Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.
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19.12.2013 | Von:
Klaus Dörre

Landnahme: Unternehmen in transnationalen Wertschöpfungsketten

Die Globalisierungsdebatte der 1990er Jahre kreiste häufig um die These eines orts- und bindungslosen Unternehmens, das jede seiner Funktionen am weltweit optimalen Standort platzieren konnte. Der grenzüberschreitenden Mobilität international operierender Konzerne hatten weder Nationalstaaten noch Gewerkschaften und Interessenvertretungen etwas entgegenzusetzen.[1] Differenziertere Analysen zeigten, dass das global präsente Unternehmen eher Fiktion denn empirische Realität war. Selbst fokale, an der Spitze transnationaler Produktionsnetzwerke angesiedelte Unternehmen blieben in Aushandlungsbeziehungen mit Banken, institutionellen Anlegern, Zulieferern, Politiknetzwerken, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, Handelsketten und Interessenorganisation der Lohnabhängigen eingebettet, deren Gravitationszentrum der Hauptsitz des jeweiligen Unternehmens war. Ein zentrales Problem von Schlüsselunternehmen bestand darin, die Komplexität dieser Aushandlungsbeziehungen zu managen. Bei der Wahl eines Kontrollkonzepts spielten die Abhängigkeiten an der Heimatbasis eine entscheidende Rolle. War ein Kontrollkonzept erst einmal gewählt, so konnte es variiert und modifiziert werden. Ein kompletter Austausch galt jedoch als unwahrscheinlich, weil enorme sunk costs, also verborgene Kosten, drohten.

Abhängigkeiten von der heimischen Basis und damit korrespondierende Kontrollstrategien mündeten in besondere Internationalisierungspfade. Globalisation im Sinne einer weltweiten Arbeitsteilung mit räumlich weit gestreuten Aktivitäten war Mitte der 1990er Jahre eine Strategie mikrofordistisch regulierter Unternehmen, denen die Flucht aus und die Rückkehr in die heimische Operationsbasis wegen schwacher in- und ausländischer Aushandlungspartner relativ leicht fiel. Dieser Pfad war mit Niedriglohnoperationen, unternehmensweit standardisierten Vorgaben und direkter Kontrolle in vertikal integrierten Strukturen kompatibel. Schlüsselunternehmen mit toyotistischen Kontrollkonzepten waren hingegen bemüht, die Bindungen an die heimische Operationsbasis trotz grenzüberschreitenden Aktivitäten so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Ihre Internationalisierung vollzog sich zunächst über Exportstrategien; es folgte der Aufbau verlängerter Werkbänke. Erst wenn keine andere Wahl blieb, fiel die Entscheidung zugunsten von Glokalisation, das heißt für Strategien der Inter-Unternehmensarbeitsteilung in Triade-Ländern, für vertikale Desintegration von Funktionen und strukturelle Kontrolle über lokale Händler, Zulieferer, Arbeiter und politische Instanzen.

Das Gros der in Deutschland und Europa ansässigen Konzerne ließ sich weder dem einen, noch dem anderen Internationalisierungspfad zuordnen. Für diese makrofordistisch regulierten Schlüsselunternehmen waren Multi-domestic-Strategien oder Varianten regionaler Arbeitsteilung der bevorzugte Internationalisierungspfad. In beiden Fällen sahen sich die Schlüsselunternehmen mit relativ starken ausländischen Aushandlungspartnern konfrontiert. Deshalb waren makrofordistisch kontrollierte Firmen wichtige Akteure bei der Herausbildung regionaler Handelsblöcke. Internationalisierung bedeutete für diese Unternehmen in den 1990er Jahren primär Europäisierung. In der Konkurrenz rivalisierender Internationalisierungsstrategien hatte sich in diesen Jahren gerade jener Glokalisationspfad als zeitweilig überlegen erwiesen, welcher kohärenten Beziehungen zur heimischen Operationsbasis die höchste Priorität einräumte, für den extensive Standort- und Unterbietungskonkurrenzen eher die Ausnahme waren, der Internationalisierung mit einer konsequenten Dezentralisierung der Unternehmensorganisation verband und der dadurch eine hohe Anpassungsfähigkeit an lokale Sonderbedingungen erreichte.[2]

