APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Rolf Parr

Monströsität, "das große Modell aller kleinen Abweichungen"

In nahezu allen seinen Arbeiten hat sich der französische Diskurstheoretiker Michel Foucault (1926–1984) für Machteffekte interessiert, die aus den Regelungen dessen resultieren, was gesagt werden darf, was nicht gesagt werden kann und was gesagt werden muss, kurz: für diejenigen Ordnungen von Diskursen, die bis in den Körper der einzelnen Subjekte hinein wirksam sind und soziale Gegenstände wie den "psychisch Kranken" zuallererst mit hervorbringen. Solche Machteffekte sieht Foucault für sehr viel effektiver an als explizit ausgesprochene und aufgeschriebene Ordnungen – etwa in Form von Gesetzen oder religiösen Normen –, denn sie führten zu einer Selbstüberwachung der Subjekte, müssten also nicht mehr ständig neu von außen durchgesetzt werden, da sie in den Subjekten selbst wirksam sind.

Diese subtile "Mikrophysik der Macht"[1] hat Foucault insbesondere für solche Institutionen und Disziplinen wie die Psychiatrie, das Gefängnis und das Krankenhaus untersucht.[2] Vor diesem Hintergrund ist auch seine Beschäftigung mit denjenigen Abweichungen von der Normalität zu sehen, die im Mittelpunkt seiner vom 8. Januar bis 15. März 1975 am Collège de France gehaltenen und erst nach seinem Tod veröffentlichten Vorlesung "Die Anormalen" (Les Anormaux)[3] stehen: das Monster, der Aufsässige und der Onanist. Auch diese drei Figuren der Abweichung von der Normalität sind insofern soziale Gegenstände, als sie durch Diskursivierungen zuallererst mit hervorgebracht und "sichtbar" gemacht werden.

Diesen Prozess untersucht Foucault in seiner Vorlesung, indem er der "diskursive(n) Entwicklung des Monsters zur Anomalie"[4] nachgeht, dem Schritt vom "Körpermonster" zum "Sittenmonster" als zwei verschiedenen Formen von Monströsität: Die eine ist die äußerliche, auf den ersten Blick sichtbare körperliche Abweichung, die das "Menschenmonster"[5] als Zwitterwesen, als paradoxe Schwellenfigur ausweist,[6] etwa als Mischwesen zwischen den Geschlechtern ("Hermaphroditen") oder den Gattungen ("Tiermenschen"). Zum anderen beobachtet und analysiert Foucault im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert aber auch solche Diskurse, die "Monströsität" als innere Abweichung konzipieren. Erst damit wird dem "Körper-" oder "Menschenmonster" das verbrecherische "Sittenmonster" an die Seite gestellt, und zwar als für die Gesellschaft sehr viel bedrohlicherer Fall, da man ihm – etwa in den Konkretionen des menschenfressenden oder inzestuösen Monsters – seine innere Monströsität von außen nicht ansieht.

Gerichtspsychiatrie

An diesem Punkt kommt die sich über das 19. Jahrhundert hinweg allmählich etablierende Psychiatrie, speziell die Gerichtspsychiatrie, ins Spiel, indem sie die drei von Foucault unterschiedenen Typen des Anormalen einer neuen Form des Wissens und einem neuen Typus von Macht unterwirft: Statt mit der juristischen Unterscheidung zwischen "schuldig" und "nicht schuldig" oder der medizinischen zwischen "krank" und "gesund" arbeiten die gerichtsmedizinisch-psychologischen Gutachten, die Foucault untersucht hat, mit der Differenz von "normal" versus "nicht normal" und – im Falle der Nicht-Normalität – mit eben dem Befund der "inneren Monströsität". Denn zur jeweiligen Tat, derer ein "Sittenmonster" beschuldigt wird, kommt durch die Gerichtspsychiatrie noch der Befund einer – wie auch immer gearteten – Anormalität hinzu, sei es als nicht-normaler "Trieb" oder als anormaler "Charakter". Beides aber heißt nichts anderes, als eine generell anormale Disposition des Beschuldigten anzunehmen, die immer wieder ähnlich deviantes Verhalten hervorbringt. Auf diese Weise wird der Kriminalität zugleich eine generell monströse Natur zugesprochen: "Das unsichtbare Monster, das Monster an sich wäre also", so der Literatur- und Kulturwissenschaftler Michael Niehaus, "der Trieb selbst".[7]

