Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Jana Hien

From Neither Here Nor There. Kunst im US-amerikanisch-mexikanischen Grenzraum

    We have been those who are neither from here nor there. Now we will be those who are both from here and there – both things at the same time.

    Guadalupe Gómez
Sowohl in unserer kulturellen Imagination und kollektiven Politikgeschichte als auch in der geografischen Realität ist die US-amerikanisch-mexikanische Grenze mit einer Vielzahl einzigartiger Geschichten und Gestalten verbunden. Die Grenze existiert als ein realer geografischer Ort in einer kahlen Wüste. Sie manifestiert sich in natürlicher Weise als ein sich windender Fluss und als ein von Menschen errichteter Zaun aus Stachel- und Maschendraht. Sie ist ein willkürliches geopolitisches Konstrukt, das sich nicht nur in die geografische Landschaft eingeschrieben, sondern zugleich auch als Trennlinie in den Köpfen der Einwohner der angrenzenden Nationen festgesetzt hat.

Der Grenzraum als interkulturelle Kontaktzone ist eine spannende und reichhaltige Sphäre, die in den US-Medien jedoch oft einseitig als gewalttätig und gefährlich dargestellt wird und dementsprechend der militarisierten Bekämpfung bedürfe. Die Notwendigkeit der Grenzsicherung ist Thema fortwährender kontroverser Debatten in der politischen Arena der USA. Die miteinander verflochtenen Geschichten der drohenden Gefahr illegaler Einwanderung sowie die drastischen Schritte, die unternommen werden, um die Grenze zu sichern, sind Steuerungsinstrumente, die dazu eingesetzt werden, die Illusion von absoluter Gewalt und Kontrolle über die Grenze aufrechtzuerhalten.

Die Dringlichkeit auf Seiten der USA, die Grenze zu sichern, scheint heute mehr denn je übertrieben zu sein, denn Mexiko ist mittlerweile selbst zum Einwanderungsmagnet für Menschen auf der Suche nach neuen Lebenschancen geworden. Laut einem Artikel in der "New York Times" im September 2013 hat sich die Dynamik im Migrationsmuster Mexikos drastisch gewandelt: Der Anteil der im Ausland geborenen und nun in Mexiko angesiedelten Einwanderer habe sich seit 2000 stark erhöht; drei Viertel – etwa 70.000 – dieser in Mexiko lebenden Ausländer sind US-Amerikaner; zudem halte sich die Migration von Mexiko in die USA und umgekehrt mittlerweile nahezu die Waage.[1] Im Kontext des US-amerikanisch-mexikanischen Grenzraums ist folgende Statistik von besonderem Interesse: 350.000 US-amerikanische Kinder sind seit 2005 mit ihren mexikanischen Eltern in deren Heimatland zurückgekehrt.[2] Diese Kinder sind Teil einer neuen Generation von binationalen Grenzgängern, die in einem kulturellen Zwischenraum aufwachsen und lernen werden, sich fluide in mehreren Kulturen zu orientieren.

In diesem kulturellen Zwischenraum ist auch die Grenzkunst anzusiedeln. In der Grenzkunst – zu verstehen als Kunst an der Grenze sowie als Kunst von der Grenze – wird die Grenze selbst oder der Akt des Grenzüberschreitens als ein prägnantes visuelles Symbol von Transitionen, also von Übergang oder Wandel, verwendet. Der Grenzraum wird als ein Zwischenraum repräsentiert, als transitional space, und folglich sind die in diesem peripheren Raum angesiedelten Menschen "weder von hier noch von dort",[3] wie es Guadalupe Gómez treffend formuliert hat.