Transnationale Wertschöpfungsketten

Obwohl der Glokalisationspfad auch wegen geopolitischer Veränderungen, insbesondere dem Aufstieg der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und vor allem China), an Attraktivität und Einfluss verlor, scheint sich auf den ersten Blick an der Pfadabhängigkeit von Internationalisierungsstrategien wenig geändert zu haben. Westeuropa ist noch immer eine bevorzugte Region deutscher Direktinvestitionen. Gerade in exportorientierten deutschen Großunternehmen ist die Mitbestimmung stark verankert, Gewerkschaften und Betriebsräte nehmen Einfluss auf die Unternehmensstrategien, und Kernbelegschaften profitieren vom Unternehmenserfolg. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite wird sichtbar, sobald der Blick auf die Praktiken transnationaler Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette gerichtet wird. Transnationale Unternehmen, so die hier vertretene These, betätigen sich als Protagonisten einer wettbewerbsgetriebenen Landnahme, welche die Beziehungen zwischen inneren (auf Äquivalententausch beruhenden) und äußeren (durch außerökonomischen Zwang, Disziplinierung und ungleichen Tausch beruhenden) Märkten auf neue Weise strukturiert.

Innerer und äußerer Markt sind "Begriffe nicht der politischen Geografie, sondern der sozialen Ökonomie".[3] Innere dürfen nicht mit nationalen Märkten und äußere nicht mit internationalen Märkten verwechselt werden. Die Begriffe tragen vielmehr dem Nebeneinander von kommodifizierten kapitalistischen und nicht oder nicht vollständig kommodifizierten Produktionsweisen, Arbeitsformen und sozialen Milieus Rechnung. Dieses Nebeneinander können sich transnationale Konzerne zunutze machen, um in der internationalen Konkurrenz Flexibilisierungsvorteile zu erzielen. Sie betrachten das nicht oder noch nicht vollständig kommodifizierte Arbeitskräftepotenzial etwa der aufstrebenden Schwellenländer als ein Außen, das es auf optimale Weise in die grenzüberschreitenden Produktionsnetzwerke und Wertschöpfungsketten zu integrieren gilt. Entsprechende Aktivitäten erzeugen eine neue Hierarchie von Produktionsweisen und Arbeitsverhältnissen, die sich mit Pfadabhängigkeitsthesen nicht mehr zureichend erklären lassen. Diese Veränderungen geraten jedoch erst in den Blick, wenn grenzüberschreitende Produktionsnetzwerke an unterschiedlichen Standorten betrachtet werden.[4] Prägnanter als die "Kette" erlaubt es der Netzwerkbegriff, der Koexistenz unterschiedlicher "Knoten" und dem Nebeneinander divergenter Produktionsweisen, Beschäftigungsformen und Regulierungen Rechnung zu tragen. Mit beiden Begriffen lassen sich Praktiken erfassen, wie sie inzwischen auch in ehemals makroökonomisch regulierten Konzernen mit etablierter Mitbestimmung und starken Gewerkschaften üblich geworden sind. Die gleichen Unternehmen, die, wie etwa die in Deutschland ansässigen Automobilhersteller, ihre heimischen Stammbelegschaften auf relativ hohem Niveau absichern, sind in der Lage, sich gleichzeitig äußerst flexibel auf völlig anders strukturierte Arbeitsmärkte semiperipherer Länder einzustellen.

