Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.
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Deutsche Soldaten und "Männlichkeit" im Ersten Weltkrieg


10.4.2014
Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges gibt es noch viel über die komplexen sozialen und kulturellen Auswirkungen dieser Katastrophe zu erforschen. In den vergangenen Jahren haben Historikerinnen und Historiker ihre Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen des Krieges auf Ideale der Männlichkeit und Weiblichkeit gelenkt, ganz besonders darauf, wie gewöhnliche Männer und Frauen angesichts der traumatischen Gewalt ihre Rollen wahrnahmen und Gender (das soziale Geschlecht, im Gegensatz zum biologischen Geschlecht) definierten.[1]

Der Krieg provozierte eine Krise der Männlichkeit, da die Realität der entmenschlichenden, industrialisierten Gewalt in den Schützengräben die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Vorstellungen des "heroischen", patriotischen Verteidigers der Nation infrage stellte.[2] Einerseits verstärkte der Krieg diese Ideale der Männlichkeit, denn viele Veteranen und zivile Autoritäten feierten eine militarisierte, martialische Männlichkeit und die Erfahrung der "Kameradschaft".[3] Die Propaganda im deutschen Kaiserreich förderte ein Bild des disziplinierten Kriegers mit Nerven aus Stahl, der in der Lage war, seine Emotionen und sein Verlangen zu beherrschen und gleichzeitig seine gesamte Energie in den Dienst fürs Vaterland zu stellen. Komplexere Interpretationen von Männlichkeit sowie die psychologischen und emotionalen Auswirkungen des Krieges werden in dieser Sicht jedoch stark vereinfacht.[4] Wie haben gewöhnliche Soldaten "Männlichkeit" definiert? Wie hat sich die traumatische Gewalt auf die Genderidentitäten und das sexuelle Verhalten von Männern ausgewirkt?

Das zentrale Argument dieses Artikels lautet, dass deutsche Soldaten im Bemühen, das Trauma des modernen Krieges zu überleben, die vorherrschenden männlichen Ideale aktiv verhandelten, bestätigten und unterliefen. Während manche Soldaten sich das martialische Bild der Männlichkeit zu eigen machten, experimentierten sie gleichzeitig mit Emotionen und Verhaltensweisen, die als Bedrohung des dominierenden Männlichkeitsideals wahrgenommen wurden. Dazu gehörten Wünsche nach Liebe und Intimität als Gegengewicht zur Gewalt des Krieges, das Experimentieren mit homosozialen und homosexuellen Verbindungen und die Übertretung von Gendernormen in Form von Crossdressing (hier: das von Tragen Frauenkleidern) und Fantasien, eine Frau zu sein. Viele Männer akzeptierten diese "abweichenden" oder "verweiblichten" Verhaltensweisen, zumindest in der temporären Welt der Front, oder erachteten sie sogar als notwendig, um die Massengewalt zu überleben. Gefühle von Liebe und Fürsorge integrierten sie in ihre Vorstellungen von Kameradschaft.[5]

Für Historiker ist die Rekonstruktion der Wahrnehmungen gewöhnlicher Soldaten von Männlichkeit eine Herausforderung. Es gibt jedoch eine Reihe Quellen, unter anderem Schützengrabenzeitungen, Briefe und Artikel von Veteranen in Zeitungen für homosexuelle Emanzipation, die einen kleinen Einblick in die komplexen Vorstellungen von Männlichkeit sowie die Auswirkungen der Fronterfahrungen auf verschiedene Gruppen erlauben. Diese Quellen lassen erkennen, dass der Krieg unterschiedliche Interpretationen des männlichen Ideals hervorbrachte und eine breite Palette an Formen von Lust, Liebe und Sexualität prägte. In der Tat war im 19. und 20. Jahrhundert der Krieg die "Schule der Männlichkeit", wie Historiker festgestellt haben, aber es wurde dort Unterschiedliches gelehrt.[6]

Bild des Kriegers und psychische Traumata



Die dominanten männlichen Ideale legten besonderen Wert auf Härte und die Beherrschung der eigenen Emotionen, und deutsche Militärführer wie zivile Organisationen versuchten, das Bild des heterosexuellen und selbstaufopfernden Kriegers zu stärken, der sich voll und ganz auf die Verteidigung der Nation konzentriert. Dieses Bild des harten Frontsoldaten wurde in den populären Medien allgegenwärtig, und es war ein Grundpfeiler der Nachkriegsmythen vom rauen "Neuen Mann", den die Schrecken des Krieges hervorgebracht hätten.[7] Im Deutschen Reich wurden junge Männer indoktriniert, "verweiblichte" Emotionen wie Liebe und Mitgefühl unter Kontrolle zu halten, während sie sich als Krieger für das Vaterland opferten.[8] Ärzte, Lehrer und Politiker unterstützten diese Vorstellung von "Männlichkeit", die als Gegensatz zu "degenerierten" Gruppen definiert wurde, unter anderem zu sexuell freizügigen Männern, Homosexuellen und anderen "Abweichlern", die, so wurde argumentiert, zu hedonistisch und zu sehr mit sich selbst beschäftigt seien, um sich der Nation zu widmen.[9]

