Ermordung von John F. Kennedy
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22. November 1963: Ein Tag, der die Welt veränderte? - Essay

28.10.2013

JFK: Der "am meisten überschätzte" Präsident?



Wie viel John F. Kennedy zum Erfolg und zur Reform der kapitalistischen Demokratie beigetragen hat, bleibt umstritten. Noch vor Ende des Kalten Krieges erklärten Historiker und Journalisten in einer Umfrage Kennedy zur "am meisten überschätzten Gestalt der amerikanischen Geschichte". Seine Präsidentschaft dauerte kaum mehr als tausend Tage. In den Medien tauchen immer wieder Enthüllungen über seine Affären auf. Die Freigabe seiner Krankenakten offenbart einen Mann, der die Öffentlichkeit über die Schwere seiner Leiden und über seine bedenkliche Medikamentenabhängigkeit getäuscht hat. Und doch gilt Kennedy den Bürgern der USA, wie regelmäßige Meinungsumfragen belegen, bis heute als einer ihrer großen Präsidenten, zusammen mit dem Gründer der Nation George Washington, dem Retter der Nation Abraham Lincoln und dem Reformer der Nation Franklin D. Roosevelt.

Auch dafür mögen Zyniker eher die Umstände seines Todes als die Leistungen seines Lebens verantwortlich machen. Die Ermordung dieses attraktiven und lebenslustigen Mannes durch einen geltungssüchtigen Verlierer wirkte auf die Zeitgenossen wie ein Anschlag auf die Zukunft selbst, gerade weil Kennedy so viele der in ihn gesetzten Hoffnungen nicht – oder vielleicht noch nicht – erfüllt hatte. Vor dem 22. November 1963 liegt, so erscheint es im verklärenden Rückblick, eine goldene Zeit amerikanischer Unschuld, wie sie immer wieder in der Populärkultur beschworen wird. Danach kommen die Rassenunruhen und Studentenproteste, der Krieg in Vietnam und die Watergate-Affäre, die Ermordung der Hoffnungsträger Robert Kennedy und Martin Luther King, die Besetzung des Weißen Hauses durch Paranoiker der Macht wie Lyndon B. Johnson und Richard Nixon.

Hartnäckige Verschwörungstheorien



Dieses Gefühl verlorener Unschuld und betrogener Hoffnung, so unrealistisch sie auch sein mag, nährt bis heute Verschwörungstheorien. Die Meinungsumfragen, die Kennedys Status als großen Präsidenten bestätigen, zeigen auch, dass nur eine verschwindende Minderheit der amerikanischen Bürger an die offizielle Version der Ereignisse vom 22. November 1963 glaubt: nämlich dass der politische Wirrkopf Lee Harvey Oswald allein handelte, als er vom Fenster seines Arbeitsplatzes in einem Schulbuchauslieferungslager drei Schüsse auf den Präsidenten abgab, von denen einer den Schädel John F. Kennedys zerschmetterte.

Dieses Misstrauen der Bürger – und nicht nur einer Minderheit, sondern einer breiten Mehrheit – in die eigene Regierung, dieses Hineinsickern verschwörungstheoretischen Denkens vom lunatic fringe in den Mainstream ist etwas Neues in der Geschichte der amerikanischen Demokratie. Diese Entfremdung geht über die notwendige Wachsamkeit gegenüber der Exekutive hinaus. Sie nimmt die Verwerfungen der späten 1960er Jahre vorweg, als ein großer Teil der Jugend dem Staat die Loyalität aufkündigte. Auf dem Höhepunkt der Jugendproteste erhielt mit den Morden an dem "Friedenskandidaten" Robert Kennedy und an dem Bürgerrechtler Martin Luther King die Vorstellung neue Nahrung, John F. Kennedy sei das erste Opfer einer reaktionären Schattenmacht im Bunde mit "denen da oben" gewesen – eine Vorstellung, die noch heute hier und da virulent ist. So schreibt etwa der Journalist Mathias Bröckers, der Anschlag auf JFK sei nichts weniger als ein Staatsstreich der Partei des Krieges und der Reaktion gegen den Repräsentanten des Friedens und des Fortschritts gewesen; er habe "zu einer imperialen Politik rein militärischer Machtausübung" geführt, "die das Gesicht der USA in der Welt bis heute prägt – und die den Mord an dem Präsidenten, der eine solche Zukunft verhindern wollte, noch immer relevant macht".[3]

Dass manche Geisterseher auch den Kennedy-Mord in Verbindung bringen mit jener Ur-Verschwörungstheorie, die durch das europäische Unterbewusstsein spukt, sei nur am Rande bemerkt. So sieht etwa Michael Piper Kennedy als Opfer einer zionistischen Großverschwörung, weil der US-Präsident die atomare Rüstung Israels habe verhindern wollen.[4]

Tatsächlich arbeitete die von Kennedys Nachfolger eingesetzte Untersuchungskommission unter Vorsitz des Verfassungsrichters Earl Warren, wie wir inzwischen wissen, von vornherein mit dem Auftrag Johnsons, die Alleintäterschaft Oswalds zu beweisen. Dass Johnson dabei nicht irgendwelche dunklen Mächte in den USA (oder gar, wie etwa Bröckers bis heute unterstellt, die von ihm selbst gedungenen Mörder) schützen, sondern vor allem im Interesse des Friedens Gerüchte über eine Beteiligung der UdSSR oder Kubas zum Schweigen bringen wollte, fällt bei der Betrachtung häufig unter den Tisch, zumal inzwischen aktenkundig ist, dass die Bundespolizei FBI und der Auslandsgeheimdienst CIA Informationen vorenthielten. Ebenso wird häufig die Tatsache ignoriert, dass es der Kommission mit beachtenswerter Akribie gelang, eine lückenlose Indizienkette herzustellen, die Oswald als Mörder identifiziert und Mittäter ausschließt.