Finanzialisierte Unternehmenssteuerung

Weit davon entfernt, den Anspruch einer systematischen Analyse transnationaler Produktionsnetzwerke einlösen zu können, werden nachfolgend auf der Basis eigener empirischer Recherchen im Wertschöpfungssystem Automobil einige Entwicklungstendenzen vorgestellt, die auf einen tiefgreifenden Umbruch in der internationalen Wertschöpfung grenzüberschreitend agierender Unternehmen hindeuten. Zunächst müssen einige Treiber in den Blick genommen werden, welche die Suche nach Flexibilisierungsvorteilen zu einer der wichtigsten Wettbewerbsressourcen werden lassen. Reicht der Ursprung unternehmerischer Flexibilisierungsstrategien bis in die 1980er Jahre zurück, so haben diese Strategien mit dem Übergang zu wertorientierten Steuerungsformen doch einen qualitativen Wandel erfahren. Das betrifft zunächst die Eigentümerstruktur. Noch immer ist über die Kontrollpraktiken transnationaler Konzerne wenig bekannt. Immerhin hat eine neuere empirische Netzwerkanalyse 43000 international agierende Konzerne identifiziert, die über formale Beteiligungen potenziell Kontrollmacht ausüben. Innerhalb dieser Gruppe kontrollieren 1318 Firmen im Durchschnitt etwa 20 andere Unternehmen und damit etwa vier Fünftel des globalen Umsatzes. Von diesen Unternehmen mit überdurchschnittlicher Kontrollmacht gehören wiederum nur 147, also weniger als 0,5 Prozent der international agierenden Konzerne, einer "Supereinheit" an, die etwa 40 Prozent der globalen Unternehmensnetzwerke kontrolliert. Zu den 50 einflussreichsten Unternehmen gehören, wenig überraschend, nahezu ausschließlich Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen. Insgesamt können drei Viertel der Firmen aus der "Supereinheit" der 147 dem Finanzsektor zugerechnet werden; die Deutsche Bank liegt in diesem Feld (Stand: 2007) auf Platz zwölf.[5]

Diese Art der Verflechtung sagt noch nichts über eine reale Einflussnahme von Finanzinvestoren auf Unternehmensstrategien aus, deutet jedoch auf eine tiefgreifende Veränderung der Eigentumsverhältnisse hin.

Das gilt auch für Deutschland. Das alte Netz der "Deutschland AG", in der sich Kreditinstitute und marktführende Unternehmen industriepolitisch gegenseitig stützten, ist offenbar irreversibel aufgebrochen. Im Unterschied zu den 1990er Jahren ist Deutschland inzwischen zu einem bevorzugten Markt für ausländische Direktinvestitionen geworden. Allein zwischen 2008 und 2012 ist die Zahl der Projekte ausländischer Investoren von 390 auf 624 gestiegen.[6] Die deutschen Direktinvestitionen im Ausland haben seit 1990, von einem Einbruch zur Jahrtausendwende abgesehen, kontinuierlich zugenommen, gleiches gilt für Jahresumsatz und Auslandsbeschäftigung.[7] Die Zuflüsse an ausländischen Direktinvestitionen bleiben quantitativ noch dahinter zurück, doch auch hier gibt es, nicht zuletzt im verarbeitenden Gewerbe, nach einer Delle in den Jahren nach der Jahrtausendwende einen kontinuierlichen Zuwachs.

Diese Entwicklung schlägt sich auch in veränderten Besitzverhältnissen nieder. Lag der Anteil ausländischer Investoren am Aktienbestand von 24 DAX-Unternehmen 2005 noch bei etwa 45 Prozent, so hatte er sich 2012 bereits auf etwa 57 Prozent erhöht. Die veränderten Eigentümerstrukturen haben das alte Netzwerk der "Deutschland AG" sukzessive durch neue, transnationale Kontrollnetzwerke ersetzt, in denen Finanzmarktakteure auch dann eine größere Rolle spielen, wenn deren Anteile an den Unternehmen relativ gering bleiben, weil sich Investoren so aufwendiger Kontrollpraktiken entziehen können. Der Vormarsch wertorientierter Steuerungsformen, häufig mit dem Begriff der Shareholder-Value-Steuerung thematisiert, ist ein weiteres Instrument der unternehmensinternen Finanzialisierung. Dieses Paradigma unterstellt, dass eine strikte Ausrichtung der Managementpraktiken an Eigentümerinteressen und Unternehmenswert die effizienteste aller möglichen Kontrollstrategien darstellt. In der Realität stellt sich etwas anderes ein: Da Eigentümer, Analysten und Ratingagenturen in der Regel nicht über Insiderwissen verfügen, nimmt die Autonomie des strategiefähigen Managements eher zu. Das Top-Management der von uns untersuchten Unternehmen nutzt wertorientierte Steuerungsformen, um die interne und externe Flexibilisierung in transnationalen Wertschöpfungsketten in mehrfacher Hinsicht zu dynamisieren.

