Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Natan Sznaider

Entweder/Oder: Ein Nachspiel zur Opferung von Jitzchak Rabin - Essay

Verdrängung der politischen Dimension

Die Einzeltätertheorie war sehr vielen mehr als recht. Man konnte sich auf die narzisstische Melancholie konzentrieren und musste den Mord nicht politisch einordnen. Auch in der Gerichtsverhandlung von Amir ging es um Mord, etwas anderes konnte das Gericht gar nicht verhandeln. Amir wurde von Gerichtspsychiatern untersucht, die ihn für schuldfähig befanden – er selbst wollte seine Tat als eine religiös motivierte verteidigen, das Gericht ihn aber nur als einen heimtückischen Mörder verurteilen. Es hatte keine Befugnis, den politischen Kontext der Tat in irgendeiner Form zu verhandeln. Nicht die Politik Amirs stand vor Gericht, nicht das rechte politische Milieu von Amir, nicht die fanatischen Demonstrationen gegen Rabin und nicht die symbolischen Todesurteile, die von fanatischen Rabbinern gegen Rabin ausgesprochen wurden. Das einzige, das vor Gericht stand, war die banale Tat der drei Schüsse. Ein Mann ermordet einen anderen Mann. Es ging um den kriminellen Akt, nicht um Politik. Obwohl es anfänglich etwas Widerspruch gegen diese Sichtweise gab, hat sich die Mehrheit der israelischen Gesellschaft damit abgefunden. Dass es eigentlich um die Identität Israels ging, war den meisten melancholischen Israelis nicht zuzumuten.

Und als dann das rechte Lager 1996 wieder an die Macht kam, da war es fast schon, als ob der Mord noch durch die Geschichte legitimiert wurde. Der "Oslo-Verbrecher" wie er oft von seinen Gegnern genannt wurde, verblasste in der Erinnerung. Den offiziellen Gedenktag hat man per Gesetz auf den 12. des Heshvan gelegt, das hebräische Datum der Ermordung, und nicht auf den 4. November, das weltliche Datum. So entfernen sich von Jahr zu Jahr die Veranstaltungen vom eigentlichen Kern der Ermordung. Es geht weihevoll um Demokratie, um die Gefahr der Gewalt, um Toleranz und Werte. Dann werden Jugendbilder von Rabin gezeigt, traurige Lieder gesungen und man darf wieder nach Hause gehen. Es wird natürlich ganz selten ein Wort über Oslo und den Friedensprozess verloren. Darum geht es nicht mehr. Das passiert manchmal auf den inoffiziellen Kundgebungen um den 4. November herum am Ort des Geschehens, dem "Rabin-Platz". Man kann hier in der Tat von einer fragmentierten Erinnerung an den Mord reden, obwohl es klar ist, dass alle Beteiligten an der Entpolitisierung dieser Erinnerung interessiert waren. So gedenkt man in Jerusalem am hebräischen Gedenktag offiziell am Grab Rabins und kann nicht über Politik reden. Dort herrscht die große Verdrängung.

Es gibt sicher genug Menschen, die glauben, dass die Kugeln Amirs die Geschichte geändert haben. Mag sein, wir wissen es nicht. Der Autor dieser Zeilen geht davon aus, dass das schrumpfende Friedenslager schon vor dem 4. November 1995 auf verlorenem Posten stand. Danach war die israelische Gesellschaft mehr und mehr auf sich bezogen. Der Friedensprozess in Israel war der innerisraelische Friedensprozess, während der Friedensprozess mit den Palästinensern zum Anliegen der Amerikaner und Europäer wurde.

Die heftigen Demonstrationen im Sommer 2011 haben das nur bestätigt: Dort ging es um Lebensunterhalt, Mietpreise, Lebensmittel. Das Leben der Israelis ist zu teuer geworden. Man wollte Normalisierung. Die Demonstranten, die zuweilen an andere Demonstrationen in Europa erinnerten, wollten den Schulterschluss der ganzen Gesellschaft. Man weigerte sich, über Besatzung und Besatzungspolitik zu reden. Man wollte die Sozialbewegung nicht durch Nahostpolitik spalten, als ob die Ermordung Rabins wie eine dunkle Wolke warnte, was die Konsequenzen einer solchen Spaltung sein können.

