Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Gerd Krumeich

Vorstellungen vom Krieg vor 1914 und der Beginn des "Großen Krieges"

Als die europäischen Nationen im Jahre 1914 in den Krieg zogen, gab es nur vage Vorstellungen von dem, was dann wirklich kam. Überall herrschte die Überzeugung, dass der Krieg schon vor Weihnachten 1914 beendet sein werde. Die "kriegsbegeisterten" Menschen in Berlin, München und anderen Großstädten wären sicherlich nicht jubelnd durch die Straßen gezogen, hätten sie auch nur die geringste Ahnung gehabt, wie schauerlich sich dieser Krieg entwickeln sollte. Auch die verantwortlichen Politiker wie der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der französische Präsident Raymond Poincaré, der russische Außenminister Sergej Sasonow oder der britische Schatzkanzler und spätere Premierminister David Lloyd George hätten sicher mehr getan, um den Eklat des Juli 1914 zu vermeiden, hätten sie geahnt, dass dieser Krieg mehr als vier Jahre dauern und nahezu dreizehn Millionen Tote kosten würde. Die Auffassung, dass man sich bemühen werde, den Krieg kurz zu halten, ihn nicht ausufern zu lassen, um Europas Wirtschaft nicht übermäßig zu strapazieren, war allgemein verbreitet.[1]

Die Offiziere Alfred von Schlieffen, Friedrich von Bernhardi und andere Kriegstheoretiker und -praktiker jener Zeit hatten eine durchaus realistische Sicht des Krieges – allerdings nur des Krieges, den sie kannten. Was sie nicht hinreichend beachteten, war die Tatsache, dass der Krieg wie alle menschlichen Handlungen und Einrichtungen entwicklungsfähig ist und dazu tendiert, über sich hinauszuwachsen und qualitativ neue Züge anzunehmen. Viele internationale Fachleute waren zum Beispiel davon überzeugt, dass die offensive Kriegsführung der defensiven in jedem Fall überlegen sei, weil der kommende Krieg aus ökonomischen und politischen Gründen ja von vornherein als ein kurzer konzipiert werden musste.[2]

Die Militärexperten der Vorkriegszeit zeigten sich willens und fähig, Armeen von bisher noch nicht kampferprobter, aber gerade noch denkbarer Größe gegeneinander kämpfen zu lassen. Sie sprachen von ungefähr einer Million Mann auf beiden Seiten. Im August 1914 zählte die deutsche Armee tatsächlich 83000 Offiziere und ungefähr 2,3 Millionen Mann.[3] Sicherlich war dies das Doppelte von dem, was Schlieffen als noch vernünftig und machbar angesehen hatte, aber er hatte auch nur von den Truppen gesprochen, die an einer Front zu brauchen seien, wohingegen dann der tatsächliche Aufmarsch im August/September 1914 sowohl an der Ost- wie auch an der Westfront stattfand. Sicherlich wären die militärischen Beobachter der Vorkriegszeit nicht so optimistisch gewesen, wenn sie vorausgesehen hätten, dass die deutsche Armee beispielsweise im Jahr 1916 auf etwa 8,2 Millionen Soldaten angewachsen sein würde.

Rolle der Kriegstechnik

Für die vor 1914 verbreiteten Vorstellungen vom zukünftigen Krieg waren unter anderem auch verschiedene technische Entwicklungen maßgeblich. Zunächst spielte der Gebrauch von Eisenbahnen und Kraftwagen eine sehr große Rolle. Es hat den Anschein, als stellte das Bewusstsein, über eine Maschinerie zu verfügen, mit der die Massenarmeen zügig transportiert werden konnten, ein außerordentlich hilfreiches Argument für jene dar, die auf eine immer stärkere Vergrößerung der Armeen drängten.[4] Was die Zerstörungskraft moderner Geschütze angeht, so waren in der Vorkriegszeit durchaus realistische Vorstellungen vorhanden. Aber immer wieder findet sich bei denjenigen Autoren, die versuchten, das Publikum mit den Realitäten des modernen Krieges vertraut zu machen, die Überzeugung, dass die Kriegsmaschinerie kontrollierbar und ein schneller Sieg möglich bleiben müsse.

