Verpackte Fertiggerichte liegt am 06.10.2013 im Feldlager der Bundeswehr in Kundus in Afghanistan. Kurz vor Schließung des Feldlagers ist die Küche bereits geschlossen und die Soldaten müssen sich mit Fertiggerichten versorgen. Nach der offiziellen Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee (ANA) und die Afghanische Bundespolizei Ancop, sollen die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Camp abziehen. Foto: Michael Kappeler/dpa

21.10.2013 | Von:
Ulrich vom Hagen

Homo militaris – Gestalt institutionalisierter Gewalt

Das Militär ist ein soziales Feld und eine politische Institution,[1] die Gewalt gegen andere Länder organisiert, das eigene Land vor Gewalt von außen schützt und gewaltsame Mittel zur Aufrechterhaltung der bestehenden inneren Ordnung bereit hält. Im Militär findet eine Integration des Spannungsverhältnisses von vertikaler, bürokratischer Rationalität und horizontaler, totaler berufsständischer Gemeinschaftlichkeit statt. Die Mechanismen der bürokratischen Logik und der impliziten Referenz an aristokratisch-kämpferische Tugenden und Werte machen den körperschaftlichen Charakter des Militärs aus. Aufgrund der spezifischen Fusion von herrschaftlicher Organisation und kriegerischem Berufsstand kann es daher als eine gewaltsame Körperschaft gekennzeichnet werden. Militärische Gewalt ist ein von Soldaten bereitgestelltes "Kollektivgut", die sich dadurch von der zivilen Gesellschaft unterscheiden. Die hier skizzierten Merkmale beschreiben die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die sozialen Praxisformen des militärischen Feldes konstituieren, in welchem Gewaltsamkeit (Max Weber) und Militärkultur im Sinne sozialer Praxis (Pierre Bourdieu) produziert und reproduziert werden. Der soziologische Analyserahmen dieses Feldes geht somit über das Militär als Organisation hinaus und umfasst die gesamte Gesellschaft, denn Organisationen beziehungsweise Sozialverbände wie das Militär wurden allzu lange als zweckrationales Instrument zur Umsetzung funktionaler Ziele verstanden, während sie mindestens so sehr Bedeutungs- und Symbolsysteme darstellen.[2]

Staatsgewalt und soziale Praxis in Organisationen

Schon in den 1960er Jahren hat Renate Mayntz darauf hingewiesen, dass das rationale Modell der klassischen Organisationssoziologie den herrschaftssoziologischen Kontext in Max Webers Behandlung der Bürokratie ignoriert und daher nicht erkannt hat, dass Weber Bürokratie und Herrschaft als zwei ständig miteinander in Spannung stehende Prinzipien versteht.[3] Danach liegt es nahe, Organisationen in erster Linie als soziale Kräftefelder zu verstehen, in denen um die Durchsetzung verschiedener – teilweise gegensätzlicher Ziele – gerungen wird. Organisationale Strukturen bilden sich in den expliziten und impliziten Regeln sowie in der Verteilung von ökonomischem, sozialem, kulturellem und symbolischem Kapital im Sinne Bourdieus ab. Diese Kapitalsorten stellen soziale Machtinstanzen dar und dienen als Basis zur Legitimierung von Herrschaft.

Das Militär, Mittel der Selbstbehauptung des Staates nach außen und bisweilen auch nach innen, ist einerseits eine politische Institution und gleichzeitig besonders deutliche Gestalt institutionalisierter Gewalt. Der Organisationsherr des Militärs ist der Staat, den Weber als einen Herrschaftsverband auffasst, denn als Zwangsanstalt ist jeder Staat auf Gewaltsamkeit gegründet, und physische Gewalt ist ihm als spezifischem Mittel zu Eigen.[4] Das Militär und seine Prinzipien sind auf das Engste mit dem Staat verknüpft. Frageleitend ist dabei, welche Strukturen es erlauben, dass die Befehle der Spitze mit dem geringstmöglichen Reibungsverlust vom "Apparat" ausgeführt werden. Dieser Anforderung, so Weber, wird allein die moderne, rationale Bürokratie gerecht, die im reinen Typus ein System von miteinander gekoppelten zweckrationalen Handlungen repräsentiert, zu deren Entstehung und Entfaltung unter anderem die Konzentration der sachlichen Betriebsmittel in der Hand des Dienstherren eine Voraussetzung darstellt. Somit ist die historische Bürokratisierung der Armee fundamental für ein Verständnis des Militärs als Herrschaftsinstrument der Staatsgewalt. Das Konzept der institutionellen Gewalt integriert aktuelle und eventuelle Gewaltsamkeit (Weber) sowie symbolische Gewalt (Bourdieu) und wird von dem Soziologen Peter Waldmann wie folgt definiert: "Der Begriff der institutionellen Gewalt (…) geht insofern über das direkte, personelle Verständnis von Gewalt hinaus, als er nicht allein auf eine spezifische Modalität sozialen Handelns, sondern auf dauerhafte Abhängigkeits- und Unterwerfungsverhältnisse abstellt. Man kann ihn definieren als eine durch physische Sanktionen abgestützte Verfügungsmacht, die den Inhabern hierarchischer Positionen über Untergebene und Abhängige eingeräumt ist. (…) Prototyp institutioneller Gewalt in der Moderne ist der Hoheits- und Gehorsamsanspruch, mit dem der Staat dem einzelnen gegenübertritt."[5]

