Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Natan Sznaider

Entweder/Oder: Ein Nachspiel zur Opferung von Jitzchak Rabin - Essay

Symbol ohne breite Legitimität

Der Ministerpräsident wurde schon wochen- und monatelang öffentlich geschmäht, beschimpft und auch einige Male tätlich angegriffen. Seine Sicherheitsbeamten waren nervös und rieten ihm, sich aus der Öffentlichkeit fernzuhalten oder eine kugelsichere Weste zu tragen. Doch Rabin, der schon etwas ältere General, nahm das alles nicht so ernst. Er wusste, dass seine Entscheidungen für das rechte Milieu in Israel schwer zu ertragen waren, aber er war auch ein Symbol. Er wurde von vielen Israelis respektiert. Er war keiner der üblichen Verdächtigen, die schon jahrzehntelang über Frieden moralisierten. Er war einer der höchstdekorierten Soldaten Israels, er war im Land noch vor der Staatsgründung geboren, ein Symbol für das in Israel aufgewachsene neue Judentum, das nicht mehr von der Vergangenheit bestimmt ist. So stand die israelische Elite, standen die Journalisten, die Professoren, die Unternehmer, die Schriftsteller fast alle hinter ihm. Und wenn man zu dieser Zeit in Tel Aviv lebte, dann glaubte man sich auch in der absoluten Mehrheit.

Rabin und seine Regierung mochten zwar mit einer knappen Mehrheit regieren, für ein anderes Israel – vor allem außerhalb von Tel Aviv – hatten sie jedoch keine Legitimität. Es gibt ein Milieu in Israel, für das die Legitimität des Staates Israel nicht im politischen Prozess, sondern in der Heiligkeit selbst liegt. Rabin war in dieser Hinsicht in der Tat ein Repräsentant eines militärischen und weltlichen Israels, und er war der Repräsentant des 1948 gewonnen Unabhängigkeitskrieges, war Generalstabschef des Krieges von 1967, als das Westjordanland erobert wurde. Er hat sich diesen Gebieten nie verbunden gefühlt. Das war schon 1975 während seiner ersten Amtszeit klar, als er gegen die ersten Siedlungsversuche in Samaria war. Es war der damalige Verteidigungsminister Shimon Peres, der die Siedler unterstützte und damit den Beginn der heutigen Siedlungsbewegung ins Rollen brachte. Rabin hatte in der Tat keinen Sinn für das Heilige, das durch die Eroberung der biblischen Stätten nach 1967 Teil der Tagespolitik wurde.

Daran änderte auch der 1994 an ihn, Peres und Palästinenserführer Jassir Arafat verliehene Friedensnobelpreis nicht viel. Ganz im Gegenteil. Noch kurz davor rief die Opposition zu einer großen Kundgebung in Jerusalem auf. Dort standen auf einem Balkon auch die zukünftigen Premierminister Benjamin Netanyahu und Ariel Sharon, die die aufgebrachte Menge noch anfeuerten. Plakate, die Rabin in SS-Uniform zeigten, wurden demonstrativ verbrannt. Das war bewusst inszenierte Radikalität. Jeder konnte das im Fernsehen gut sehen, aber trotzdem dachte wirklich niemand an etwas Schlimmeres als an diese radikalste aller symbolischen Taten. Die Rhetorik war angeheizt, aber noch regierte das Friedenslager. Der Bürgerkrieg lag in der Luft, hatte den Boden aber noch nicht erreicht.

Ein anderer 4. November 1995

Während die Kundgebung nun langsam ihr Ende nimmt, beobachten Sicherheitskräfte im Wagenpark unter dem Balkon der Redner einen jungen Mann. Sie wissen erst nicht, ob er einer der Fahrer ist. Sie sprechen ihn an und er antwortet kurz, dass er auf jemanden warte. Die Sicherheitsleute sagen ihm, dass dies ein steriler Ort sei und bitten ihn, woanders zu warten. Darauf geht er weg. Die Kundgebung ist vorbei. Gemeinsam singt man ein Friedenslied. Rabin ist zufrieden. Es scheint, dass das Regierungslager die Straße zurückerobert. Er kehrt zu seinem Wagen zurück und fährt in seine Jerusalemer Residenz.

Die nächsten Monate sind die wohl schwersten für den Premier Rabin. Die Verhandlungen mit den Palästinensern kommen ins Stocken. Man kann die Jerusalemfrage nicht einfach unter den Teppich kehren. Rabin ist bereit, über Jerusalem und die Flüchtlingsfrage zu verhandeln, aber erst sehr viel später. Arafat bringt immer wieder Jerusalem und die Flüchtlinge ins Spiel. Langsam wird allen Beteiligten klar, dass eigentlich nicht mehr um 1967 diskutiert und verhandelt wird. Allen geht es um 1948, um den eigentlichen Kern des Konfliktes, um die Ausübung jüdischer Souveränität im Nahen Osten, um die Heiligkeit des Bodens und um die Flüchtlingsfrage. Zugleich sind die radikalen Gruppierungen der Palästinenser nicht bereit, überhaupt zu verhandeln, und nutzen Terroranschläge auf Autobusse in Tel Aviv und Jerusalem, um Arafat zu unterwandern, aber auch zu unterstützen. Arafat glaubt an den Terror als eine zweite Waffe gegen die Israelis. Auch er weiß, was Rabin schon lange und sogar länger bewusst ist: Die Israelis entwickeln sich zu einer post-heroischen Gesellschaft, die nicht mehr im permanenten Kriegszustand leben will und kann. Auch soll der Terror die israelische Bevölkerung einschüchtern, um sie kompromissbereiter zu machen. Das Modell ist Algerien, wo der Terror diesen Zweck erfüllt hat.