Die Unberechenbarkeit volatiler Märkte wird zu einem zentralen Element der strategischen Planungen transnationaler Unternehmen. Es geht darum, auf Marktschwankungen nicht nur zu reagieren, sondern diese bei Investitionen, Produktionsvolumen, aber auch bei Beschäftigung und Arbeitsbedingungen soweit wie eben möglich zu antizipieren. Die Unberechenbarkeit der Märkte wird gewissermaßen zum Planungsgegenstand, die "Spekulation auf die Zukunft"[8] zum Maßstab für die Flexibilität von Produktionssystemen und Beschäftigung. Das korrespondiert mit der Einführung einer straffen Profitsteuerung. Gewinnziele werden aus der Spitze des Unternehmens auf Betriebe und dezentrale Einheiten herunter gebrochen – mit dem Effekt, dass diese Einheiten aus der Sicht des Finanzcontrollings selbst dann ins Minus geraten können, wenn sie Gewinne machen, aber das Planziel unterbieten. Die Instrumente zur Durchsetzung der straffen Profitsteuerung unterscheiden sich von Unternehmen zu Unternehmen. Genutzt wird die Eigenkapitalrendite (Geschäftswertbeitrag) oder der operative Gewinn vor Steuern (EBIT). Stets geht es jedoch darum, dem Unternehmen eine Mindestrendite zu sichern. Wenig rentable Bereiche werden restrukturiert oder ihre Funktionen ausgelagert. Dies ist ein wichtiger Treiber der Herausbildung auch grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten und Produktionsnetzwerke.

Das Ziel, Gewinnmargen in volatilen Märkten möglichst stabil zu halten, wird über bekannte Instrumente verfolgt, die im wertorientierten Steuerungsmodus jedoch eine neue Bedeutung erhalten. So orientiert sich die Personalplanung an der "mittleren Linie" einer durchschnittlichen Auslastung. Absatzschwankungen nach oben und unten sollen durch flexibles Personal abgefedert werden. Aus dieser Perspektive wird die Festanstellung zu einer Finanzinvestition, die Kapital für Jahrzehnte bindet. Solche Investitionen sollen in unsicheren Märkten möglichst risikolos getätigt werden. Headcounts (Planungsvorgaben für Beschäftigungsäquivalente) und die strikte Budgetierung von Aktivitäten sind der zentrale Hebel, um solche Investitionen zu begrenzen. Kommt das dezentrale Management mit den zugebilligten Vollzeitäquivalenten nicht aus, so bleibt nur die Wahl, die Produktionsaufgabe mittels Fremdvergabe, Leiharbeit oder anderen Formen externer flexibler Beschäftigung zu bewältigen, die sich – wie die Leiharbeit – teilweise als Sachkosten verbuchen lassen.

Dies bewirkt zunächst im Inland eine dauerhafte Aufspaltung der Belegschaften. Zu den Festangestellten gesellen sich Leiharbeiter, die beim gleichen Unternehmen eingestellt sind. Neben ihnen arbeiten die unbefristeten De-facto-Leiharbeiter von Subunternehmen, deren Leistungen qua Werkvertrag eingekauft werden, und diese wiederum unterscheiden sich von befristet eingestellten Leiharbeitern der gleichen Werkvertrags-Unternehmen. Auf diese Weise entsteht eine eigentümliche Stabilität instabiler Beschäftigung. Um die Stammbelegschaften der Endhersteller gruppieren sich, konzentrischen Kreisen gleich, unterschiedlich prekäre Beschäftigungsformen, deren Löhne sowie Sicherheits- und Arbeitsqualitätsstandards mit wachsender Entfernung von den Kernbelegschaften sinken.[9]