Neue Bündnisse – und Frieden mit der Geschichte?

Bei den jüngsten Wahlen 2013 kam es zu einem Zusammenschluss der ehemals verfeindeten Milieus. Die sogenannte säkulare und urbane Partei des Journalisten Yair Lapid und die nationalreligiöse Partei des Unternehmers Naftali Bennett kamen gemeinsam auf 31 der 120 Parlamentssitze. Zur Überraschung einiger schlossen sich Lapid und Bennet zu einem Bündnis zusammen. Dieses hat nun endgültig die Spannungen zwischen den ehemals verfeindeten Lagern des "Bruderkrieges" überbrückt. Die Arbeitspartei von Rabin spielt in den großen politischen Fragen keine Rolle mehr. Ihre derzeitige Vorsitzende Shelly Yachimovich will, dass sich die Partei nur noch zu sozialen Fragen äußert, und hat ihren Frieden auch mit den Siedlern jenseits der grünen Linie geschlossen.

Das Lapid-Bennett-Bündnis ist eigentlich die langfristige Konsequenz, welche die israelische Gesellschaft aus der Opferung Rabins gezogen hat. Es ist das Bündnis des sich selbst als aufgeklärt verstehenden und westlich orientierten Israels (das auch bereit ist, langfristig Zugeständnisse an die Welt zu machen) mit dem nationalreligiösen Lager (das zu diesen Zugeständnissen nicht bereit ist und glaubt, sie nie leisten zu müssen). Diese neue Verbundenheit drückt sich am stärksten darin aus, dass sich beide Parteien darauf einigten, die ultraorthodoxen Juden, die bisher vom israelischen Wehrdienst befreit waren, nun auch zum Militärdienst einzuziehen. Der Schulterschluss beider Lager macht es notwendig, dass auch die Ultraorthodoxen Teil des kämpfenden Israels werden, um somit die letzte große Differenz innerhalb der jüdischen Bevölkerung zu verwischen. Die nicht in der Armee dienenden palästinensischen Bürger Israels gehören nicht zu dieser neuen Formation.

Blickt man 18 Jahre später zurück auf die Nacht am "Platz der Könige Israels", kann man durchaus sagen, dass der Mord Israel verändert hat, wenn auch nicht grundlegend. Die Gesellschaft hat diesen Mord als Opfer genutzt, um sich alt-neu wieder zu konstituieren, neue Solidaritäten zu schaffen und vor allen Dingen die Angst vor einem "Bruderkrieg" zu überwinden.

Diese Angst existierte schon kurz vor der Staatsgründung, als verschiedene paramilitärische Einheiten nicht nur die Briten, sondern auch sich gegenseitig bekämpften. Nach der Staatsgründung löste David Ben-Gurion alle militärischen Gruppen auf und wollte sie in die neue Staatsarmee integrieren. Zum letzten Kampf kam es im Juni 1948 an der Küste von Tel Aviv, als das von der rechten paramilitärischen Gruppe Irgun (unter Führung des späteren Premiers Menachem Begin) ausgerüstete Schiff "Altalena" anlegen sollte, um Waffen an die eigenen Leute zu verteilen. Ben-Gurion beschloss, das Schiff anzugreifen, woraufhin mehrere Mitglieder der Irgun an Bord getötet wurden. Einer der an dieser Aktion beteiligten Soldaten war Jitzchak Rabin, in den Augen der Nachfahren des rechten israelischen Milieus schon damals ein Verräter.

Letztendlich hat die israelische Gesellschaft Frieden mit ihrer Geschichte geschlossen. Ob das Opfer Rabins dazu wirklich notwendig war, bleibt dahingestellt. Ob es ausreicht, um dauerhaft ein neues politisches Gemeinwesen in Israel zu gründen, wird die Zukunft zeigen.

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Autor: Natan Sznaider für bpb.de
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