Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

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10.4.2014 | Von:
Jason Crouthamel

Deutsche Soldaten und "Männlichkeit" im Ersten Weltkrieg

Homosexualität an der Heimatfront

Abseits der Front wurden homosexuelle Männer während des Krieges vielfach als Bedrohung der Männlichkeit und Feinde der Nation angegriffen. Journalisten brachten Vorstellungen schwuler Männer als sexuell freizügige, primitive Wesen in Umlauf, die ansonsten sittliche heterosexuelle Frontsoldaten korrumpierten. In seinem Pamphlet "Geschlechtliche Grausamkeiten liebestoller Menschen" lamentierte der konservative Journalist Herbert Adolf Preiss, dass der Krieg scheinbar normale sowie wesenhaft "entartete" Männer dazu brachte, sich der Homosexualität und anderer "abweichender" sexueller Praktiken zu bedienen, um die Belastungen des Krieges zu bewältigen. "Entartete" sexuelle Praktiken, so behauptete er, trügen zur Schwächung der Armee bei.[28]

Homosexuelle Veteranen kämpften gegen Anschuldigungen, "Feinde der Nation" zu sein, und sie charakterisierten homosexuelle Männer als verantwortungsbewusste Mitglieder der Frontgemeinschaft, die aufgrund ihrer Kriegserfahrung einen Anspruch hatten, anerkannte Mitglieder der nationalen Gemeinschaft zu sein. Außerdem wiesen schwule Veteranen auf die Kriegserfahrung als Beleg dafür hin, dass sie nicht "verweiblichte" Männer seien, sondern vielmehr kampfgestählte Frontsoldaten, und dass sie abgesehen von ihrer sexuellen Anziehung zu anderen Männern dem hegemonialen Männlichkeitsideal, das Männer als patriotische Soldaten feierte, entsprächen.[29]

Bei Hirschfelds Bewegung für Homosexuellenrechte handelte es sich nur um einen Strang der Schwulenbewegung in Deutschland, die noch vor dem Krieg in verschiedene Organisationen mit unterschiedlichen politischen Ideologien und Vorstellungen zur Natur der Homosexualität zersplittert war. Im Gegensatz zu Hirschfelds WhK feierte der Querdenker und Nationalist Adolf Brand, der 1903 die Gemeinschaft der Eigenen (GdE) gründete, die Tugenden des Militarismus und das Ideal des Kriegers. Homosexuelle Männer, so argumentierte Brand, waren kein "verweiblichtes" drittes Geschlecht, wie Hirschfeld behauptete, sondern vielmehr eine Elite spirituell höherstehender, hypermaskuliner Individuen, die das Rückgrat der Nation bildeten. Brand nahm den Weltkrieg als Ort wahr, an dem schwule Männer die Herrlichkeit des antiken Sparta wiederaufleben lassen konnten, und seine Gefolgsmänner in der GdE zogen den Krieg heran, um ein Bild schwuler Männer als maskuline Krieger zu feiern. Die Anführer der GdE sprachen sich gegen die politische und wirtschaftliche Emanzipation von Frauen aus und hielten – anders als Hirschfeld – die Frauenbewegung für eine Belastung der Freiheit und Unabhängigkeit von Männern. Den GdE-Aktivisten zufolge hatten Männer ihren höheren Status in der Gesellschaft durch ihren Kriegseinsatz für die Nation verdient, im Gegensatz zu Frauen, die zu Hause in relativer Sicherheit geblieben waren.[30]

Einige homosexuelle Männer betonten, dass sie nicht nur hinsichtlich ihrer patriotischen Hingabe ans Vaterland mit Heterosexuellen vergleichbar seien, sondern auch bezüglich ihrer Hingabe an ein hypermaskulines Kriegerideal. In seinem Artikel "Manneswürde" in "Die Freundschaft", einer der bekanntesten Zeitungen für Homosexuellenrechte, stellte ein Autor, der sich als "Kurt" ausgab, Homosexuelle 1920 als kriegsgestählte Veteranen dar. Er stellte "verweiblichte" Männer als schädlich für die Bewegung für Homosexuellenrechte dar und verhöhnte diejenigen, die sich als Frauen kleideten, als unbrauchbar im neuen Kampf: "Männer brauchen wir, ganze Männer. Weibliche Männer taugen nicht zu Kampf und Streit."[31] Ähnlich den Hetero-Männern, die den Frauen übel nahmen, daheim ein vermeintlich bequemes Leben geführt zu haben, während sie selbst an der Front litten, hegten homosexuelle Überlebende Ressentiments gegen "verweiblichte" Homosexuelle, weil sie mit sich selbst beschäftigt seien und keine Empathie für die "richtigen Männer", die Entbehrungen erlitten hätten, zeigten. Kurt zufolge blieb der homosexuelle Krieger dem Mainstream-Ideal eines "männlichen" und patriotischen Verteidigers der Nation mit Nerven aus Stahl treu.

