Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
Klaus Dörre

Landnahme: Unternehmen in transnationalen Wertschöpfungsketten

Finanzialisierte Unternehmenssteuerung

Weit davon entfernt, den Anspruch einer systematischen Analyse transnationaler Produktionsnetzwerke einlösen zu können, werden nachfolgend auf der Basis eigener empirischer Recherchen im Wertschöpfungssystem Automobil einige Entwicklungstendenzen vorgestellt, die auf einen tiefgreifenden Umbruch in der internationalen Wertschöpfung grenzüberschreitend agierender Unternehmen hindeuten. Zunächst müssen einige Treiber in den Blick genommen werden, welche die Suche nach Flexibilisierungsvorteilen zu einer der wichtigsten Wettbewerbsressourcen werden lassen. Reicht der Ursprung unternehmerischer Flexibilisierungsstrategien bis in die 1980er Jahre zurück, so haben diese Strategien mit dem Übergang zu wertorientierten Steuerungsformen doch einen qualitativen Wandel erfahren. Das betrifft zunächst die Eigentümerstruktur. Noch immer ist über die Kontrollpraktiken transnationaler Konzerne wenig bekannt. Immerhin hat eine neuere empirische Netzwerkanalyse 43000 international agierende Konzerne identifiziert, die über formale Beteiligungen potenziell Kontrollmacht ausüben. Innerhalb dieser Gruppe kontrollieren 1318 Firmen im Durchschnitt etwa 20 andere Unternehmen und damit etwa vier Fünftel des globalen Umsatzes. Von diesen Unternehmen mit überdurchschnittlicher Kontrollmacht gehören wiederum nur 147, also weniger als 0,5 Prozent der international agierenden Konzerne, einer "Supereinheit" an, die etwa 40 Prozent der globalen Unternehmensnetzwerke kontrolliert. Zu den 50 einflussreichsten Unternehmen gehören, wenig überraschend, nahezu ausschließlich Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen. Insgesamt können drei Viertel der Firmen aus der "Supereinheit" der 147 dem Finanzsektor zugerechnet werden; die Deutsche Bank liegt in diesem Feld (Stand: 2007) auf Platz zwölf.[5]

Diese Art der Verflechtung sagt noch nichts über eine reale Einflussnahme von Finanzinvestoren auf Unternehmensstrategien aus, deutet jedoch auf eine tiefgreifende Veränderung der Eigentumsverhältnisse hin.

Das gilt auch für Deutschland. Das alte Netz der "Deutschland AG", in der sich Kreditinstitute und marktführende Unternehmen industriepolitisch gegenseitig stützten, ist offenbar irreversibel aufgebrochen. Im Unterschied zu den 1990er Jahren ist Deutschland inzwischen zu einem bevorzugten Markt für ausländische Direktinvestitionen geworden. Allein zwischen 2008 und 2012 ist die Zahl der Projekte ausländischer Investoren von 390 auf 624 gestiegen.[6] Die deutschen Direktinvestitionen im Ausland haben seit 1990, von einem Einbruch zur Jahrtausendwende abgesehen, kontinuierlich zugenommen, gleiches gilt für Jahresumsatz und Auslandsbeschäftigung.[7] Die Zuflüsse an ausländischen Direktinvestitionen bleiben quantitativ noch dahinter zurück, doch auch hier gibt es, nicht zuletzt im verarbeitenden Gewerbe, nach einer Delle in den Jahren nach der Jahrtausendwende einen kontinuierlichen Zuwachs.

Diese Entwicklung schlägt sich auch in veränderten Besitzverhältnissen nieder. Lag der Anteil ausländischer Investoren am Aktienbestand von 24 DAX-Unternehmen 2005 noch bei etwa 45 Prozent, so hatte er sich 2012 bereits auf etwa 57 Prozent erhöht. Die veränderten Eigentümerstrukturen haben das alte Netzwerk der "Deutschland AG" sukzessive durch neue, transnationale Kontrollnetzwerke ersetzt, in denen Finanzmarktakteure auch dann eine größere Rolle spielen, wenn deren Anteile an den Unternehmen relativ gering bleiben, weil sich Investoren so aufwendiger Kontrollpraktiken entziehen können. Der Vormarsch wertorientierter Steuerungsformen, häufig mit dem Begriff der Shareholder-Value-Steuerung thematisiert, ist ein weiteres Instrument der unternehmensinternen Finanzialisierung. Dieses Paradigma unterstellt, dass eine strikte Ausrichtung der Managementpraktiken an Eigentümerinteressen und Unternehmenswert die effizienteste aller möglichen Kontrollstrategien darstellt. In der Realität stellt sich etwas anderes ein: Da Eigentümer, Analysten und Ratingagenturen in der Regel nicht über Insiderwissen verfügen, nimmt die Autonomie des strategiefähigen Managements eher zu. Das Top-Management der von uns untersuchten Unternehmen nutzt wertorientierte Steuerungsformen, um die interne und externe Flexibilisierung in transnationalen Wertschöpfungsketten in mehrfacher Hinsicht zu dynamisieren.