Auf der einen Seite ist es der Terror, der die Friedensbemühungen belastet, auf der anderen Seite die immer aggressiver werdende Opposition, geführt von dem in Amerika ausgebildeten neuen Oppositionsführer Benjamin Netanyahu, dem neuen Stern am rechten Himmel Israels: Als gewandter Redner, ideologisch fest in der Idee des moralischen und historischen Rechts Israels auf das Westjordanland verwachsen, steht er seit 1993 an der Spitze der Likudpartei. 27 Jahre jünger als Rabin, gerade mal Mitte 40, verkörpert er auch eine neue Generation israelischer Politiker. Rabin wird von ihm immer mehr in die Defensive gedrängt.

Nicht mehr um Politik geht es in dieser Zeit, sondern um die geistigen und materiellen Grundlagen des zionistischen Projekts selbst. Der Friedensprozess wird immer mehr als das Projekt einer sich globalisierenden Elite gesehen, die an den speziellen Bedürfnissen vieler jüdischer Israelis vorbeisieht. Das radikale religiöse Milieu sieht seine messianische Aufgabe darin, jede Form von Rückgabe heiligen Bodens für immer zu vermeiden. Der messianische Zionismus hat sich nun endgültig vom Staat Israel befreit. 1996 verliert Rabin die Wahlen gegen Netanyahu und damit die knappe Mehrheit, die den Friedensprozess noch unterstützt hatte. Für viele Israelis bedeutete der Friedensprozess, dass man in Frieden leben konnte. Wenn die Folgen des Friedensprozesses Angst und Schrecken sind, dann will man nicht mehr mitmachen. Netanyahu wird Premier. Rabin zieht sich verbittert aus der Politik zurück und stirbt nicht lange danach an einem Herzleiden.

Trauer um verlorene Unschuld

Aber so, lieber Leser, ist die Geschichte natürlich nicht weitergegangen. Der junge Yigal Amir wurde von den Sicherheitsbeamten nicht als verdächtig befunden, konnte im Wagenpark bleiben und auf Rabin warten. Als dieser auf seinen Dienstwagen zuging, wurde er von Amir von hinten mit drei Kugeln in den Rücken erschossen. Rabin starb kurz darauf. Drei Schüsse, und damit war der Bürgerkrieg vorbei – und eine Seite siegreich aus ihm hervorgegangen. Shimon Peres übernahm die Amtsgeschäfte, bis er ein knappes Jahr später zugunsten von Netanyahu abgewählt wurde. Das Land stand unter Schock und trauerte um Rabin. Nicht für lange, denn rasch wurde aus der Trauer Melancholie, die Trauernden verloren das Interesse an der Außenwelt. Rabin wurde natürlich nicht vergessen, man erinnert sich nur nicht an ihn. Sein sogenanntes Vermächtnis wurde entpolitisiert. Nach dem Anschlag kam es zu spontanen Trauerkundgebungen. Die sogenannte Kerzenjugend saß Tag und Nacht am Platz mit Trauerkerzen und Gitarren und tat ihre Meinung mit vielen Graffiti um den Platz kund. Sie trauerten nicht nur um Rabin, sie trauerten um sich selbst, sie trauerten um ihre verlorene Unschuld, ihre verlorene Jugend, ja ihre verlorene Normalität. Kurz danach wurde dann aus dem "Platz der Könige Israels" der "Rabin-Platz".

Die Menschen in Israel gingen mit sich selbst ins Gericht. Was wurde falsch gemacht? Hätte der Mord verhindert werden können? Auch wurde der "Bruderkrieg" beschworen (der hebräische Ausdruck für Bürgerkrieg). Wenn es überhaupt möglich ist, Gesellschaften mit psychologischen Begriffen verstehen zu wollen, dann kann man sagen, dass die israelische Gesellschaft durch den Mord an Rabin fortwährend narzisstischer wurde. Israel verliebte sich in sein trauerndes Spiegelbild, und langsam wurde es zu diesem Bild, das es sich von sich selbst machte. Die Trauer wurde zur Feier und zum Ritual. Lieder wurden gesungen, Kerzen entzündet, Bilder von Rabin gemalt, Rabin-Sprüche an die Wände gepinselt, und von Versöhnung war die Rede. So hat man die Versöhnung mit den Palästinensern langsam vergessen. Es ging um die Versöhnung der in Israel verfeindeten Lager.

Was die Palästinenser anging, so gab es unter ihnen keine Partner mehr, wie es der zwischenzeitliche Premier Ehud Barak einige Jahre später formulierte. Partner gab es nur in Israel selbst. Wie konnte die Linke mit der Rechten ausgesöhnt werden, wie konnten Säkulare und Religiöse miteinander das Land teilen? Sind wir nicht alle Brüder? Sind wir nicht alle Juden? Nun hatte aber ein Jude Rabin ermordet und kein arabischer Terrorist. Und dieser junge Mann, der zwar ständig behauptete, er habe allein und auf niemandes Befehl gehandelt, kam aus dem rechten und nationalreligiösen Milieu, welches es als Todsünde empfindet, das heiliggesprochene Land zu teilen.

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Autor: Natan Sznaider für bpb.de
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