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Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Alan Posener

22. November 1963: Ein Tag, der die Welt veränderte? - Essay

Wäre Kennedy 1964 wiedergewählt worden?

Was die Innenpolitik angeht, so wird John F. Kennedy heute oft in einem Atemzug mit Martin Luther King genannt. Schließlich fand während Kennedys Amtszeit der Marsch auf Washington statt, bei dem King seine berühmteste Rede hielt: "I have a dream …" Es stimmt zwar, dass Kennedy die Organisatoren des Marsches anschließend im Weißen Haus empfing; aber es stimmt auch, dass der Marsch in den Augen Kings notwendig war, weil die Regierung zu wenig in Sachen Bürgerrechte unternahm. Ganz sicher hat Kennedy zu Beginn seiner Amtszeit die wichtigste innenpolitische Herausforderung des Jahrzehnts – die Frage gleicher Rechte für die Afroamerikaner in den Südstaaten – nicht erkannt. Das aus durchsichtigen Gründen von Politikern gern zitierte Wort aus Kennedys Rede zum Amtsantritt, die Bürger sollten nicht fragen, was ihr Land für sie tun könne, sondern lieber fragen, was sie für das Land tun könnten, war angesichts der Wirklichkeit staatlich betriebener und gedeckter Diskriminierung und Einschüchterung für Amerikas schwarze Bürger ein Schlag ins Gesicht. Als sich Kennedy nach Rassenunruhen in Alabama, Mississippi und anderswo und angesichts der wachsenden moralischen und politischen Bedeutung Martin Luther Kings 1963 schließlich zu einer Fernsehansprache zugunsten der Bürgerrechte und zum Entwurf eines umfassenden Bürgerrechtsgesetzes durchrang, blieb es bei den schönen Phrasen seiner in der Tat bewegenden TV-Rede. Das Gesetz aber blieb dank der Sperrminorität der Südstaatler in seiner eigenen Partei im Kongress stecken, ohne Aussicht auf eine Verabschiedung in Kennedys erster Amtszeit.

Ob ihm aber eine zweite Amtszeit vergönnt gewesen wäre, ist keineswegs sicher. Denn durch seinen Einsatz für die Bürgerrechte hatte Kennedy einen entscheidenden Teil seiner Wählerschaft verschreckt: nämlich die weißen Rassisten in den Südstaaten. Entgegen der oft unkritisch wiederholten Legende, Kennedys Vater Joseph habe dank seiner Beziehungen zur Mafia bei der Präsidentenwahl 1960 die entscheidenden Stimmen in und um Chicago und dadurch seinem Sohn das Weiße Haus kaufen können, kamen die für den Sieg ausschlaggebenden Stimmen nicht aus dem Mittleren Westen, sondern aus dem tiefen Süden, besonders aus Texas. Das war der Heimatstaat Lyndon B. Johnsons, und ohne dessen – von allen linken Demokraten mit Entsetzen aufgenommene – Nominierung als Vizepräsident hätte Joseph Kennedy mit allen seinen Millionen nichts ausrichten können. Johnson, den Kennedy zuweilen sarkastisch als "Lyndon ‚Erdrutsch‘ Johnson" bezeichnete, sicherte den Süden. Denn er hatte sich den Granden der Demokratischen Partei seit Jahrzehnten als einen Mann präsentiert, der für ihre Klienten in Washington arbeitete und der es dabei als Sprecher des Senats verstand, jede Gesetzesinitiative in Sachen Bürgerrechte so abzuändern, dass sie zahn- und wirkungslos blieb. So sah die Rechte ebenso wie die Linke Johnson als Garant für die Passivität der Regierung in Sachen Bürgerrechte. Zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte.

Nach Kennedys Fernsehansprache und dem Marsch auf Washington bestand die ernste Gefahr, dass die seit dem Bürgerkrieg ungebrochene Herrschaft der Demokraten in den Südstaaten bei der Wahl 1964 verloren gehen könnte. Denn der Kandidat der Republikaner, Barry Goldwater, der Kennedys Bürgerrechtsgesetzgebung als "Angriff auf die Autonomie der Einzelstaaten" ablehnte, erntete große Zustimmung im Süden. Das ist übrigens der Grund, weshalb der Präsident im November 1963 zusammen mit Johnson nach Texas fuhr. Er wollte durch eine Demonstration seiner Popularität die demoralisierten Demokraten hinter dem "Ticket" Kennedy–Johnson einen.

