Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.
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Der Fall "Antenne". Motiv und Praxis von Spionage im Kalten Krieg

25.4.2014
Als Hildegard Z. im April 1985 als Rentnerin das erste Mal in den Westen reisen durfte, wurde sie von ihrem Sohn in einem Hamburger Hotel mit zwei Amerikanern bekannt gemacht, vermutlich Mitarbeitern von INSCOM, dem Nachrichtendienst der U.S. Army. Diese erfragten gezielt ihre Kenntnisse von der GSSD im Raum Dresden: über Truppenverlegungen, Stationierung von chemischen und Panzer-Einheiten sowie Raketenabschussrampen, Namen von Offizieren und die Zuordnung von Uniformkennzeichen zu Waffengattungen. Dazu wurde sie in der Identifizierung von Truppenteilen, Waffen und militärischer Ausrüstung geschult. Ein halbes Jahr später unterzogen die Amerikaner sie einem Lügendetektortest und wollten unter anderem wissen, ob sie mit der Staatssicherheit zusammenarbeitete. Zunehmend war der Geheimdienst bemüht, ihren Sohn aus dem Kontakt herauszuhalten, weil er aufgrund von Persönlichkeit und Lebenswandel ein Risiko für die Operation bedeutete.

An ihrem Arbeitsplatz verhandelte Hildegard Z. mit Zivilpersonal und Armeeangehörigen der GSSD über die Warenlieferung an verschiedene Einheiten und Verbände, Versorgungsprobleme, die Bereitstellung von Fahrzeugen und den Einsatz von Soldaten zu Erntearbeiten. Sie führte nun heimlich Listen, in denen sie für die Amerikaner Truppenteile, Namen und Kfz-Kennzeichen eingesetzter LKW notierte. Ergänzend zur Gesprächsabschöpfung wertete sie die Berichterstattung in der DDR-Presse aus und unternahm mit Eisenbahn und Auto einige Erkundungsfahrten zu militärischen Zielen. Inzwischen hörte sie einmal in der Woche den amerikanischen RSD mit neuen Instruktionen ab. Hildegard Z. fühlte sich nach ihrer Erinnerung während ihrer Spionagetätigkeit in der DDR sicher. Unwohl war ihr dagegen bei den konspirativen US-Kontakten in Hamburg.[9]

Eine Spionin wird verhört. Am 27. Oktober 1987 wurde Hildegard Z. auf dem Weg zur Arbeit festgenommen und zum Verhör gebracht. In den nun folgenden Wochen und Monaten konnte die MfS-Abwehr im Nachhinein die Hintergründe des Spionagefalls umfassend aufklären. Hildegard Z. wurde im August 1988 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ihr konspiratives Engagement war im Vergleich zu anderen Fällen in Qualität und Volumen eher bescheiden: Sie schrieb zwischen 1982 und 1986/87 sechs Geheimbriefe und traf sich 14-mal mit dem US-Dienst in Hamburg.

Für das nachrichtendienstliche Handwerk aufschlussreich erwies sich in der Rückschau der Hintergrund des Absendernamens "Hildegard Krause" in dem Brief aus dem Sommer 1985. Im Zuge der Ermittlungen hatte das MfS alle Träger dieses Namens aus Dresden und Umgebung überprüft. Dabei stießen die Fahnder auch tatsächlich auf die Person, deren Identität Hildegard Z. zur Tarnung nutzte. Die echte Hildegard Krause wohnte im umzäunten Schul- und Internatskomplex jener Schwerhörigenschule Dresden, für deren Versorgung die Spionin ebenfalls zuständig war. Weil sich an ihrer Tür kein Namensschild befand, Frau Krause aufgrund ihres hohen Alters kaum noch Kontakte außerhalb ihres Wohngebietes besaß und ihr Name nicht im Telefonbuch verzeichnet war, hatte die Spionageabwehr zutreffend geschlossen, dass es zwischen "Antenne" und Hildegard Krause 1985/1986 irgendwelche Bezugspunkte geben musste. Doch begriff sie den Zusammenhang zwischen dem Gebrauch des Decknamens, den Kenntnissen der Spionin über GSSD-Interna und Hildegard Z.s Stellung als VEB-Disponentin erst nach deren Verhaftung. Nun stellte sich nämlich heraus, dass die jüngere Schwester von Hildegard Krause – die einen anderen Nachnamen trug – bis zu ihrer Verrentung im Sommer 1985 ganze 18 Jahre lang wie auch Hildegard Z. für die Belieferung der sowjetischen Garnison Dresden mit Obst und Gemüse verantwortlich war. Beide Frauen teilten sich ein Büro. Hildegard Z. wusste also, dass ihre Namensvetterin bei oberflächlicher Überprüfung als vermeintlich echte Absenderin von Briefen in den Westen durchaus infrage kam.

