Ersatzteile für defekte Barbie-Puppen

7.2.2014 | Von:
Charlotte Diehl
Jonas Rees
Gerd Bohner

Die Sexismus-Debatte im Spiegel wissenschaftlicher Erkenntnisse

Nur ein Flirt?

Immer wieder wird diskutiert, ob sexistisches oder grenzüberschreitendes Verhalten das Ausspielen männlicher Macht oder doch nur einen missglückten Flirtversuch darstellt.

Befragungsergebnisse der Umfrage im Auftrag des BMFSFJ zeigen, dass Frauen am Arbeitsplatz überdurchschnittlich häufig betroffen sind, wenn sie keine berufliche Qualifikation oder Ausbildung vorweisen können, sie sich noch in der Probezeit befinden oder erst kurze Zeit im Betrieb sind.[23] Es besteht also häufig ein beachtliches Machtgefälle zwischen Tätern und Betroffenen, und Abhängigkeitsverhältnisse werden von Belästigern ausgenutzt. Forschung in diesem Bereich zeigt außerdem, dass beide Motive (ein sexuelles und ein feindseliges Motiv) eine Rolle bei sexueller Belästigung spielen können. Auch sexuelle Motive oder ungeschickte Flirtversuche können demnach im Spiel sein, machen aber nur einen Teil der Erklärung aus. Und: Männer, die Frauen gegenüber feindselig eingestellt sind, nutzen scheinbar sexuell motivierte Bemerkungen, um Frauen zu demütigen, sodass man bei sexualisiertem grenzüberschreitenden Verhalten oft eine Doppelfunktion (Sex und Machtdemonstration) unterstellen kann.[24] Gerade in hierarchischen Kontexten und immer noch männerdominierten Arbeitsfeldern schwingt in der Regel auch die Botschaft mit: "Ich kann es mir erlauben, dich so zu behandeln, und du kannst nichts dagegen tun."

Was bewirken Mythen über sexuelle Aggression?

Eine weitere Behauptung, die immer wieder in verschiedenen Varianten zu hören war und ist, besagt, dass Frauen Vorwürfe sexueller Belästigung erfinden oder aufbauschen würden – sodass Männer zu Opfern werden.

Eine solche Schuldumkehr entspricht weit verbreiteten Mythen über sexuelle Belästigung und sexuelle Aggression, die dazu dienen, durch eine Entlastung des Täters und Schuldzuschreibung an das Opfer den ungleichen Status quo in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern aufrechtzuerhalten (Beispielhafte Aussagen für solche Mythen sind etwa "Männer sind halt so", "Wenn Frauen sich so aufreizend kleiden, dann sind sie selbst schuld, wenn sie sexuell belästigt werden"). Zur Entlastung der Täter und zur Schuldumkehr können außerdem die bereits angesprochenen Behauptungen dienen, dass es sich bei sexueller Belästigung nicht um ein gesellschaftliches Problem, sondern lediglich um Einzelfälle handele, oder der Vorwurf an die Betroffenen, sie würden sich nicht ausreichend wehren. Mythen über sexuelle Aggression lassen sich definieren als Einstellungen und Überzeugungen zu sexueller Aggression, die der Leugnung, Verharmlosung oder Rechtfertigung sexueller Aggression dienen, die Männer gegenüber Frauen ausüben.[25] Charakteristisch sind die Bagatellisierung sexueller Übergriffe und die Verschiebung der Verantwortung für die Vorfälle. Die Mythen dienen entweder der Verharmlosung, negieren die Tat selbst, verschleiern die Schuldverteilung, legitimieren die Übergriffe, vermindern die Glaubwürdigkeit der Opfer oder bedienen sich einer Kombination dieser Strategien.

Es ist nicht erstaunlich, dass sich diese Mythen in gewissen Kreisen auch in der Sexismus-Debatte großer Beliebtheit erfreuten. Dass auch Frauen solchen Mythen über sexuelle Aggression zustimmen, mag zunächst verwundern. In einschlägigen Forschungsarbeiten konnte allerdings gezeigt werden, dass viele Frauen diese Mythen nutzen, um sich selbst von den Opfern sexueller Aggression abzugrenzen ("Ich bin nicht so eine. Ich verhalte mich korrekt"), und damit ein Gefühl der Kontrolle und eine Illusion der eigenen Unverletzlichkeit aufbauen, die letztendlich dem Selbstschutz dienen.[26]

