Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Joachim Renn

Faszination Adel – Popularität unzeitgemäßer Standesprivilegien als Problem der Demokratie? - Essay

Adelshochzeiten und Thronfolgergeburten haben eine riesenhafte und leicht erregbare Anhängerschaft. Eigentlich private Statuspassagen wie Eheschließung, Niederkunft und Beisetzung werden von einem Millionenpublikum enthusiastisch und distanzlos verfolgt, sofern das betroffene Personal dem Hochadel zugerechnet werden kann; auch dort, wo das Knüpfen und Lösen adliger Familienbande laut zuständiger Verfassung eben keine "Staatsaffäre" ist. Politische Quereinsteiger von Rang und Geburt genießen einen erklärungsbedürftigen Vertrauensvorschuss bei großen Teilen der Bevölkerung.

Den mannigfaltigen Solidarisierungen mit dem Freiherrn zu Guttenberg nach dessen erzwungenem Rückzug aus der offiziellen Politik haftet zwar ein Hauch von Uninformiertheit (und Wissenschaftsverachtung) an. Dessen ungeachtet könnte man hinter der Sympathie für die gutsherrliche Zurschaustellung von Unkonventionalität im politischen Betrieb eine an Max Weber erinnernde Mahnung an die Berufspolitiker wittern: In seinen berühmten Münchner Vorträgen von 1919 hatte er dem Degenerationstypus des Politikers, der "von der Politik" lebt, das Modell eines authentischen Führers an der Spitze rationaler Verwaltung entgegengehalten. Dieser lebe "für die Politik", und es gelinge ihm, die Seelenlosigkeit der Maschinen von Partei und Verwaltung durch das "Charisma" des akklamierten Repräsentanten echten Entscheidens zu kompensieren.[1] Gerade in Deutschland aber, dessen mittelalterliche Kaiser einem Reich auf dem Papier vorstanden und dessen Könige nur wenig oberhalb des Zwergstaatenfürstentums agierten, weckt die Verbindung zwischen Charisma des politischen Personals und "Führerschaft" die unheilvollsten Erinnerungen. Sollte man es darum also bei einem ersehnten Abgang des gegenwärtigen politischen Personals nicht mit einer noch früheren historischen Stufe versuchen und auf die vermeintlich substanzielle Charakterressource einer höheren Geburt setzen?

Adelssympathie und Politikverdrossenheit

In diesem Querverweis steckt eine zunächst beunruhigende Ambivalenz der Adelssympathie. Diese besteht, sofern sich unter persönliche Erregungen über eigentlich private Umtriebe einer prominenten statt herrschenden Personengattung womöglich politisch aussagekräftige Haltungen mischen. Das wäre jedenfalls dann der Fall, wenn zwischen der Krönung als Medienereignis und dem ganz normalen parteipolitischen Engagement von Adelspersonen wie Otto von Habsburg oder Otto Graf Lambsdorff eine Sehnsucht nach Elitebildung entlang leistungsunabhängiger Adelsprädikate aufkeimte. Steckt hinter dem populären Reiz des personifizierten Geburtsprivilegs womöglich eine Verdrossenheit gegenüber dem sperrigen politischen System, in das sich das demokratische Prinzip der Selbstbestimmung des "Volkes" nun einmal verwandelt, wenn die Politik in einen Betrieb übersetzt werden muss? Stehen die Tränen über das Schicksal der Lady Diana in einer geheimen Verbindung mit der Frustration über die realdemokratische Wirklichkeit scheinbar entrückter und fremdartiger Politik?