Fazit

Die Kriegserfahrung hat traditionelle, militarisierte Ideale der Männlichkeit sowohl bestärkt als auch eingerissen. Das Trauma des Krieges brachte Männer dazu, verschiedene Gefühle und Verhaltensweisen, die mit den vorherrschenden sozialen Normen nicht im Einklang waren, infrage zu stellen und mit ihnen zu experimentieren. Mit Idealen des sexuell enthaltsamen, emotional disziplinierten Kriegers begannen manche Männer, das "von oben" verordnete Männlichkeitsbild zu verspotten, und sie fantasierten von der Überschreitung von Gendernormen, um den Strapazen der militarisierten Männlichkeit zu entkommen. Traditionelle Genderparadigmen gerieten weiter unter Druck, weil Männer Ressentiments gegen das angeblich bequeme Leben der Frauen an der Heimatfront pflegten. Auf ihrer Suche nach emotionalen Verbindungen mit Menschen, welche die Fronterfahrung verstanden, beteuerten manche Männer die Liebe für ihre Kameraden aus Verlangen oder Not und charakterisierten diese Verbindungen als natürlich und vollkommen konsistent mit dem Ideal, "gute Kameraden" zu sein.

Was die Kriegserfahrung auslöste, scheint eine interessante Umkehrung männlicher Ideale zu sein: Während heterosexuelle Männer mit "weiblichen" Eigenschaften experimentierten, um die Brutalität der Schützengräben zu überleben, entdeckten homosexuelle Männer ihre "männlichere" Seite als Folge der Fronterfahrung. Im Umfeld der Kameradschaft, zu der emotionale Verbindungen zwischen Männern gehörten, war es homosexuellen Männern möglich, ihre Liebe als im militärischen Umfeld annehmbar oder sogar ideal zu definieren. Manche homosexuelle Veteranen machten sich das hypermaskuline Bild des Kriegers zu eigen, und sie idealisierten ihre Form der Liebe und Sexualität als für die emotionale Belastung des modernen Krieges perfekt geeignet. Indem homosexuelle Veteranen ihre Erfahrung als Soldaten dazu nutzten, für die Integration Homosexueller in die nationale Gemeinschaft zu argumentieren, stärkten sie offensiv das hegemoniale Bild des disziplinierten, hypermaskulinen Kriegerideals.

Obgleich die homosexuelle Community in den 1920er Jahren ihre Argumentation dafür entwickelte, dass die Kriegserfahrung aus Homosexuellen "richtige Männer" gemacht habe, wurden sie dennoch als Feinde der Nation wahrgenommen, was sich in der vom nationalsozialistischen Regime nach 1933 entfesselten Gewalt gegen homosexuelle Männer bewahrheitete. Der Erste Weltkrieg hat männliche Ideale destabilisiert. Als die Nationalsozialisten Vorbereitungen für einen weiteren Krieg trafen, der die von ihnen als "Feinde der Nation" definierten Menschen vernichten sollte, versuchten sie ebenfalls, ein Bild der hypermaskulinen, militarisierten "Kameradschaft" wiederherzustellen, das "verweiblichte" Männer aus der "Volksgemeinschaft" ausgrenzte.

Fußnoten

28.
Herbert Adolf Preiss, Geschlechtliche Grausamkeiten liebestoller Menschen, Frankfurt/M. 1921, S. 6.
29.
Vgl. B. Eden, Wogegen kämpfen wir?, in: Die Freundschaft, 3 (1921) 13, S. 2, Archiv des Schwulen Museums Berlin.
30.
Vgl. Edwin Bab, Frauenbewegung und männliche Kultur, in: Der Eigene (1903); Adolf Brand, Was wir wollen (1920); beide auch in: Harry Oosterhuis/Hubert Kennedy (Hrsg.), Homosexuality and Male Bonding in Pre-Nazi Germany, New York 1992, S. 135–144, S. 155–166.
31.
Kurt, "Manneswürde", in: Die Freundschaft, 2 (1920) 16, S. 1, Archiv des Schwulen Museums Berlin.
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Autor: Jason Crouthamel für bpb.de
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