Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

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10.4.2014 | Von:
Jason Crouthamel

Deutsche Soldaten und "Männlichkeit" im Ersten Weltkrieg

Intimität, Sexualverhalten und Krise der Männlichkeit

Die psychische Belastung, welcher die Männer in den Schützengräben ausgesetzt waren, führte trotz aller entgegengesetzten Bemühungen zu einer wachsenden Kluft zwischen Kampf- und Heimatfront. Männer neigten in ihren Briefen nach Hause dazu, die vorherrschenden Männlichkeitsideale zu verstärken. Sie wandten sich oft mit der Bitte um emotionale Unterstützung an ihre Frauen. Ihre Briefe zeigen, dass sie von einer strikten Dichotomie ausgingen: auf der einen Seite ein Gefühl der martialischen Männlichkeit, die selbstlose Aufopferung ans Vaterland bedeutete, und auf der anderen die loyale Frau, die ihre Hingabe an die Nation durch Unterstützung ihres Mannes, des Soldaten, zum Ausdruck brachte. Gleichzeitig nahmen die Männer den Frauen übel, dass sie die entsetzlichen Realitäten des Krieges nicht nachempfinden konnten.

So schrieb zum Beispiel der Leutnant der Reserve Otto L. an seine Frau: "Ich bin stolz Berbel, mit kämpfen zu dürfen in diesem Kampf für meine Heimat und kann natürlich von Dir nicht verlangen, dass Du dieselben Gefühle für Deutschland hast, aber das gibt sich alles mit der Zeit. O Berbel, wenn ich an die Schrecken dieses Krieges denke und an das Elend in den französischen Gegenden, so muss ich oft denken wie gut Ihr es dort habt."[19] Für ihn sei es natürlicher, "Gefühle für Deutschland" zu haben, behauptete er mit einem Anflug von Herablassung, während die Frauen in den Genuss der Annehmlichkeiten der Heimatfront kämen. Von seiner Frau erwartete er bedingungslose Unterstützung und dass sie an ihn denke, wenn er in den Kampf ziehe. Wenn sie sich über Einsamkeit und finanzielle Probleme zu Hause beklagte, wurde er ungehalten und schalt sie, weil sie sich beschwere, während er mit der Belastung der Fronterfahrung fertig werden müsse.[20]

Viele Soldaten hatten Mühe, Angehörigen daheim ihre Gefühle mitzuteilen. In manchen Fällen glaubten sie, dass diese ihre traumatischen Erfahrungen nicht würdigten oder verstanden, insbesondere den emotionalen Schmerz des Verlusts von Kameraden. Die wachsende mentale Kluft ist auch in der folgenden Korrespondenz zwischen Leutnant Kurt K. und seiner Verlobten Lotte spürbar: Nach dem Tod mehrerer enger Freunde rang Kurt K. damit, seine männliche Selbstkontrolle aufrechtzuerhalten. Falls Lotte ihn für weich oder verweiblicht hielt, weil er zu viel über seine Gefühle schrieb, wäre ihm das peinlich gewesen. "Und nun liegen alle die, die damals sich mit mir freuten irgendwo in Frankreich und ich fühle mich so recht einsam (…) Halt mich nicht für weichlich. Aber denke einmal daran, wenn Dir plötzlich alle Deine Freundinnen, mit denen Du Freude und Leid geteilt, wegsterben würden, ob Dir dann nicht auch solche Gedanken kämen."[21] Da er zögerte, seinen männlichen Panzer abzulegen und derart heftige Empfindungen offen zu zeigen, bat er Lotte um ihr Verständnis. Er schrieb ihr, dass er die Worte nicht finden könne, um solchem Schmerz über "ein vernichtetes Menschenleben" Ausdruck zu verleihen. Zunehmend fühlte er sich von Lotte und vom Zuhause abgeschnitten. Er versuchte durchblicken zu lassen, was er durchlebte, aber drückte auch seine Frustration darüber aus, dass er ihr die Fronterfahrung nicht vermitteln konnte.[22]