Institutionelle Gewalt umfasst daher die Staatsgewalt. Ausprägungen des staatlichen Gewaltmonopols beziehungsweise der Staatsgewalt wie das Militär sind somit eine Gestalt institutioneller Gewalt und seiner Kultur.

Soziale Praxis im Militär

Um die Kultur des Militärs zu bestimmten, ist es notwendig, sich von der oftmals angenommenen Homogenität des Militärs zu verabschieden und zu fragen, um was es im militärischen Feld tatsächlich geht: um nichts weniger als den steten Definitionskampf um das Wesen des Militärs eines Landes und, im Zusammenhang mit der Durchsetzung dieser Vorstellung, um Karrierechancen. Im Korpsgeist drückt sich gleichzeitig die Kohäsion, aber auch der Konformismus derjenigen aus, die es geschafft haben, Aufnahme in der sozialen Welt des Militärs zu finden. Diese Mechanismen machen den "korporativen" Charakter der Streitkräfte aus. Im Militär finden sich zudem Subkulturen, insbesondere bei den Teilstreitkräften (Heer, Marine und Luftwaffe), einzelnen Truppengattungen des Heeres oder in Form der unterschiedlichen Dienstgradgruppen (Offiziere, Unteroffiziere, Mannschaften) sowie anhand des Unterschiedes zwischen Truppe in der Heimat und Truppe im Einsatzland.

Die Konflikte, die zwischen einzelnen Akteuren beziehungsweise Gruppen in einem sozialen Feld bestehen, gründen auf einen feldspezifischen Antagonismus hinsichtlich der Verwertungsmöglichkeiten des sozialen, kulturellen, symbolischen und ökonomischen Kapitals. Daher ist es hilfreich, das Militär – ebenso wie andere soziale Felder – als ein Spielfeld zu betrachten, auf dem um Definitionsmacht gerungen wird, und das einen bestimmten Habitus generiert, der die selbstverständliche Anpassung an die feldspezifischen Spielregeln erlaubt. Durch den Glauben an das militärische Feld sind die Soldaten dem Feld gegenüber befangen, doch praktisches Gespür erlaubt es, die für das soziale Spiel intuitiv richtigen Spielzüge vorzunehmen.[6]

Als Teil des Staatsapparats besitzt das Militär weitreichende Bedeutung für die politische Sphäre, denn der Staatsapparat stabilisiert die herrschenden Gesellschaftsverhältnisse. Der Staat beansprucht, in Anlehnung an die bekannte Definition von Max Weber, auf seinem Territorium das Monopol legitimer symbolischer Gewalt über die dort lebenden Menschen. Die Legitimierung des Gewaltmonopols des Staates wird sowohl nach innen als auch nach außen durch das Militär erreicht. Das Militär integriert die politische Vorstellung der Einheit von Volk, Territorium und Staat in einzigartiger Weise, so dass ihm eine besonders ordnungsstiftende und bewahrende Rolle zukommt.[7] Durch die Repräsentation dieser säkularen Dreifaltigkeit legitimiert das Militär den Staat und letztlich sich selbst.

