APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Matthias Burchardt

Das Medium ist das Monster - Essay

In einer naiven Kommunikationstheorie würde man das Medium als einen neutralen Träger von Botschaften missverstehen, dessen Zweck und Funktion sich in der möglichst sendergetreuen und empfängeraffinen Vermittlung von Inhalten erschöpfte. Nun sind wir durch den Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan belehrt, dass es kein "unschuldiges" Medium geben kann, weil es zwangsläufig selbst den Charakter einer Botschaft hat: "The Medium is the message!" Eingedenk dieser grundsätzlichen Einsicht muss auch die Diskussion über die Rolle von Medien in Demokratien zwangsläufig kritisch geführt werden, zumal sich in den stehenden Wendungen von der "Mediendemokratie" und der "Vierten Gewalt", die sich nicht auf das Grundgesetz stützen kann, eine klärungsbedürftige Verquickung von Medien und Macht anzeigt. Dieser Zusammenhang wird exemplarisch sinnfällig in Akteuren wie Silvio Berlusconi. Doch darf dieses Beispiel nicht den Blick darauf verstellen, dass es Journalisten zu verdanken ist, dass skandalöse Vorgänge der Politik der öffentlichen Diskussion zugänglich wurden. Guter Journalismus erschließt der demokratischen Öffentlichkeit die Abläufe, Ziele, Interessenlagen und Sachthemen des politischen Geschäftes. Er ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern auf Sachkenntnis gegründete Urteile und damit eine präzisere Artikulation ihres politischen Willens. Mehr noch: Die Medienöffentlichkeit kann eine demokratische Kontrollfunktion erfüllen. Doch die Kehrseite von Macht ist der Machtmissbrauch: Kampagnenartig werden vermeintliche oder tatsächliche Missetäter der politischen Klasse an den Pranger gestellt, oftmals ohne dass rechtsstaatliche Prinzipien wie die Unschuldsvermutung für das Medientribunal gelten würden. Und Medien stellen mitunter nicht nur Debatten dar, sondern auch her. Im PR-Jargon spricht man von "Agenda-Setting", davon, der Politik Aufgaben auf die To-do-Liste zu schreiben, deren Vordringlichkeit allein in der konzertierten Medienpräsenz zu liegen scheint, während andere höchst relevante gesellschaftliche Themen medial unaufbereitet und politisch unbearbeitet bleiben. Kritiker verweisen in diesem Zusammenhang auf die Differenz von öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung und die Gefahr einer "Schweigespirale" (Elisabeth Noelle-Neumann). Diese bezeichnet das Phänomen, dass Menschen aus Gründen der Opportunität nicht wagen, ihre Meinung zu äußern, sofern diese der Medienmeinung widerspricht. So kann es geschehen, dass eine medial vermittelte Minderheitsposition mehr Gewicht und scheinbare Akzeptanz erhält als die Mehrheitsansicht. In diesem Fall ist die veröffentlichte Meinung keine Darstellung der öffentlichen Meinung, sondern modelliert diese.

Über die Ambivalenz von Macht und Machtmissbrauch hinaus gibt es jedoch auch noch eine grundsätzlichere bildungstheoretische Problematik, auf die schon Friedrich Nietzsche in den Basler Vorträgen hinwies: "In der Journalistik nämlich fließen die beiden Richtungen zusammen: Erweiterung und Verminderung der Bildung reichen sich hier die Hand; das Journal tritt geradezu an die Stelle der Bildung, und wer, auch als Gelehrter, jetzt noch Bildungsansprüche macht, pflegt sich an jene klebrige Vermittlungsschicht anzulehnen, die zwischen allen Lebensformen, allen Ständen, allen Künsten, allen Wissenschaften die Fugen verkittet und die so fest und zuverlässig ist wie eben Journalpapier zu sein pflegt."[1]

Nietzsche machte damit auf das Phänomen aufmerksam, dass die Möglichkeit einer Ausweitung der (politischen) Bildung via Massenmedien um den Preis einer Reduzierung von Bildungsansprüchen auf ein medial verdauliches Niveau erkauft wird. Insofern kann der gesellschaftliche Zusammenhalt mögliche Zerreißproben kaum bestehen, wenn er bloß die Festigkeit von Zeitungspapier aufweist, statt auf tatsächlicher Bildung der Menschen zu beruhen. Zu den ungeschriebenen Gesetzen der Medien, seien es Presse, Rundfunk, Fernsehen oder multimediale Internetangebote, gehören komplexitätsreduzierende Darstellungsmuster und das Hinzufügen von "informationellen Geschmacksverstärkern": Schon Zeit und Raum der Darstellung sind durch Produktionskosten und die tatsächlich oder unterstelltermaßen begrenzte Auffassungsgabe der Mediennutzer limitiert. Differenzierte und komplexe Sachverhalte müssen dementsprechend einerseits verknappt und vereinfacht, andererseits dramatisiert, emotionalisiert und personalisiert werden, damit sie die Wahrnehmungsschwellen der reizüberfluteten Bürgerinnen und Bürger überqueren können. In diesem Beitrag möchte ich eine der narrativen Schablonen der medialen Kommunikation darstellen und in ihrer politischen Brisanz prüfen: die Monsterifikation.

