Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.
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Transnationale Unternehmen: Problemverursacher und Lösungspartner?


19.12.2013
Die Zahl transnationaler Unternehmen hat in den vergangenen Jahrzehnten stetig zugenommen. Als Global Player können sie nicht nur auf weltwirtschaftliche, sondern auch auf politische und soziale Entwicklungen maßgeblichen Einfluss nehmen. Als zentrale Akteure der Globalisierung sind Unternehmen einerseits mitverantwortlich für die Entstehung und Verschärfung von globalen Problemlagen, sie tragen jedoch andererseits im Rahmen sogenannter neuer Formen des Regierens auch zur Bearbeitung derselben bei. Dieser Beitrag zielt darauf, die ambivalente Rolle von Unternehmen zu beleuchten, indem er sie einerseits als Problemverursacher betrachtet, und andererseits ihr verstärktes Corporate-social-responsibility-Engagement im Rahmen von global governance in den Blick nimmt.

Die Liberalisierung des Welthandels und die Entstehung sogenannter Global Player, also global tätiger und politisch mächtiger Unternehmen, sind zwei Seiten der gleichen Medaille.[1] Unternehmen haben ein grundsätzliches Interesse an einem möglichst liberalen Handelsregime, in dessen Rahmen sie nach der "globalen Optimierung von Wertschöpfungsketten"[2] trachten. Dazu nutzen sie komparative Vorteile und verlagern Produktionsschritte an den Standort, der für diese die günstigsten Bedingungen bietet. Die zunehmende Internationalität der unternehmerischen Tätigkeit zeigt sich an einer Reihe von Indikatoren: Unternehmen setzen ihre Produkte international ab und tragen damit zu steigendem Außenhandel bei. Sie suchen darüber hinaus ständig nach den günstigsten Bezugsquellen für die Vor- und Zwischenprodukte, die sie verarbeiten (global sourcing). Sie investieren direkt im Ausland, um sich Zugang zu Primärgütern zu sichern oder von niedrigen Lohnkosten zu profitieren ("neue globale Arbeitsteilung").

Die Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) definiert transnationale Unternehmen als solche, die neben dem Hauptsitz in einem Land Kontrolle über im Ausland ansässige Tochterunternehmen ausüben. Ihre Zahl stieg etwa seit Mitte der 1980er Jahre stetig und immer schneller an, bis sie mit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2008 erstmals ins Stocken kam. Waren im Jahr 1990 noch 35.000 Unternehmen solch transnationaler Natur, stieg die Zahl im Jahr 2000 bereits auf 63.000 und erreichte 2008 ihren bisherigen Höchststand mit 82.000 transnationalen Firmen mit mehr als 800.000 Tochterunternehmen.[3] Während der weitaus größere Teil dieser Unternehmen aus Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stammt, nimmt auch die Zahl von transnationalen Unternehmen aus Entwicklungs- und Schwellenländern in jüngster Zeit stark zu. Allein zwischen 1995 und 2000 verdreifachte sich ihre Zahl von 3.800 auf 12.000.[4]

Als Global Player werden transnationale Unternehmen zumeist wegen ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht bezeichnet. Sie werden häufig ressourcen- oder finanzbasiert definiert, das heißt auf Basis ihres Kapitals, ihres Marktwertes oder ihres Umsatzes. Aufgrund dieser Kennzahlen wird ihnen ein gewisser Einfluss auf politische Prozesse sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene unterstellt. Ein beliebtes Instrument zur Darstellung ist ein Vergleich zwischen dem Jahresumsatz globaler Unternehmen und dem Bruttoinlandsprodukt verschiedener Länder. Unter den so bemessenen 100 größten "Volkswirtschaften" der Welt befanden sich im Jahr 2011 insgesamt 17 Unternehmen. Royal Dutch Shell landete als umsatzstärkstes Unternehmen vor Taiwan und Argentinien auf Platz 24.[5] Ebenfalls auf den vorderen Plätzen finden sich Wal-Mart (USA), Volkswagen und Daimler (Deutschland), aber auch PetroChina (China) und Samsung (Südkorea).