Drei weitere amtliche Untersuchungen mit dem gleichen Ergebnis und das 2007 erschienene, voluminöse Werk des früheren Staatsanwalts Vincent Bugliosi, in dem eine Verschwörungstheorie nach der anderen dekonstruiert wird,[5] haben jenseits der Fachöffentlichkeit der Historiker und Kriminologen, die mit überwältigender Mehrheit den Schlussfolgerungen der Warren-Kommission folgen, wenig bewirkt. Das Vorurteil, Kennedy sei Opfer einer Verschwörung gewesen, die von der Regierung gedeckt wurde, scheint unerschütterlich. Schon deshalb muss man dem Doppelmord von Dallas – dem Mord am Präsidenten und dem Mord an seinem Mörder – eine historische Dimension zuerkennen.

Neue Wertschätzung für Kennedy



Jenseits des kulturellen Phänomens "Dallas" – man denke an die Dallas-Romane von Don DeLillo, James Ellroy, Stephen King und anderen,[6] an Oliver Stones Film "JFK" oder an den Song "Sympathy for The Devil" von den Rolling Stones, in dem Satan höchstpersönlich "die Kennedys" ermordet hat – haben die Historiker seit der Jahrtausendwende mit einer Neubewertung der Präsidentschaft John F. Kennedys und seines Nachfolgers begonnen, in deren Folge beide besser dastehen und auch die Ereignisse von Dallas in einem anderen Licht erscheinen.

Was Kennedy betrifft, so erfährt seine Zögerlichkeit und Vorsicht bei der Behandlung der Krisen um Berlin 1961 und Kuba 1962 seit dem Ende des Kalten Krieges eine neue Wertschätzung. Beginnen wir mit dem Bau der Mauer in Berlin: Man weiß heute nicht nur, dass die Kennedy-Administration relativ früh die Abriegelung der offenen deutsch-deutschen Grenze in Berlin als Möglichkeit zur Entspannung der Situation in der gefährlichsten Stadt der Welt und darüber hinaus zwischen den Blöcken erkannte. Ebenso ist inzwischen bekannt, dass Kennedy – spätestens beim Wiener Treffen mit seinem sowjetischen Gegenspieler Chruschtschow am 3. und 4. Juni 1961 in Wien – der Gegenseite entsprechende Signale sendete. So wurde Chruschtschow in eine Situation hineinmanövriert, in der zwar mit dem Bau der Mauer das System des Kommunismus kurzfristig stabilisiert wurde, jedoch um den Preis einer offensichtlichen politischen Bankrotterklärung und überdies des Verzichts auf den strategischen Plan, West-Berlin zu neutralisieren und zu annektieren, die Bundesrepublik aus dem westlichen Bündnis herauszubrechen und die Nato zu destabilisieren. Kennedys Beitrag zum Mauerbau und seine anschließende Politik der Deeskalation und der Beruhigung der aufgebrachten bundesrepublikanischen Führung wird in Deutschland verständlicherweise nicht gern als Leistung zitiert, gilt aber als wichtiger Beitrag zur Vermeidung eines Krieges der Supermächte in Europa.

Was Kuba betrifft, wo Chruschtschow in einem Akt fast schon kriminellen Leichtsinns Atomraketen stationieren ließ, so kann man Kennedys Neigung zum Zögern kaum hoch genug einschätzen. Beim Lesen der Beratungsprotokolle der US-Stabschefs bekommt man angesichts der Planungen für "chirurgische Schläge" gegen die auf der Insel stationierten Atomraketen, gefolgt von einer massiven Invasion Kubas buchstäblich das kalte Grausen. Denn wir wissen inzwischen aus sowjetischen Quellen erstens, dass die Amerikaner nicht alle Raketenabschussbasen kannten, und zweitens, dass die örtlichen russischen Kommandeure befugt waren, nach eigenem Ermessen die ihnen nach einem Angriff verbliebenen Raketen abzufeuern. Hätte Kennedy auf seine Militärs gehört, statt insgeheim mit Hilfe seines Bruders Robert einen Kompromiss mit Chruschtschow auszuhandeln, bei dem die USA als Gegenleistung für einen Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba ihrerseits Raketen aus der Türkei abzogen, wäre es vermutlich zur nuklearen Selbstauslöschung der menschlichen Zivilisation gekommen. Die Welt gerettet zu haben, ist keine ganz geringe Leistung.[7]


Fußnoten

3.
Mathias Bröckers, JFK. Staatsstreich in Amerika, Frankfurt/M. 2013, S. 11f.
4.
Michael Collins Piper, Final Judgement. The Missing Link in the JFK Assassination Conspiracy, Washington, DC 2004.
5.
Vgl. Vincent Bugliosi, Reclaiming History. The Assassination of President John F. Kennedy, New York 2007.
6.
Vgl. Don DeLillo, Libra, New York 1988 (deutsch: Sieben Sekunden, Köln 1991, Neuauflage 2003 unter dem Titel Libra); James Ellroy, American Tabloid, New York 1995 (deutsch: Ein amerikanischer Thriller, Hamburg 1996); Stephen King, 11/22/63, New York 2011 (deutsch: Der Anschlag, München 2012).
7.
Der neueste Stand der Forschung zu den Krisen um Berlin und Kuba wird referiert in A. Posener (Anm. 2), S. 111–123 und S. 124–131.
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Autor: Alan Posener für bpb.de
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