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7.2.2014 | Von:
Charlotte Diehl
Jonas Rees
Gerd Bohner

Die Sexismus-Debatte im Spiegel wissenschaftlicher Erkenntnisse

Können Männer wissen, was Frauen als sexuelle Belästigung empfinden?

Immer wieder wird behauptet, Frauen würden die Deutungshoheit über die Frage beanspruchen, was unangemessenes Verhalten beziehungsweise sexuelle Belästigung sei. Sie würden als solche auch völlig harmlose Verhaltensweisen bewerten, ohne dass es Männern möglich sei, das nachzuvollziehen oder zu antizipieren. Auch hier liegt der Argumentationslogik eine Schuldumkehr zugrunde: Männer müssen demnach in ständiger Angst leben, dass ihnen normales, "gut gemeintes" Verhalten als Sexismus ausgelegt und gegen sie verwendet wird.

Hierzu liegen Ergebnisse aus einer Befragung unter Studierenden vor, die zeigen, dass sich Männer und Frauen weitgehend einig darüber sind, welche Bemerkungen oder Witze in einer Interaktion vom Gegenüber als sexuell belästigend und unangenehm wahrgenommen werden. Den Befragten wurden 58 potenziell belästigende Bemerkungen und sexistische Witze vorgelegt, die Männer und Frauen übereinstimmend als belästigend und unangenehm einschätzten (etwa "Hast du Fieber? Du siehst so verdammt heiß aus" oder "Warum gibt es Frauenparkplätze? – Damit die Autos der Männer nicht beschädigt werden"). Männer fanden lediglich vier der Witze lustiger als Frauen, wobei den Männern aber dennoch bewusst war, dass die Witze sexistisch und für Frauen unangenehm sind.[9] Auch Männer haben also ein gutes Gespür dafür, was Frauen als unangenehm und grenzüberschreitend empfinden. Sexuelle Belästigung kann dementsprechend auch nicht damit erklärt werden, dass Frauen überempfindlich seien und Männer eigentlich in guter Absicht oder aus Unwissenheit handelten. Männer, die sich unangemessen verhalten, tun dies häufig aus Rücksichtslosigkeit oder Feindseligkeit – in jedem Fall aber tun sie es in aller Regel wissentlich.

Folgen sexueller Belästigung – ist wirklich nichts passiert?

Häufig besteht die Einschätzung, ein Verhalten, wie in der Sexismus-Debatte diskutiert, sei tolerabel, "frau" könne das aushalten und sollte es nicht zu ernst nehmen – Herrenwitze eben.

In der repräsentativen Befragung im Auftrag des BMFSFJ gaben 27 Prozent der befragten Frauen an, bereits Situationen erlebt zu haben, die als sexuelle Belästigung einzustufen sind, und in denen sie sich ernsthaft bedroht fühlten oder Angst um ihre persönliche Sicherheit hatten. Unter denjenigen, die sexuelle Belästigung erlebt hatten, gaben neun Prozent an, dass eine oder mehrere dieser Situationen auch zu ungewolltem Geschlechtsverkehr oder zu körperlicher Gewalt geführt hätten.[10] Diese Zahlen verdeutlichen bereits, dass sexuelle Übergriffe für die Betroffenen oftmals einschneidende und belastende Erlebnisse sind.

Die schwerwiegenden Konsequenzen sexueller Belästigung gelten inzwischen als umfassend erforscht und belegt. Sie reichen von primären Auswirkungen wie Stress, Angst, Unsicherheit, psychosomatischen Beschwerden, verringerter Konzentrationsfähigkeit, Entwicklung psychischer Störungen (Depression, Essstörungen) und Alkoholmissbrauch bis hin zu sekundären arbeitsbezogenen Konsequenzen wie geringeren Karrierechancen durch Leistungsabfall und häufigen Krankenstand.[11] Darüber hinaus erfahren Frauen, die sexuelle Belästigung offenlegen, oft auch eine "sekundäre Viktimisierung". Dieser kriminologische Sammelbegriff umfasst Reaktionen aus dem gesellschaftlichen Umfeld, das eine primäre Viktimisierung auf opferfeindliche Weise interpretiert.[12] Eine zentrale Rolle spielen dabei kulturell geteilte, aber meist realitätsferne Vorstellungen vom Hergang "echter" Straftaten und "üblicher" Opferwerdung.[13] Wenn die Tatschilderung einer von sexueller Belästigung betroffenen Frau von solchen Normvorstellungen abweicht, führt dies häufig zu Misstrauen, Verharmlosung oder Zuweisung von Mitschuld.[14] In den folgenden Abschnitten behandeln wir solche falschen Vorstellungen und ihre Auswirkungen im Einzelnen.[15]

Kann "frau" sich "einfach" wehren?

