Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.
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Julikrise und Kriegsschuld – Thesen und Stand der Forschung

10.4.2014

Fischer-Kontroverse



Erst in den 1960er Jahren wurde die Kriegsschuldfrage in Deutschland wieder ernsthaft untersucht und neu bewertet. Bahnbrechend wirkte hier der Hamburger Historiker Fritz Fischer, der die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch wieder in Berlin sah. Sein Buch "Griff nach der Weltmacht" (1961)[8] löste eine emotional geführte Debatte aus, in der sich selbst Regierung und Auswärtiges Amt einmischten. Fischer und seine Schüler wurden in der öffentlichen Debatte unter anderem als Nestbeschmutzer beschimpft – man nahm ihnen übel, dieses längst zu Deutschlands Gunsten erledigte Thema wieder hervorzuholen. So musste man sich jetzt im In- und Ausland nicht nur wegen der Verbrechen während des "Dritten Reiches" verantworten, sondern auch mit der Anschuldigung leben, für beide Weltkriege direkt verantwortlich gewesen zu sein.

Die Empörung war besonders groß, weil viele Zeitgenossen im Ersten Weltkrieg noch selbst gekämpft hatten. So war zum Beispiel der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, ein ausgesprochener Gegner Fischers, der Überzeugung, 1914 als Freiwilliger in einen Verteidigungskrieg gezogen zu sein – jetzt wurde ihm und seiner Generation vorgehalten, sie hätten sich an einem Eroberungskrieg beteiligt. Diese neue Kriegsschuldinterpretation war für viele in Deutschland inakzeptabel. Fischer behauptete nicht nur, dass Deutschland den größten Teil der Verantwortung für den Ausbruch des Krieges hatte, sondern auch, dass die Reichsleitung diesen von langer Hand geplant und damit expansive Kriegsziele verfolgt hatte, die denen Hitlers ähnelten.

In einem zweiten Buch, "Krieg der Illusionen" (1969),[9] verschärfte Fischer seine Kritik. Seine Thesen basierten zum Teil auf neuen Quellenfunden, auch auf Material aus der DDR, das westdeutschen Forschern bis dahin unzugänglich gewesen war. So förderte er 1961 zum Beispiel das sogenannte September-Programm von 1914 zutage, in dem der damalige Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg die langfristigen Kriegsziele des deutschen Reiches notiert hatte, sowie 1969 bislang ungekannte Dokumente zum sogenannten Kriegsrat vom Dezember 1912, in dem – so Fischer – der Krieg beschlossen und auf den Sommer 1914 vertagt worden war.

Neuer Konsens



Die Fischer-Debatte war spätestens in den 1980er Jahren ausgestanden, und es herrschte weitgehender Konsens: Man konnte Fischer zwar nicht allgemein zustimmen, dass Deutschland den Krieg von langer Hand geplant hatte und mit ihm Kriegsziele verwirklichen wollte, die denen Hitlers kaum nachstanden. Aber es war doch mehr oder weniger unumstritten, dass Deutschland den Hauptteil der Verantwortung für den Kriegsbeginn zu tragen hatte (wohlgemerkt hat Fischer niemals behauptet, dass Deutschland allein schuldig war, nur eben hauptschuldig – eine wichtige Unterscheidung, die häufig übersehen wird). Es wurde nun mehr darüber gestritten, was die Motivation für die aggressive Außenpolitik gewesen sein könnte: Hatten die Politiker und Militärs in Berlin mit einem Krieg die innenpolitischen Probleme des Landes lösen wollen? Waren ihre Handlungen letztlich defensiv oder offensiv? Hatte man 1914 einen Präventivkrieg heraufbeschwören wollen? Dass die Handlungen und Entscheidungen, die 1914 in Deutschland getroffen wurden, den Kriegsausbruch ermöglicht hatten, war jedoch relativ unumstritten.

Es war allerdings auch unstrittig, dass auch die Entscheidungen anderer Großmächte kritischer durchleuchtet werden mussten. Allen voran fand nun Österreich-Ungarn Kritiker, nicht nur unter deutschen und österreichischen Forschern, sondern auch im englischsprachigen Ausland.[10] Dabei wurde unter anderem argumentiert, dass die Regierung in Wien keineswegs ein unschuldiges Opfer deutscher Intrigen gewesen sei, sondern die Ermordung des Erzherzogs als willkommenen Anlass genutzt habe, die von Serbien ausgehende Unterminierung des Vielvölkerstaates endlich durch einen Krieg gegen das Nachbarland zu beenden.


Fußnoten

8.
Vgl. Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschlands, 1914/18, Düsseldorf 1961.
9.
Vgl. ders., Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911–1914, Düsseldorf 1969.
10.
Vgl. Fritz Fellner/Doris A. Corradini (Hrsg.), Schicksalsjahre Österreichs. Die Erinnerungen und Tagebücher Josef Redlichs, 1869–1936, 3 Bde., Wien–Weimar 2011; Manfried Rauchensteiner, Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, Graz–Wien–Köln 1993; ders., Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger-Monarchie, Wien 2013; Günther Kronenbitter, "Krieg im Frieden". Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914, München 2003; Samuel R. Williamson, Austria-Hungary and the Origins of the First World War, London 1991.
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Autor: Annika Mombauer für bpb.de
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