Unternehmen als Problemverursacher



Aus politikwissenschaftlicher Sicht sind diese Indikatoren, die den betriebswirtschaftlichen Erfolg der Global Player widerspiegeln, weniger relevant als die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen dieses Trends. Aus einer solchen Perspektive ist zunächst festzuhalten, dass weder die Internationalisierung des Handels noch die der unternehmerischen Tätigkeit global einheitlich verlaufen. Im Gegenteil: Auch wenn sich in jüngster Zeit leichte Gegentendenzen verzeichnen lassen, kommt die weitaus größte Zahl transnationaler Unternehmen nach wie vor aus hoch entwickelten Ländern, und auch der Grad der Verflechtung (durch Direktinvestitionen) ist zwischen diesen weiterhin am höchsten.[6] Insbesondere die unternehmerischen Direktinvestitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern und die Auswirkungen, die diese dort haben, stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit und Kritik.[7]

Eine der großen Konfliktlinien resultiert in diesem Kontext aus der Frage, welchen Nutzen Direktinvestitionen für die jeweiligen Zielländer haben. Skeptiker gehen davon aus, dass dieser stark begrenzt ist, gerade weil der Zweck der Investition durch das Mutterunternehmen die Nutzung von Kostenvorteilen und der daraus resultierende Abzug von Profiten ist. Da Direktinvestitionen häufig dazu dienen, Zugang zu Primärgütern zu erlangen oder Lohnkosten zu verringern, scheint dieser Einwand höchst berechtigt. Insbesondere der Rohstoffsektor ist durch einen "Enklavencharakter" gekennzeichnet: Er operiert weitgehend autark, bezieht wenige Inputs aus der lokalen Wirtschaft und trägt demzufolge nur begrenzt zum Wachstum der Volkswirtschaft des Gastlandes insgesamt bei. Eine weit verbreitete politische Forderung zur Einhegung der negativen Folgen der Globalisierung ist daher die Schaffung verlängerter Wertschöpfungsketten in den Zielländern von Direktinvestitionen.

Die Globalisierung, hier in erster Linie verstanden als Liberalisierung des Handels, bietet global tätigen Unternehmen nicht nur Potenziale zur Kostenoptimierung. Sie führt auch dazu, dass Unternehmen mit neuen Problemlagen konfrontiert werden oder zu deren Verschärfung beitragen. Dies wird insbesondere in der vor allem von zivilgesellschaftlichen Akteuren getragenen globalisierungskritischen Debatte betont. Problemfelder, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden, sind etwa die Nichteinhaltung von Arbeits- und Sozialstandards, Menschenrechts-, Umwelt- und Anti-Korruptionsnormen, die Zunahme und Verschärfung von innerstaatlichen Gewaltkonflikten, aber auch die Vermeidung von Steueraufkommen. Die Probleme, mit denen Unternehmen konfrontiert sind, stellen sich von Branche zu Branche, je nach Position des Unternehmens in der Wertschöpfungskette und nach der Unternehmensstruktur, sehr unterschiedlich dar. Damit einhergehend haben auch nicht alle Unternehmen in gleichem Maße die Möglichkeit, auf die Bearbeitung von Problemen Einfluss zu nehmen.

So sind etwa Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie insbesondere mit der Nichteinhaltung von grundlegenden Arbeits- und Sozialstandards, die in Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verankert sind, in ihren Zulieferunternehmen konfrontiert. Einzelhandelsunternehmen tätigen keine ausländischen Direktinvestitionen, sie sind Käufer von Ware, die in sogenannten Sweatshops vor allem in asiatischen Ländern gefertigt wird. Zu den Problemen in diesen Firmen gehören etwa geringe Löhne, unbezahlte Überstunden, mangelnde Arbeitsschutzmaßnahmen oder auch Kinderarbeit. Auch als Käufer sind transnationale Unternehmen für diese Probleme mitverantwortlich. Sie haben einerseits ein Interesse an möglichst geringen Stückpreisen und kurzen Lieferfristen, andererseits können sie durch ihre Marktmacht die Arbeitsbedingungen – zum Guten oder zum Schlechten – in ihren Zulieferbetrieben maßgeblich beeinflussen.[8]

Mit völlig anderen Problemen sind Global Player der extraktiven Industrie (Öl, Gas, Bergbau) konfrontiert. Hier sind negative Folgen für die Umwelt ein wichtiger Problembereich, so sind zum Teil große Flächen in den betroffenen Regionen nicht mehr anderweitig, etwa für die Landwirtschaft, nutzbar. Menschenrechtliche Probleme entstehen beispielsweise im Umgang mit lokalen Bevölkerungsgruppen oder durch die Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Sicherheitskräften. Da Global Player, wie Shell oder auch Rio Tinto, durch ihre Tochterunternehmen vor Ort in der Förderung der Rohstoffe tätig sind, sind ihre direkten Kontroll- und Einflussmöglichkeiten auf die lokale Situation ungleich größer.[9]