Die Belastungen des Krieges und die Trennung von der Heimat stellten dieses idealisierte Bild des Mannes infrage. Die Historikerin Dagmar Herzog weist darauf hin, dass Soldaten "konsensuale Freuden (erlebten), die durch die Anonymität und die Massenmobilität in Zeiten des Krieges ermöglicht wurden", und dass der totale Krieg Männern die Möglichkeit eröffnete, sexuelle Lüste außerhalb traditioneller sozialer Strukturen und "Überwachungsmechanismen" zu erkunden.[10] Aus Sicht der Armee bestand die ernsthafteste soziale und sexuelle Gefahr, welche durch die Verderbtheit des Krieges drohte, in der epidemischen Verbreitung von Geschlechtskrankheiten. Die von Militär und zivilen Behörden verbreitete Propaganda feierte das Bild des sexuell keuschen, der daheimgebliebenen Frau treuen Soldaten. Gleichzeitig aber steuerte die Armee sorgsam ein System von Bordellen hinter den Frontlinien, um das Problem Millionen sexuell frustrierter Männer zu bewältigen.[11] In einem Brief vom März 1915 an den Staatssekretär des Innenministeriums äußerte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg seine Sorge über die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten an der Front und forderte eine energische Intervention seitens des Staates und der Armee, und zwar mittels sexueller Aufklärung, Verteilung von Kondomen und medizinischer Kontrollen von Prostituierten.[12]

Die Rationierung von Sex durch das Militär zog den Zorn christlicher Tugendwächter an der Heimatfront auf sich, wo Koalitionen von Führungspersönlichkeiten aus Religion, Wirtschaft und Politik warnten, dass nationale Degeneration drohe, falls Männer weiterhin ihrem Stress mit freizügigem Sex abhelfen.[13] Dr. Aufhauser, Geistlicher und Mitglied einer christlichen Vereinigung zur Förderung der Sittlichkeit, argumentierte in der "Allgemeinen Rundschau", dass sexuelle Abstinenz die Pflicht aller Soldaten sein solle. Männer an der Front, so seine Argumentation, seien Helden, wenn sie sich selbst beherrschten und "rein und makellos" blieben, nur ihren Familien und der Nation zugeeignet. Er forderte die Schließung der vom Militär betriebenen Bordelle und regte an, sie durch christliche Lesekreise und Limonade zu ersetzen.[14]

Der Stress des modernen Krieges führte bei vielen Männern zum psychologischen Kollaps. Mentale Traumata wie der "Granatenschock" (shell shock) markierten den Zusammenbruch des männlichen Ideals der Selbstbeherrschung. Visionen von "heroischen Opfern" und abgehärteten, spirituell gestärkten Kriegern wurden bald durch die brutale Realität des Schützengrabenkrieges verdrängt. Überleben unter tagelangem Granatfeuer, bei lebendigem Leibe begraben und Zeuge der entsetzlichen, von Maschinengewehren und Sprengstoffen erzeugten Gewalt zu werden, erzeugte eine quasi jenseitige Atmosphäre an der Front. Symptome psychologischen Zusammenbruchs brachen aus in Form von Tics und Zittern, Lähmungen, unkontrollierbarem Schütteln und Albträumen.

Die Medizinhistorikerin Elaine Showalter hat in ihrer Analyse der berühmten Fälle der britischen Offiziere Siegfried Sassoon und Wilfred Owen gezeigt, dass für Männer, die aufgrund ihrer Sozialisation gelernt hatten, ihre emotionale Verletzlichkeit unter Stress zu beherrschen, der "Granatenschock" die einzige Möglichkeit war, einer nicht auszuhaltenden Realität zu entrinnen. Showalter macht mindestens zwei Hauptmuster emotionaler Reaktionen auf psychischen Stress ausfindig: der Ausbruch heftiger Liebesgefühle für andere Männer sowie, am häufigsten, "Ängste hinsichtlich der Männlichkeit", die schließlich zum Zusammenbruch führten: "Wenn es essenziell zur Männlichkeit gehörte, sich nicht zu beklagen, so war shell shock die Körpersprache des männlichen Klagens, ein getarnter männlicher Protest, nicht nur gegen den Krieg, sondern gegen die Auffassung von Männlichkeit selbst."[15]