Die Unberechenbarkeit volatiler Märkte wird zu einem zentralen Element der strategischen Planungen transnationaler Unternehmen. Es geht darum, auf Marktschwankungen nicht nur zu reagieren, sondern diese bei Investitionen, Produktionsvolumen, aber auch bei Beschäftigung und Arbeitsbedingungen soweit wie eben möglich zu antizipieren. Die Unberechenbarkeit der Märkte wird gewissermaßen zum Planungsgegenstand, die "Spekulation auf die Zukunft"[8] zum Maßstab für die Flexibilität von Produktionssystemen und Beschäftigung. Das korrespondiert mit der Einführung einer straffen Profitsteuerung. Gewinnziele werden aus der Spitze des Unternehmens auf Betriebe und dezentrale Einheiten herunter gebrochen – mit dem Effekt, dass diese Einheiten aus der Sicht des Finanzcontrollings selbst dann ins Minus geraten können, wenn sie Gewinne machen, aber das Planziel unterbieten. Die Instrumente zur Durchsetzung der straffen Profitsteuerung unterscheiden sich von Unternehmen zu Unternehmen. Genutzt wird die Eigenkapitalrendite (Geschäftswertbeitrag) oder der operative Gewinn vor Steuern (EBIT). Stets geht es jedoch darum, dem Unternehmen eine Mindestrendite zu sichern. Wenig rentable Bereiche werden restrukturiert oder ihre Funktionen ausgelagert. Dies ist ein wichtiger Treiber der Herausbildung auch grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten und Produktionsnetzwerke.

Das Ziel, Gewinnmargen in volatilen Märkten möglichst stabil zu halten, wird über bekannte Instrumente verfolgt, die im wertorientierten Steuerungsmodus jedoch eine neue Bedeutung erhalten. So orientiert sich die Personalplanung an der "mittleren Linie" einer durchschnittlichen Auslastung. Absatzschwankungen nach oben und unten sollen durch flexibles Personal abgefedert werden. Aus dieser Perspektive wird die Festanstellung zu einer Finanzinvestition, die Kapital für Jahrzehnte bindet. Solche Investitionen sollen in unsicheren Märkten möglichst risikolos getätigt werden. Headcounts (Planungsvorgaben für Beschäftigungsäquivalente) und die strikte Budgetierung von Aktivitäten sind der zentrale Hebel, um solche Investitionen zu begrenzen. Kommt das dezentrale Management mit den zugebilligten Vollzeitäquivalenten nicht aus, so bleibt nur die Wahl, die Produktionsaufgabe mittels Fremdvergabe, Leiharbeit oder anderen Formen externer flexibler Beschäftigung zu bewältigen, die sich – wie die Leiharbeit – teilweise als Sachkosten verbuchen lassen.

Dies bewirkt zunächst im Inland eine dauerhafte Aufspaltung der Belegschaften. Zu den Festangestellten gesellen sich Leiharbeiter, die beim gleichen Unternehmen eingestellt sind. Neben ihnen arbeiten die unbefristeten De-facto-Leiharbeiter von Subunternehmen, deren Leistungen qua Werkvertrag eingekauft werden, und diese wiederum unterscheiden sich von befristet eingestellten Leiharbeitern der gleichen Werkvertrags-Unternehmen. Auf diese Weise entsteht eine eigentümliche Stabilität instabiler Beschäftigung. Um die Stammbelegschaften der Endhersteller gruppieren sich, konzentrischen Kreisen gleich, unterschiedlich prekäre Beschäftigungsformen, deren Löhne sowie Sicherheits- und Arbeitsqualitätsstandards mit wachsender Entfernung von den Kernbelegschaften sinken.[9]

Fußnoten

5.
Vgl. Stefania Vitali/James B. Glattfelder/Stefano Battiston, The network of global corporate control, 19.9.2011, S. 33, http://arxiv.org/pdf/1107.5728.pdf« (17.12.2013).
6.
Vgl. Ernst & Young, Standort Deutschland 2013, Berlin 2013.
7.
Vgl. hierzu die Daten der Deutschen Bundesbank für den Zeitraum zwischen 1990 und 2012, http://www.bundesbank.de« (17.12.2013).
8.
Vgl. Hajo Holst, Die Konjunktur der Flexibilität, in: Klaus Dörre/Dieter Sauer/Volker Wittke (Hrsg.), Kapitalismustheorie und Arbeit, Frankfurt/M. 2012, S. 222–242.
9.
Vgl. Klaus Dörre, Krise des Shareholder Value?, in: Klaus Kraemer/Sebastian Nessel (Hrsg.), Entfesselte Finanzmärkte, Frankfurt/M. 2012, S. 121–143.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Klaus Dörre für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.