Unternehmen als Ko-Regulierer



Die bislang verfolgte Perspektive, die Unternehmen vor allem als Verursacher von Problemen betrachtet, ist im vergangenen Jahrzehnt zunehmend durch eine zweite Perspektive ergänzt worden, die den Blick darauf richtet, welche Beiträge transnationale Unternehmen – aufgrund ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht – im Rahmen von global governance zur Problemlösung leisten können. Global governance meint in diesem Kontext die regelbasierte Bearbeitung von Problemen, die das öffentliche Interesse betreffen, durch eine Vielzahl von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren.[10] Unternehmen kommen diesen gesellschaftlichen Erwartungen zunehmend nach – wenn auch nicht alle Unternehmen in gleichem Maße und nicht in allen als relevant erachteten Bereichen. Ein solches Unternehmensengagement wird oft als corporate social responsibility (CSR) oder auch corporate citizenship bezeichnet. Es handelt sich dabei um zumeist freiwillige Selbstverpflichtungen und Maßnahmen von Unternehmen, die entweder das Kerngeschäft oder die Beziehungen zu den Stakeholdern betreffen. So lässt sich seit den 1990er Jahren beobachten, dass Unternehmen zunehmend Verhaltenskodizes entwickeln, in denen sie Standards festlegen, die sie im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit einhalten möchten, es werden unternehmensinterne Strukturen geschaffen, und sie engagieren sich zunehmend in kollektiven CSR-Initiativen auf nationaler und transnationaler Ebene.

Die zunehmend an Unternehmen gerichteten Erwartungen resultieren auch daher, dass die staatlichen Strukturen in vielen Ländern des globalen Südens, in die Unternehmen investieren oder aus denen sie Rohstoffe oder Produkte beziehen, schwach sind. Der Staat ist also selbst häufig nicht in der Lage oder willens, geltende Gesetze und Regulierungen, zum Beispiel zum Schutz von Arbeitnehmern oder der Umwelt, einzuführen oder durchzusetzen. Unternehmen, so die These, könnten jedoch – auch aufgrund des Drucks von Konsumenten oder der Zivilgesellschaft – auch ohne staatliche Regulierung freiwillig höhere Umwelt- und Arbeitsstandards einhalten.[11]


Fußnoten

1.
Vgl. Hans-Jürgen Bieling, Internationale Politische Ökonomie. Eine Einführung, Wiesbaden 20112.
2.
Simon-Martin Neumair/Dieter Schlesinger/Hans-Dieter Haas, Internationale Wirtschaft, München 2012, S. 41.
3.
Vgl. UNCTAD (Hrsg.), World Investment Report 2010, New York–Genf 2010. Während im alltäglichen Sprachgebrauch die Begriffe häufig synonym verwendet werden, unterscheidet die Wissenschaft in der Regel multinationale Unternehmen, die noch eine klare Struktur, bestehend aus Mutterkonzern im Heimatstaat und im Ausland ansässigen Tochterunternehmen, aufweisen, von solchen, die in wesentlich stärker internationalisierten Netzwerken miteinander verbunden sind und in diesem Sinne als transnationale Unternehmen verstanden werden. Vgl. H.-J. Bieling (Anm. 1).
4.
Vgl. Brian Roach, A Primer on Multinational Corporations, in: Alfred D. Chandler/Bruce Mazlish (Hrsg.), Leviathans. Multinational corporations and the new global history, Cambridge 2005, S. 24.
5.
Vgl. S.-M. Neumair/D. Schlesinger/H.-D. Haas (Anm. 2), S. 13.
6.
Vgl. H.-J. Bieling (Anm. 1).
7.
Eine Ausnahme sind in gewisser Weise die kontroversen Diskussionen, die im vergangenen Jahrzehnt über Investitionen chinesischer Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern geführt wurden. Vgl. James Reilly/Wu Na, China’s Corporate Engagement in Africa, in: Marcel Kitissou (Hrsg.), Africa in China’s Global Strategy, London 2007.
8.
Vgl. Jenkins Rhys/Ruth Pearson/Gill Seyfang (Hrsg.), Corporate Social Responsibility and Labor Rights, London 2002.
9.
Vgl. UNCTAD (Hrsg.), World Investment Report 2007, New York–Genf 2007.
10.
Vgl. Renate Mayntz, Von der Steuerungstheorie zu Global Governance, in: Gunnar Folke Schuppert/Michael Zürn (Hrsg.), Governance in einer sich wandelnden Welt, Wiesbaden 2008, S. 43–60.
11.
Vgl. Tanja A. Börzel, Governance with/out Government, SFB-Governance Working Paper Series 23/2010.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Melanie Coni-Zimmer, Annegret Flohr für bpb.de
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