Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.
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Ursprung und Gehalt von Mythen über Geheimdienste

25.4.2014

Historischer Kontext



Obwohl Geheimdienste kein Phänomen der Moderne sind[5] und sogar bisweilen als "zweitältestes Gewerbe der Welt"[6] beschrieben werden, haben sich Aufmerksamkeit und Interesse einer größeren Öffentlichkeit erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts gesteigert, um einen vorläufigen Höhepunkt während des Kalten Krieges zu erreichen. Für diese Entwicklung gibt es gleich mehrere Gründe: Zum einen wirkte sich der voranschreitende Prozess der zunehmenden Demokratisierung auf die Verlagerung der geheimen Sphären des Politischen aus. Nicht mehr auf individuell persönlichem Vertrauen basierende Geheimdiplomatie, sondern zunehmend professionalisierte und institutionalisierte Einrichtungen übernahmen die vertrauliche Korrespondenz, das Einholen von Informationen und gezielte Propagandaaktivitäten. Seit dem 18. Jahrhundert existierten beispielsweise in Österreich und Frankreich Abteilungen wie die "Geheime Ziffernkanzlei" und das "Cabinet Noir", die sich in großem Umfang organisiert mit Briefspionage befassten.[7] Auch die Medienlandschaft änderte sich: Zeitungen verbreiteten nun Nachrichten, die zuvor einem kleinen Kreis vorbehalten waren; Politik wurde nach und nach zum Thema der Allgemeinheit.

Zum anderen offenbarte sich spätestens seit den Napoleonischen Feldzügen die kriegswichtige Ressource der Information (über den Gegner, über das Terrain, über geheime Strategien) als unerlässlich, frei nach Bonapartes berühmtem Ausspruch: "Ein Spion am rechten Ort ersetzt 20000 Mann an der Front." Der ab 1835 als "The Great Game"[8] bekannt gewordene Konflikt zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien gilt weithin als erstes großes Betätigungsfeld institutionalisierter Spionage, die auch erstmals literarisch und damit noch öffentlichkeitswirksamer ihren Niederschlag fand.[9]

Mit dem Ersten Weltkrieg erlebte das Nachrichtendienstwesen weiteren Aufschwung: Im Deutschen Kaiserreich wurde beispielsweise die bestehende Sektion der Spionageabwehr zur Abteilung aufgewertet und sowohl personell als auch in ihren Kompetenzen erheblich ausgebaut – trotz der Parole der Unehrenhaftigkeit von Spionage.[10] Ähnlich rüsteten Großbritannien, Russland und weitere Staaten auf diesem Gebiet auf. Die Sicherheitspolitik ganz Europas basierte längst nicht mehr auf den Vereinbarungen des Wiener Kongresses im Jahr 1815, sondern vielmehr auf konkurrierenden und nicht immer stabilen Bündnissen. Diese waren für die jeweils anderen Staaten stets Risikofaktoren und aus dieser Bedrohungslage heraus investierte in erster Linie das Militär in entsprechende Abteilungen, aber auch direkt in Doppel-, Drei- und sogar Vierfachagenten.[11]

Parallel dazu wuchs die fiktive Beschäftigung mit Geheimdiensten. Bereits im Vorfeld des Ersten Weltkrieges begründete der Bestseller "The Riddle of the Sands" (1903) von Robert Erskine Childers das Genre des Spionageromans, der literaturwissenschaftlich klar vom Kriminalroman abgegrenzt wird. Als weitere frühe Werke dieser neuen Gattung gelten etwa "The Thirty-Nine Steps" (1915) von John Buchan, aber auch einzelne Geschichten um den Protagonisten Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle ("His Last Bow", 1917). Bis in die Zwischenkriegszeit dominierten britische Autoren den Markt; die Romane behandelten vornehmlich die Gefahr einer Invasion (durch Russland) sowie die distinkte Trennung zwischen einem "zivilisierten" Westeuropa und dem "barbarischen" Osten. Den Vorwurf der politischen Propaganda müssen sich zahlreiche dieser Werke gefallen lassen, wenngleich sich vereinzelt auch gesellschaftskritische Stimmen finden.

In Deutschland hielt sich die Begeisterung für Spionagegeschichten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Grenzen; Übersetzungen englischsprachiger Bücher wurden zwar verkauft, positiv besetzte deutsche Protagonisten waren allerdings rar. Während des Zweiten Weltkrieges, als sich Nachrichtendienste global etabliert hatten und auch messbare und zur Veröffentlichung geeignete Erfolge vorweisen konnten (etwa die Entschlüsselung der Enigma), erweiterte sich das literarische Feld auf die USA und Frankreich. Trotzdem dürfte zu dieser Zeit der Brite Eric Ambler ("Epitaph for a Spy", 1938; "The Mask of Dimitrios", 1939) der meistverkaufte Autor innerhalb der "Spy Fiction" gewesen sein.


Fußnoten

5.
Vgl. Wolfgang Krieger, Geschichte der Geheimdienste, München 2009, S. 20–66.
6.
Wiederholt wird in diesem Zusammenhang auf eine Passage aus dem Buch Josua (2,1) verwiesen, unter anderem vom Journalisten Paul Reynolds in einem BBC-Artikel, http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/3490120.stm« (13.2.2014).
7.
Vgl. Klaus Beyrer, Die Schwarzen Kabinette der Post, in: Wilhelm Haefs/York-Gothard Mix (Hrsg.), Zensur im Jahrhundert der Aufklärung, Göttingen 2007, S. 45–59.
8.
Vgl. Frederick P. Hitz, The Great Game, New York 2004, S. 6.
9.
Vgl. Rudyard Kipling, Kim, London 1901.
10.
Vgl. Francia, Forschungen zur westeuropäischen Geschichte, hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Paris, Bd. 31, Paris 2004, S. 87–112; Jürgen W. Schmidt, Gegen Russland und Frankreich, Ludwigsfelde 2006.
11.
Vgl. beispielhaft: Albert Pethö, Der Fall Redl, in: Wolfgang Krieger (Hrsg.), Geheimdienste in der Weltgeschichte, München 2003.
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Autor: Eva Jobs für bpb.de
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