Letztlich geht es also darum, nachzuweisen, "wie ähnlich das Individuum seinem Verbrechen bereits vor dessen Ausführung gewesen ist. Es werden Mängel im moralischen Sinne gesucht, die noch keine Krankheiten im pathologischen und noch keine Vergehen im gesetzlichen Sinne sind."[8] Auf diese Weise konstituierte die Gerichtspsychiatrie "Menschentypen, die unabhängig von ihren Handlungen mit Verdacht umstellt werden", und von denen man annimmt, dass in ihnen "Taten vorhanden sind, die niemand sieht".[9]

"Damit", so Magdalena Beljan, Mitherausgeberin der Zeitschrift "Body politics" am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, besitze das gerichtsmedizinisch-psychologische Gutachten "eine gleich mehrfache Funktion", denn es schließe "vom Delikt auf die Seinsweise" des anormalen Täters, Angeklagten, Beschuldigten, konstruiere ihn in seiner Spezifik "aus der Tat heraus" und empfehle schließlich "eine Bestrafung, die auf die Transformation des Individuums zielt". Auf diese Weise "wird innerhalb des Prozesses die Figur des Richters, der über die Tat zu richten hat, durch die des begutachtenden Arztes verdoppelt", womit die Gerichtspsychiatrie ein neues Wissen mit neuen Machteffekten produziere, das "weder eindeutig dem Gericht noch der Psychiatrie zuzuordnen" sei.[10]

Fußnoten

1.
Michel Foucault, Die Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin, Berlin 1976.
2.
Einen Überblick bietet: Clemens Kammler/Rolf Parr/Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.), Foucault-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart–Weimar 2008.
3.
Michel Foucault, Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), Frankfurt/M. 2007, S. 78 (Originalausgabe: Michel Foucault, Les Anormaux: Cours au Collège de France, 1974–1975, Paris 1999).
4.
Beate Ochsner, DeMONSTRAtion. Zur Repräsentation des Monsters und des Monströsen in Literatur, Fotografie und Film, Heidelberg 2009, S. 93.
5.
M. Foucault (Anm. 3), S. 78f.
6.
Vgl. Rolf Parr, Monströse Körper und Schwellenfiguren als Faszinations- und Narrationstypen ästhetischen Differenzgewinns, in: Achim Geisenhanslüke/Georg Mein (Hrsg.), Monströse Ordnungen. Zur Typologie und Ästhetik des Anormalen, Bielefeld 2009, S. 19–42.
7.
Michael Niehaus, Das verantwortliche Monster, in: A. Geisenhanslüke/G. Mein (Anm. 6), S. 81–101, hier: S. 92 (Herv. i. O.).
8.
Foucault über die Anormalen und die Psychiatrie, in: Information Philosophie, o.D., www.information-philosophie.de/?a=1&t=2904&n=2&y=1&c=38 (5.11.2013).
9.
Sebastian Susteck, Von Menschen-Monstern. Michel Foucaults Vorlesungen aus dem Jahr 1974–75 erzählen von Urbildern der Abirrung und der Geburt der Psychiatrie, in: Telepolis, 27.12.2003, http://www.heise.de/tp/artikel/16/16345/1.html« (5.11.2013).
10.
Magdalena Beljan, Vorlesungen zu Psychiatrie/Disziplinierung, in: C. Kammler/R. Parr/U.J. Schneider (Anm. 2), S. 138–149, hier: S. 145. Vgl. auch Andrew N. Sharpe, Foucault’s Monsters and the Challenge of Law, Abingdon 2010.
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