Prekarität und Informalität: Beispiel Córdoba

Entscheidend ist, dass die gleichen Mechanismen offenbar entlang transnationaler Wertschöpfungsketten und Produktionsnetzwerke eingesetzt werden. Die Instrumente finanzialisierter Steuerung ähneln sich: Straffe Profitsteuerung, Headcounts und Budgetierung gibt es nicht nur bei mitbestimmten deutschen Fahrzeugherstellern, sie finden sich auch in den – anders regulierten – Niederlassungen von Endproduzenten im von uns untersuchten Wertschöpfungssystem der argentinischen Region Córdoba. Hier sind sie jedoch mit einem regionalen Arbeitsmarkt verzahnt, der sich vom deutschen gravierend unterscheidet. Stefan Schmalz und sein Forschungsteam haben dies in einer ersten Skizze eindrucksvoll nachgezeichnet.[10] Hier treffen die wert- und wettbewerbsgetriebenen Flexibilisierungsstrategien der ansässigen Automobilproduzenten (VW, Renault, Fiat, IVECO) auf einen regionalen Arbeitsmarkt, der von regelmäßig auftretenden Krisen schwer gebeutelt wurde. Allein Renault hatte die Zahl der Beschäftigten in der Region, zuletzt im Zuge der Finanzkrise 2001, auf 1350 reduziert (1972: 11000). Mit der positiven Konjunktur nach 2003 wurde auf 3000 Beschäftigte aufgestockt. Ungeachtet dessen sind prekär und informell Beschäftigte national wie regional in der Mehrheit. In groben Zügen lässt sich die Beschäftigungshierarchie im regionalen Wertschöpfungssystem Automobil wie folgt beschreiben.

Regulär Beschäftigte der Fahrzeughersteller: Dazu zählen neben den 70 bis 90 Prozent Festangestellten auch befristet Beschäftigte, Leiharbeiter und Arbeitskräfte, die "auf Abruf" geordert werden. In diesem Arbeitsmarktsegment liegen die Löhne durchschnittlich etwas über 1000 Euro. Hier zu arbeiten, kommt für argentinische Arbeiter dennoch dem gleich, was in der Welt des Fußballs einem Engagement beim FC Barcelona bedeuten würde. Und doch besagt eine Festanstellung mit Blick auf die Sicherheitsstandards wenig. Zwar ist es den Gewerkschaften (SMATA, UOM) im gesamten Automobilsektor gelungen, Leiharbeit zurückzudrängen, und flexible Arbeitszeitkonten spielen eine ungleich geringere Rolle als in den in Deutschland ansässigen Betrieben. Dennoch gelingt es den Fahrzeugherstellern über Befristungen, Kurzarbeit, Überstunden und einen lax gehandhabten Kündigungsschutz auch die regulär Beschäftigten äußerst flexibel zu halten.

Beschäftigte des ersten Zulieferer-Segments: Zu diesem Segment gehören höchst unterschiedliche Unternehmen von ausschließlich lokalen Anbietern bis hin zu Ablegern transnationaler Unternehmen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Flexibilitätsdruck und den Qualitätsansprüchen der Endhersteller unterworfen sind. Da die Nachfrage starken Schwankungen unterliegt, setzen sie alles daran, die Beschäftigung flexibel zu halten. Dementsprechend heterogen sind Entlohnung, Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse. Auch in diesem Segment gibt es Monatslöhne bis zu 1000 Euro; teilweise weichen sie aber um ein Drittel von dieser Marke ab. Die Zulieferer weisen einen hohen Anteil an Leiharbeitern auf; Leiharbeit ist zudem ein obligatorisches Durchgangsstadium für Stammbeschäftigte. Der Anteil der Befristungen liegt nicht selten bei 20 bis 30 Prozent der Beschäftigten. Häufig entspricht die Bezahlung dem Niveau von Ungelernten, und die Hoffnungen zumindest der befragten Arbeiter sind darauf gerichtet, eines Tages den Sprung in die Belegschaft eines Endherstellers zu schaffen.