Zur Anthropologie des Monsters

Monster erscheinen im Kontext diverser wissenschaftlicher Disziplinen als erkenntnisträchtiger Forschungsgegenstand. In diesem Artikel wird die Frage nach dem Monster zunächst im Rahmen einer pädagogischen Anthropologie aufgeworfen: Was erfahren wir am Monster über den Sinn des Mensch-Seins, und inwieweit stiftet oder erschüttert die Konfrontation mit dem Monströsen die Bildung unserer kulturellen oder personalen Identität?

Auffällig ist in anthropologischer Sicht zunächst die Beobachtung, dass Menschen scheinbar von jeher und allenthalben von Monstern gleichermaßen fasziniert beziehungsweise verängstigt sind. Schon lange vor der Kommerzialisierung, Globalisierung und Pornografisierung des Monsters in Videospielen und Hollywood-Blockbustern finden sich Monsterfiguren in Mythen und Legenden der mündlichen wie in der frühen schriftlichen oder grafischen Tradition, seien es der Himmelsstier des Gilgamesch-Epos, Grendel aus der Beowulf-Erzählung, der Drache der Nibelungen-Saga, die Ungeheuer der griechischen Mythologie oder Dämonen der christlichen Zeugnisse. Höhlenmalerei, kultische Masken und Artefakte zeigen uns die Präsenz des Monsters in vielen Kulturen. Und bis heute gibt es noch Ausläufer des Volksglaubens in regionaler Prägung, etwa in den Legenden von Wiedergängern, Nachzehrern und Aufhockern.[2]

Bei aller Konstanz ist aber zugleich auch die Varianz hervorzuheben. So unterscheiden sich Zeiten und Kulturen erheblich darin, was als monströs erachtet wird und nach welchen Prinzipien das Monster als Monster ausgewiesen wird. Im ersten europäischen Schulbuch, dem "orbis sensualium pictus"[3] des böhmischen Gelehrten Johann Amos Comenius, beispielsweise werden unter der Rubrik "Deformes et Monstrosi" – "Ungestalte und Mißgeburten" – Menschen mit Behinderungen gezeigt, etwa "der ungeheure Rieß" und "der winzige Zwerg".[4]

Es hieße also der Vielfalt und Vielgestalt der Phänomene Gewalt anzutun, würde man einen einzigen monolithischen Begriff des Monströsen veranschlagen. Vorbehaltlich dessen sollen hier insbesondere zwei Aspekte zur grundlegenden Deutung des Monsters hervorgehoben werden, nicht zuletzt weil sie für die mediale Inszenierung von vermeintlichen Monstern fruchtbar zu machen sind: die anthropologische Dimension des Ungeheuren und der zeichenhafte Sinn des Monsters.

Systematische Aspekte sollen dabei an einer etymologischen Betrachtung gewonnen werden. Wortgeschichtlich ist das Ungeheuer dem Geheueren gegenübergestellt, dem geschützten Bereich, in dem ich mein Lager aufschlage, den ich kontrolliere und nach Maßgabe meiner Zwecke funktional und sinnstiftend gestalte. In diesem Wort ist eine alte Erfahrung bewahrt, die in den Zeiten beinah ubiquitärer Zivilisation ebenso verdeckt wie uneingeschränkt gültig ist: Zur conditio humana gehört das Ausgesetzt-Sein in einer letztlich unverfügbaren Natur. Dem frühen Menschen begegnete diese Natur noch markant als Wildnis, als bedrohliches und widerständiges Gegenüber, gegen dessen Eigenstrebungen durch Kulturtaten ein Menschenort abgerungen und verteidigt werden musste. Jede Beheimatung aber ist getragen vom dunklen Wissen um die Fremde, das Geheuere ist umgrenzt vom Ungeheuren. Auch und gerade in Zeiten der scheinbar gezähmten und in Reservate von unseren Gnaden zurückgedrängten Natur zeigt sich an, dass unsere fortschrittliche Zivilisation den Unverfügbarkeitscharakter der Natur nicht endgültig zu bannen vermag.