LBJ – Ein verkannter Präsident

Tatsächlich hätte ein Sieg Goldwaters bei der Präsidentschaftswahl 1964 unabsehbare, möglicherweise welthistorische Folgen haben können. Der Senator aus Arizona befürwortete den Einsatz nuklearer Waffen in Vietnam und gegebenenfalls gegen China und hatte einmal scherzhaft gemeint, man sollte eine Atombombe "ins Herrenklo des Kremls schmeißen". Zwar klaffen Worte und Taten bei Politikern oft noch weiter auseinander als bei anderen Menschen. Auch Kennedy war 1960 als Falke gegen den angeblich zu weichen Richard Nixon angetreten und suchte schließlich den Ausgleich mit Chruschtschow. Der spätere Präsident Ronald Reagan, der 1964 zu Goldwaters Anhängern gehörte, neigte gelegentlich zu Scherzen über einen nuklearen Erstschlag gegen die Sowjetunion und schloss dennoch mit Michail Gorbatschow einen umfassenden Abrüstungsvertrag. Im Weißen Haus machen Traumtänzer linker wie rechter Provenienz oft eine steile Lernkurve durch, werden Tauben zu Falken und umgekehrt. Aber dennoch erscheint es durchaus möglich, dass Goldwater zur Abwehr der kommunistischen Offensive in Vietnam nicht Johnsons Kurs einer langsamen, aber massiven Truppensteigerung in Südvietnam in Verbindung mit dem konventionellen Bombardement Nordvietnams verfolgt, sondern die nukleare Option gewählt hätte. Ob sich China und Russland unter diesen Bedingungen aus dem Konflikt herausgehalten hätten, ist fraglich. Goldwaters Wahlslogan lautete: "In your heart, you know he’s right." Es fällt schwer, dem Gegenslogan des Johnson-Lagers nicht zuzustimmen: "In your guts, you know he’s nuts."

Bei der Wahl 1964 gewann Goldwater trotz der Sympathiewelle für Johnson als Vollstrecker des Kennedy-Erbes, die den Rest des Landes ergriff, tatsächlich fünf Staaten des tiefen Südens – aber nicht Texas – und läutete dabei eine Trendwende ein. Bis dahin hatten die Republikaner als Partei des Sklavenbefreiers Abraham Lincoln keine Chance in den ehemaligen Staaten der Konföderation. Seit 1964 dominieren die Republikaner als Partei des Widerstands gegen die Bürgerrechtsgesetzgebung von Kennedy und Johnson den Süden – für die USA ein seismischer Schock von historischen Ausmaßen. Erst in unseren Tagen wird die Herrschaft der Republikaner im Süden durch den politischen Aufstieg der mehrheitlich mit den Demokraten sympathisierenden Hispanics wieder in Frage gestellt.

Johnson gewann tatsächlich in einem Erdrutsch alle anderen Staaten und dadurch ein Mandat für sein Reformprogramm der Great Society, einer Fortsetzung des Rooseveltschen New Deal, für die Bürgerrechte und für die Fortsetzung der Kennedyschen Ausgleichspolitik mit der Sowjetunion – von "Entspannung" konnte man noch nicht sprechen. Dieser überwältigende Sieg hatte in der Tat historische Ausmaße. Und er ist ohne den 22. November 1963 nicht zu verstehen.

Denn Johnson nutzte den Mord an seinem Vorgänger, um der Nation ins Gewissen zu reden: Amerika schulde es dem gefallenen Helden, seinen Traum einer gerechteren Nation zu erfüllen. War bis zum 22. November die Begeisterung, die Kennedys Wahl ausgelöst hatte, einer gewissen Resignation gewichen, so löste der Schock seines "Martyriums" – in solchen Wendungen sprach Johnson gern – den Reformstau im Kongress und die Apathie in der Bevölkerung. Es zeigte sich überdies, dass der aus kleinen Verhältnissen stammende "LBJ", der ein politisches Leben lang mit der Südstaaten-Parteimaschine kooperiert hatte, um Karriere zu machen, als Präsident seine Macht nutzte, um Visionen umzusetzen, die weit über das hinausgingen, was dem Patrizier John F. Kennedy vorgeschwebt hatte, und die der Meistertaktiker lange für sich behalten hatte. Wo Kennedy cool, pragmatisch und distanziert war, agierte Johnson mit dem Feuer des Überzeugungspolitikers.

Wenn also die Partei des Krieges, der Militarisierung und der Reaktion Kennedy wirklich ermorden ließ, wie es die Verschwörungstheoretiker meinen, hat sie genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte. Ohne den 22. November 1963 wäre entweder Goldwater gewählt worden oder ein durch den Abfall der Südstaaten erheblich geschwächter Kennedy. Cui bono?

Vietnam und kein Ende

Ja, aber der Vietnamkrieg! Zu den Legenden um den Mord in Dallas gehört die Behauptung, Kennedy habe den Krieg in Vietnam abwickeln wollen, den Johnson stattdessen eskalierte, um ihn trotzdem – zusammen mit der Präsidentschaft – 1968 zu verlieren. Dies ist jedoch eine Legende, die Robert Kennedy nach seiner Saulus-Paulus-Bekehrung vom Falken zur Taube während seiner Präsidentschaftskampagne kultivierte, deren Fragwürdigkeit – um es vorsichtig auszudrücken – gerade ihm jedoch klar gewesen sein muss. Er selbst hatte 1962 noch gesagt, die Lösung des Krieges "liegt darin, dass wir ihn gewinnen. Das hat der Präsident denn auch vor. Wir werden ihn gewinnen, und wir werden hier (in Vietnam, Anm. A.P.) bleiben, bis wir ihn gewonnen haben."[8]