Zulieferer der Zulieferer: In diesem Segment nehmen die Heterogenität von Betrieben, Entlohnung, Beschäftigung und Arbeitsbedingungen noch zu und die Regulierungsdichte weiter ab. Hier finden sich etwa kleine Handwerksbetriebe, überwiegend Familienunternehmen, die darum ringen, die laufenden Kosten für Instandhaltung und Investitionen zu decken. Ebenfalls präsent sind lose ins Wertschöpfungssystem integrierte Nischenproduzenten, die Aufgaben erledigen, die von transnationalen Unternehmen nicht rentabel zu übernehmen sind. Ein Beispiel liefert ein kleines IT-Unternehmen, das Lösungen für Hard- und Software-Probleme anbietet, die vor Ort sonst nicht zu haben sind. Hier beginnt die Ultra-Flexibilität bereits beim Produkt. Das gesamte Unternehmen ist darauf gerichtet, möglichst rasch jene Nischen zu besetzen und zu bearbeiten, welche die großen Anbieter lassen. Eine Folge ist, dass alle, vom Eigentümer bis zum letzten Angestellten, in prekären Verhältnissen leben und arbeiten. Es gibt weder Gewerkschaften noch eine betriebliche Interessenvertretung. Die Arbeitsverträge haben (teilweise) den Status mündlicher Absprachen, die Übergänge zur informellen, vertragslosen Beschäftigung, die in Argentinien immerhin ein Drittel der Erwerbsbevölkerung umfasst, sind fließend.

Den genannten Segmenten ließen sich weitere hinzufügen. Generell gilt jedoch, dass die Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse umso unsicherer und instabiler ausfallen, je weiter die betreffenden Betriebe von den Endherstellern und ihren Stammbelegschaften entfernt sind. Da selbst prekäre, aber immerhin vertraglich geregelte Beschäftigung wie Leiharbeit aus der Perspektive der informell Arbeitenden wie ein Privileg erscheint, lässt sich ein spezifischer Wirkungsmechanismus identifizieren: "Informalität und Prekarität wirken in der Wertschöpfungskette Automobil (…) wie zwei Zahnräder im Getriebe: die schlechten Arbeitsbedingungen sind Teil von Strategien, um die Wettbewerbsfähigkeit der Automobilhersteller und Zulieferer trotz teilweise veralteter Technologie, maroder Infrastruktur und schlecht ausgebildeter Arbeitskräfte aufrecht zu erhalten."[11]

Fragmentierte Arbeit, hierarchische Regulation

Das Beispiel Córdoba illustriert, was transnationale Produktionsnetzwerke heute weltweit leisten. Arbeitsmärkte, auf denen Arbeitslose, informell und prekär Arbeitende die Mehrheit stellen, lassen sich im internationalen Flexibilitätswettbewerb nutzen, um eine hierarchische Beschäftigungspyramide zu integrieren. Auf diese Weise sollen antizipierte wie reale Marktschwankungen zugunsten vergleichsweise stabiler Gewinne und Renditen abgefedert werden. Nicht alle Branchen und Hersteller treiben die Minimierung der Kapitalbindung und die Flexibilisierung so weit, dass sie, wie in der IT-Branche, die Produktion komplett auslagern, um sie etwa chinesischen Kontraktfertigern zu übertragen – Kontraktfertigern, die aus eigenem Antrieb prekäre, niedrig entlohnte, wenig anerkannte Arbeit nutzen, um im Export zu bestehen. Und nicht alle dieser im globalen Süden agierenden Unternehmen zeichnen sich, wie der weltweit wohl größte Beschäftiger Foxconn (1,3 Millionen Beschäftigte im Jahr 2012), durch den erzwungenen Einsatz von schlecht bezahlten Studierenden und rechtlosen Wanderarbeitern sowie durch Arbeitsbedingungen aus, die eine spektakuläre Selbstmordwelle auslösten.[12] Doch selbst mitbestimmte Automobilhersteller sind heute in transnationale Produktionsnetzwerke eingebunden, in denen die hierarchische Organisation von Beschäftigungsverhältnissen bis in den informellen Sektor aufstrebender oder auch stagnierender Schwellenländer reicht.

