedlichen Kombinationen und Nuancen in den Interviews immer wieder angeführt: Die Freiwilligen wollen die Bundeswehr zunächst kennenlernen, teilweise um dort berufliche Zukunftsperspektiven auszuloten, teilweise um die Organisation einmal selbst kennenzulernen und im Freundes- oder Familienkreis mitreden zu können. Einige wollen vornehmlich Zeit zwischen Schule und Studium beziehungsweise Ausbildung überbrücken, sich erst einmal orientieren und praktische Erfahrung sammeln ohne dabei "zu gammeln oder im Supermarkt an der Kasse zu sitzen".[18] Damit einher geht die Erwartung, sich während des FWD persönlich weiterzuentwickeln und selbstständiger zu werden. Auch der finanzielle Anreiz spielt eine Rolle für die Entscheidung. Während einige sich mit dem expliziten Wunsch für den FWD entscheiden, ihre persönliche Leistungsgrenze zu erfahren, haben andere genau davor großen Respekt oder gar Angst. Auch der Umgang mit der Waffe stellt einen Anreiz dar. Insbesondere für diejenigen, die ihren Dienst im jeweils ersten Quartal des Jahres antraten[19] stellt die Bundeswehr eine attraktive Alternative zur Arbeitslosigkeit dar oder bietet die Möglichkeit zur beruflichen Weiterentwicklung. Manche führen mit dem FWD eine Familientradition fort und sind der Auffassung, dass "es für einen deutschen Mann einfach dazugehört", einen Wehrdienst zu leisten. Und manche wollen eben auch Deutschland dienen: "Das ist auch so eine Motivation für mich, ich trage jetzt den (Bundes-)Adler und kann sagen, ja, das erfüllt mich mit Stolz."

Alle befragten FWDL beschreiben eine Kombination von Motiven, die ausschlaggebend waren. Ein Soldat fasst seine persönlichen Beweggründe so zusammen: "Naja, auf jeden Fall war ein Grund, dass ich noch nicht ganz sicher war, was ich machen wollte. Ich habe mich dazu entschieden, ein Jahr Pause zu machen (…). Und ja, ich fand den Bund schon immer interessant, war oft bei Sportveranstaltungen zum Beispiel. Naja, dann kam eins aufs andere mit diesem Freiwilligen Wehrdienst, früher war’s die Wehrpflicht. Und eigentlich gehört das irgendwo dazu als Mann, dass man wenigstens mal mit einer Waffe umgegangen ist, dass man diese körperliche Ertüchtigung mal durchgemacht hat. Und man ist ein anderer Mensch hiernach, ist viel disziplinierter, viel ordentlicher."

Ein durchgängiges Motiv, das in allen Interviews zur Sprache kommt, ist der Wunsch nach spezifisch soldatischen Werten, nämlich Disziplin und Kameradschaft: "Disziplin auf jeden Fall, viel Disziplin. (…) Ich denke, dass ich jetzt hier ein ganz neues Sinnbild von Disziplin bekommen werde. Ich habe auch andere Freunde, die das vor ein paar Jahren gemacht haben, (…) das hat eigentlich allen im weiteren Lebensweg geholfen, sprich: Job kriegen und so was alles." Mag das Streben nach solchen Tugenden auf den ersten Blick verwundern, so zeigen aktuelle Studien, dass genau diese Werte bei den Jugendlichen wieder deutlich an Bedeutung gewinnen. Die Shell-Jugendstudie 2010 bestätigt, dass Fleiß und Ehrgeiz für die 12- bis 25-Jährigen einen hohen Stellenwert haben; diese Eigenschaften waren für 83 Prozent der Befragten wichtig oder sehr wichtig, im Vergleich zu 76 Prozent im Jahr 2002.[20] Zudem ist auffallend, dass die wenigsten Motive bei der Entscheidung für den FWD idealistischer Natur sind. Oft sind pragmatische und extrinsische Anreize ausschlaggebend. Auch das korrespondiert mit den Befunden der Jugendforschung, wonach sich bei den 14- bis 17-Jährigen derzeit eine "Abnahme weltanschaulich geprägter und eine Zunahme pragmatischer Haltungen" zeige.[21]

