Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Martin Bayer

Der Erste Weltkrieg in der internationalen Erinnerung

Noch vor wenigen Jahren fand der Erste Weltkrieg kaum mehr Beachtung und galt als Stiefkind der aktuellen historischen Wahrnehmung in Deutschland. Hundert Jahre nach Beginn dieses "Weltenbrandes" hat sich das Thema jedoch zu einem medialen Großereignis entwickelt: In zahllosen Artikeln und Sonderbeilagen in Zeitungen und Magazinen, in Büchern, TV-Features und anderen Medienberichten wird auf die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" verwiesen, sodass bereits von einem "Trommelfeuer der Erinnerung" gesprochen wurde. Hat der Erste Weltkrieg tatsächlich diese große Bedeutung? Reicht nicht schon die bloße Erwähnung eines 100. Jahrestages aus, um eine Erinnerungslawine loszutreten, deren Gehalt letztendlich flach oder gar fragwürdig bleibt? Und besteht nicht die Gefahr, den Nationalsozialismus zu relativieren, wenn man sich eines Krieges erinnert, in dem alle irgendwie Opfer waren, und der Zeitbogen von 1914 bis 1945 gespannt wird? Um die wahre Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die Menschheitsgeschichte zu verstehen, gilt es, ihn in seiner Komplexität zu begreifen und viele, teils unbearbeitete Aspekte zu erschließen.

Der Begriff "Weltkrieg" wurde nicht in der Rückschau geprägt, sondern bereits kurz nach dem Kriegsausbruch 1914, da er sich von Beginn an nicht auf Europa beschränkte. In Europa wurde nicht nur an der Westfront in Belgien und Frankreich und an der Ostfront, die vom Baltikum bis ans Schwarze Meer reichte, gekämpft, sondern auch auf dem Balkan, in den Alpen und bei den Dardanellen. Ebenso fanden Kämpfe in den deutschen Kolonien Asiens und Afrikas, auf dem Kaukasus und im Nahen Osten statt. Hinzu kam der global geführte Seekrieg. Die Fronten wurden auch mit Zeppelinen und immer größeren Flugzeugen überwunden, um militärische und nicht zuletzt zivile Ziele zu bombardieren. Bedenkt man die großen zivilen Verluste, ist die Entgrenzung des Krieges nicht nur räumlich zu verstehen.

Die Entente aus Großbritannien, Frankreich und Russland wurde durch ihre Kolonien mit Material, Hilfskräften und Soldaten massiv unterstützt. Dem Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 folgten auch diverse unabhängige Staaten wie Brasilien, China, Liberia und Thailand. Der Erste Weltkrieg sollte jedoch nicht nur auf eine Abfolge von Schlachten reduziert werden: Die ökonomischen Auswirkungen waren so global wie vielfältig. Durch die alliierte Seeblockade waren die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn vom Welthandel weitestgehend ausgeschlossen, mit Auswirkungen nicht nur auf das rohstoffarme Deutschland, sondern auch auf Exportländer wie Chile. Japan und andere Staaten erlebten hingegen aufgrund des Kriegsbedarfs einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch häufig profitierten nur wenige Menschen direkt von dem wirtschaftlichen Zuwachs, während die fallende internationale Nachfrage nach Kriegsende zu Wirtschaftskrisen, Hunger und Revolten führte.

Zudem wird oft übersehen, dass der Erste Weltkrieg als Katalysator für zahlreiche Entwicklungen betrachtet werden kann: die Ablösung diverser Monarchien und Etablierung anderer Gesellschaftsmodelle wie Demokratie und Kommunismus; die Entstehung neuer Staaten im Baltikum, auf dem Balkan, in Zentraleuropa und im Nahen Osten; der Übergang von einer Klassen- in eine Massengesellschaft; der Anfang vom Ende des Kolonialismus; die Begründung kollektiver Sicherheitsstrukturen; und nicht zuletzt neue Entwicklungen in Kunst, Film, Fotografie, Musik, Wissenschaft, Technik und Medizin.