Der territorialen Gliederung entspricht auch eine intellektuelle Ordnung, die etwa gut und böse, wahr und falsch, schön und hässlich, heilig und profan unterscheidet. Der weltoffene Mensch bedarf dieser Klassifikationen, insofern er den einströmenden Eindrücken sonst schutzlos ausgeliefert wäre und keine Orientierung für ein "rechtes" Leben fände. Ähnlich wie physische Ungeheuer, die in den Bereich des Geheueren vordringen und die Umhegungen einreißen, erscheinen Erschütterungen der intellektuell-kulturellen Sinnbezirke durch Quer-Denker und Quer-Täter, aber auch durch politische Revolutionen, Kolonialisierung, Imperialismus, religiöse Missionierung oder Paradigmenwechsel in den Wissenschaften. Die naheliegende Zuweisung, dass die jeweils bestehende Ordnung gut und das Einbrechen des Ungeheuren per se zerstörerisch sei, muss allerdings differenziert werden: Neben der Bedrohlichkeit blitzt auch immer die Faszination des "Es könnte auch anders sein!" auf, ein Spielraum von Freiheit im Risiko. Diese Öffnung deutet auf den Wortsinn von "Monster" (lat. monstrare – zeigen) als "Zeichen" oder gar "Mahnzeichen" hin. Das Monster fungiert als eine Anzeige, als ein Seismograf kultureller Befindlichkeiten. Es verweist auf das kulturell, moralisch, politisch oder theoretisch Ausgeklammerte und befragt zugleich die vorgenommenen Rahmungen. Dabei geht es nicht nur um die Grenzkonflikte zwischen normal und unnormal oder gesund und krank, sondern um die Frage nach dem jeweiligen Sinn dieser Unterscheidungen. In Künstlern, Philosophen, Forschern und Religionsstiftern manifestieren sich bisweilen die An-Zeichen des Monströsen, aus denen aber nicht zwangsläufig Zerstörung, sondern auch Stiftung von neuer Orientierung erwachsen kann; oder sie werden zu Projektionsflächen von Ordnungen, die ihre Stabilität gerade aus der Dämonisierung von Abweichlingen zu beziehen versuchen. Diktatoren "rechtfertigen" beispielsweise ihre Terrorherrschaft mit der vermeintlichen Zersetzung im Inneren oder mit der Bedrohung von Außen. Es wird zu fragen sein, welche Rolle die "Monsterifikation", also das Jemanden-zum-Monster-Machen, in offenen Gesellschaften spielen kann.

Bisher wurde ein systematischer Begriff des Monsters verwendet, der sich vor allem aus der Spannung von Ordnung und Abweichung speiste. Offen blieb bislang die Frage nach der Herkunft der Ordnungen, nach dem Ordnungsprinzip. Dies führt zu einer erweiterten historischen Betrachtung des systematischen Konzeptes: In mythischen Zeitaltern galten Ordnungen als gottgegeben, Monster als Ausdruck von diabolischen Gegenkräften oder Störungen darin. Spätestens mit der Aufklärung betrachtet sich der europäische Mensch nicht mehr als Objekt einer vorgegebenen Ordnung, in die er sich einzufügen hat, sondern als Subjekt, also Schöpfer und Gestalter von Ordnungen. Damit ist allerdings auch die Verantwortung gewachsen: Stand vorher nur auf dem Spiel, ob der Mensch den Ordnungen entspricht, muss er nun selbst aussprechen, worin denn das Wahre, Gute und Schöne bestehen solle. Doch woran kann er sich orientieren, damit diese Ordnungen nicht selbst zu Monstern werden? Die späte Moderne im Zeichen nihilistischer Strömungen stand genau vor dieser Frage und brachte auch einen neuen Typus des Unmenschen hervor: Die Monströsität des Normalen, das Böse, das sich gerade nicht im Bruch, sondern im Erfüllen von bestehenden Ordnungen vollzieht. Günther Anders erklärte Adolf Eichmann, den Bürokraten des Holocaust, zum exemplarischen Menschen einer Epoche, in der im Prinzip jeder allein durch sein normales Leben zum Mittäter an globalem Unrecht zu werden droht.[5] Es ist die Ordnung eines technisierten Daseins, in der die Welt zur Maschine und der Mensch zum Funktionär gemacht werden, in der wir alle durch den alltäglichen Vollzug unserer Verrichtungen schuldlos schuldig werden, ohne dass wir überhaupt davon Notiz zu nehmen brauchen. Die Effekte unseres Tuns sind räumlich und zeitlich von diesem getrennt. Soziale Verwerfungen, Kinderarbeit, Armut, Kriege um Ressourcen, ökologische Katastrophen, Ausbeutung und vieles andere mehr hängen mit unserem Verhalten als Bürgerinnen und Bürger, Konsumentinnen und Konsumenten unmittelbar zusammen. Auch wenn die Dinge, mit denen wir uns umgeben, dies komplizenhaft verschweigen, entstammen sie doch oft äußerst problematischen Verhältnissen.

Unter diesen Bedingungen ist schwer auszumachen, wer das Monster ist und wie man es stellen könnte. Vielleicht begegne ich ihm beim Blick in den Spiegel.

Fußnoten

1.
Friedrich Nietzsche, Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Vortrag I, in: Kritische Studienausgabe Band I, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin 19992, S. 671.
2.
Wiedergänger sind Verstorbene, die wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren; Nachzehrer sind ebenfalls Untote, verbleiben aber in ihren Gräbern und saugen von dort aus den Lebenden die Lebenskraft aus; Aufhocker sind Kobolde, die des Nachts einem Wanderer auf den Rücken springen und ihm die Schritte schwer machen – so erzählt es der Volksglaube.
3.
Vgl. Johann Amos Comenius, Orbis sensualium pictus, Dortmund 19914 (1653).
4.
Vgl. ebd., S. 90f.
5.
Vgl. Günther Anders, Wir Eichmannsöhne, München 20023, S. 55ff.
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Autor: Matthias Burchardt für bpb.de
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