Oft wird behauptet, eine Frau könne sich doch (heutzutage und überhaupt) "einfach" gegen sexistische Anmache und Belästigung wehren, und zwar verbal oder – wenn nötig – körperlich.

Neuere Forschung zeigt hingegen sehr deutlich, dass bei der negativen Beurteilung passiven Verhaltens von Belästigungsopfern übersehen wird, wie schwierig es für eine Frau in der realen Belästigungssituation sein kann, sich zu wehren. Sogenannte Analogstudien, in denen Frauen zu ihrem Verhalten in hypothetischen Situationen befragt werden, zeigen, dass Frauen in Bezug auf ihr eigenes Verhalten im Fall einer Belästigung optimistische Fehleinschätzungen vornehmen. Besonders eindringlich belegt dies eine Studie der Psychologin Nina Vanselow:[16] Im ersten Teil der Studie wurden Studentinnen lediglich befragt, wie sie sich verhalten würden, wenn ein Mitstudent ihnen in einem Computerchat wiederholt sexuell belästigende Bemerkungen zusenden würde (etwa "Bei deinem Anblick wird meine Hose mir echt zu eng"); im zweiten Teil wurden andere Studentinnen dieser Form der Belästigung tatsächlich ausgesetzt. Das Ergebnis: In der hypothetischen Situation gaben knapp zwei Drittel der Studentinnen an, dass sie den Chat abbrechen und sich bei der Chatleitung beschweren würden. In der realen Situation tat dies aber nur eine einzige von 78 Teilnehmerinnen, alle übrigen ließen die wiederholten Belästigungen bis zum Ende über sich ergehen.

In einer weiteren Analogstudie wurden die Reaktionen von Studentinnen auf sexuell belästigende Fragen in einem (zu wissenschaftlichen Zwecken fingierten, aber für die Teilnehmerinnen scheinbar realen) Bewerbungsgespräch für eine Stelle als studentische Hilfskraft erforscht, und diese mit den vorhergesagten Reaktionen von Studentinnen, die sich das belästigende Interview nur rein hypothetisch vorstellten, verglichen.[17] Das belästigende Verhalten bestand hier aus drei unangemessenen Fragen, die der männliche Interviewer den Bewerberinnen stellte (beispielsweise ob die Bewerberin es wichtig finde, bei der Arbeit einen BH zu tragen). Die Studentinnen, die tatsächlich belästigt wurden, zeigten ein in Belästigungssituationen häufiges Verhaltensmuster: 20 Prozent nahmen die Fragen ernst, 40 Prozent merkten zwar an, dass eine oder mehrere dieser Fragen für das Interview irrelevant seien, aber alle beantworteten letztendlich alle drei Fragen. Demgegenüber sagten 68 Prozent der Studentinnen, die sich das Szenario nur vorstellten, sie würden in einer solchen Situation die Antwort verweigern, 32 Prozent, dass sie den belästigenden Inhalt ignorieren und die Fragen nicht beantworten würden, und sechs bis 16 Prozent, dass sie sich beim Vorgesetzten beschweren, das Interview verlassen oder den Interviewer zur Rede stellen würden. Darüber hinaus erwarteten die Frauen, in einer Belästigungssituation ärgerlich zu werden, während die tatsächlich belästigten Frauen jedoch überwiegend Furcht empfanden. Dieser Befund trägt auch zur Erklärung bei, warum Frauen sich in der Belästigungssituation passiv verhalten, denn Furcht führt typischerweise zu vermeidendem Verhalten, während Ärger zu Aktivität und möglicherweise Konfrontation führt.[18]

Zusammenfassend zeigen diese Studien also, dass Personen in der Regel unterschätzen, wie schockierend reale Belästigungssituationen für Betroffene sind, und wie viel Überwindung es kostet, sich aktiv zur Wehr zu setzen. Stattdessen sehen sich Betroffene mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert: Sexuell belästigende Verhaltensweisen sind oft mehrdeutig. Diese Mehrdeutigkeit macht es für Betroffene schwieriger zu erkennen, ob es sich um Verhalten handelt, über das sie sich berechtigterweise beschweren sollten.[19] Zusätzlich werden belästigende Verhaltensweisen oft in scheinbar sachliche Handlungen eingebunden, sodass sich die Täter auf etwas "Unverfängliches" zurückziehen können. Damit ist sexuelle Belästigung für Betroffene oft irritierend und überraschend, was selbstschützende Reaktionen erschwert oder unmöglich macht.[20]