Als Reaktion auf die physische Entbehrung und die psychische Belastung suchten Männer nach Intimität mit denjenigen, die ihre Erfahrung am besten nachempfinden konnten – mit anderen Männern. Auch die Frontzeitungen enthielten durchaus Bilder von Männern, die intime Gefühle und Liebe für Kameraden offen äußerten, und platzierten diese in einem humoristischen Zusammenhang, was den Soldaten ermöglichte, sich neue Arten von Verhalten und Geschlechterrollen in einem unterhaltsamen Kontext vorzustellen – und zwar gefahrlos und nicht auf sich selbst bezogen. Weibliche Verhaltensweisen, unter anderem Fürsorge und emotionale Unterstützung, wurde zum integralen Teil der Vorstellungen gewöhnlicher Soldaten von Kameradschaft, wobei martialische Männlichkeit und weibliche Emotionen sich vermischten, um Männern beim Überleben zu helfen. Der soldatische Humor legt eine weitere Ebene der Überschreitung von Gendernormen nahe, darunter etwa das Verlangen, das weibliche Geschlecht nachzuahmen. Manche Männer wähnten sich in emotionaler Hinsicht gar als Frauen, wobei sie weibliche Eigenschaften bisweilen derart stark annahmen, dass sie fantasierten, keine Männer mehr zu sein.

Die Brutalität des Krieges brachte manche Männer dazu, sich von dem, was sie für angeborene männliche Eigenschaften hielten, abgestoßen zu fühlen, und sie beneideten die weicheren, friedfertigeren Eigenschaften des Femininen. Die Fantasie des Gendercrossing ist etwa in dem Gedicht "Wir armen Männer!" zu finden, das 1918 in der Zeitschrift "Der Flieger" erschien. Indem er sich vorstellt, eine Frau zu sein, entkommt der Autor, ein Unteroffizier Nitsche, den Schützengräben psychologisch: "Wir armen, armen Männer/Sind gar so übel dran;/Ich wollt’, ich wär ein Mädchen/Ich wollt’, ich wär kein Mann!" Nitsche fantasiert, dass er sich in eine Frau verwandelt: "Wär ich geschmückt mit Löckchen,/mit Strümpfen à la jour/Und träge einen Leutnant/Tanzt’ ich ’ne Extratour." Er stellt sich vor, Arm in Arm mit seinem Leutnant zu spazieren, träumt davon, wunderbare Mahlzeiten zuzubereiten, sich anmutig zu bewegen und beendet das Gedicht mit: "Ich könnte lange küssen/De janze Kompanie./Un’ würde doch nischt erben,/Wat duftet aus de Pfann’/Hach, wär ick doch en Mädchen, Warum bin ick ’n Mann!"[23] Das Gedicht spiegelt somit letztlich die humorvolle männliche Fantasie wider, als Frau, die für die Soldaten sorgt und ihr Verlangen nach Liebe und Trost stillt, ein besserer Kamerad sein zu können.

Homosexualität an der Front

Viele der emotionalen Bindungen zwischen Männern waren wohl temporäre Reaktionen auf die Kriegsbelastungen, konnten sich heterosexuelle Männer beim Experimentieren mit homosozialen Bindungen doch sicher fühlen. Gleichzeitig gab die Akzeptanz dieser Bindungen denjenigen Männern, die sich als homosexuell identifizierten, ein Gefühl der Sicherheit und auch des Selbstvertrauens, ihre Liebe zu Männern in den Schützengräben offen zu bekunden. Der Krieg schuf ein Umfeld, in dem Homosexuelle Männlichkeit und ihren Status in der Gesellschaft definierten.