Wahrnehmungen des Krieges

Trotz seiner globalen Reichweite ist die Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges national konnotiert, häufig mit Schwerpunkten auf Schlachten oder Frontabschnitte mit den höchsten eigenen Verlusten. Zudem wird der Erste Weltkrieg meist als immobiler Grabenkrieg wahrgenommen – was für die Westfront und den Alpenkrieg zutrifft, nicht aber für andere Kriegsgebiete: Die Ostfront kannte etwa Phasen hoher Mobilität. Auch der Einsatz von Kampfgasen prägt die öffentliche Erinnerung, nicht zuletzt aufgrund des durch die Gasmaske entmenschlichten Antlitzes der Soldaten; die tatsächlichen Verluste waren vergleichsweise gering. Neue Waffen wie Flugzeuge und Panzer sowie der massenhafte Einsatz von Maschinengewehren unterstreichen die Wahrnehmung eines industriellen Tötens.

Die Westfront bestimmt die Erinnerung in vielen Ländern, wobei auch hier nationale Schwerpunkte gesetzt werden, etwa die Schlachten von Verdun (Frankreich, Deutschland), an der Somme, bei Passchendaele (Großbritannien) oder Arras (Kanada). Für Australien und Neuseeland prägt der fehlgeschlagene Invasionsversuch auf der Dardanellen-Halbinsel Gallipoli das Bild des Krieges, trotz der späteren höheren Verluste an der Westfront.[1] Für Italien, Österreich und Slowenien ist der Alpenkrieg an der Isonzofront von herausragender Bedeutung. Das ist insofern bemerkenswert, als etwa die Kämpfe der österreichisch-ungarischen ("kaiserlich und königlichen", k.u.k.) Armee an der Ostfront weitaus länger dauerten und höhere Verluste forderten. Auf dem Balkan wird der Erste Weltkrieg generell als Fortsetzung der Balkankriege (1912–1913) betrachtet, mit Auswirkungen auch auf die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart, während er in Asien und Afrika der "Krieg der Europäer" blieb.

Hierzulande ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überdeckt worden. Dies ist wenig überraschend: Der dadurch verursachte Zivilisationsbruch war unermesslich, die zivilen wie militärischen Opferzahlen noch höher, Deutschland selbst wurde stark zerstört und für Jahrzehnte zwischen den beiden Machtblöcken des Kalten Krieges aufgeteilt. Die DDR übernahm dabei weitgehend die sowjetische Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges als die eines imperialistischen Krieges, mit dem man innerhalb des eigenen Staatsverständnisses keine Berührungspunkte sah. Der Schwerpunkt der Erinnerung lag auch hier auf den Geschehnissen von 1933 bis 1945.

Ferner fällt eine Sinnstiftung (Verteidigung gegen einen Angreifer, Bewahrung der Nation, gemeinsame Bewährung) angesichts eines verlorenen Krieges schwer. Die aus heutiger Sicht positiven Folgen des Krieges (Abschaffung der Monarchie, Gründung einer demokratischen parlamentarischen Republik) waren höchst umstritten und eigneten sich somit seinerzeit nicht für einen gemeinhin verbindenden Leitgedanken; zu unterschiedlich waren die Deutungen der zentralen Ereignisse durch die politischen Gruppen: Wer trug die Schuld am Ausbruch des Krieges? Warum erfolgte der militärische Zusammenbruch? Wer war für das Ende der Monarchie verantwortlich? Und nicht zuletzt: Wie sollte mit der Situation weiter verfahren werden? Weitgehende Einigkeit herrschte nur bei der Einschätzung der als ungerecht empfundenen Friedensbedingungen durch den Versailler Vertrag 1919.

Fußnoten

1.
Dieselbe Schlacht wurde in der Türkei nach dem Ort Çanakkale benannt, mit weitaus geringerer Bedeutung für das nationale Gedenknarrativ, trotz des seltenen osmanischen Sieges.
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Autor: Martin Bayer für bpb.de
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