Die Erkenntnis lautet, dass diese Integration instabiler, niedrig entlohnter und wenig anerkannter Beschäftigungsverhältnisse bei hoher Qualität und großer Flexibilität relativ reibungslos gelingt. Diese Verzahnung von inneren und durch außerökonomischen Zwang regulierten äußeren Märkten, wie sie transnationale Unternehmen betreiben, lässt sich mit dem Konzept "industrieller Komplexe" und pfadabhängiger Internationalisierungspfade nicht mehr auf den Begriff bringen. Nationale wie regionale Institutionen und Regulierungen sind für die grenzüberschreitenden Unternehmensaktivitäten nach wie vor relevant, doch ungeachtet fortbestehender institutioneller Divergenz wirkt Prekarität in den alten und neuen Zentren der Weltwirtschaft wie auch in den Ländern der Semiperipherie als ein Kontroll- und Disziplinierungsregime, das sukzessive jene Gruppen erfasst, die noch zu den relativ gesicherten zählen. In Córdoba zeichnen sich selbst die Stammbeschäftigten durch diskontinuierliche Erwerbsbiografien aus. Für größere Anschaffungen müssen sie sich zusätzliche Gelegenheitsjobs suchen. Zumindest die befragten Arbeiterinnen und Arbeiter waren überwiegend selbst schon erwerbslos und zeitweilig informell beschäftigt. Ihre Familienangehörigen arbeiten teilweise ebenfalls im informellen Sektor. Und doch ist die Zugehörigkeit zur Kernbelegschaft eines Endherstellers ein relatives Privileg, das nur deshalb so erscheinen kann, weil der große informelle Sektor einen Bezugspunkt am unteren Ende der Beschäftigungshierarchie darstellt, der die Instabilität regulärer Beschäftigungsverhältnisse subjektiv zu entschärfen vermag.

Auf jeweils völlig anderen Reichtums- und Sicherheitsniveaus zeichnen sich in den transnationalen Wertschöpfungsketten damit ähnliche Mechanismen ab, wie sie Pierre Bourdieu am Beispiel der algerischen Übergangsgesellschaft so eindrucksvoll beschrieben hat. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit sowie verbreiterter Informalität und Prekarität wird ein fester Arbeitsplatz mit einem einigermaßen geregelten Einkommen als "Privileg an sich wahrgenommen": "Die frei gewählte Instabilität des Arbeitsverhältnisses bleibt denen überlassen, die aufgrund ihrer Qualifikation sicher sein können, leicht eine andere Stelle zu finden. Den anderen bleiben nur die erzwungene Instabilität und die Furcht vor Entlassung, vor der alles andere weicht und zweitrangig wird. (…) Die Forderung nach würdigen Arbeitsbedingungen kann letztlich nur dem Erfordernis der Arbeit um jeden Preis weichen. In den Vordergrund gerät sie nur bei einer Minderheit von Privilegierten, die von der direkten Sorge um das Morgen befreit sind (…)."[13]

Da die Fragmentierung der Arbeit in transnationalen Produktionsnetzwerken und Wertschöpfungsketten mit einer Hierarchisierung von schützenden Regulationsmechanismen einhergeht, wird es betrieblichen Interessenvertretungen und Gewerkschaften selbst im Bündnis mit staatlicher Politik schwer fallen, die disziplinierende Kraft der Prekarität einzudämmen. Schon jetzt lässt sich in gewerkschaftlich gut organisierten Stammbelegschaften von in Deutschland ansässigen Fahrzeugherstellern eine Tendenz zu exklusiver Solidarität feststellen, die sich nicht nur nach oben, sondern auch gegenüber "anders" und "unten" (Migranten, Langzeitarbeitslose, Prekarisierte) abgrenzt. Doch diese spontane Tendenz ist weder widerspruchsfrei, noch setzt sie sich automatisch durch. Denn Kritik am Management, an ungerechten Verteilungsverhältnissen und vor allem an einer Leistungspolitik des "immer mehr und nie genug" sind bei den gut verdienenden Arbeitern und Angestellten der Fahrzeugindustrie nicht minder verbreitet.[14] Auch die Disziplinierungsmechanismen der Prekarität werden durchaus erkannt, denn sie wirken ähnlich, von Wolfsburg über Guangzhou und Johannesburg bis nach Córdoba.