Ebenso unterschiedlich wie die Motive sind die Einstellungen zu den Auslandseinsätzen. Während manche FWDL die Einsätze befürworten und jederzeit selbst in den Einsatz gehen würden, haben sich andere bewusst nur für elf Monate verpflichtet, um unter keinen Umständen eine Entsendebereitschaft unterzeichnen zu müssen. Der FWD soll nur eine Überbrückung zum nächsten Lebensabschnitt sein, ein Einsatz wäre mit einem zu großen persönlichen Risiko verbunden, denn man wolle "nicht psychisch beziehungsweise physisch beeinträchtigt zurückkommen, damit halt meine Zukunft so ist, wie ich sie mir vorstelle und ich noch lebe". Andere hingegen sehen gerade das Mitwirken an Einsätzen als Kernelement des soldatischen Berufs, als wichtige Aufgabe der Bundeswehr, an der sie auch gerne teilhaben würden. Auch die prinzipielle Sinnhaftigkeit der Einsätze wird unterschiedlich bewertet. Gleiches gilt für das Mandat der Bundeswehr, inwiefern sie "bloß Aufbauhilfe leisten und helfen" solle, oder aber auch "mehr Verantwortung übernehmen muss, als eine starke Wirtschaftskraft in der heutigen Welt". Interessanterweise korrespondiert die Bewertung der Einsätze nicht in allen Fällen mit der eigenen Einsatzbereitschaft: "Die Einsätze sind absolut völkerrechtswidrig. (…) obwohl ich diese Einsicht habe, würde ich deswegen nicht ablehnen, an den Einsätzen teilzunehmen." Diese Meinungsvielfalt löst sich im Laufe des Wehrdienstes bei den Befragten nicht auf. Auch nach mehreren Monaten in der Bundeswehr zeichnen sich ganz individuelle Deutungsmuster über Aufgabe und Sinnhaftigkeit, Selbstverständnis und Rolle der Bundeswehr im In- und Ausland ab.

Die empirischen Ergebnisse zeigen damit einerseits, dass die Bundeswehr nicht nur den typischen Wehrdienstkandidaten anspricht. Ebenso wie der Soldatenberuf vielschichtiger geworden ist – nach Karl Haltiner und Gerhard Kümmel ist er heute von einer "Multi- nicht Monofunktionalität"[22] geprägt – werden auch die Individuen, welche ihn ausüben, diverser. Es gelingt also, unterschiedliche Persönlichkeiten anzusprechen. Gerade das Format FWD scheint hier geeignet, auch diejenigen für einige Monate zu gewinnen, die aus Neugier die Organisation Bundeswehr kennenlernen wollen, ohne dort ihre berufliche Zukunft zu sehen. Die Tatsache, dass persönliche Meinungen und Einstellungen unter den Kameraden und gegenüber Dritten offen thematisiert werden können, zeigt die Individualität der Mitglieder und die demokratischen Züge der Organisation, obwohl Streitkräfte nach Erving Goffman als "totale Institution"[23] bezeichnet werden. Andererseits deutet das aber auch darauf hin, dass es nicht gelingt, eine gemeinsame Mission zu transportieren, ein Narrativ zu vermitteln, über das sich die FWDL mit der Organisation identifizieren können.

Was folgt daraus?