Bürokratische Logik einerseits sowie gleichzeitig die Referenz an militärische Tugenden sowie militärisches Führertum andererseits bilden die Ordnungsmuster des Militärs. Daher besteht im Militär eine permanente Spannung zwischen moderner Rationalität, wie sie sich in bürokratischer Disziplin ausdrückt, die auf regelkonformes Verhalten ohne Berücksichtigung der Persönlichkeit des Handelnden abzielt, und vormodernen Vorstellungen vom militärischen Führer, der dem Bild der charismatischen Persönlichkeit mit ihren spezifisch individuellen Eigenschaften entspricht. Die Grundlage jeder Militärkultur bildet dabei das "historical model of the Prussian corps",[8] auf welches weltweit Bezug genommen wird. Darüber hinaus wurden und werden Militärstrategien und -taktiken, Techniken, Werte, Normen und Militärtugenden tradiert und weitergetragen. Allen Militärorganisationen gemeinsam sind Grundausbildung und Lehrgänge, mittels derer Individuen in die Militärkultur in Form eines Sozialisationsprozesses initiiert und mit den Besonderheiten der militärischen Lebensweise vertraut gemacht werden. Dabei werden Soldaten unter anderem in Hierarchie, Bürokratie, Regeln, Gesetze, Kameradschaft, Vertrauen, Loyalität, militärische Symbole, Rituale und das militärspezifische Vokabular eingewiesen, und es wird eine Kultur militärischer Disziplin verinnerlicht, die in allen Militärorganisationen zu finden ist.[9] Durch multinational zusammengesetzte Auslandsmissionen und das Aufeinandertreffen von Soldaten unterschiedlicher Streitkräfte ist eine historische Kontinuität der Basis von Militärkultur mehr denn je garantiert.

Militärkultur spiegelt sich im Handeln der Soldaten wider, das sich in den Regeln und Regelmäßigkeiten dieses sozialen Feldes wiederfindet. Soldaten werden in der Grundausbildung und auch während ihres soldatischen Dienstes in das spezifisch militärische Prinzip eingewiesen, das unter anderem den Gehorsam und Techniken des Verletzens und Tötens umfasst. Ihnen werden militärische Werte wie beispielsweise Disziplin, Loyalität, Tapferkeit und Opferbereitschaft mit auf den Weg gegeben. Ferner spielen Männlichkeit, das kameradschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl sowie normenkonformes Verhalten eine zentrale Rolle. Ein spezifisches Interesse vereint also die Akteure in ihren Kämpfen um das Interessenobjekt, an das sie glauben und affektiv besetzen.[10] Hierarchie und Gemeinschaft kristallisieren sich als die gemeinsamen Hauptelemente heraus, die zur Bestimmung des Militärs und seiner spezifischen Kultur von zentraler Bedeutung sind. Innerhalb des Spannungsbogens dieser beiden Elemente gibt es weitere Ausprägungen, die für die soziale Praxis im Militär wichtig sind. Die Praxisformen des militärischen Feldes gliedern sich in zwei grundlegende Dimensionen (Hierarchie und Gemeinschaft) mit je drei Elementen (Disziplin, Formalismus, Konservatismus sowie Segregation, Maskulinität, Tradition und Konvention).

Fußnoten

1.
Vgl. Gerhard Göhler, Institutionenlehre und Institutionentheorie in der deutschen Politikwissenschaft nach 1945, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen der Theorie politischer Institutionen. Forschungsstand, Probleme, Perspektiven, Opladen 1987.
2.
Dieser Beitrag geht vorwiegend zurück auf meine Argumentation in Ulrich vom Hagen, Homo militaris. Perspektiven einer kritischen Militärsoziologie, Bielefeld 2011.
3.
Vgl. Renate Mayntz, Soziologie der Organisation, Reinbek 1963, S. 32.
4.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen, 1972 (1921).
5.
Peter Waldmann, Politik und Gewalt, in: Dieter Nohlen/Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Politik, Bd. I: Politische Theorien, München 1995, S. 430f.
6.
Vgl. Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt/M. 1987.
7.
Vgl. Klaus Eder, Multikulturalität als Dilemma, in: Remi Hess/Christoph Wulf (Hrsg.), Grenzgänge. Über den Umgang mit dem Eigenen und dem Fremden, Frankfurt/M.–New York 1999, S. 44.
8.
Eyal Ben-Ari/Efrat Elron, Blue Helmets and White Armor: Multi-nationalism and Multi-culturalism among UN Peacekeeping Forces, in: Armed Forces & Society, 2 (2001), S. 275–306, hier: S. 284.
9.
Vgl. Joseph Soeters/Donna Winslow/Alise Weibull, Military Culture, in: Guiseppe Caforio (Hrsg.), Handbook of the Sociology of the Military, London u.a. 2003, S. 250.
10.
Vgl. P. Bourdieu (Anm. 6), S. 124f.
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Autor: Ulrich vom Hagen für bpb.de
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