Erste Forschungsarbeiten zeigen jedoch auch, dass diese opferfeindlichen und täterschützenden Einstellungen und Überzeugungen zu sexueller Belästigung und sexueller Aggression gezielt reduziert werden können. Als eine wirksame Intervention gegen Mythen über sexuelle Aggression hat sich beispielsweise normatives Feedback erwiesen: Wenn Personen mitgeteilt wird, dass die Mythenakzeptanz anderer geringer ausgeprägt ist, als sie vermuteten, geht dadurch ihre eigene Mythenakzeptanz und Aggressionsbereitschaft zurück.[27] Auch die Vermittlung von Wissen über die negativen Konsequenzen sexueller Belästigung und sexueller Aggression für die Betroffenen sowie das Auslösen von Empathie können Einstellungen und Verhalten in positiver Weise verändern.[28] Alle drei Ansätze tragen dazu bei, dass Personen weniger opferfeindliche Einstellungen zeigen und sich ihre Neigung, sexuelle Gewalt auszuüben, reduziert.

Zusammenfassung

Zusammenfassend lassen sich folgende Befunde festhalten: Erstens, Sexismus und sexuelle Belästigung sind nicht Dasselbe. Beide sind rechtlich und psychologisch klar definiert. Zweitens, sexuelle Belästigung ist kein Einzelfall. Drittens, Männer sind in der Lage einzuschätzen, welche Verhaltensweisen von Frauen als sexuell belästigend wahrgenommen werden und welche nicht. Viertens, die negativen psychischen und arbeitsbezogenen Folgen für die Betroffenen sind wissenschaftlich belegt und erwiesenermaßen schwerwiegend. Fünftens, Personen unterschätzen in der Regel, wie schwer es ist, sich in einer Belästigungssituation aktiv zu wehren. Sechstens, sexuell belästigendes Verhalten erfüllt oftmals eine Doppelfunktion: Sex und Machtdemonstration. Hierarchien am Arbeitsplatz machen sexuelle Belästigung wahrscheinlicher. Siebtens und letztens tragen weit verbreitete Mythen über sexuelle Aggression zur Bagatellisierung der Übergriffe und zur Schuldverschiebung bei. Diese opferfeindlichen Einstellungen lassen sich jedoch durch gezielte Interventionen auch positiv verändern.

Fußnoten

23.
Vgl. U. Müller et al. (Anm. 6), S. 95–103.
24.
Vgl. C. Diehl/J. Rees/G. Bohner (Anm. 9).
25.
Angelehnt an Heike Gerger et al. (Anm. 15); Kimberly A. Lonsway/Lilia M. Cortina/Vicki J. Magley, Sexual Harassment Mythology: Definition, Conceptualization, and Measurement, in: Sex Roles, 58 (2008), S. 599–615.
26.
Vgl. Gerd Bohner, Vergewaltigungsmythen: Sozialpsychologische Untersuchungen über täterentlastende und opferfeindliche Überzeugungen im Bereich sexueller Gewalt, Landau 1998; ders. et al., Rape Myth Acceptance: Affective, Behavioral, and Cognitive Effects of Beliefs that Blame the Victim and Exonerate the Perpetrator, in: Miranda Horvath/Jennifer Brown (Hrsg.), Rape: Challenging Contemporary Thinking, Cullompton 2009, S. 17–45; Gerd Bohner et al., Rape Myths as Neutralizing Cognitions: Evidence for a Causal Impact of Anti-Victim Attitudes on Men’s Self-Reported Likelihood of Raping, in: European Journal of Social Psychology, 28 (1998), S. 257–268.
27.
Vgl. Gerd Bohner/Frank Siebler/Jürgen Schmelcher, Social Norms and the Likelihood of Raping: Perceived Rape Myth Acceptance of Others Affects Men’s Rape Proclivity, in: Personality and Social Psychology Bulletin, 32 (2006), S. 286–297; Gerd Bohner, et al., Using Social Norms to Reduce Men’s Rape Proclivity: Perceived Rape Myth Acceptance of Out-groups May Be More Influential than that of In-Groups, in: Psychology, Crime & Law, 16 (2010), S. 671–693.
28.
Vgl. Margaret Hamilton/Jack Yee, Rape Knowledge and Propensity to Rape, in: Journal of Research in Personality, 24 (1990), S. 111–122; Charlotte Diehl/Tina Glaser/Gerd Bohner, Face the Consequences: Learning Based Interventions Reduce Sexual Harassment Myth Acceptance and Men’s Likelihood to Sexually Harass (i.E.); William O’Donohue/Elizabeth A. Yeater/Matthew Fanetti, Rape Prevention With College Males: The Roles of Rape Myth Acceptance, Victim Empathy, and Outcome Expectancies, in: Journal of Interpersonal Violence, 18 (2003), S. 513–531.
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