Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.
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Landnahme: Unternehmen in transnationalen Wertschöpfungsketten


19.12.2013
Die Globalisierungsdebatte der 1990er Jahre kreiste häufig um die These eines orts- und bindungslosen Unternehmens, das jede seiner Funktionen am weltweit optimalen Standort platzieren konnte. Der grenzüberschreitenden Mobilität international operierender Konzerne hatten weder Nationalstaaten noch Gewerkschaften und Interessenvertretungen etwas entgegenzusetzen.[1] Differenziertere Analysen zeigten, dass das global präsente Unternehmen eher Fiktion denn empirische Realität war. Selbst fokale, an der Spitze transnationaler Produktionsnetzwerke angesiedelte Unternehmen blieben in Aushandlungsbeziehungen mit Banken, institutionellen Anlegern, Zulieferern, Politiknetzwerken, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, Handelsketten und Interessenorganisation der Lohnabhängigen eingebettet, deren Gravitationszentrum der Hauptsitz des jeweiligen Unternehmens war. Ein zentrales Problem von Schlüsselunternehmen bestand darin, die Komplexität dieser Aushandlungsbeziehungen zu managen. Bei der Wahl eines Kontrollkonzepts spielten die Abhängigkeiten an der Heimatbasis eine entscheidende Rolle. War ein Kontrollkonzept erst einmal gewählt, so konnte es variiert und modifiziert werden. Ein kompletter Austausch galt jedoch als unwahrscheinlich, weil enorme sunk costs, also verborgene Kosten, drohten.

Abhängigkeiten von der heimischen Basis und damit korrespondierende Kontrollstrategien mündeten in besondere Internationalisierungspfade. Globalisation im Sinne einer weltweiten Arbeitsteilung mit räumlich weit gestreuten Aktivitäten war Mitte der 1990er Jahre eine Strategie mikrofordistisch regulierter Unternehmen, denen die Flucht aus und die Rückkehr in die heimische Operationsbasis wegen schwacher in- und ausländischer Aushandlungspartner relativ leicht fiel. Dieser Pfad war mit Niedriglohnoperationen, unternehmensweit standardisierten Vorgaben und direkter Kontrolle in vertikal integrierten Strukturen kompatibel. Schlüsselunternehmen mit toyotistischen Kontrollkonzepten waren hingegen bemüht, die Bindungen an die heimische Operationsbasis trotz grenzüberschreitenden Aktivitäten so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Ihre Internationalisierung vollzog sich zunächst über Exportstrategien; es folgte der Aufbau verlängerter Werkbänke. Erst wenn keine andere Wahl blieb, fiel die Entscheidung zugunsten von Glokalisation, das heißt für Strategien der Inter-Unternehmensarbeitsteilung in Triade-Ländern, für vertikale Desintegration von Funktionen und strukturelle Kontrolle über lokale Händler, Zulieferer, Arbeiter und politische Instanzen.

Das Gros der in Deutschland und Europa ansässigen Konzerne ließ sich weder dem einen, noch dem anderen Internationalisierungspfad zuordnen. Für diese makrofordistisch regulierten Schlüsselunternehmen waren Multi-domestic-Strategien oder Varianten regionaler Arbeitsteilung der bevorzugte Internationalisierungspfad. In beiden Fällen sahen sich die Schlüsselunternehmen mit relativ starken ausländischen Aushandlungspartnern konfrontiert. Deshalb waren makrofordistisch kontrollierte Firmen wichtige Akteure bei der Herausbildung regionaler Handelsblöcke. Internationalisierung bedeutete für diese Unternehmen in den 1990er Jahren primär Europäisierung. In der Konkurrenz rivalisierender Internationalisierungsstrategien hatte sich in diesen Jahren gerade jener Glokalisationspfad als zeitweilig überlegen erwiesen, welcher kohärenten Beziehungen zur heimischen Operationsbasis die höchste Priorität einräumte, für den extensive Standort- und Unterbietungskonkurrenzen eher die Ausnahme waren, der Internationalisierung mit einer konsequenten Dezentralisierung der Unternehmensorganisation verband und der dadurch eine hohe Anpassungsfähigkeit an lokale Sonderbedingungen erreichte.[2]