Südvietnam war für die Kennedy-Brüder nicht nur deshalb wichtig, weil es in ihren Augen für Asien die gleiche Rolle spielte wie West-Berlin für Europa, und weil sie an die sogenannte Domino-Theorie glaubten, der zufolge eine Niederlage Amerikas in Vietnam den Fall von Laos, Kambodscha, Malaysia und Indonesien und die Vorherrschaft Chinas in Asien nach sich ziehen würde, sondern auch, weil es dort als Folge der französischen Kolonialherrschaft und der Flüchtlingsströme aus dem kommunistischen Norden viele Katholiken gab, die die pro-westliche Oberschicht bildeten. Dass ausgerechnet der erste katholische Präsident der USA Millionen vietnamesischer Katholiken einer kommunistischen Diktatur ausliefern würde, war undenkbar, zumal sich der Kongressabgeordnete und Senator John F. Kennedy einen Namen als Kritiker der "Weicheier" in der Truman-Administration gemacht hatte, die angeblich "China verloren" und die dortigen Katholiken der Unterdrückung durch Mao Zedong ausgeliefert hätten. Vietnam war überdies, wie es Kennedys Generalstabschef Maxwell Taylor 1963 ausdrückte, "ein funktionierendes Laboratorium, in dem wir den subversiven Aufstand (…) in allen seinen Formen studieren können".[9]

Es gehört zur Tragödie Lyndon B. Johnsons, dass zum Erbe seines Vorgängers nicht nur das Versprechen einer gerechteren Gesellschaft in den USA gehörte, sondern die Behauptung, man habe der Offensive der Kommunisten in der Kuba-Krise Einhalt geboten und werde nun seinerseits daran gehen, den Einfluss Moskaus und Pekings zurückzudrängen. "To Turn the Tide" – der Gezeiten Lauf ändern – heißt eine Sammlung der außenpolitischen Reden und Aufsätze John F. Kennedys.[10] Dieser Titel suggeriert bewusst, dass die USA gegenüber dem Kommunismus in die Offensive gehen würden. "Zukünftige Historiker mögen beim Rückblick auf 1962 dieses Jahr als den Zeitpunkt bezeichnen, da die Gezeiten der internationalen Politik endlich in Richtung der Welt der Vielfalt und der Freiheit zu fließen begannen", schrieb Kennedy im Vorwort zu seinen "Public Papers" 1962. (Interessanterweise erschien "To Turn the Tide" in Deutschland unter dem Titel "Dämme gegen die Flut",[11] was die Kennedysche "Roll Back"-Rhetorik in ihr Gegenteil verkehrt, scheint doch das Wort "Dämme" vielmehr einer "Containment"-Strategie das Wort zu reden.)

Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Johnson die komplette außen- und sicherheitspolitische Mannschaft Kennedys übernahm, vor allem Außenminister Dean Rusk, Sicherheitsberater McGeorge Bundy und Verteidigungsminister Robert McNamara. Keiner aus dieser Riege sagte dem neuen Präsidenten, zur Strategie seines Vorgängers habe der Abzug aus Vietnam gehört. Niemand empfahl ihm eine solche Lösung. Gerade weil Johnson mit seiner Great Society und dem "Krieg gegen die Armut" zurückkehrte zur traditionellen linken Programmatik der Roosevelt-Demokraten, durfte er sich in der Außenpolitik gegenüber den skeptischen Zentristen des Kennedy-Lagers keine Blöße geben, nicht weich erscheinen. Weil er einen "Welfare State" wollte, musste LBJ auch den "Warfare State" in Kauf nehmen. Am Widerspruch dieser beiden Ziele zerbrach seine Präsidentschaft. Mit ihr starben die Hoffnungen auf eine Fortsetzung und Vollendung des New Deal. Im Herbst des Schicksalsjahres 1968 wurde Richard Nixon im Auftrag der schweigenden Mehrheit Amerikas gewählt, um der idealistischen Innen- und der expansionistischen Außenpolitik der Ära Kennedy-Johnson ein Ende zu machen. Was Nixon denn auch tat.

War also "11/22" ein Tag, der die Welt veränderte? In gewisser Weise ja. Er hat das Bewusstsein der Amerikaner verändert und damit die revolutionären 1960er Jahre mit vorbereitet. Er hat die Reformpräsidentschaft Lyndon B. Johnsons ermöglicht und die Chancen Barry Goldwaters auf das Weiße Haus zerstört. Vielleicht hat Kennedy mit seinem Tod also zum dritten Mal in drei Jahren – nach der Berlin-Krise 1961 und der Kuba-Krise 1962 – die Welt vor einem Weltkrieg gerettet.

Fußnoten

8.
Zit. nach: ebd., S. 137.
9.
Zit. nach: ebd.
10.
Vgl. John F. Kennedy, To Turn the Tide, New York 1962.
11.
Vgl. ders., Dämme gegen die Flut, Düsseldorf 1962.
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Autor: Alan Posener für bpb.de
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