Martin Elbe und Klaus Günter Lange gehen davon aus, dass mit der Aussetzung der Wehrpflicht "ein grundlegender kultureller Wandel" einhergehe und "die gemeinsam gehaltenen Werte und Normen (…) durch den jetzt anstehenden Wandlungsprozess in ihren Grundfesten berührt"[24] würden. Sie sehen die Grundlagen der Organisation und ihres Selbstverständnisses im Umbruch. Damit liegen sie wohl nicht ganz falsch. Denn mit dem Prinzip der Freiwilligkeit verändert sich die Vertragsbeziehung zwischen dem Arbeitgeber, dem Dienstherrn, und den Arbeitnehmern, den Dienstleistenden, fundamental.[25] Daraus erwachsen auf beiden Seiten neue Erwartungen, und die Führung einer solch heterogenen Truppe bringt immense Herausforderungen mit sich. Sicherlich waren auch die Wehrpflichtigen in ihren Persönlichkeiten sehr unterschiedlich, doch sie alle verband die Pflicht, diesen Dienst leisten zu müssen. Die unterschiedlichen Erwartungen und Motive der FWDL führen mitunter dazu, dass nach einigen Monaten im Dienst dem einen der Umgangston zu rau ist, während sich der oder die nächste beschwert, dass das ja keine "richtige Bundeswehr" mehr sei, weil zu viel Rücksicht genommen werde, die körperlichen Herausforderungen zu gering seien und die Kameraden die Ausbildung nicht ernst genug nähmen. Auch das könnte ein Grund für die immer noch sehr hohe Abbruchquote im FWD sein. Die Hürde, zu gehen, ist gering, die Anlässe sind vielschichtig. Im Schnitt verlässt jeder vierte FWDL die Bundeswehr vorzeitig auf eigenen Wunsch, dazu kommen noch knapp 5 Prozent, die entlassen werden.[26]

Das Prinzip der Freiwilligkeit und die sechsmonatige Möglichkeit zur Kündigung verlangen den Vorgesetzten einen neuen Umgang mit den Rekruten ab. Gleichzeitig kann die grundsätzliche Logik der Streitkräfte, welche auf hierarchischen Strukturen, dem Prinzip von Befehl und Gehorsam sowie einer bürokratischen Grundordnung beruht, nicht maßgeblich verändert werden. Das heißt, die Organisationskultur kann sich nur bedingt und nur innerhalb eines aufgespannten Rahmens an die neuen Gegebenheiten anpassen. In diesem Spannungsverhältnis schafft es die Bundeswehr bisher kaum, identitäts- und sinnstiftende Momente durch die Ausbildung oder die täglichen Aufgaben zu schaffen und damit den unterschiedlichen Erwartungen zu begegnen. Gerade nach der Grundausbildung zeichnet sich unter den befragten FWDL eine ernüchternde und pragmatische Einstellung gegenüber ihrem Dienst ab, die mit dem Selbstverständnis der Organisation "Wir. Dienen. einer guten Sache, unserer Verfassung – freiwillig und überzeugt"[27] nur noch wenig gemein hat. Nun können Sinn und Identifikation nicht verordnet werden. Attraktivere Ausbildungs- und Tätigkeitsprofile für die FWDL sowie mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Verwendung könnten jedoch erste Schritte sein, um das Potenzial der zumeist gut qualifizierten FWDL nicht zu vergeuden.
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Fußnoten