Nicht nur dieser Kontext war dem MfS entgangen. Trotz des Festnahmeerfolges und ungeachtet des relativ geringen Spionageaufkommens beunruhigte eine genauere Analyse des Falls "Antenne" die Staatssicherheit.[10] Die Ermittler mussten zur Kenntnis nehmen, dass der US-Dienst sehr strukturiert vorgegangen war – und demnach unterstellt werden konnte, dass er auch in anderen Fällen und in Zukunft so handelte. So war er in der Lage, Rückverbindungen ehemaliger Ostdeutscher in die DDR durch das nachrichtendienstliche Befragungswesen in westdeutschen Übergangslagern, in denen geflohene oder ausgereiste DDR-Bürger vorläufig untergebracht wurden (in diesem Fall also Hannes Z.), genau aufzuklären. Auch die spezifischen Möglichkeiten der Hildegard Z. als Spionin beurteilte die US-Seite sehr genau und erteilte ihr entsprechend zugeschnittene Aufträge. Nach außen wirkte deren berufliche Position unscheinbar, nahm sie doch hierarchisch nur einen nachgeordneten Rang ein. Tatsächlich aber liefen genau in ihrem Büro viele Detailinformationen über die sowjetischen Streitkräfte im Raum Dresden zusammen.

Das Ergebnis der Suche nach "Antenne" spricht auf den ersten Blick für die Leistungsfähigkeit des MfS – letzten Endes wurde die Spionin verhaftet. In den vier Jahren, in denen sie aktiv war, blieb ihr Meldeaufkommen jedoch gering. Der enorme Aufwand, den das MfS investieren musste, um ihrer habhaft zu werden, relativiert freilich den nachrichtendienstlichen Erfolg. Die Ermittlungen absorbierten Kräfte und Mittel, deren Ausmaß von westlichen Geheimdiensten nicht ansatzweise erahnt wurde. Während der Fahndung nahm die Verunsicherung über den anfänglichen Misserfolg der Abwehr trotz expandierender Maßnahmen beträchtlich zu.

Spionage und Lebensgeschichte. In der Literatur finden sich eine Reihe grundlegender Motive, die einen Menschen zur Spionage und zum Landesverrat führen können: Intelligenz – zum Beispiel die Faszination der Bürger im Westen für die kommunistische Ideologie; Geld – also materielles Verlangen und Habgier als wohl häufigste Motive; Ego – das Gefühl, im eigenen Leben und in der Karriere zu kurz gekommen zu sein und der Drang, dies durch die Verratstätigkeit zu kompensieren, oder der Wunsch, über die eigene Rolle als Spion im Leben erst wirklich zur Geltung zu kommen; schließlich Laster – also die strafrechtlich relevante oder moralisch verwerfliche Verfehlung, die erpressbar macht. In diese "Typologie" fällt außerdem Liebe. Diese kann einerseits zur Kategorie des Lasters zählen, wenn etwa nachrichtendienstlich verwertbares Wissen um einen Seitensprung oder um verheimlichte geschlechtliche Neigungen ausgenutzt wird. Andererseits kann die tiefe, ehrliche Form der Liebe in nachrichtendienstliche Abhängigkeit führen.

Im Fall "Antenne" war das Motiv ebenfalls Liebe; jedoch weder in ihrer romantischen noch ihrer erotischen Spielart. Hildegard Z. wurde von einer, wie es der Staatssicherheitsdienst charakterisierte, "wahren Affenliebe" zu ihrem Sohn getrieben.[11] Die tiefe Zuneigung einer Mutter behielt die Oberhand über Parteiverbundenheit, "Klassenstandpunkt", gesellschaftlichen Status sowie über Skrupel und Angst. Die Frau erhielt von den Amerikanern Geldzahlungen in Höhe von etwas über 33000 DM. Doch das MfS kam während der Untersuchungen zu dem Schluss, dass das pekuniäre Motiv dem Wunsch, ihrem Sohn zu helfen, nachgeordnet war. Hildegard Z.s lebensgeschichtlicher Wandel nach dem Unfall des geliebten Sohnes im September 1977 gründete nicht auf Gegnerschaft zum SED-Regime; sie hatte sich nie aktiv darum bemüht, mit einem Geheimdienst in Kontakt zu kommen. Im Abschlussbericht des MfS hieß es lakonisch: "Es wurde deutlich, dass die Z. zwar keine feindliche Einstellung zur Spionage trieb, aber ihr Handeln sie letztendlich als Feind auswies."

Am 29. November 2010 ist Hildegard Z. 85-jährig verstorben. Kurz vor Weihnachten 1989 wurde sie vorzeitig aus der Haft entlassen.


Fußnoten

9.
Interview des Autors mit Hildegard Z. am 18.8.2008 in Dresden.
10.
Vgl. BStU, MfS BV Dresden, AOP 2884/88, Bd. I, Bl. 284.
11.
Ebd., Bd. I, Bl. 309. Dort auch das abschließende Zitat.
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Autor: Armin Wagner für bpb.de
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