In dieser Erkenntnis steckt zugleich ein Hoffnungsfunke. Was identifizierbar und durchschaubar ist, kann auch von unten, von einer politischen Ökonomie der Arbeit angegangen werden, die Solidarität auf neue Weise, weil inklusiv und transnational, praktiziert. Einstweilen sind die Räume und Öffentlichkeiten für eine solche Solidarität noch schwach entwickelt. Dennoch sollten sich die Entscheidungsträger an der Spitze globaler Produktionsnetzwerke ihres Projekts einer prekären Flexibilisierung nicht allzu sicher sein. Steigende Unsicherheit erzeugt früher oder später Protest. Wo er weder Interessenvertretungen und Gewerkschaften noch wirkungsmächtige Akteure findet, macht er sich, wie in China oder Südafrika schon jetzt zu beobachten, auf andere Weise bemerkbar: in Gestalt spontaner Streiks und Revolten, deren Brutstätten die neuen industriellen Ballungszentren (nicht nur) der großen Schwellenländer sind.[15]
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Fußnoten

1.
Vgl. Robert B. Reich, Die neue Weltwirtschaft, Frankfurt/M. 1993.
2.
Vgl. Winfried Ruigrok/Rob van Tulder, The Logic of International Restructuring, London 1975.
3.
Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, in: Gesammelte Werke, Bd. 5, Berlin 1975, S. 315.
4.
Vgl. Jennifer Blair, Frontiers of Commodity Chain Research, Stanford 2009; Neil M. Coe/Peter Dicken/Martin Hess, Global Production Networks: Realizing the Potential, in: Journal of Economic Geography, (2008) 8, S. 271–295.
5.
Vgl. Stefania Vitali/James B. Glattfelder/Stefano Battiston, The network of global corporate control, 19.9.2011, S. 33, http://arxiv.org/pdf/1107.5728.pdf« (17.12.2013).
6.
Vgl. Ernst & Young, Standort Deutschland 2013, Berlin 2013.
7.
Vgl. hierzu die Daten der Deutschen Bundesbank für den Zeitraum zwischen 1990 und 2012, http://www.bundesbank.de« (17.12.2013).
8.
Vgl. Hajo Holst, Die Konjunktur der Flexibilität, in: Klaus Dörre/Dieter Sauer/Volker Wittke (Hrsg.), Kapitalismustheorie und Arbeit, Frankfurt/M. 2012, S. 222–242.
9.
Vgl. Klaus Dörre, Krise des Shareholder Value?, in: Klaus Kraemer/Sebastian Nessel (Hrsg.), Entfesselte Finanzmärkte, Frankfurt/M. 2012, S. 121–143.
10.
Vgl. Stefan Schmalz et al., Prekarität und Informalität im argentinischen Automobilsektor, in: Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (spw), (2013) 4, S. 38–44. Soweit nicht anders ausgewiesen, beziehen sich die folgenden Angaben auf diesen Artikel sowie auf vor Ort erhobenes Interviewmaterial und Betriebsbesuche des Autors.
11.
Ebd., S. 43.
12.
Vgl. Florian Butollo/Boy Lüthje, Das Foxconn-Modell im Umbruch?, in: spw, (2013) 4, S. 20–25; Boy Lüthje/Siqi Luo/Hao Zhang, Beyond the Iron Rice Bowl, Frankfurt/M. 2013.
13.
Pierre Bourdieu, Die zwei Gesichter der Arbeit, Konstanz 2000.
14.
Vgl. Klaus Dörre/Anja Happ/Ingo Matuschek (Hrsg.), Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen, Hamburg 2013, S. 208, S. 223.
15.
Vgl. David Harvey, Rebellische Städte, Berlin 2013.
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