Wie andere Minderheiten in Deutschland sahen homosexuelle Männer den Militärdienst als Möglichkeit, ihren Patriotismus und ihre Integration in das soziale Gefüge zu beweisen. Eine der ersten und größten Organisationen der Welt für Homosexuellenrechte, das 1897 gegründete Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), spielte bei der Bewertung der Erfahrungen schwuler Männer in der Armee eine wichtige Rolle.[24] Magnus Hirschfeld, Mitgründer der WhK und international anerkannter Sexologe, argumentierte, dass Homosexuelle ein natürliches, essenziell verweiblichtes "drittes Geschlecht" bilden, und forderte die Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Der Militarisierung stand er zwar kritisch gegenüber, aber er sah im Krieg die Möglichkeit, Wissenschaftler und Aktivisten dafür zu mobilisieren, die im weiteren Sinne sexuellen Auswirkungen dieser gewaltigen Umwälzung zu untersuchen. So sammelte das WhK Briefe von Soldaten über ihre Kriegserfahrungen und ihr Sexualverhalten. Aus ihrem Inhalt zog Hirschfeld den Schluss, dass der Krieg Umstände der physischen und psychischen Entbehrung geschaffen hatte, die Männer dazu brachte, mit ihrer Sexualität zu experimentieren. Unter diesen Umständen und in Ermangelung weiblicher Sexualpartnerinnen hätten auch ansonsten heterosexuelle Männer gleichgeschlechtlichen Sex gesucht – was Hirschfeld "Pseudo-Homosexualität" nannte. Gleichzeitig unterstrich er, dass die Front es homosexuellen Männern ermöglichte, andere homosexuelle Männer in einem Umfeld zu finden, das gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen toleranter war als die Vorkriegs- oder die Mainstreamkultur.[25]

Kameradschaft wies Hirschfeld zufolge mehrere Dimensionen emotionaler Intimität zwischen Männern auf. Er differenzierte drei Formen "intimer Kameradschaft": bewusst erotische, unbewusst erotische sowie Bindungen zwischen Männern, die unerotisch blieben.[26] Hirschfeld dokumentierte zahlreiche Erzählungen von Männern, die ihre Liebe zu anderen Männern entdeckten. Diese Beziehungen wurden häufig von ihren heterosexuellen Kameraden als natürliche Beispiele der Zärtlichkeit und Liebe zwischen Männern im Gefecht toleriert. Obwohl er davon überzeugt war, dass homosexuelle Männer sich leicht an ihre "kameradschaftlichen" Rollen im Krieg anpassen konnten, wies er auch auf zahlreiche Berichte von Soldaten hin, die seine Theorie, dass Homosexuelle essenziell weiblich waren, zu bestätigen schienen. Zwar habe es tatsächlich Männer mit homoerotischen Neigungen gegeben, denen es leicht fiel, sich der militaristischen Kultur des Krieges anzupassen, aber in Fällen von "femininen Urningen" (beziehungsweise dem "dritten Geschlecht") würden sie vom Krieg abgestoßen und die fürsorgende Arbeit der Pflege der Verwundeten und andere "weibliche" Tätigkeiten bevorzugen.[27]

Fußnoten

19.
Brief von Otto L. an Berbel L., 15.11.1914, M660/147, Nr. 1–5 Nachlass Ltn der Reserve Otto L., Hauptstaatsarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart.
20.
Brief von Otto L. an Berbel L., 20.1.1915, ebd.
21.
Brief von Kurt K. an Lotte F., 25.5.1915, Kriegsbriefe 353, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV Kriegsarchiv, München.
22.
Brief von Kurt K. an Lotte F., 26.6.1915, ebd.
23.
Untffz. Nitsche, "Wir armen Männer!", in: Der Flieger vom 23.6.1918, PHD 18/6, Bundesarchiv – Militärarchiv, Freiburg/Br. Nitsche parodiert in seinem Gedicht das Lied "Wir armen, armen Mädchen" aus der komischen Oper "Der Waffenschmied" von Albert Lortzing (1846) – mein Dank für diesen Hinweis gilt Sandra H. Lustig.
24.
Vgl. James Steakley, The Homosexual Emancipation Movement in Germany, Salem 1975, S. 62.
25.
Vgl. Magnus Hirschfeld, Sittengeschichte des Weltkrieges, Bd. I, Leipzig 1930, S. 274.
26.
Vgl. ebd., S. 288.
27.
Vgl. ebd., S. 296f.
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Autor: Jason Crouthamel für bpb.de
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