Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.
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Geheimdienste und Konsum der Überwachung - Essay

25.4.2014

Unternehmen und Geheimdienste



Wirtschaftsunternehmen unterscheiden sich von den Geheimdiensten grundlegend. Sie agieren nicht im Geheimen, sondern wollen geradezu erkannt werden, zumal wenn es sich um solche Unternehmen handelt, die im Alltag der Menschen eine wichtige Rolle spielen, also allen voran die Internet-Multis, die mit ihren Angeboten und Services das Leben der Menschen bereichern, vereinfachen oder unterstützen wollen.

In einer in vielen Bereichen digitalen Konsumwelt braucht es dazu vor allem Informationen in Form von Daten – meistens über die Menschen selbst, aber auch über ihre Wünsche, Begierden, vielleicht ihre Geheimnisse, ihre sozialen Verflechtungen und manchmal auch über das, was sie denken. Während die Konsumenten weitgehend selbst entscheiden, was von alledem das Unternehmen in welcher Form erhält, so bleibt unklar, welcher Informationen ein Geheimdienst habhaft werden möchte.

Doch hier ist Vorsicht geboten: So entgegengesetzt die Interessen beider Akteure zu sein scheinen, so ähnlich sind sie sich in einer Art von enger Weltsicht und dem Wunsch, die Menschen anhand ihrer Daten nach möglichst genauen Kategorien zu ordnen.

Dieser Wunsch macht sich allerdings in sehr unterschiedlicher Weise bemerkbar. Geheimdienste suchen nach Anzeichen von Dissens, nach Abweichungen von einer Norm, dem Verdächtigen. Die dazu erstellten Kategorien sind notwendigerweise sehr eng – was passiert, wenn man keine Kategorien hat, um zehn Morde miteinander in Verbindung zu bringen beziehungsweise diese nicht als Dissens erkennt, hat der Skandal um den NSU und den Verfassungsschutz gezeigt. Aus Gesprächen mit Vertretern der Sicherheitsbehörden kann ich feststellen, dass das "Verdächtige" eine eher weit gefasste Größe ist, die mitunter auch auf Kritik an aktueller Politik und den generellen Verhältnissen in Deutschland, insbesondere in einzelnen Feldern (wie Sozialpolitik, Stadterneuerung, Tierschutzrechte, Einwanderung, linke Kapitalismuskritik), bezogen wird. Die Strategien staatlicher Überwachung haben so etwas wie eine Kultur des Verdachtes etabliert, die sich grundlegend auf alle Bürger erstreckt. Verdächtig ist also jede Person, die Kritik übt und dem ohnehin verletzlichen Staat weiteren Schaden zufügen kann.

Von diesen Formen der Engführung sind Wirtschaftsunternehmen weit entfernt. Dennoch praktizieren auch sie eine Art von kategorialer Normierung. Im Namen der Effektivitätssteigerung und einer Gleichmacherei der Dienste und Angebote werden auch die von uns abgefragten Informationen immer standardisierter, unsere Möglichkeiten auszubrechen werden von den Unternehmen selbst beschränkt. Unternehmen, denen wir als Konsumenten gegenüberstehen, wollen auf diese Weise mögliche Streuverluste eindämmen, die durch ungenaue Angaben beziehungsweise ungenaues Wissen über die Konsumenten der Produkte entstehen können. Die Entscheidungen, die wir treffen sollen, werden vorgegeben, abgepackt, normiert, berechenbar – und somit kontrollierbar. Die uns vorgeschlagenen Bücher bei Amazon, die andere auch gekauft haben, die ebenfalls gekauft haben, was wir gerade kaufen wollen, sind ein solches, noch unvollständiges Beispiel.

Es sollen neue Begierden geweckt werden, die wir uns dann auch noch erfüllen können – targeted marketing, die gezielte Werbung. Das ist praktisch, verführerisch und dennoch bevormundend. Der Kunstphilosoph Pierangelo Maset nennt diese Entwicklung ein Geistessterben. Die Kontrolle durch Verfahren, Angebote und gleichzeitige Überwachung durch die Möglichkeiten der Informationsgesellschaft sind das eigentliche Problem und ein Skandal, der eigentlich nicht stattfindet.

Während wir beim Staat von Zensur sprechen, wenn uns Informationen vorenthalten werden, brauchen Unternehmen nicht explizit zu zensieren, sie schließen einfach aus, bieten etwas nicht an und steuern so gleichzeitig sowohl Bedürfnisse als auch Vorlieben und letztlich die Möglichkeiten von Alternativen. Den Widerstand regelt der Markt. Auch hier wird die Überwachung konsumiert beziehungsweise ist in den Konsum gleich mit eingeschrieben – vollkommen eingeschrieben in dem Moment, in dem neue Wünsche und Begierden nicht mehr geweckt, sondern geradezu abgeschafft werden zugunsten von Angeboten, die alternativlos erscheinen oder nur eine besondere Sicht auf die Dinge, die Welt und das Soziale zulassen.