Im Leben der Menschen, die diesen Zwischenraum bewohnen, ihn prägen und von ihm geprägt werden, ist die Grenze mehr als nur eine geografische Manifestation politischer Grenzziehungen – es ist ihre Lebensweise. Der Ethnologe Arjun Appadurai prägte den Begriff der global ethnoscapes und beschreibt diese als Erfahrungsräume, "die von spezifischen Gruppenidentitäten geprägt werden".[4]

Als ein solches global ethnoscape ist auch das US-amerikanisch-mexikanische borderland zu verstehen. In diesem Artikel sollen die Latina- und Latino-Kultur sowie -Gesellschaft als Ausdruck des facettenreichen US-amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiets anerkannt werden. Indem anhand der Kunst von Tatiana Parcero das Konzept des borderlands, des Zwischenraums der Kulturen, bildhaft gemacht wird, richtet sich der Fokus dieser Arbeit gezielt auf Gegendiskurse ethnischer Minderheiten.

Darstellung des Grenzgebiets

Als Bewohner einer globalisierten Welt werden wir täglich mit visuellen Repräsentationen von entlegenen Orten auf der ganzen Welt konfrontiert. Wir erfahren unsere Welt durch Bilder, die uns die Medien präsentieren. Diese werden so ein wesentlicher Teil unserer Realität. Die Publizistin Susan Sontag postulierte, dass wir unser Wissen über die Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart heute hauptsächlich aus Abbildungen schöpfen.[5] So sammeln auch wir in Deutschland unweigerlich unser Wissen über entfernte Orte durch Bilder und erlangen – Tausende Kilometer von der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze entfernt – eine Vorstellung von eben diesem peripheren Raum. In der Mainstream-Ästhetik von Fotografien sozialer Krisengebiete und Randerscheinungen leiden wir, hervorgerufen durch den mit der Linse gewählten emotionalen Blickwinkel, oft mit den marginalisierten Menschen dieser Schwellenräume mit, so auch mit den Bewohnern des US-amerikanisch-mexikanischen borderlands. Der in diesem Artikel auf Kunst im Grenzraum gelegte Fokus wurde unter anderem gewählt, um eine Gegendarstellung zu der etablierten Darstellungsweise zu bieten.

Auf nationaler Ebene können Fotografien mithilfe einer geopolitischen geographical imagination eine nationale Gemeinschaft schaffen. Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson beschreibt diese Gemeinschaften als imagined communities.[6] Eine solche imaginierte "große kollektive Identität, so wie die einer Nation, ist von der Fähigkeit der Mitglieder abhängig, vermeintliche Gemeinsamkeit, Zusammenhalt und Kontinuität wahrzunehmen und zu empfinden, auch wenn die einzelnen Mitglieder einander nicht persönlich kennen können".[7] Anderson schreibt darüber hinaus, dass eine "entscheidende Komponente, eine Nation zu definieren, ein gemeinsames Bild ihrer physischen Grenze ist".[8] Die mediale Darstellung der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze wird so zu einem wichtigen Moment in der Definition der nationalen Identität beider angrenzenden Nationen.

Fußnoten

1.
Seit 2005 sind etwa genauso viele mexikanische Migranten aus den USA zurück nach Mexiko gezogen wie neue Migranten aus Mexiko in die USA. Vgl. Damien Cave, For Migrants, New Land of Opportunity is Mexico, in: New York Times vom 22.9.2013, http://mobile.nytimes.com/2013/09/22/world/americas/for-migrants-new-land-of-opportunity-is-mexico.html« (20.11.13).
2.
Vgl. ebd.
3.
Zit. nach: Gaspar Rivera-Salgado, Mexican Migrant Organizations, in: Xóchitl Bada/Jonathan Fox/Andrew Selee (Hrsg.), Invisible No More. Mexican Migrant Civic Participation in the United States, Washington, DC 2006, S. 5.
4.
Zit. nach: Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Hamburg 2006, S. 296.
5.
Vgl. Susan Sontag, On Photography, New York 2008, S. 3.
6.
Vgl. Benedict Anderson, Imagined Communities, London 2006.
7.
Ulrike H. Meinhof/Dariusz Galasinski, Photography, Memory, and the Construction of Identities of the Former East-West German Border, in: Discourse Studies, 2 (2000) 3, S. 325.
8.
Zit. nach: Claire F. Fox, The Fence and the River. Culture and Politics at the U.S.-Mexico Border, Minneapolis 1999, S. 69.
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Autor: Jana Hien für bpb.de
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