Genug spricht noch immer dagegen, so beispielsweise die Vermutung der Publizistin Raphaëlle Bacqué, dass in der medialen Häme dieser Tage über eine Liaison des französischen Staatspräsidenten eine nachholende Entsakralisierung des Königs vollzogen und die "monarchischen Restbestände in der Republik" als endgültig unzeitgemäß demaskiert würden.[2] Königshäuser können im Zusammenhang eines europäischen "Mehr-Ebenen-Systems" der Politik zwar mit einigem Recht als "dekorative Fremdkörper" betrachtet werden.[3] Wenn aber Demokratie mehr ist als ein formales Gerüst von Verfahrensregeln unter Einschluss inszenierter Rückkoppelungen mit einem vermuteten "Volkswillen", wenn also der Bezug auf den "Gemeinsinn" einen realen Rückhalt in den Alltagshaltungen des Publikums haben sollte, dann verlangt die Demokratie von ihren Bürgern offenbar mehr als ein nur äußerlich gefügiges Stillhalten gegenüber der Politik. Und das hieße dann, dass die emotional aufgeladene Anteilnahme an den Querelen der Geburtsnobilität immerhin ein mögliches Indiz für Erosionen demokratischer Grundhaltungen wäre. Als ein Flirt mit dem ständischen Prinzip der Elitebildung wird die Adelssympathie politisch aufgeladen, wenn sie mit der Verärgerung über das politische Alltagsgeschäft eine Verbindung eingehen sollte.

Vom politischen Gehalt eines projizierten Faszinosums

Soweit sich die Adelssympathie im Radius der Regenbogenpresse, durch Auflagen und Einschaltquoten sowie in Leserzuschriften zu Fällen wie der Guttenberg-Affäre zum Ausdruck bringt, bewegen sich Vermutungen über ihre Beziehungen zur kulturellen Verankerung der Demokratie empirisch (das heißt gestützt durch sozialwissenschaftliche Forschung) auf unsicherem Boden, zumal wir es in der Regel mit impliziten, affektiv gestimmten und nur selten von den Betroffenen selbst auf Konsistenz ihrer Implikationen hin überprüften Orientierungen zu tun haben. Verfügbare Umfrageergebnisse – so wichtig und aussagekräftig sie sind – könnten den tieferen Sinn der Popularität des Adels hier leicht verfehlen. Denn das, was in standardisierten Umfragen auf allzu direkte Fragen geantwortet wird, verzerrt häufig genug die tatsächlichen, den Betroffenen vielleicht selbst undurchsichtigen, subjektiven Einstellungen. Die entstellenden, in der Sozialforschung wohl bekannten Effekte der "sozialen Erwünschtheit" führen dann beispielsweise dazu, dass die echte Royalistin sich bedeckt hält, während ein bekennender Monarchist eher Renitenz sucht und Anstoß erregen will, als dass er wahrhaftig einen Grundherrn über sich wünschte.

Der mögliche politische Gehalt der Adelssympathie liegt ohnehin auf einem anderen Niveau als eine mögliche royalistische Gesinnung mit Bezug zu tatsächlich parteipolitischen Absichten. Die Einschätzung einer möglichen Spannung zwischen demokratischer Grundattitüde und Adelsfaszination muss sich deshalb an eine eher kultursoziologisch-sozialpsychologische Interpretation von indirekt mitgeteilten Sehnsüchten und Projektionen halten. Der projektive Charakter der Adelsfaszination zeigt sich dann, wenn man implizite Erwartungen an hochwohlgeborene Individuen wenigstens grob mit der strukturellen Lage von Adelsfamilien innerhalb demokratischer Rechtsstaaten und liberaler Wirtschaftsordnung kontrastiert. Es zeigt sich dabei rasch, dass die Liebe zur Noblesse als angedeutete Kritik des Status quo der Herrschaft in demokratischen Ordnungen nur solange taugt, wie sie nicht als eine ernsthafte Option beim Wort genommen wird. Denn der traditionelle Adel ist in der Fantasie des Publikums nicht in seiner ehemaligen historischen Gestalt als unbeschränkt herrschende Elite reizvoll. Er gefällt vielmehr nur in seiner kupierten Form, in der das ständische Geblütsprivileg in eine verbürgerlichte Tugendhaftigkeit ohne faktische Autoritätsausübung übersetzt ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Max Weber, Politik als Beruf (1919), in: ders., Gesammelte Politische Schriften, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 19885, S. 505–560.
2.
"Ein Mann ohne Eigenschaften". Interview mit Raphëlle Bacqué, in: Der Spiegel, Nr. 4 vom 20.1.2014, S. 84ff.
3.
So formuliert es, eher en passant: Niklas Luhmann, Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt/M. 2000, S. 74.
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Autor: Joachim Renn für bpb.de
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