Daten, Kategorien und Kontrolle



Unternehmen und Geheimdienste sind bei der Kontrolle, Überwachung und Steuerung vor allem auf die Verfügbarkeit von Daten angewiesen, wobei sich die NSA die massenhaft anfallenden digitalen Bestände zunutze gemacht hat, die eine digitalisierte Gesellschaft prägen. Dabei ist die Kommunikation von Informationen und Daten zunächst etwas, das für ein menschliches und ein gesellschaftliches Leben von grundlegender Bedeutung ist. Ohne einen Austausch von Informationen zwischen den Mitgliedern einer Gruppe oder Gesellschaft ist kein soziales Leben denkbar. Über das Sammeln, Austauschen und Bewerten von Informationen versuchen Menschen sich innerhalb ihrer Umwelt zurechtzufinden beziehungsweise die sie umgebende Welt zu begreifen. Die Informationen oder Daten werden dafür genutzt, um festzustellen, wer jemand ist, wo eine Person herkommt oder mit welcher Absicht sich jemand an einem Ort aufhält. In solchen Fällen geht es um die Identität des jeweils anderen, die eigene Sicherheit oder auch nur die Möglichkeit, eine Beziehung zu diesem Menschen aufzubauen.

Zu welchem Zweck auch immer Informationen erhoben oder abgefragt werden, der Umgang mit ihnen beruht grundsätzlich darauf, dass sie bewertet werden. Informationen über die Welt und die dazugehörigen materiellen und nicht materiellen Dinge und Erscheinungen werden kategorisiert und klassifiziert, um sie mit Bedeutungen und Sinn zu versehen. Es handelt sich dabei um eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die es ermöglicht, auch in einer fremden Umwelt auf Muster zurückzugreifen, mit denen Neues und Altes sinnvoll geordnet werden kann. Kategorien oder Klassifizierungen bestimmen über gut/böse, essbar/giftig, groß/klein, schön/hässlich et cetera. Kategorien müssen nicht immer extreme Paare sein. Es kann sich auch um Abstufungen handeln, Einteilungen, in denen Merkmale unterschieden werden, oder Definitionen, die sagen, wie etwas beschaffen ist, das für einen bestimmten Zweck nützlich, wichtig oder überflüssig ist. Alle Klassifikationen und Kategorien sind von Menschen gemacht. Jede Definition beruht auf von Menschen verabredeten Definitionen, mit denen Grenzen zu anderen Erscheinungen, Dingen oder sozialen Gruppen gezogen werden. Und wer die Macht hat, diese Definitionen zu beeinflussen, hat auch die Macht über die Kategorien und letztlich die Kontrolle, darüber zu bestimmen, in welcher Weise die Welt wahrgenommen werden kann.

Übertragen auf die täglich bei uns anfallenden Daten und ihre mögliche Kategorisierung bedeutet das, dass weniger die Daten selbst das Problem sind, sondern die Kategorien, mit denen sie bewertet werden. Denn erst durch diese erhalten die Daten einen Sinn und können in Bezug auf eine von anderer Seite gemachte Definition weiterverwendet werden. Wenn also ein Einkauf nicht nur bedeutet, dass eine Person Milch, Zucker und Mehl gekauft hat, sondern in der Logik einer Bewertung dieser Daten – gesammelt mithilfe von Kundenkarten –, dass diese Person wohl gern Pfannkuchen isst, die als ungesund eingestuft sind, dann geht die Erhebung der Daten über eine Aufzählung der gekauften Dinge hinaus. Ohne den weiteren Zusammenhang des Einkaufes zu kennen, werden Daten klassifiziert und dann zu den Käufern unbekannten Zwecken einer weiteren Bewertung unterzogen – etwa dass ihre Krankenkasse die Beiträge erhöhen sollte.

Die Macht, darüber zu bestimmen, was einzelne Daten im Zusammenhang bedeuten, ermöglicht die Kontrolle beziehungsweise Überwachung von Menschen, ohne dass diese anwesend sein müssen oder sie im Augenblick der Kontrolle von dieser wissen. Die Möglichkeit, eine Definition zu bestimmen und durchzusetzen, bedeutet, darüber zu entscheiden, wer Einlass erhält oder wer ausgeschlossen wird, weil die in der Definition vorgegebene Norm nicht erfüllt wird. Ob eine solche Norm ähnlich den sozialen Normen von den Mitgliedern einer Gruppe vorher akzeptiert wird oder gemeinsam ausgehandelt wurde, spielt hierbei keine Rolle mehr. Wer die Verfügungsgewalt über Daten und die Definitionsmacht über ihre Bewertung besitzt, kontrolliert die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe.

Eine informationelle Selbstbestimmung, die besagt, dass eine Person die Kontrolle über die Verwendung ihrer eigenen Daten haben soll, ist ohnehin nur noch eingeschränkt möglich. Durch die digitale Vernetzung und Abhängigkeit unseres sozialen, politischen sowie wirtschaftlichen Lebens ist eine selbstbestimmte Verfügung über die eigenen Daten sowie deren Bewertung immer weniger realisierbar. Somit entschwindet dem Bürger die Kontrolle über die Verwendung von Daten immer mehr. Für Strategien der Überwachung werden solche Kategorien und Klassifikationsmuster aber immer wichtiger und bilden heute das entscheidende Element von sozialer Kontrolle durch Staat und Wirtschaft.


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Autor: Nils Zurawski für bpb.de
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