Transnationale Wertschöpfungsketten



Obwohl der Glokalisationspfad auch wegen geopolitischer Veränderungen, insbesondere dem Aufstieg der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und vor allem China), an Attraktivität und Einfluss verlor, scheint sich auf den ersten Blick an der Pfadabhängigkeit von Internationalisierungsstrategien wenig geändert zu haben. Westeuropa ist noch immer eine bevorzugte Region deutscher Direktinvestitionen. Gerade in exportorientierten deutschen Großunternehmen ist die Mitbestimmung stark verankert, Gewerkschaften und Betriebsräte nehmen Einfluss auf die Unternehmensstrategien, und Kernbelegschaften profitieren vom Unternehmenserfolg. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite wird sichtbar, sobald der Blick auf die Praktiken transnationaler Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette gerichtet wird. Transnationale Unternehmen, so die hier vertretene These, betätigen sich als Protagonisten einer wettbewerbsgetriebenen Landnahme, welche die Beziehungen zwischen inneren (auf Äquivalententausch beruhenden) und äußeren (durch außerökonomischen Zwang, Disziplinierung und ungleichen Tausch beruhenden) Märkten auf neue Weise strukturiert.

Innerer und äußerer Markt sind "Begriffe nicht der politischen Geografie, sondern der sozialen Ökonomie".[3] Innere dürfen nicht mit nationalen Märkten und äußere nicht mit internationalen Märkten verwechselt werden. Die Begriffe tragen vielmehr dem Nebeneinander von kommodifizierten kapitalistischen und nicht oder nicht vollständig kommodifizierten Produktionsweisen, Arbeitsformen und sozialen Milieus Rechnung. Dieses Nebeneinander können sich transnationale Konzerne zunutze machen, um in der internationalen Konkurrenz Flexibilisierungsvorteile zu erzielen. Sie betrachten das nicht oder noch nicht vollständig kommodifizierte Arbeitskräftepotenzial etwa der aufstrebenden Schwellenländer als ein Außen, das es auf optimale Weise in die grenzüberschreitenden Produktionsnetzwerke und Wertschöpfungsketten zu integrieren gilt. Entsprechende Aktivitäten erzeugen eine neue Hierarchie von Produktionsweisen und Arbeitsverhältnissen, die sich mit Pfadabhängigkeitsthesen nicht mehr zureichend erklären lassen. Diese Veränderungen geraten jedoch erst in den Blick, wenn grenzüberschreitende Produktionsnetzwerke an unterschiedlichen Standorten betrachtet werden.[4] Prägnanter als die "Kette" erlaubt es der Netzwerkbegriff, der Koexistenz unterschiedlicher "Knoten" und dem Nebeneinander divergenter Produktionsweisen, Beschäftigungsformen und Regulierungen Rechnung zu tragen. Mit beiden Begriffen lassen sich Praktiken erfassen, wie sie inzwischen auch in ehemals makroökonomisch regulierten Konzernen mit etablierter Mitbestimmung und starken Gewerkschaften üblich geworden sind. Die gleichen Unternehmen, die, wie etwa die in Deutschland ansässigen Automobilhersteller, ihre heimischen Stammbelegschaften auf relativ hohem Niveau absichern, sind in der Lage, sich gleichzeitig äußerst flexibel auf völlig anders strukturierte Arbeitsmärkte semiperipherer Länder einzustellen.


Fußnoten

1.
Vgl. Robert B. Reich, Die neue Weltwirtschaft, Frankfurt/M. 1993.
2.
Vgl. Winfried Ruigrok/Rob van Tulder, The Logic of International Restructuring, London 1975.
3.
Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, in: Gesammelte Werke, Bd. 5, Berlin 1975, S. 315.
4.
Vgl. Jennifer Blair, Frontiers of Commodity Chain Research, Stanford 2009; Neil M. Coe/Peter Dicken/Martin Hess, Global Production Networks: Realizing the Potential, in: Journal of Economic Geography, (2008) 8, S. 271–295.
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Autor: Klaus Dörre für bpb.de
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