In Deutschland wurden die physischen Symptome des mentalen Traumas "Kriegsneurose" oder "Kriegshysterie" genannt, was die vorherrschende medizinische Wahrnehmung dieser Männer als verweiblichte "Hysteriker" widerspiegelte, weil sie angesichts der äußersten Prüfung der Männlichkeit zusammengebrochen waren. Ärzte standen unter Druck, das in ihren Augen epidemische Problem der "hysterischen Männer" in den Griff zu bekommen, denn bis Kriegsende war bei mehr als 600.000 Männern in den regulären und Reservestreitkräften eine ganze Reihe verschiedener Nervenleiden diagnostiziert worden.[16] Ziel der Behandlung war, die Männlichkeit wiederherzustellen. Psychiater prophezeiten, dass Männer ohne Disziplin und Furcht vor Bestrafung in die "Rentenneurose", also einen Zyklus der Abhängigkeit von Sozialleistungen, fallen und ihre traditionell männlichen Rollen als Arbeiter und Soldaten aufgeben würden.[17] Männer, die unter unzähligen Symptomen traumatischer Neurosen litten, widersprachen den Ärzten scharf und konstruierten ihre eigenen Theorien zu den Ursachen und der Bedeutung der "Kriegshysterie". Sie argumentierten, dass es sich bei den Ärzten um die wahren Hysteriker handele, weil sie den Krieg unterstützten, während normale Männer unter der Belastung zusammenbrächen.[18]


Fußnoten

1.
Vgl. zum Beispiel Christa Hämmerle/Oswald Überegger/Birgitta Bader-Zaar (Hrsg.), Gender and the First World War, New York 2014.
2.
Vgl. Ute Frevert, Gesellschaft und Militär im 19. und 20. Jahrhundert: Sozial-, kultur- und geschlechtergeschichtliche Annäherungen, in: dies. (Hrsg.), Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997, S. 7–16; Thomas Kühne, Männergeschichte als Geschlechtergeschichte, in: ders. (Hrsg.), Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne, Frankfurt/M. 1996, S. 7–30, hier: S. 16–20; siehe zum Vergleich auch Joanna Bourke, Dismembering the Male: Men’s Bodies, Britain and the Great War, Chicago 1996.
3.
Zur Bedeutung von "Kameradschaft" und martialischer Männlichkeit in der deutschen Kultur vgl. Thomas Kühne, Kameradschaft: Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert, Göttingen 2006. Zu Mythen der Zwischenkriegszeit bezüglich der Kriegserfahrung und ihrer Bedeutung vgl. George L. Mosse, Fallen Soldiers: Reshaping the Memory of the World War, Oxford 1990.
4.
Vgl. Monika Szcepaniak, Militärische Männlichkeiten in Deutschland und Österreich im Umfeld des Großen Krieges, Würzburg 2011, S. 10.
5.
Vgl. T. Kühne (Anm. 2).
6.
Vgl. Karen Hagemann, Of "Manly Valor" and "German Honor": Nation, War and Masculinity in the Age of the Prussian Uprising against Napoleon, in: Central European History, 30 (1997) 2, S. 187–220.
7.
Vgl. Bernd Hüppauf, Langemarck, Verdun and the Myth of the New Man in Germany after the First World War, in: War and Society, 6 (1988) 2, S. 70–103.
8.
Vgl. Ute Frevert, A Nation in Barracks, Oxford 2004, S. 183.
9.
Vgl. George L. Mosse, The Image of Man, Oxford 1996, S. 79f., S. 110f.
10.
Vgl. Dagmar Herzog, Introduction, in: dies. (Hrsg.), Brutality and Desire: War and Sexuality in Europe’s Twentieth Century, New York 2009, S. 5.
11.
Vgl. Elisabeth Domansky, Militarization and Reproduction in World War I Germany, in: Geoff Eley (Hrsg.), Society, Culture and the State in Germany 1870–1930, Ann Arbor 1996, S. 427–430.
12.
Vgl. Reichskanzler Bethmann Hollweg an den Staatssekretär des Innern, 13.3.1915, Nr. 68, Reichsministerium des Innern (RdI) R1501/111868, Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BAB).
13.
Vgl. Edward R. Dickinson, The Men’s Christian Morality Movement in Germany, 1880–1914, in: Journal of Modern History, 75 (2003) 1, S. 61f.
14.
Vgl. Dr. Aufhauser, Das sexuelle Problem beim Feldheer, in: Allgemeine Rundschau vom 13.2.1915, RdI R1501/111868, BAB.
15.
Elaine Showalter, Rivers and Sassoon: The Inscription of Male Gender Anxieties, in: Margaret Randolph Higonnet et al. (Hrsg.), Behind the Lines – Gender and the Two World Wars, New Haven 1987, S. 64.
16.
Vgl. Doris Kaufmann, Science as Cultural Practice in the First World War and Weimar Germany, in: Journal of Contemporary History, 34 (1999) 1, S. 125–144.
17.
Vgl. Paul Lerner, Hysterical Men: War, Psychiatry and the Politics of Trauma in Germany, 1890–1930, Ithaca 2003, Kap. 3 und 4.
18.
Vgl. Jason Crouthamel, The Great War and German Memory: Society, Politics and Psychological Trauma, 1914–1945, Exeter 2009, Kap. 2.
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Autor: Jason Crouthamel für bpb.de
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