Eine Mischung von realistischem Denken und groben Illusionen, bewirkt durch übergroßen Technikglauben, ist vielfach zu erkennen – beispielsweise in dem Bericht eines in den Balkankriegen (1912/1913) aktiven Feldarztes über die Auswirkungen moderner Geschosse und Geschossverletzungen, illustriert mit einer Anzahl fürchterlicher Fotografien. Dieser Arzt gelangte gleichwohl zu der Schlussfolgerung, dass die Geschosse wegen der höheren Schussfolge und der Transportfähigkeit größerer Geschossmassen immer kleinkalibriger werden müssten. Eine unausweichliche Konsequenz dieser Entwicklung werde sein, dass die kleineren Kugeln im Vergleich zu den im deutsch-französischen Kriege von 1870/1871 verwendeten Geschossen ungefährlichere Verwundungen verursachten. Eine Erfahrung des Balkankrieges liege also darin, dass die neuen Geschosse reduzierten Kalibers oft keine tödlichen Wunden mehr herbeiführten. Verwundete Soldaten würden somit schneller geheilt als früher und könnten bald wieder eingesetzt werden. Insgesamt werde die Artillerie in Zukunft nichts mehr ausrichten können, da, wie man bereits im Burenkrieg (1899–1902) gesehen habe, das ausgebaute Schützengrabensystem die Truppen dem Feuer der jeweils gegnerischen Artillerie entzöge.[5]

Auch der Militärschriftsteller Julius Hoppenstedt veröffentlichte 1907 ein viel beachtetes Buch über die Großschlachten künftiger Kriege.[6] Anders aber als die genau in jenen aufgeregten Jahren so vielfältige Kriegsfuturologie-Literatur[7] verstand sich diese Schrift als ein taktisches Lehrwerk, das anhand einer erdachten Schlacht die Fragen aktueller Strategie und Taktik diskutieren wollte. Hier heißt es im Hinblick auf die Bedeutung der Artillerie: "Die hochgesteigerte Schnellwirkung der Rohrrücklaufgeschütze macht es möglich, auf Stellen, gegen die Infanterie vorrücken soll oder will, für Minuten geradezu eine Wand von Eisen und Rauch zu errichten; ihre große Tragweite ermöglicht den Zusammenschluß zahlreicher Batterien; die Panzerung läßt die Trutzbatterien dem Gegner selbst auf Nahentfernung auf den Leib rücken, aber auch aus verdeckter Stellung kann dank seiner Standfestigkeit und der Verbesserung der Richt-, Beobachtungs- und Nachrichtenmittel das moderne Geschütz Schnellwirkung erzielen".[8]

Was Hoppenstedt beschreibt, ist ziemlich exakt die berühmte "Feuerwalze", mit der die beiderseitigen Truppenführungen nach den Erfahrungen des Jahres 1916 versuchten, aus dem "festgefahrenen" Krieg wieder zur Offensive überzugehen.[9] Das unrealistische Element dieses Denkens liegt hingegen im Ignorieren der Clausewitz’schen "Wechselwirkung", gemäß der die Gegenseite genau in derselben Weise die "Feuerwalze" in Betrieb setzen würde und der Verteidiger den Angreifer ebenfalls mit Artillerie in Schach halten kann; dies alles wird hier nicht bedacht – wahrscheinlich in der stillschweigenden Voraussetzung, die eigene Technik sei "massiver" und entwickelter als die des Gegners. Ähnlich kurzschlüssiges Denken tritt auch bei Schlieffen zu Tage, wenn er behauptet, dass "sich der Angreifer im raschen Anlauf auf den durch andauerndes Feuer eingeschüchterten Verteidiger stürzen" könne.[10]

Fußnoten

1.
Eine berühmte Abrechnung mit diesem Denken in: Norman Angell, The Great Illusion, London 1910; vgl. auch Johann von Bloch, Die wahrscheinlichen wirtschaftlichen und politischen Folgen eines Krieges zwischen Großmächten, Berlin 1901.
2.
Vgl. Gerd Krumeich, Aufrüstung und Innenpolitik in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg, Wiesbaden 1980, Kap. 1; David Stevenson, Armaments and the Coming of War, Europe 1904 to 1914, Oxford 1996; Jack Snyder, The Ideology of the Offensive. Military Decision Making and the Disasters of 1914, London 1984.
3.
Vgl. Der Weltkrieg, hrsg. v. Reichsarchiv, Berlin 1930, Bd. 1, S. 217.
4.
Vgl. Die Bedeutung großer Armeemanöver, in: Die Grenzboten, 70 (1911), S. 340–353.
5.
Vgl. Kriegschirurgie, in: Deutsche Revue, 38 (1913), S. 226–235, S. 347–358; Über den heutigen Stand der Kriegschirurgie, in: Illustrierte Zeitung vom 24.10.1912.
6.
Vgl. Julius Hoppenstedt, Die Schlacht der Zukunft, Berlin 1907.
7.
Vgl. Jost Dülffer, Kriegserwartung und Kriegsbild in Deutschland vor 1914, in: Wolfgang Michalka (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg, München 1994, S. 778–798; Ignatius F. Clarke, Voices Propheseying War, 1763–1984, London 1966.
8.
J. Hoppenstedt (Anm. 6), S. 228.
9.
Zum Begriff der "Feuerwalze" vgl. Gerd Krumeich, Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen, München 2014, S. 122.
10.
Alfred Graf v. Schlieffen, Der Krieg der Gegenwart, in: Deutsche Revue, 34 (1909), S. 13–24.
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Autor: Gerd Krumeich für bpb.de
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