Andere Forschungsarbeiten zeigen, dass eine direkte Konfrontation oder Beschwerde über den Täter oft negative soziale Konsequenzen für die betroffene Frau nach sich zieht. Frauen, die sich beschweren oder aktiv zur Wehr setzen, werden oft negativ bewertet, büßen an Beliebtheit ein und werden als Querulantinnen angesehen, sodass die Zurückhaltung einiger Frauen in realen Belästigungssituationen durchaus nachvollziehbar sein kann.[21] Vor diesem Hintergrund ist es nur ein schwacher Trost, dass negative Rückmeldungen an den Täter tatsächlich zu einem signifikanten Rückgang von belästigendem Verhalten führen können, wie eine Untersuchung an männlichen Studierenden zeigen konnte.[22]

Fußnoten

9.
Vgl. Charlotte Diehl/Jonas Rees/Gerd Bohner, Flirting with Disaster: Short-Term Mating Orientation and Hostile Sexism Predict Different Types of Sexual Harassment, in: Aggressive Behavior, 38 (2012), S. 521–531.
10.
Vgl. U. Müller et al. (Anm. 6), S. 94.
11.
Vgl. beispielsweise Nicole Buchanan et al., Unique and Joint Effects of Sexual and Racial Harassment on College Students’ Well-Being, in: Basic and Applied Social Psychology, 31 (2009), S. 267–285; Melanie Harned/Louise F. Fitzgerald, Understanding a Link Between Sexual Harassment and Eating Disorder Symptoms: A Mediational Analysis, in: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 70 (2002), S. 1170; Candice A. Shannon/Kathleen M. Rospenda/Judith A. Richman, Workplace Harassment Patterning, Gender, and Utilization of Professional Services: Findings From a US National Study, in: Social Science & Medicine, 64 (2007), S. 1178–1191.
12.
Vgl. Kurt Weis, Die Vergewaltigung und ihre Opfer: Eine viktimologische Untersuchung zur gesellschaftlichen Bewertung und individuellen Betroffenheit, Stuttgart 1982.
13.
Vgl. Ralf Kölbel, Strafrechtliche Haftung für prozessbedingte sekundäre Viktimisierung, in: Zeitschrift für die Gesamte Strafrechtswissenschaft, 119 (2007), S. 334–360.
14.
Vgl. ebd.
15.
Vgl. Heike Gerger et al., The Acceptance of Modern Myths About Sexual Aggression Scale: Development and Validation in German and English, in: Aggressive Behavior, 33 (2007), S. 422–440.
16.
Vgl. Nina Vanselow, Of Beauties, Beaus, and Beasts: Studying Women’s and Men’s Actual and Imagined Experiences of Sexual and Gender Harassment, Dissertation, Universität Bielefeld 2009.
17.
Vgl. Julie A. Woodzicka/Marianne LaFrance, Real Versus Imagined Gender Harassment, in: Journal of Social Issues, 57 (2001), S. 15–30.
18.
Siehe Jan Salisbury et al., Counseling Victims of Sexual Harassment, in: Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training, 23 (1986), S. 316; Jean A. Hamilton et al., The Emotional Consequences of Gender-based Abuse in the Workplace: New Counseling Programs for Sex Discrimination, in: Women & Therapy, 6 (1987), S. 155–182.
19.
Naomi Ellemers/Manuela Barreto, Collective Action in Modern Times: How Modern Expressions of Prejudice Prevent Collective Action, in: Journal of Social Issues, 65 (2009), S. 749–768.
20.
Vgl. J.A. Woodzicka/M. LaFrance (Anm. 17).
21.
Robin E. Roy/Kristin S. Weibust/Carol T. Miller, If She’s a Feminist it Must Not Be Discrimination: The Power of the Feminist Label on Observer’s Attribution About a Sexist Event, in: Sex Roles, 60 (2009), S. 422–431.
22.
Vgl. Charlotte Diehl/Nina Vanselow/Gerd Bohner, Exerting Power vs. Initiating Contact as Motives for Sexual Harassment: Evidence From a Computer Harassment Paradigm, Vortrag beim XV. Workshop Aggression, Bonn 2010.
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