1.
Vgl. http://www.wirdienendeutschland.de« (18.9.2013).
2.
Bis 2011 hatten bereits über 20 europäische Länder Freiwilligenarmeen. So schafften beispielsweise die Niederlande die Wehrpflicht 1996 ab, Dänemark und Italien folgten 2005, Schweden im Jahr 2012. Siehe dazu auch APuZ, (2011) 48, zum Schwerpunkt "Wehrpflicht und Zivildienst" (Anm. d. Red.).
3.
Vgl. Thomas Brüsemeister, Qualitative Forschung: Ein Überblick, Wiesbaden 2008, S. 173.
4.
Bericht der Strukturkommission der Bundeswehr Oktober 2010. Vom Einsatz her denken. Konzentration, Flexibilität, Effizienz, Berlin 2010, S. 12.
5.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.), Freiwillig dienen. Ein Wegweiser für den Freiwilligen Wehrdienst, Juli 2011, S. 11ff.
6.
Die Strukturkommission empfahl einen Dienstpostenumfang von 15.000 Freiwilligen. Vgl. Strukturkommission (Anm. 4), S. 28. Verteidigungsminister de Maizière reduzierte die Zahl in der Umsetzung der Reform auf mindestens 5000.
7.
Vgl. Thomas Bulmahn/Robert Kramer, German Armed Forces: Ready for the War on Talents?, ERGOMAS-Konferenzpapier, Madrid 2013.
8.
Reinhard Brandl, MdB, zit. nach: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Plenarprotokoll 99/17 der Sitzung am 24.3.2011, S. 11354.
9.
Vgl. Tibor Szvircsev Tresch/Christian Leuprecht, Introduction. Whom Shall We Send: The Best of the Brightest or the Worst of the Desperate?, in: dies. (Hrsg.), Europe Without Soldiers? Recruitment and Retention Across the Armed Forces of Europe, Kingston 2011, S. 1–17, hier: S. 2.
10.
Vgl. Eckart Lohse, Bundeswehrreform: Mit schlechten Noten zum Bund?, 1.5.2011, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/11062.html« (18.9.2013); Nils Handler, Nach dem Ende der Wehrpflicht: Bangen vor dem Ossi-Ansturm, 2.9.2011, http://www.stern.de/politik/deutschland/1723284.html« (18.9.2013); Michael Wolffsohn, Die neue Bundeswehr, eine Unterschichten-Armee?, 13.1.2011, http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1363619/« (18.9.2013).
11.
Berthold Meyer, Bundeswehr ohne Wehrpflichtige – was folgt daraus für die Parlamentsarmee im Einsatz?, HSFK-Report 11/2010, S. 25.
12.
Vgl. Gesetz zur Änderung wehrrechtlicher Vorschriften 2011 (Wehrrechtsänderungsgesetz 2011), 28.4.2011, §58 (2).
13.
Zit. nach: Deutscher Bundestag (Anm. 8), S. 11344.
14.
Vgl. Emma Jonsson, Outcome of Soldier Recruitment to the Swedish Armed Forces 2012 – The Second Year With an All-volunteer Force, ERGOMAS-Konferenzpapier, Madrid 2013.
15.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung, Antwort des Referats BMVg P I 1 vom 2.9.2013 auf persönliche Anfrage.
16.
Zum Vergleich: Im Bundesfreiwilligendienst sind seit Frühling 2012 durchgehend alle 35.000 Plätze besetzt und inzwischen 51 Prozent der Aktiven weiblich sowie etwa 40 Prozent älter als 27 Jahre (Stand: Juli 2013).
17.
Vgl. Marc Magee/Steven J. Nider, Citizen Soldiers and the War on Terror, Progressive Policy Institute, Policy Report, Dezember 2002, S. 4.
18.
Dieses und die folgenden Zitate stammen aus den Interviews der Autorin mit den FWDL.
19.
In diesem Quartal finden sich in der Regel weniger die direkten Schulabgänger wieder, welche meist im Juli oder Oktober ihren Dienst beginnen. Vielmehr kommen im Januar und April vermehrt Personen nach einem Bruch (Jobwechsel, Kündigung, vorzeitiges Beenden eines Studiums beziehungsweise einer Ausbildung) zur Bundeswehr.
20.
Vgl. Thomas Gensicke, Wertorientierung, Befinden und Problembewältigung, in: Mathias Albert/Klaus Hurrelmann/Gudrun Quenzel (Hrsg.), 16. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M. 2010, S. 197.
21.
Vgl. Marc Calmbach et al., Wie ticken Jugendliche? 2012, Düsseldorf 2012, S. 40.
22.
Karl Haltiner/Gerhard Kümmel, Die Hybridisierung des Soldaten: Soldatisches Subjekt und Identitätswandel, in: Gerhard Kümmel (Hrsg.), Streitkräfte im Einsatz: Zur Soziologie militärischer Interventionen, Baden-Baden 2008, S. 50.
23.
Erving Goffman, Asyle: Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt/M. 1972, S. 15–23.
24.
Martin Elbe/Klaus Günter Lange, Ansätze des Change Managements zur Neuausrichtung der Bundeswehr, in: Gregor Richter (Hrsg.), Neuausrichtung der Bundeswehr. Beiträge zur professionellen Führung und Steuerung, Wiesbaden 2012, S. 244.
25.
Vgl. Hilmar Linnenkamp nach Christian Dewitz, Stiller Abschied von der traditionsreichen Wehrpflicht, in: Bundeswehr Journal, (2011) 2–3, S. 27.
26.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Anm. 15).
27.
Einer der Leitgedanken der Kampagne Wir.Dienen.Deutschland. Vgl. Anm. 1.
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Autor: Rabea Haß für bpb.de
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